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Peter Schreiner, Norbert Mette u.a. (Hrsg.): Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 25.04.2008

Cover Peter Schreiner, Norbert Mette u.a. (Hrsg.): Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie ISBN 978-3-8309-1870-7

Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Klinkbur (Hrsg.): Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 133 Seiten. ISBN 978-3-8309-1870-7. 9,90 EUR.
Originaltitel: Pedagogia da autonomia
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"Ein Prophet für Erziehung und Bildung"

Propheten sind meist entrückte Wesen – oder Verführer! Der lateinamerikanische Pädagoge Paulo Freire (1921 – 2002) gehört weder zur einen, noch zur anderen Kategorie. Als er beim ersten Kongress der Alphabetisierenden 1990 in São Paulo (siehe Sonderzeichen) davon sprach, dass alle diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten, Propheten seien, die aufs Chaos schauten und dabei die Utopie entdeckten, da wollte er ihnen Mut machen für ein die Wirklichkeit transformierendes Handeln. Die in den siebziger Jahren erschienenen Bücher, wie "Pädagogik der Unterdrückten" und "Pädagogik der Befreiung", haben (zeitweise) auch in Deutschland die Diskussion um eine gerechtere Bildung bestimmt. Und, das sollte an der Stelle nicht unerwähnt bleiben, auch zu einer Vereinigung der "Freirianer" geführt, die sich in der Paulo Freire Kooperation e.V., Oldenburg, zusammen geschlossen haben (http://www.freire.de/) und mittlerweile insbesondere im Paulo Freire Verlag die Gedanken von Paulo Freire auf schulisches und außerschulisches Lernen in Deutschland zu übertragen versuchen, was insbesondere in den "Jahrbüchern" und in der Zeitschrift "Aspekte der Freire-Pädagogik" zum Ausdruck kommt.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Dieter Kinkelbur, Gymnasiallehrer aus Greven in Westfalen, Norbert Mette, Religionspädagoge an der Universität Dortmund, Dirk Oesselmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Comenius-Institut und Erziehungswissenschaftler an der Universidada da Amazônia und der Diplom-Pädagoge Peter Schreiner aus Münster legen Paulo Freires letztes Buch, das bisher nicht in deutscher Sprache erschienen ist, vor. In der portugiesisch-sprachigen Originalausgabe – Pedagogia da autonomia: saberes necessáios à práctica educativa, 1996 – formuliert Edna Castro de Oliveira in ihrem Vorwort, dass Freire mit dem Buch "eine Pädagogik auf den Grundlagen von Ethik, von Respekt vor der Würde und vor der eigenen Autonomie der Lernenden" entwickelt, indem er "auf eine leichte, kreative, provokative, mutige und hoffnungsvolle Art und Weise Fragestellungen aus dem Alltag von Lehrerinnen und Lehrern" thematisiert. Die Herausgeber erkennen deshalb in dem Buch auch "eine Art zusammenfassende Darstellung seines gesamten Werkes".

Aufbau und Inhalt

Freie gliedert das Buch in drei Kapitel.

  1. Im ersten beschreibt er mit dem Slogan "Es gibt kein Lehren ohne Lernen" die notwendigen Grundpositionen der Lehrenden;
  2. im zweiten stellt er, mit der provokativen Aussage – "Lehren heißt nicht, Kenntnisse weiterzugeben" – zentrale Aspekte beim didaktisch-methodischen Vollzug dar; und
  3. im dritten Kapitel geht er auf die anthropologischen Grundlagen ein, indem er formuliert: "Lehren ist ein menschliches Spezifikum".

Damit wird "Pädagogik der Autonomie", so Ana Maria Araœjo Freire, die Witwe Paulo Freires, im Vorwort zur Übersetzung zum "Testament seiner Gegenwart in der Welt". Das Werk ist von Freires Sorge geprägt, dass der "Wind des Postmodernismus", dass die "fatalistische Ideologie des neoliberalen Diskurses", die suggeriert, dass die Wirklichkeit nicht verändert werden könne, dazu beiträgt, den Schüler an diese Wirklichkeit anzupassen. Sein Gegenmittel, das er ja bereits in seinen früheren Büchern formuliert hat, besteht darin, dass "Befreiung nur mit dem Volk und nicht für das Volk gelingen kann" (Freire, 1973) und damit die Autonomie des Lernens und der Bildung gewährleistet sein müssen. Den Lehrerinnen und Lehrer für jeden Lernprozess, ob bei Kindern oder Erwachsenen, weist Freire deshalb eine ethische Verantwortung für ihr pädagogisches Tun zu. Die pädagogische Profession ist also eine politische Aufgabe und ein ethischer Auftrag zugleich. Es gilt nämlich sich einzusetzen gegen "Diskriminierung von Rasse, Geschlecht und Klasse" und "sie in unserer Praxis zu leben". Die Grundlagen dafür sind Sicherheit der Lehrautorität, professionelle Kompetenz und Großzügigkeit. Und nicht zuletzt die Hoffnung und die Überzeugung, dass Bildung die Welt verändern kann.

Die mit den Überschriftanfängen der einzelnen Textteile beginnenden 27 Dikta "Lehren erfordert…" sind somit so etwas wie Handlungsanweisungen mit Aufforderungscharakter für Lehrerinnen und Lehrer, um nicht zu sagen, "Gebote des Lehrens und Lernens".

Fazit

Das übersetzte, letzte Buch Paulo Freires sollte deshalb für die Lehreraus- und –fortbildung ein Muss sein. Es könnte mit dazu beitragen, dass die unbestritten notwendigen Veränderungen unserer traditionellen Schullandschaft endlich vorankommen!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1545 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.04.2008 zu: Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Klinkbur (Hrsg.): Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-1870-7. Originaltitel: Pedagogia da autonomia. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6090.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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