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Stephan Rietmann, Gregor Hensen (Hrsg.): Tagesbetreuung im Wandel

Cover Stephan Rietmann, Gregor Hensen (Hrsg.): Tagesbetreuung im Wandel. Das Familienzentrum als Zukunftsmodell. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 296 Seiten. ISBN 978-3-531-15618-7. 29,90 EUR, CH: 51,00 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16378-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Die Weiterentwicklung von Tageseinrichtungen für Kinder zu Familienzentren stellt eine zentrale Herausforderung für die Jugendhilfe dar. Mit der Idee der Familienzentren sind in Nordrhein-Westfalen nicht weniger als eine neue Orientierung der Elementarpädagogik und eine grundlegende Reform der Organisationsform Tageseinrichtung verbunden. Die Idee der Famiienzentren aber weist sogar noch darüber hinaus: Wenn in Nordrhein-Westfalen zukünftig jede dritte Tageseinrichtung für Kinder als Familienzentrum zertifiziert und gefördert wird, ist damit der Anspruch verbunden, den Tageseinrichtungen für Kinder eine zusätzliche Verantwortung als Knotenpunkte in neuartigen sozialräumlichen Netzwerken früher Hilfen für Familien zuzuschreiben.  Derart weitgehende organisationale und konzeptionelle Veränderungen stellen das Arbeitsfeld der Tageseinrichtungen für Kinder, d.h. ihre Fachkräfte und Leitungen, ihre Träger und die Steuerungsverantwortlichen in Kommunen und Ländern vor enorme Herausforderungen.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber und die meisten der Autorinnen und Autoren haben sich in unterschiedlichen Rollen und Funktionen an der Entwicklung und Implementierung des Landesprogramms Familienzentren NRW beteiligt. Sie haben als Wissenschaftler/-innen das Konzept entwickelt, die Pilotphase des Landesprogramms verantwortlich durchgeführt und als Coaches einige der Modelleinrichtungen bei ihren Entwicklungen begleitet. Das Landesprogramm Familienzentren NRW gilt als das ambitionierteste Vorhaben bundesweit, was den Versuch angeht, die Familienzentren innerhalb kürzester Zeit flächendeckend auf der Basis der Tageseinrichtungen für Kinder auszubauen. Dabei wurde von der Landesregierung NRW entgegen den bewährten kooperativen Vorgehensweisen mit Kommunen und freier Jugendhilfe bewusst der weitgehende Alleingang gewählt, um schnell zum Ziel zu kommen und die Familienzentren zur eigenständigen Marke nordrheinwestfälischer Familienpolitik zu deklarieren.

Dieses Vorgehen ist bei der Fachöffentlichkeit auf viel Kritik gestoßen. Nach einer sehr kurzen Pilotphase, in der 250 Familienzentren begleitet wurden, wurde das Modell ohne weitergehende Reflexion in die Fläche getragen. Die finanzielle Unterstützung der Familienzentren ist angesichts der Aufgabenfülle gering, die zur Verfügung stehenden Qualifizierungsangebote sind sehr begrenzt und die Kommunikation mit den Trägern und Fachkräften über die Inhalte und Prozesse der Zertifizierung stieß auf viel Widerstand.

Autorinnen und Autoren

Angesichts der Aktualität des Themas und der Breite der Veränderungserwartungen an Tageseinrichtungen und ihre Kooperationspartner warten Wissenschaft und Praxis auf die Publikation von Innovationsideen und reflektierenden Fachbeiträgen. Die Autorinnen des Sammelbandes verkörpern ein angemessenes Spektrum aus Grundlagenwissenschaft (allerdings dominierend die Psychologie), Steuerungs- und Konzeptionsverantwortlichen aus NRW und Coachingexperten, die einige Einrichtungen bei ihren Entwicklungen begleitet haben. Zudem werden Ausblicke auf die englischen Early Excellence Centres angeboten, die bei der Familienzentrumsidee vorbildhaft waren.

Aufbau

Das Buch enthält neben einer Einleitung drei Abschnitte.

