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Joost Kókai, Dankwart Mattke (Hrsg.): Entwicklungen in der klinischen Gruppen­psychotherapie

Cover Joost Kókai, Dankwart Mattke (Hrsg.): Entwicklungen in der klinischen Gruppenpsychotherapie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 154 Seiten. ISBN 978-3-86649-162-5. D: 15,40 EUR, A: 16,90 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Die Gruppe in Klinik und Praxis - Band 4.
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Thema
Die zwölf Arbeiten der insgesamt 22 Autorinnen und Autoren befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten sowohl der Verortung von Gruppenpsychotherapie in Klinik – und das heißt in diesem Fall im wesentlichen "in Kliniken" – und Praxis wie auch mit Fallbeispielen und Methodenbeschreibungen.

Entstehungshintergrund
Es handelt sich bei diesem Buch um den "Tagungsband zur KuP-Tagung 2007" (7). Dass es sich dabei um die Tagung der Sektion Klinik und Praxis im DAGG handelt, deren Vorsitzende die beiden Herausgeber sind, und die Nummerierung der Bände die Serie der Tagungen betrifft, wird als bekannt vorausgesetzt. Das ist schade, ist die Vielfalt therapeutischer Vereinigungen und der einschlägigen Kürzel doch nur einem ausgewählten Leserkreis bekannt. Der "DAGG" ist der Deutsche Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik, der Ende der 60er Jahre gegründet wurde: "Damals meist junge Leute wagten sich, auch im Schutz und Schwung der Psychiatrie-Enquete, an Gruppenarbeit mit Psychotikern (Schizophrenen), dies auch in der Hoffnung, damit einen Beitrag zur Humanisierung der Psychiatrie zu leisten und die Psychodynamisierung der Aspekte auch schwerer psychisch Erkrankter stärker in den Vordergrund zu rücken" (Greve, Weiß, Zeidler, 113). Werner Greve, ehemaliger Leiter der Schlossbergkliniken Berlin, einer der Autoren, ist einer der Gründer und heute Ehrenmitglied des DAGG.

Das Vorwort der Herausgeber weist den Band als "state of the arts" Report aus – ein state of the arts Report, der durchaus eindrucksvoll aufzeigt, dass ein Beitrag zur Humanisierung der Psychiatrie geleistet wurde und wird, dies aber eher im stationären und teilstationären (Tagesklinik) als im ambulanten Setting.   

Inhalt

  • Bernhard Strauß - Spannungsfelder um die klinische Gruppenpsychotherapie – Zwischen Spezialisierung und Integration (S. 11 – 29) Der  Direktor des Instituts für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ein Psychoanalytiker, benennt in seinem Beitrag ( - Einführungsreferat der Tagung) einige dieser Spannungsfelder – unter Benennung interessanter Daten: Versorgungsrealität und Ausbildungspraxis stehen offensichtlich in einem Missverhältnis zueinander, d.h. für ambulante Gruppenpsychotherapie gut Ausgebildete nutzen ihre Ausbildung eher zur eigenen Selbsterfahrung und für Tätigkeiten in Supervision. Ambulante Gruppenpsychotherapie ist kaum versorgungsrelevant. Stationäre Gruppenpsychotherapie ist dagegen versorgungsrelevant, wird aber vorwiegend von gar nicht oder kaum in Gruppenpsychotherapie ausgebildeten Personen (Ärzten und Psychologen – und Sozialpädagogen und Sozialarbeitern, wie die Rezensentin hinzufügen würde) angewandt.
