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Uwe Birnstein: Der Erzieher (Biografie Johann Hinrich Wichern)

Cover Uwe Birnstein: Der Erzieher. Wie Johann Hinrich Wichern Kinder und Kirche retten wollte. Wichern Verlag (Berlin) 2007. 120 Seiten. ISBN 978-3-88981-232-2. D: 9,95 EUR, A: 10,40 EUR, CH: 18,60 sFr.

Reihe: Wichern Porträts.
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Pioniere der sozialen und pädagogischen Praxis

In allen Feldern der sozialen und pädagogischen Praxis wimmelt es von Pionieren, von Charismatikern, die diese Praxis nachhaltig bestimmt und beeinflusst haben. Maria Montessori, Janus Korczak, Hermann Gmeiner, Loren Werthmann, Kurt Hahn und natürlich auch Johann Hinrich Wichern. In der Theorie der sozialen Arbeit spielen diese Giganten der Nächstenliebe eine eher marginale Rolle, denn meist waren sie Pragmatiker, ausgestattet mit einer geringen Lust am Schreiben.

Johann Hinrich Wichern

Vor 200 Jahren wurde Wichern geboren. Wohl zu diesem Anlass hat der Wichern Verlag ein kleines Büchlein mit CD dem Begründer der Diakonie gewidmet. Wichern wächst in Hamburg unter ärmlichen Verhältnissen auf, wird Halbwaise und besucht trotzdem das Gymnasium. Er ähnelt einem anderen Pionier: Giovanni Don Bosco. Beide sind gläubige Menschen, beide tun Gutes und beide haben wenig Zeit für Gebet und Andacht. Neben dem Studium der Theologie macht er Bekanntschaft mit dem Konzept eines Rettungshauses in Weimar, das statt mit Gewalt durch Nächstenliebe geführt wird. Dies ist Ausgangspunkt des später von ihm begründeten "Rauhen Hauses". Immer handelt er nach strengen Maßstäben, die er an sich und auch an andere anlegt. Während einer Harzreise verlässt er in Nodhausen die Kirche mitten im Gottesdienst, weil ihm die Predigt missfällt. Eine weitere Wurzel des "Rauhen Hauses" sind die "Franckeschen Stiftungen" in Halle, einer diakonischen Schulstadt mit Armenschule, Werkstätten und Bibelanstalt. Aus all diesen Inspirationen formt sich seine Weltanschauung: "Wird ihnen (den Armen, W. M.) der Glaube mit den sittlichen Geboten vermittelt, werden sie ihren Unterhalt wieder selbst verdienen können. Die Arbeit wiederum wehrt dem Müßiggang, und Müßiggang ist aller Laster Anfang." (S.49)

Zunächst lernt er die Armut in seiner Heimatstadt Hamburg kennen: Prostitution, Alkoholismus, Gewalt, Missbrauch. So gründet er 1833 eine Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder, das "Rauhe Haus". Der Tagesablauf ist streng geregelt, aber nicht Strafe, sondern Schule und Lernen, Bildung und Beruf, stehen im Vordergrund der Erziehung. Wichern merkt bald, dass vor allem professionelle Pädagogen erfolgreich erziehen können und stellt Erziehungsgehilfen ein, aus denen "Brüder" und später "Diakone" werden. Seine drei Hauptgrundsätze lauten:

  1. Religion ist das Fundament, aber darauf aufbauend geht es um die "Ausbildung der Geistes-, Seelen- und Leibeskräfte."
  2. Christliche Erziehung beachtet und achtet die Persönlichkeit des Kindes.
  3. Gegen sündhaftes Verhalten hilft christliche Zucht, aber auch Belohnung.

Nachdem das "Rauhe Haus" aufgebaut war, widmete sich Wichern der "Inneren Mission", die den Glauben wieder zu den Menschen, vor allem zu den verarmten Proletariern bringen soll. So wird er zum bekanntesten Theologen Deutschlands im 19. Jahrhundert. Er gründet diakonische Lehranstalten, damit die soziale Arbeit der Inneren Mission und der Diakonie mit genügend Fachkräften ausgestattet ist.

Einschätzung und Fazit

Das Buch über Wichern ist schlichtweg ein Lesegenuss, der umso mehr überzeugt, als der Autor auch durchaus kritische Aspekte und Schattenseiten nicht verschweigt, so z. B. die Kriegstheologie Wicherns (S. 108). Die Kapitel sind fast reißerisch überschrieben (z. B.: "Der Duft der großen Theologen-Welt"), dann folgt eine kurze Inhaltsangabe, dann ein flüssiger, verständlicher Text. So kann der Autor diesem vermeintlich trockenen Stoff viel abgewinnen und macht zudem Lust darauf, die CD anzuhören, die sich textlich nahezu nicht vom Buch unterscheidet. Es wäre zu wünschen, wenn uns über die vielen, teilweise vergessenen Pioniere der sozialen Arbeit ebenso knappe wie informative Abhandlungen vorlägen.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 13.04.2008 zu: Uwe Birnstein: Der Erzieher. Wie Johann Hinrich Wichern Kinder und Kirche retten wollte. Wichern Verlag (Berlin) 2007. ISBN 978-3-88981-232-2. Reihe: Wichern Porträts. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6085.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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