Einleitung: Anspruch der Herausgeber

In der Einleitung der Herausgeber wird der Anspruch der Familienzentrumsarbeit herausgearbeitet. Es wird deutlich, dass die Idee der Familienzentren aus einer inneren Kritik der bisherigen Bildungsarbeit der Tageseinrichtungen für Kinder ebenso gespeist wird, wie aus der äußeren Erkenntnis, dass die Jugendhilfe bisher nicht über geeignete Zugänge und vernetzte Konzepte für Familien mit kleinen Kindern verfügt hat. In der Folge sollen Familienzentren eine neuartige und intensivierte kooperative Bildungsarbeit analog zu den britischen Early Excellence Centres leisten und darüber hinaus eine sozialpädagogisch qualifizierte Entwicklungsförderung von Kindern und Unterstützung von Familien im Sozialraum betreiben und vernetzen. Der Anspruch des Buches ist es, die Dynamik dieses offenen Entwicklungsprozesses aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen und zu bewerten.

1. Ausgangslage und Herausforderungen

  • Athanasios Chasiotis beschreibt in seinem spannenden Grundlagenbeitrag das grundsätzliche Problem früher Förderung in Krippen und Tageseinrichtungen. Einerseits ist nur qualitativ hochwertige institutionelle Betreuung in der Lage, besonders Kinder aus sozial benachteiligten Familien angemessen zu fördern, andererseits reichen die bereitgestellten Mittel für eine solche Qualität bei weitem nicht aus. Wenn es aber auch mit professioneller Hilfe nicht gelingt, eine sichere Bindung zu den primären Bezugspersonen aufzubauen, "können wir wegen der entwicklungspsychologischen Folgen … unverblümt ausgedrückt deren Bildung auch vergessen."
  • Stephan Rietmann beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit dem Thema "Vernetzung". Er macht deutlich, wie anspruchsvoll und kompliziert diese zentrale Erwartung an Familienzentren ist. Dabei skizziert er zunächst allgemein die Probleme interdisziplinärer Zusammenarbeit auf dem Hintergrund eines systemtheoretischen Verständnisses. Er verdeutlicht, dass wir von funktional differenzierten Systemen in der Regel keinen Grundkonsens erwarten dürfen und auch die Verständigung der Akteure aus unterschiedlichen Feldern der Jugendhilfe aufgrund heterogener professioneller Sprachen nicht ohne weiteres nicht gelingen kann. Mit der Idee des systemisch-qualifizierten Diskurses gibt er einen positiven Ausblick auf Vernetzung und Kooperation in Zeiten funktionaler Differenzierung. Diese systemischen Diskurse unterscheiden sich allerdings grundsätzlich von den üblichen Netzwerkstrategien der Praxis der Jugendhilfe, die eher in einer übertriebenen Suche nach Regelungen und Vereinbarungen gipfeln. Stattdessen besteht Rietmann darauf, dass eine neue gemeinschaftliche Problemlösekompetenz entwickelt werden muss, die akzeptiert, dass der Anspruch der integrierten interdisziplinären Dienstleistungen (z.B. in der Kooperation von Familienzentum und Erziehungsberatungsstelle) nicht durch den Rückgriff auf allgemeine, standardisierte und transferierbare Routinen einzulösen ist. Rietmann gelingt in seinem Beitrag die Verbindung anspruchsvoller Rückgriffe auf eine Theorie moderner Netzwerkarbeit mit den konkreten Herausforderungen der Familienzentrumsarbeit, zu deren Bewältigung er hilfreiche Vorschläge macht.
  • In den weiteren Beiträgen des ersten Teiles gelingt dieser Anspruch nicht. Karin Böllert bleibt in ihrem Aufsatz zu den strukturellen Rahmenbedingungen von Familienzentren allgemein und oberflächlich. Stephan Maykus versucht eine Vermittlung von Dietrich Benners "Allgemeiner Pädagogik" in den sozialpädagogischen Diskurs über Familienzentren, die aber nicht auf den Punkt kommt und insofern künstlich wirkt. Waltraud Lorenz schreibt in ihrem Beitrag kenntnisreich über Armutslagen von Kindern und Jugendlichen, kann aber auch den Bezug zum Thema des Buches nicht herstellen.