    Ein weiteres Spannungsfeld: Forschung und klinische Praxis. Empirische Befunde zur Gruppentherapie liegen kaum vor. Behandlungskonzepte werden oft unkritisch vom Einzel- auf das Gruppensetting übertragen werden. Es gibt zwar Evidenz für die Wirksamkeit bei spezifischen Störungsbildern; etliche Störungsbilder, insbesondere aber bestimmte Behandlungsmodelle, insbesondere die psychodynamischen / psychoanalytischen, sind unzureichend bis gar nicht erforscht. Vieles ist eher erfahrungsbasiert, denn empirisch abgesichert – und es scheint in der Tat ( - empirische Evidenz ) so zu sein, dass die Passung zwischen Behandlungsangebot bzw. der Persönlichkeit des anbietenden Therapeuten und der Behandlungserwartung den Behandlungserfolg determiniert.
    Strauß beschäftigt sich weiterhin mit Unterschieden zwischen Gruppenpsychotherapie in Europa (Deutschland? – nach Auffassung der Rezensentin, die in anderen europäischen Ländern und Sprachen gearbeitet hat) und den USA, wo Gruppentherapie pragmatischer eingesetzt wird, erwähnt auch den Boom spezifizierter Gruppentherapie in Deutschland und diskutiert – unter Rekurs auf Keupp – die "Gesellschaftsvergessenheit" der Psychotherapieszene und den Warencharakter, den die Psychotherapie als Dienstleistung zunehmend annimmt. Interessant sind auch seine Ausführungen zu störungsspezifischer vs. allgemeiner Gruppenpsychotherapie. Störungsspezifische Ansätze haben sich durchgesetzt – durchaus auch weil sie leichter manualisiert werden können und den Anforderungen der Kostenträger an eine "Dienstleistung" eher gerecht werden als allgemeine Gruppenpsychotherapie.
    In dieser Arbeit werden wesentliche Informationen zum aktuellen Stand der Gruppenpsychotherapie nicht nur zusammengestellt und diskutiert. Der Autor macht auch einen Versuch der Synthese – und stellt sich mit seinem abschließenden Plädoyer für stärkere Versorgungsorientierung gruppentherapeutischer Ausbildung und Praxis klar auf die Seite derjenigen, die die aktuellen und potentiellen EmpfängerInnen der "Dienstleistung Gruppenpsychotherapie" sind: der Patientinnen und Patienten.
    In den Rahmen, den Strauß in diesem Einführungsreferat bzw. –beitrag zeichnet, passen die Arbeiten der nachfolgenden Autoren – mehr oder weniger. Die meisten Arbeiten behandeln störungsspezifische Gruppenpsychotherapie / Problemhomogenität in Gruppen.
  • Jochen Eckert - Zur Gruppenbehandlung von Borderlinepatienten. (31 – 40). Der Leiter des Instituts für Psychotherapie der Universität Hamburg, ein Gesprächspsychotherapeut, legt seinen Schwerpunkt laut eigener Angabe auf die therapeutische Beziehung oder Allianz, von der empirisch belegt ist, dass sie der bedeutendste therapeutische Wirkfaktor ist. Die Beziehungen von Borderlinepatienten sind bekanntermaßen problematisch, was den Gestalter / die Gestalterin einer (gesprächs-) psycho-therapeutischen Beziehung, die dem Prinzip der "Bedingungsfreien Positiven Beachtung" folgt, häufiger zu so genannten "Abweichungen" von diesem Prinzip veranlasst. Ihm / ihr muss es dann gelingen, die Gründe für diese Abweichungen zu erkennen, zu verstehen und zu akzeptieren – "dann stellt sich die Bedingungsfreie Positive Beachtung in der Regel auch wieder ein" (36). Eckert skizziert auch andere Modi der Gestaltung von therapeutischer Beziehung, greift selbst eher auf psychoanalytische, denn auf verhaltenstherapeutische Konzepte zurück, legt sich jedoch nicht theoretisch fest, sondern beschreibt ohne Rückgriff auf (theorie-) spezifische Fachterminologie, ohne allerdings auch den Schritt vom Einzel- zum Gruppensetting bzw. den von der therapeutischen Beziehung zur Beziehungskonstellation in einer Gruppe näher zu erläutern, drei borderlinetypische Gruppeninteraktionen, die sich (seiner klinischen Erfahrung nach – müsste der Korrektheit halber angemerkt werden, da eine Quellenangabe nicht genannt ist) "immer