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Eberhard Eichenhofer: Geschichte des Sozialstaats in Europa

Cover Eberhard Eichenhofer: Geschichte des Sozialstaats in Europa. Von der "sozialen" Frage bis zur Globalisierung. Verlag C.H. Beck (München) 2007. 218 Seiten. ISBN 978-3-406-54789-8. 12,95 EUR, CH: 23,60 sFr.

Beck'sche Reihe - 1761.
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Thema

Die Geschichte des Sozialstaats in Europa ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es eine Vielzahl verschiedener, teils gegensätzlicher Modelle von Sozialstaaten mit weit zurückreichender Tradition gibt. Hinzu kommt, dass die Europäische Union prinzipiell keine eigenständigen Kompetenzen im Bereich der Sozialpolitik hat, dennoch aber in diesem Politikfeld seit einigen Jahren eine stetig zunehmende Aktivität zeigt. Vor diesem Hintergrund stellt eine kompakte Darstellung dieser komplexen Prozesse ein dringendes Erfordernis sowohl für Studierende aber auch für PraktikerInnen im Bereich der Sozialen Dienste dar.

Autor

Prof. Dr. Eberhard Eichenhofer lehrt Sozialrecht an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und hat umfangreich vor allem zu sozialrechtlichen Themen publiziert.

Entstehungshintergrund

Der Autor sieht in der Tatsache, dass die Europäisierung des Sozialstaates einerseits bereits weit vorangeschritten ist, dieses Phänomen aber andererseits kaum bekannt ist, einen Missstand, dem er mit dieser Publikation abhelfen möchte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Kapiteln untergliedert, wobei diese chronologisch aufgebaut sind.

  • Kapitel I „Entstehung des Sozialstaats in Europa“
  • Kapitel II „Sozialstaat und soziale Frage im Zeitalter des Nationalstaats“
  • Kapitel III „Europäisierung von Sozialpolitik“
  • Kapitel IV „Auf dem Weg zum Sozialstaat in Europa“
  • Kapitel V „Europas sozialpolitische Zukunft“

Im ersten Kapitel („Entstehung des Sozialstaats in Europa“) geht Eichenhofer auf die frühen Wurzeln der Sozialstaatlichkeit in Europa ein. Hierbei setzt er bereits mit frühen christlichen Traditionen um die Zeit des Kaisers Konstatin im 4. Jahrhundert n. Chr. an und beschreibt die Herausbildung der christlichen Barmherzigkeit als eine der Quellen des modernen Sozialstaats. Eine ausführliche Darstellung wird der Entstehung der Armenfürsorge sowie der Herausbildung der sozialen Frage gewidmet, wobei Eichenhofer immer wieder auf die geistesgeschichtlichen Aspekte der jeweiligen Epochen eingeht. So arbeitet er die Bedeutung des Liberalismus in Tradition von Thomas Hobbes, Wilhelm von Humboldt sowie John Stuart Mill für das sich wandelnde Staatsverständnis im 18. und 19. Jahrhundert heraus. Auf diese Weise gelingt es Eichenhofer in diesem ersten Kapitel auf verständliche Weise, den Sozialstaat in Europa als Produkt nicht nur der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, sondern eben gerade auch der Geistesgeschichte darzustellen.

Diese Grundlegung ist für die weitere Darstellung im zweiten Kapitel („Sozialstaat und soziale Frage im Zeitalter des Nationalstaats“), das die Herausbildung der verschiedenen Typen von Sozialstaaten im vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert beschreibt. Eichenhofer beschränkt sich auf eine überblicksartige Darstellung der drei Modelle von Sozialstaaten, wie sie der schwedische Soziologe Gøsta Esping-Andersen herausgearbeitet hat. Dieses Kapitel setzt allerdings eine gewisse Vertrautheit mit der Diskussion um die verschiedenen Wohlfahrtsregimes und Kategorisierungen voraus.

Im dritten Kapitel („Europäisierung der Sozialpolitik“) erläutert Eichenhofer in sehr illustrativer Weise den Prozess der europäischen Integration von den Gründjahren bis zur Diskussion um eine europäische Verfassung. Dabei gelingt es ihm in sehr einleuchtender Weise, immer wieder die sozialpolitischen Aspekte herauszuarbeiten. So erläutert er hinsichtlich der Schaffung des Binnenmarktes die zahlreichen sozialpolitischen Facetten, die sich bei den hierfür relevanten umfangreichen Verhandlungen und Vertragsdokumenten bei genauer Betrachtung zeigen. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einer knappen kritischen Darstellung der Debatte über ein Europäisches Sozialmodell, dessen Existenz für Eichenhofer unbestritten ist. Allerdings macht er auch deutlich, wie umstritten sowohl dessen Inhalte als auch Reichweite sind.

Das vierte Kapitel („Auf dem Weg zum Sozialstaat in Europa“) widmet sich der jüngeren Geschichte der Sozialpolitik der EU an. Hier beschreibt Eichenhofer detailliert, aber dennoch anschaulich die aktuell zur Anwendung kommenden sozialpolitischen Instrumente der EU, wie die Offene Methode der Koordinierung, den Kampf gegen Diskriminierung oder den (aktualisierten) sozialen Dialog. Immer wieder geht er auch auf die normativen Aspekte der Europäischen Union ein, die insbesondere im Zusammenhang mit der sozialpolitischen Zielsetzung der EU eine große Rolle spielen.

Mit dem fünften Kapitel schließlich („Europas sozialpolitische Zukunft“) geht der Autor auf Herausforderungen an den Sozialstaat wie beispielsweise der Sicherung von Beschäftigung oder der Nachhaltigkeit des Sozialschutzes ein. Weiterhin diskutiert er hier das Konzept des aktivierenden Sozialstaates als ein Leitbild der EU-Sozialpolitik sowie die Chancen und Risiken eines sozialpolitischen Zusammenwachsens der EU und ihrer Mitgliedsstaaten.

In der Schlussbetrachtung konstatiert Eichenhofer, dass die Europäische Sozialpolitik als zwangsläufige Folge der Europäischen Integration zu betrachten sei und widerspricht so deutlich der These, dass fortwährender Sozialabbau in der EU unausweichlich sei.

Diskussion

Das Buch von Eberhard Eichenhofer führt in einer Weise in die Geschichte der Sozialstaates in Europa ein, die angesichts der Komplexität der Thematik als sehr gelungen bezeichnet werden kann. Es regt zu Diskussionen über die Zukunft der Sozialpolitik in Europa an.

Fazit

Das Buch ist durch seine gute Lesbarkeit empfehlenswert für Leser/innen, die sich aus historischer Perspektive mit der Herausbildung der Sozialstaaten in Europa, der Europäisierung der Sozialpolitik sowie deren weiterer Entwicklung befassen wollen.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 26.04.2010 zu: Eberhard Eichenhofer: Geschichte des Sozialstaats in Europa. Von der "sozialen" Frage bis zur Globalisierung. Verlag C.H. Beck (München) 2007. ISBN 978-3-406-54789-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6079.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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