2. Grundlagen und Bausteine für einen Wandel

  • Sybille Stöbe-Blossey stellt in ihrem Aufsatz mit dem Titel "Qualitätsentwicklung und Qualitätssteuerung in Familienzentren" zunächst einige gängige QE-Konzepte aus dem Bereich der Kindertageseinrichtungen dar. Anschließend stellt sie das "Gütesiegel Familienzentrum NRW" dar, das sie selbst gemeinsam mit Wolfgang Tietze entwickelt hat. Sie skizziert die anspruchsvolle Aufgabe, ein Gütesiegel zu entwickeln, das die träger- und einrichtungsspezifischen QE-Verfahren respektiert und ergänzend einen Sinn macht. Zudem muss es so anspruchsvoll sein, dass die zertifizierten Einrichtungen sich hiermit von anderen Tageseinrichtungen abgrenzen können, aber zugleich muss die Messlatte auch von den – mit wenig zusätzlichen Ressourcen ausgestatteten – Familienzentren übersprungen werden können. Der Beitrag ist hinreichend konkret, um das Modell NRW aus der Perspektive anderer Regionen verstehen zu können. Er ist allerdings erkennbar einseitig in der Darstellung der gängigen QE-Verfahren und greift die modernen wissenschaftlichen Diskurse um Qualität und ihre Entwicklung (Inwiefern können standardisierte QE-Verfahren überhaupt zu nachhaltigem Lernen beitragen?) gar nicht auf. Zudem wird der Prozess der Entwicklung des Gütesiegels NRW als partizipativer Prozess mit den Einrichtungen und ihren Trägern dargestellt. Eine Sichtweise, die manchen der Beteiligten den Zorn ins Gesicht treiben dürfte und die zum Schluss des Aufsatzes von der Autorin auch selbst relativiert wird.
  • In den weiteren Beiträgen dieses Abschnittes werden Themen aufgegriffen, die für die Praxis der Familienzentren eine hohe Bedeutung haben. Martin Textor versucht, die Aufgabe der Vernetzung konkret zu beschreiben, Gregor Hensen gibt einen allgemeinen Einblick in das Thema Gesundheitsförderung, Marjan Renic und Stephan Rietmann berichten von einem Modellprojekt der Interkulturellen Öffnung. In diesen Beiträgen gelingt der Bezug zum Thema Familienzentren nicht. Der Aufsatz von Textor ist lediglich eine formale Beschäftigung mit dem Thema Vernetzung und erreicht keineswegs das Niveau und die notwendige Komplexität von Rietmanns Aufsatz zum selben Thema im ersten Teil des Buches. Der Aufsatz von Hensen ist zu allgemein, um für Familienzentren praktische Impulse vermitteln zu können und der Beitrag von Renic und Rietmann bleibt zu sehr eine Projektbeschreibung, um das Thema der interkultuellen Öffnung oder auch die daraus resultierenden Herausforderungen für Familienzentren angemessen zu beleuchten.
  • Stephan Löchtefeld gibt in seinem Beitrag zum Netzwerkmanagement – dem dritten Aufsatz um Thema Netzwerke in diesem Band – immerhin ein paar praktische Tipps zur Zielentwicklung und zum kooperativen Management. Die dargestellten Aspekte (z.B. SMART-Zielformulierung) sind zwar schon hinlänglich an vielen Stellen publiziert worden, können aber immerhin als ordentlicher Ratgebertext von Coaches und Supervisoren genutzt werden.
  • Die beiden Aufsätze von Stefan Meinsen über erfolgreiche Veränderungsbegleitung und David Scheffer über Motivationsförderung für Fachkräfte entspringen ebenfalls dem "Coachingwesen" des NRW Modellprojektes. Es mag sein, dass diese und viele andere im Prozess beschäftigte Coaches für die Entwicklung der 250 Piloteinrichtungen in NRW ihre Arbeit gut gemacht haben. Die schriftliche Ausarbeitung ihrer Tipps hingegen überzeugen weder inhaltlich noch verschaffen sie den LeserInnen einen tiefen Einblick in die Coaching- und Entwicklungsprozesse der Einrichtungen.