wieder zeigten und den Gruppenprozess beeinflussten" (36). Eine empirische Untersuchung habe ergeben, dass diese Interaktionsformen in Borderlinegruppen signifikant häufiger zu beobachten sind als in Neurotikergruppen, dass sie sich aber in den meisten Fällen durch Interventionen des Therapeuten oder von Mitpatienten auflösen. Die empirische Untersuchung (Rating der Interaktionsformen anhand von Tonbandaufnahmen von stationären Gruppentherapien) wird nur flüchtig skizziert. Der Kontingenztafel, mit der Eckert seinen Beitrag beendet und seine Ausführungen zur Signifikanz belegt (Chi-Quadrat), kann entnommen werden, dass pro Untersuchungsgruppe die Interaktionsmodi von 10 Patienten eingeschätzt wurden. Die borderlinetypischen Interaktionsformen sind nach Eckert – und hier erscheint er wieder deutlicher als Gesprächspsychotherapeut: Den anderen zur Selbstdefinition benutzen – Verhindern, dass die anderen Verständnis zeigen – Nicht auf gezeigtes Verständnis eingehen.
  • Melitta Schneider und Robert Mestel - Angstbewältigungstraining: Ein integratives Behandlungsmanual für störungsspezifische Gruppen (41 – 54). Die Autoren legen hier eines jener Manuale vor, die heute so beliebt sind und die den ökonomischen und pragmatischen Anforderungen der Kostenträger entsprechen. Kostenträger sind – das wird zwar nicht expliziert, ist aber evident – in diesem Fall die Krankenkassen: Die Autorin arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin in freier Praxis. Der Autor ist zwar in einer Klinik für Psychosomatische Medizin beschäftigt. Das Manual, das die beiden hier vorstellen, ist aber ein Manual für die ambulante Psychotherapie. Die Konzeption sieht 20 eher klar strukturierte Sitzungen vor, in denen nach modularem Prinzip zu Themen wie Information, Erregungskontrolle, Exposition, Genese u.a. gearbeitet wird – im Prinzip (d.h. nach Einschätzung der Rezensentin: "für die Krankenkassen") verhaltenstherapeutisch. Geschildert werden außer klar in der Verhaltenstherapie zu verortenden Methoden aber auch Module, in denen psychodramatisch gearbeitet wird (an einer Stelle, S. 50, weisen sich die Autoren als "langjährige Psychodramatikerinnen" aus), und andere, in denen z.B. die Familienaufstellung zum Zuge kommt. Die Aussage, dass EMDR und die Ego State Therapie als effektive Mittel zur Verarbeitung von Traumatisierung "problemlos von Verhaltenstherapeuten als auch von Psychoanalytikern verwandt" (52) werden können, rundet das "eklektische Bild", das hier gezeichnet wird, ab. Worauf sich das "problemlos" hier bezieht, wird nicht erläutert. Die Autoren geben leider keinen Einblick in ihre Abrechnungspraxis mit den Krankenkassen – die ja nur Verhaltenstherapie und psychoanalytische Therapie finanzieren. Es wäre interessant zu erfahren, unter welchen verhaltenstherapeutischen (in diesem Fall wohl) Titeln diese eklektischen "Posten" in den Abrechnungsformularen erscheinen. Deutlich wird, dass es in Deutschland tatsächlich nicht einfach ist, Gruppenpsychotherapie in ambulanten Settings zu etablieren – und dass in solchen Settings offenbar noch mehr Zugeständnisse an die Anforderungen der Kostenträger gemacht werden müssen als im stationären Bereich. Ob dies zu Lasten der EmpfängerInnen der Dienstleistung Psychotherapie geht – kann nach Lektüre dieses Beitrags, der interessante Einblicke in die Gestaltung ambulanter Praxis gibt, nicht entschieden werden. Der Beitrag macht hingegen sicher deutlich, warum Gruppenpsychotherapie kaum versorgungsrelevant ist: Was in stationären Settings noch möglich ist (als gesprächspsychotherapeutisch ausgebildeter Therapeut Gruppen nach psychodynamischen Gesichtspunkten zu leiten z.B.), erfordert im Alltag ambulanter Praxis nicht nur die Überwindung größerer administrativer Hürden, sondern auch theoretische "Anpassungsleistungen", die wohl nicht viele zu leisten imstande oder bereit sind.  
