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Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) (Hrsg.): Kerncurriculum Erziehungswissenschaft

Cover Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) (Hrsg.): Kerncurriculum Erziehungswissenschaft. Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-86649-180-9. 12,00 EUR.
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Thema

Durch den Reformdruck des Bologna-Prozesses nimmt das Kerncurriculum für die Erziehungswissenschaft eine ambivalente Funktion ein. So kann es einerseits sich in aktuelle Tendenzen der Verschulung von Studiengängen einfügen, andererseits durch die Formulierung entsprechender Zielsetzungen dafür Sorge tragen, dass gewisse Bildungsinhalte nicht dem Konzept der „employability“ weichen, die bisher den Anspruch eines akademischen Studiums aufrecht gehalten haben.

Die erziehungswissenschaftlichen Studiengänge mussten sich mit der Einführung des Diploms als eigenständig behaupten, da sie erst im Zuge der Bildungsexpansion und des erhöhten Bedarfs an Fachkräften neben den Pädagogik-Anteilen der Lehramtstudiengänge und den marginalen Magister-Studiengängen herausgebildet wurden. Kerncurricula sollen dazu beitragen, eine fachliche Identität herzustellen und die Ausdifferenzierung der Spezialisierungen für außerschulische Berufsfelder übersichtlich zu gestalten. Die durch den Föderalismus sehr abweichenden Lehramtsstudiengänge sollen ebenfalls zu einer gewissen Vereinheitlichung angeregt werden. Dies soll bologna-konform auch der Ermöglichung studentischer Mobilität dienen. Im Zuge des Bologna-Prozesses können Kerncurricula eine Richtschnur zur Akkreditierung darstellen, da sie sich an den entsprechenden Vorgaben hinsichtlich Modularisierung (wenn auch hier ohne eindeutige Vorgaben, da die beschriebenen Studieneinheiten nicht den konkreten Modulen entsprechen müssen) und Leistungspunkte-System orientieren und ebenfalls eine Strukturierung des Studienganges verfolgen.

Aufbau und Inhalt

Nach einleitenden Worten zum Sinn von Kerncurricula wird auf die personelle Mindestausstattung im Fach Erziehungswissenschaft eingegangen und es werden konkrete Berechnungen angestellt.

Zunächst wird das Kerncurriculum Erziehungswissenschaft für Bachelor-/Master-Studiengänge in der Lehrerbildung und für das Schulfach Pädagogik vorgelegt.

Anschließend stellt die DGfE ihre Vorschläge für Kernkurricula für die konsekutiven Bachelor/ Master-Studiengänge im Hauptfach Erziehungswissenschaft mit den Studienrichtungen Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Erwachsenenbildung/ Weiterbildung, Pädagogik der frühen Kindheit und Sonderpädagogik vor. Diese folgen immer demselben Aufbau: es sind für den Bachelor zunächst die Studieneinheiten „Grundlagen der Erziehungswissenschaft“, „Gesellschaftliche, politische und rechtliche Bedingungen von Bildung, Ausbildung und Erziehung […]“, „Einführung in erziehungswissenschaftliche Studienrichtungen“ sowie entsprechende Spezialisierungen mit zwei Studieneinheiten jeweils zu den theoretische und historischen Grundlagen und weiters zu arbeitsfeldbezogenen Kompetenzen in den gewählten Studienrichtungen vorgesehen. Im Master soll immer eine Studieneinheit „Bildungsforschung und forschungsmethodische Grundlagen“, dann zu den Rahmenbedingungen der entsprechenden Studienrichtung und zu „professionellen Handlungskompetenzen“ im vorgesehenen Berufsfeld bearbeitet werden. Gemeinsam soll allen Studiengängen auch die abschließende Durchführung eines Lehrforschungsprojektes sein.

Die Kerncurricula für nicht-konsekutive Masterstudiengänge der Studienrichtungen Erwachsenenbildung/ Weiterbildung, Pädagogik der frühen Kindheit und Sozialpädagogik folgen den entsprechenden Vorschlägen für die konsekutiven Studiengängen in den Studieneinheiten, die allerdings zusammengestaucht in kürzerer Zeit absolviert werden sollen. Der Vorschlag für einen Studiengang mit Einführung in mehrere Studienrichtungen ist in den ersten 3 Studieneinheiten analog und sieht dann zwei Studieneinheiten mit Einführung zu zwei wählbaren Studienrichtungen vor. Die Kerncurricula für Zweitfachstudierende gleichen denen für Hauptfachstudierende und nehmen vor allem Kürzungen vor mit dem Ziel, wesentlich Grundlagen der Erziehungswissenschaft dennoch zu vermitteln.

Diskussion

Das Kercurriculum unternimmt einen Balance-Akt zwischen zu starker Verschulung und unverbindlichen Allgemeinbegriffen, die letztlich gar keine Auswirkungen haben, da jegliche Spezialisierung subsumiert werden kann. Insofern sind Sinn und Nutzen infrage gestellt, nicht zuletzt, da es zweifelhaft ist, ob eine weitere Strukturierung wünschenswert ist, nachdem durch den Bologna-Prozess bereits Vorgaben gemacht worden sind, die Wahlmöglichkeiten einschränken und das Studieren auf akademischen Niveau erschweren. Mit der immer vorgesehenen Studieneinheit „Gesellschaftliche, politische und rechtliche Bedingungen von Bildung, Ausbildung und Erziehung […]“ ist zwar die Möglichkeit geschaffen, bestehende Systeme auch kritisch zu betrachten, jedoch ist keineswegs sichergestellt, dass die Forderung nach Berufsbezogenheit des Studiums nicht letztlich sämtliche theoretischen Ansprüche in jener Hinsicht unterminiert. Zudem ist kaum zu erwarten, dass die sich abzeichnende Diversifizierung von phantasievollen Master-Studiengängen auch mit interdisziplinären Bezügen annähernd vom sehr allgemein gehaltenen bzw. auf die klassischen Schwerpunktsetzungen eingeschränkten Kerncurriculum erfasst werden kann.

Fazit

Das Ziel der Vereinheitlichung der erziehungswissenschaftlichen Studiengänge wird durch die Spezialisierungen der Lehrenden an den Hochschulstandorten infrage gestellt, die sich dem bereits durch den Bologna-Prozess gegeben Korsett entgegenstellen. Zu einer fruchtbaren Forschungslandschaft gehört Vielfalt. Natürlich müssen in der Lehre bestimmte Grundlagen wie empirische Forschungsmethoden, historische Grundlagen oder einige prominente Theorien der Erziehung und Bildung vermittelt werden, jedoch gehört es zum akademischen Studium, dass Studierende gewisse Freiheiten haben, eigenständig Verknüpfungen herstellen können und müssen, ihre Persönlichkeit weiterentwickeln und eigene wissenschaftliche Interessen herausbilden. Das Ziel studentischer Mobilität sollte diesem nicht übergeordnet werden. Die DGfE betont ebenfalls die Wichtigkeit von genügend Raum an den einzelnen Studienstandorten für deren „Profilbildung“. Insofern sollten Kerncurricula allenfalls grobe Sortierhilfe sein. Da Mitgleider der DGfE und am Kerncurriculum Beteiligte bei Akkreditierungsprozessen involviert sind, ist jedoch davon auszugehen, dass sein Einfluss insgesamt durch die Hochschulstrukturreform gestärkt wird.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 11.06.2009 zu: Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) (Hrsg.): Kerncurriculum Erziehungswissenschaft. Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-180-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6100.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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