3.  Praxis, Modelle und professionelle Entwicklung

  • Im dritten Abschnitt geben Eva Lindner, Karin Sprenger und Stephan Rietmann einen Überblick über die Pilotphase der Familienzentren NRW. Das ist erneut für die LeserInnen aus anderen Bundsländern interessant und ordentlich gemacht, ohne allerdings die Probleme und Widersprüche des Landesprogrammes ausreichend zu thematisieren.
  • Die Beiträge von Gerda Anna Ribbert über das Kompetenzlernen im Studium der Sozialpädagogik in den Niederlanden und von Axel Heitmueller/ Chris Cutbert über die britische familienpolitische Programmatik rund um die Early Exellence Centres betreffen die Praxis der Familienzentren in keinster Weise und bleiben – in diesem Buch! – auch für andere Zielgruppen wahrscheinlich ohne erkennbaren Sinn.
  • Martin Hillenbrand und Stephan Rietmann berichten über das Borkener Entwicklungsnetzwerk, in dem eine Erziehungsberatungsstelle gemeinsam mit den Tageseinrichtungen einer Kleinstadt genau die Prozesse der Zusammenarbeit einführt und einübt, die die neue Qualität von Familienzentren eines Tages ausmachen sollen. In diesem praxisnahen und zugleich programmatisch-konzeptionell ansprechend formulierten Beitrag wird der doppelte Anspruch einer ressourcenorientierten Bildungsarbeit in der Tageseinrichtung und einer kooperativen Entwicklungsdiagnostik und –Förderung in Partnerschaft mit einer Beratungsstelle deutlich. Konzeptionell überrascht hier nur die fehlende Einbeziehung der Familien, sodass Entwicklungsförderung eine Expertentätigkeit ohne Einbeziehung der Familien und ihrer Umwelten bleibt.
  • Sabine Hebenstreit-Müller beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Integration von Praxis, Forschung und Ausbildung, um der Familienzentrumsarbeit den erforderlichen starken Motor zu geben, den diese offensichtlich benötigt, um wirklich voranzukommen. Sie skizziert in eindrucksvoller Weise die Erträge der englischen Early Excellence Centres und den Transfer ins Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus. Wenn man sieht, wie wichtig und zugleich schwierig der Prozess der integrierten Praxisforschung und –entwicklung sich gestaltet, bekommt man eine Ahnung davon, wie viele zusätzliche Anstrengungen und Ressourcen auch in NRW noch nötig sind, um das Landesprogramm dauerhaft erfolgreich zu machen.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Praktiker/-innen und Wissenschaftler/-innen zugleich. Aufgrund der unterschiedlichen Formate, Genres und Stile der Beiträge werden beide Zielgruppen allerdings häufig enttäuscht, zumal viele Beiträge aufgrund inhaltlicher Mängel für beide Zielgruppen nicht lesenswert sind. Fachkräfte, die außerhalb NRW tätig sind, erhalten an einigen Stellen einen guten, wenn auch unkritischen und zu positiven Überblick über das Landesmodellprogramm Familienzentren NRW.

Fazit

Ein solcher Sammelband ärgert den Leser bzw. die Leserin. Es gibt kein erkennbares Konzept, viele Beiträge sind derart schlecht, dass sie niemanden interessieren dürften und sie richten sich auch noch an unterschiedliche Zielgruppen. Die einführenden Beiträge von Chasiotis und Rietmann sowie der Aufsatz von Sabine Hebenstreit-Müller sind durchaus interessant und auch zum Thema passend in diesen Sammelband aufgenommen. Thematisch passend sind auch die Beiträge zum NRW-Landesprogramm, die allerdings die notwendige Kritik an der Ausstattung des Programmes, dem Zertifizierungsverfahren sowie der wenig kooperativen Entwicklung und Implementierung nicht aufgreifen. Gerade für die zahlreichen Fachkräfte, die in NRW in Familienzentren arbeiten oder sich auf diese Arbeit vorbereiten leistet der Sammelband nichts. Das ist überaus schade, da das Thema Familienzentren aktuell von höchster Brisanz ist und es bisher nur wenig brauchbare Veröffentlichungen gibt.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 19.05.2008 zu: Stephan Rietmann, Gregor Hensen (Hrsg.): Tagesbetreuung im Wandel. Das Familienzentrum als Zukunftsmodell. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15618-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6084.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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