  • Thomas Bolm - Mentalization-Based Treatment in der Gruppentherapie schwerer Persönlichkeitsstörungen und Traumafolgeerkrankungen (69 – 79). Der leitende Oberarzt einer Klinik für Psychosomatische Medizin und Fachpsychotherapie beschäftigt sich ebenfalls mit einem manualisierten Behandlungskonzept. Hier geht es aber um eine Klientel, die in Deutschland eher in stationären oder teilstationären Settings behandelt wird. Bolm skizziert den theoretischen Hintergrund von MBT (empirische Bindungsforschung und Theory of Mind) und kennzeichnet den mentalisierenden oder reflektierenden Wahrnehmungsmodus von Realität als den Modus, der sich üblicherweise auf dem Hintergrund einer sicheren Bindungsbeziehung entwickelt – einer Beziehung, die zumindest Personen mit schweren Persönlichkeitsstörungen kaum je erlebt haben, die sie in der Sicherheit gebenden Verbundenheit einer therapeutischen Gruppe aber "quasi" erfahren können. MBT als Gruppenpsychotherapie ermöglicht nach Bolm durch gezielte Interventionen, die – im Gegensatz zur psychoanalytisch-interaktionellen Praxis – hierarchisch geordnet sind, dass das unmittelbare Mentalisieren im Hier und Jetzt gefördert wird. Bolm schreibt aus der Praxis, beschreibt jedoch keine Fälle oder therapeutische Situationen. Interessant – für die Praxis – sind seine eher flüchtig skizzierten Anmerkungen dazu, wie gerade schwer persönlichkeitsgestörte Patienten multiprofessionelle Teams herausfordern, welche Teamkultur auch notwendig ist, damit erfolgreich mit ihnen gearbeitet werden kann.
  • Nicole Berger-Becker und Götz Biel - Ambulante und stationäre Gruppentherapie mit Katathym Imaginativer Psychotherapie (KIP) und Symbolarbeit bei Ich-strukturell gestörten PatientInnen (119 – 138). Die Autorin ist an einem Institut für Tiefenpsychologische Therapie ambulant tätig; der Autor arbeitet stationär einer Klinik für Psychosomatische Medizin. Und sie benutzen keine Manuale. In ihrem Beitrag schildern sie Fallbeispiele, die das Vorgehen im KIP anschaulich werden lassen. Biel beschreibt ein Fallbeispiel aus einer geschlossenen, gemischtgeschlechtlichen, diagnoseunspezifischen Gruppentherapie mit KIP mit Elementen aus der Symbolarbeit. Dass es sich bei den Symbolen um konkret von Gruppenteilnehmern gemalte Bilder – nicht zwingend ein Element von KIP – handelt, darf angenommen werden? Die Bilder, von Patienten gemalt, sind abgebildet. Wie diese Gruppenarbeit in den allgemeinen klinischen Kontext integriert ist, wird nicht erklärt. Es darf jedoch angenommen werden, dass in der Klinik ein "KIP-freundliches" Arbeitsklima herrscht: Diese Gruppe läuft über einen Zeitraum von fünf Wochen zwei mal wöchentlich. Eine Sitzung dauert 90 Minuten. Ganz anders das Setting, das Berger-Becker beschreibt: Ihre "Ich-strukturell gestörten PatientInnen" (Teil des Titels, auf den Berger-Becker stärker als Biel eingeht) haben in Kindheit oder Jugend Gewalt oder Missbrauch erlebt. Sie sind zwischen 35 und 60 Jahre alt und verfügen über ein gesichertes berufliches Umfeld und überdurchschnittliches Intelligenzniveau. Die typische Klientel eines Instituts für Tiefenpsychologische Therapie? Dass offenbar Intelligenzdiagnostik gemacht wird, wundert allerdings. Voraussetzung für die Teilnahme an der Gruppe ist eine vorausgegangene Einzelpsychotherapie. Die Gruppe arbeitet geschlossen mindestens 1,5 Jahre – und die Gruppensitzungen finden im Abstand von drei Wochen an zwei aufeinander folgenden Abenden statt und dauern 3,5 Stunden pro Sitzung. Ein ungewöhnliches Setting, eines, das sich mit der Alltagspraxis größerer Teile der Bevölkerung nur schwer vereinbaren lässt. Die Versorgungsrelevanz ist dadurch sicher eingeschränkt. Auch Berger-Becker gibt Fallbeispiele. Und auch sie (vgl. Schneider und Mestel) greift auf das Psychodrama zurück – das in ihren Abrechnungsformularen allerdings wohl kaum als verhaltenstherapeutische Maßnahme ausgewiesen sein wird?
  • Markus Preister, Sibille Buscher, Nicole Plinz - Ambulante, hochfrequente und multimodale Gruppenpsychotherapie im Rahmen der Integrierten Versorgung (IV) Depression in Hamburg-Harburg (81 – 102); Sibille Buschert, Nicole Plinz - "Youngsters" – ein gruppentherapeutisches Angebot für junge Menschen, die aufgrund einer psychosenahen Lebenskrise zum ersten Mal stationär behandelt werden (103 – 108); Silja Liening, Joost Kókai - Behandlung bipolarer Patienten in der Tagesklinik (103 – 108); Dörte Leonhardt-Günther - Gruppentherapie bipolarer Patienten in der psychiatrischen Institutsambulanz (109 – 112). Zusammenfassend besprochen werden sollen diese vier Arbeiten – nicht weil sie es nicht verdient hätten, einzeln besprochen zu werden, sondern weil alle Arbeiten sich auf die Praxis in einer Klinik beziehen, in der "Integration" ganz offensichtlich geglückt ist. Der Terminus "Integration" wird gerade im klinischen Umfeld oft bemüht, selten definiert und bisweilen überstrapaziert. – Und auf den Autor, der diesen Begriff seinerzeit, d.h. in den 70er Jahren, geprägt hat, Hilarion Petzold, und seine Theorien und Konzepte, wird nicht mehr eingegangen. – Die MitarbeiterInnen der Asklepios Klinik Hamburg – Kókai, einer der Herausgeber, ist hier Ltd. Oberarzt – sprechen wenig von Integration, scheinen aber "integriert zu sein". Berichtet wird über ambulante und stationäre Behandlung in einer Tagesklinik, über problemhomogene und diagnoseunspezifische, über geschlossene und halboffene Gruppen, über Psychoedukation ohne Manual, die als interaktiver, psychotherapeutischer Prozess verstanden wird, über die Zusammenarbeit von Ärzten, Musik-, Bewegungs- und Kunsttherapeuten – und selbstverständlich auch über Patientinnen und Patienten, ihre Geschichten, ihre Fortschritte und ihre (und der TherapeutInnen) Rückschläge. In dieser Klinik arbeitet ein multiprofessionelles Team, dessen Mitglieder einander mit unterschiedlichen Kompetenzen und Zuständigkeiten nicht nur ergänzen. Hier scheint tatsächlich gelungen zu sein, was die Pioniere der Gruppentherapie in den 70er Jahren anstrebten: Hier wird ein Beitrag zur Humanisierung der Psychiatrie geleistet; und die Psychodynamisierung der Aspekte auch schwerer psychisch Erkrankter wird – trotz oder auch mit Manual – in den Vordergrund gerückt. Beispielhaft soll auf die Arbeit von Buschert (Sportwissenschaftlerin und Tanz- und Bewegungstherapeutin) und Plinz (Kulturwissenschaftlerin, Yoga- und Kunsttherapeutin) eingegangen werden, widmen die Autorinnen sich doch einer Gruppe, die in den 70er Jahren noch nicht im Blickpunkt des Interesses stand: den "Youngsters", d.h. denen, "die wissen, wie es ist, wenn die Wände flüstern und die trotzdem Skateboard fahren" (91), "die Panik kennen, aber … trotzdem die Jeans cool auf den Hüften (tragen)" (ibd.), die "Botschaften aus einer anderen Welt erhalten und … jetzt in die Gruppe (kommen), um ganz real ihre Reise an den Atlantik zu planen" (ibd.). Die Idee, die der Schaffung dieser Gruppe für junge PatientInnen zugrunde liegt, ist die, "dem Gefühl Rechnung zu tragen, an diesem Ort ganz falsch zu sein" (ibd.), ein Behandlungsangebot für Menschen zu schaffen, die in keinen bestehenden Behandlungsrahmen passen. Orientiert haben sich die Autorinnen u.a. an Erkenntnissen aus Früherkennungs- und Frühbehandlungs-Projekten in Norwegen und Australien, auch wenn evident ist, dass es – in Deutschland? – für Früherkennung oft zu spät ist: Die jungen Leute tauchen in einer allgemeinpsychiatrischen Abteilung mit Sektorpflichtversorgung in der Regel erst auf, wenn sie sich in einer akuten psychotischen Krise befinden. Hochinteressant die Schilderung der eigenen Anfangsschwierigkeiten der Autorinnen, ihr Bemühen darum, mit Menschen ohne eigene Grenzen zu kommunizieren – in allen Sprachen, durch Sprechen, Gestalten, Bewegen u.a. Diese Gruppe, die seit sechs Jahren besteht und an der ca. 130 Personen teilgenommen haben, scheint tatsächlich zu einer Art "Brücke zwischen psychotischer Krise und der Suche nach dem eigenen Lebensweg" (100 f) geworden zu sein.
  • Severin Haug, Benjamin Zimmer, Hans Kordy - Gruppenpsychotherapie im Internet-Chat (139 – 150). Die Autoren, ein Mathematiker (Kordy) und zwei Psychologen, stellen den Einsatz der so genannten Neuen Medien in der psychosozialen Versorgung und insbesondere das Projekt "Internet-Brücke" vor, das PatientInnen nach stationärer, psychosomatischer Behandlung den Übergang in den Alltag erleichtern und damit das Rückfallrisiko reduzieren soll. Wo diese Behandlung stattfindet, kann nur vermutet werden. Kordy ist der Leiter der Forschungsstelle Psychotherapie im Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Zimmer ist hier wissenschaftlicher Mitarbeiter. Haug ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Greifswald. Die Neuen Medien eröffnen nach Einschätzung der Autoren vielfältige Möglichkeiten zur Verbesserung der individuellen psychosozialen Versorgung, da sie leichter verfügbar sind und eine größere Reichweite haben.  Versorgungslücken könnten mit ihnen geschlossen und Wartezeiten vor einer ambulanten oder nach einer stationären psychotherapeutischen Behandlung überbrückt werden. Als Nachteile werden Risiken des Datenschutzes genannt, auch die eingeschränkte Möglichkeit evtl. notwendig werdender Kriseninterventionen. Erstaunlicherweise gar nicht als Nachteil erwähnt werden Probleme mit Schriftsprache. Der Anteil an LegasthenikernInnen in der Klientel, die hier vornehmlich angesprochen ist, mag gering sein. Evident ist aber, dass hier nur oder fast nur Menschen, für die Deutsch die erste Sprache ist, angesprochen sind – und vermutlich eher Angehörige der Mittel- und Oberschicht. Die Versorgungslücke, die es in Deutschland in Bezug auf psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung von MigrantenInnen gibt, wird hier sicher nicht geschlossen; und dass die psychosoziale Versorgung durch die elektronische Kommunikation nur optimiert wird, muss bezweifelt werden, liegt doch die Vermutung nahe, dass hier einige Gruppen gänzlich ausgeschlossen sind oder werden. Interessant – aber im Hinblick auf die Normsetzung "deutsche Schriftsprache" gleichfalls kritikwürdig – ist die Nutzung elektronischer Kommunikation für Prozess- und Prozess-Ergebnis-Forschung: "Textbasierte Prozessparameter, wie etwa die Anzahl der Wörter, können in den automatisch erzeugten Transkripten relativ einfach mit einem Textverarbeitungsprogramm gezählt werden und die Häufigkeit von Wörtern bestimmter Wortkategorien (z.B. Emotions- oder Kognitionswörter) kann mit computergestützten Textanalyseprogrammen in kurzer Zeit bestimmt werden" (148). Ja, das ist sicher möglich, wenn diejenigen, die hier schreiben, die deutsche Orthographie beherrschen – und was schließen wir dann daraus? Die Rezensentin hat 17 Jahre in Italien gelebt, ist Deutsch-Muttersprachlerin, spricht aber auch nach zwei Jahren in Deutschland noch immer eher "italienisch deutsch", d.h. sie benutzt – wie in Italien üblich – häufiger "Emotionswörter" als deutsche Freundinnen und Kollegen. Heißt das nun, dass sie "emotionaler" ist? Das heißt es sicher nicht.
  • Dankwart Mattke - Grundprinzipien psychodynamischer Gruppentherapie vor dem Hintergrund allgemeiner ("generischer") Wirkfaktoren in Gruppen (55 – 67). Bei Mattkes Beitrag handelt es sich um eine vorwiegend theoretische Arbeit, in Teilen auch um eine Praxisanleitung, die die LeserInnen direkt anspricht. Kurze Statements von Patienten oder Fallbeschreibungen verdeutlichen das Gesagte beispielhaft. Mattke setzt sich mit den vier von Orlinski et al. (1994) – in Anlehnung an Yalom und Schüler (60er und 70er Jahre) – formulierten Grundprinzipien oder Wirkfaktoren auseinander, beschreibt anschaulich, was darunter zu verstehen ist und untersucht im Hinblick auf diese Wirkfaktoren die Spezifität von psychodynamischen Therapien, die er keineswegs "über andere" stellt. Nein, er beginnt seine Ausführungen mit einer Klärung: "Durchschnittlich gut ausgebildete Praktiker gleich welcher Schulrichtung erzielen gleich gute Behandlungsergebnisse und diese Ergebnisse liegen deutlich über den Ergebnissen von Kontrollgruppen ohne spezifische Behandlung" (55). Für psychodynamische Therapien spezifisch ist die Nutzung von Übertragungsphänomenen, die im Grundprinzip oder Wirkfaktor "Psychologische Arbeit" / "Durcharbeiten" anzusiedeln ist. Wie Übertragungsphänomene in der Gruppentherapie genutzt werden, welche Interventionen geeignet sind, PatientenInnen neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen, beschreibt der Autor anschaulich. Seine Praxisanleitungen zeugen von profunder Erfahrung und sind hilfreich – vermutlich auch für diejenigen, die nach den Prinzipien anderer Schulrichtungen mit Gruppen arbeiten.
  • Werner Greve, Eva Weiß, Michaela Zeidler - Workshop: Gruppenbehandlung von Psychosekranken (113 – 117). Abschließend besprochen werden soll der Beitrag von Werner Greve, s.a.o. Den Workshop auf der KuP-Tagung hat Greve zusammen mit Eva Weiß, leitende Psychologin einer Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an einem Krankenhaus in Berlin, und Michaela Zeidler, Sonderpädagogin und Kunsttherapeutin an der Asklepios Klinik in Hamburg, angeboten. Die vorliegende Verschriftlichung, in der selbstverständlich auch über die Tagungsbeiträge der Autorinnen berichtet wird, trägt jedoch seine Handschrift. Werner Greve kennt die Geschichte der Gruppenpsychotherapie in Deutschland und skizziert sie hier – mit Bezug auf die heutige Situation. Er thematisiert die Gründe für die Verdrängung der Psychotherapie aus den biologisch / pharmakotherapeutisch orientierten Fachkrankenhäusern und Kliniken, ihre Verlagerung in die Nachsorge und in die Einzelbetreuung von Schwerstkranken – Gründe, von denen einige paradoxerweise auf die Enquete zurückzuführen sind, forderte diese doch die Verkleinerung oder das Verschwinden von Großkrankenhäusern und ließ kleinere psychiatrische Abteilungen, betreutes Wohnen, Tageskliniken etc. doch erst entstehen. Kürzere Verweildauer, auch kürzere Arbeitszeiten der Ärzte, auch die Bürokratisierung, die die Qualitätssicherung mit sich bringt, haben zu einer Verdünnung des Kontaktes zum Patienten geführt und die Etablierung von Psychoedukation in Form handlicher und kollektiv zu verabreichender "Päckchen" (- die Rezensentin), die u.a. compliance sicherstellen sollen, begünstigt. Greve, der sich als einziger der hier schreibenden AutorenInnen mit den positiven und negativen Auswirkungen der Psychopharmakotherapie auseinandersetzt, erkennt in Psychoedukation durchaus eine wichtige Maßnahme (dito die Rezensentin), misst ihr jedoch keinen psychotherapeutischen Wert zu. Parallel – oder gegenläufig – zu dieser psychotherapeutischen Ausdünnung von Fachkrankenhäusern und der pragmatischen Reduzierung von Beziehung und Beziehungsarbeit gibt es derzeit einen Trend, der viele junge Leute, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Pflegepersonal, in Arbeitskreise führt, in denen sie etwas über die Hintergründe der rätselhaften psychiatrischen Krankheiten erfahren. Gleichwohl sollte, so Greve, die Gefahr gesehen werden, dass die Ausstattung von Fachabteilungen mit wenig Personal und die Ausstattung dieses Personals mit fertigen Rezepturen wie manualisierten Therapien und Psychoedukation einen Rückfall in Vor-Enquete-Zeiten bewirken könnte. Kenntnisnahme der Geschichte der Psychiatrie in Deutschland und Auseinandersetzung mit etwas, was geschah, "als ich gerade in den Kindergarten kam" (Kommentar in dem Workshop, über den hier berichtet wird, 115) oder "noch gar nicht geboren war" (Studierende von heute), könnte Rückfallprophylaxe sein – so die Meinung der Rezensentin nach der Lektüre dieser Arbeit.  

Einschätzung und Fazit

Das Buch sei allen empfohlen, die im Bereich von Psychiatrie und Psychosomatik tätig sind – vorzugsweise denjenigen, gleich welcher Profession, die im stationären Bereich oder in Tageskliniken, Nachsorgeeinrichtungen etc. arbeiten oder arbeiten wollen. Die Beiträge sind von durchaus unterschiedlicher Qualität. Studierenden (und Profis) der Sozialen Arbeit seien insbesondere die Arbeiten aus der Asklepios Klinik Hamburg empfohlen. Nichtsdestotrotz lohnt die Lektüre aller Beiträge – und es lohnt sich insbesondere für junge Leute, nicht nur die in diesem Buch auch gelieferten "Rezepturen" oder Manuale aufzugreifen, sondern sich mit der Geschichte der Gruppenpsychotherapie in Klinik und Praxis auseinanderzusetzen (Beiträge von Strauß und Greve et al.).


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 10.09.2008 zu: Joost Kókai, Dankwart Mattke (Hrsg.): Entwicklungen in der klinischen Gruppenpsychotherapie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-162-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6098.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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