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Stefan Beckmann, Sabine Bohne u.a.: Gewalt im Geschlechterverhältnis

Cover Stefan Beckmann, Sabine Bohne, Ulrike Brandfaß: Gewalt im Geschlechterverhältnis. Erkenntnisse und Konsequenzen für Politik, Wissenschaft und soziale Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 381 Seiten. ISBN 978-3-86649-054-3. 28,00 EUR.
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Thema

Bereits im Vorwort macht Carol Hagemann-White darauf aufmerksam, dass mit diesem Buch etwas Besonderes gelungen ist: Die Zusammenfassung wichtiger Studien zum Thema Gewalt im Geschlechterverhältnis, die zwischen 1998 und 2005 entstanden sind und die Systematisierung ihrer Ergebnisse zu zehn verschiedenen Querschnittsthemen.

Die VerfasserInnen des Buches annoncieren, dass ihre Gesamtschau durch die intensive Diskussion der aufgrund unterschiedlicher Methoden, Kontexte und Zielsetzungen differenten Einzelforschungsergebnisse entstanden ist. Diese Gesamtschau ist besonders angesichts der Brisanz des Themas ein verdienstvolles Anliegen, das gleichermaßen ein Kompendium der derzeitig verfügbaren Informationen zur Sache wie auch den zukünftigen Forschungsbedarf offen legt. Besonders an diesem Band ist ebenfalls, dass die einzelnen AutorInnen zwar im Kontext ihrer Studien, im Anhang erwähnt werden, ansonsten jedoch als Kollektiv von HerausgeberInnen veröffentlichen.

Aufbau und Inhalt

  1. Kapitel 1 gibt einen Überblick über die Ausmaße von Gewalt im Geschlechterverhältnis. Die einzelnen hier zugrunde liegenden Untersuchungen fundieren in durchaus unterschiedlichen Gewaltbegriffen, die nicht harmonisiert oder homogenisiert werden. Die Verteilung der Gewaltausübung und der Gewalterfahrung in ihren verschiedenen In- und Extensitivitätsgraden zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, zwischen Gleichaltrigen, in heterosexuell orientierten und in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sowie bei Menschen mit Migrationshintergründen werden dargelegt. Ebenso werden die transgenerationalen Folgen von Gewalterfahrung beleuchtet.
  2. Das zweite Kapitel ist den gesundheitlichen, psychosozialen und ökonomischen Folgen der Gewalt gewidmet. Hier wird erkennbar, dass die derzeit verfügbaren Informationen darauf verweisen, dass Gewalt unter allen Aspekten unübersehbare Kosten immaterieller wie auch materieller, direkter und indirekter Art verursacht, wie z.B. im Hinblick auf Gesundheitsversorgung, Beratung, Unterstützung, Zuflucht, Strafverfolgung und Justiz, Verlust von Produktivität und Frühberentung. In den USA und anderen europäischen Ländern wurden die sozioökonomischen Kosten eruiert, deren Erhebung in Deutschland noch aussteht. Dies ist schon deshalb notwendig, um die Kosten für Präventionsmaßnahmen gegenrechnen zu können.
  3. Das dritte Kapitel richtet den Blick auf das Gesundheitssystem und seine Bedeutung für Gewaltprävention und -intervention. Hier diagnostizieren die Untersuchungen erhebliche Defizite bei der der Wahrnehmung von Verletzungen, die durch (häusliche) Gewalt entstanden sind. Nur jeder zehnte Fall z.B. wurde als durch häusliche Gewalt verursacht erkannt (81). Hier zeigt sich ein weit verzweigter, differenzierbarer Mangel an Wahrnehmung und Wissen zum Thema. Darüber hinaus werden Schwierigkeiten im Umgang mit wahrgenommenen Spuren von Gewalt deutlich. Mangelnde Sensibilität, Tabuisierung und ein medizinsystemtypisch verengter Blick auf die Symptome verhindern bisher, dass das Gesundheitssystem hier klärend und intervenierend tätig wird, so die AutorInnen. Ein weites Feld von Aus-, Fort- und Weiterbildung, von Verbesserung der Kooperation verschiedener Subbereiche des Gesundheitswesens untereinander wie auch mit sozialen Unterstützungssystemen tut sich auf. Allerdings muss m.E. hier auch festgestellt werden, dass an dieser Stelle Gesetzeslücken klaffen, die es den Angehörigen des Gesundheitssystems nicht leicht erlauben, nach Gewalteinwirkung zu fragen, ohne die Gefahr des Tatbestandes der Beleidigung zu erfüllen.
  4. Das vierte Kapitel beleuchtet den Forschungsstand zu den Barrieren des Zuganges zum Unterstützungssystem. Besonders die Tabuisierung von Gewalt, traditionelle Paarbeziehungskonzepte, Scham- und Schuldgefühle, Versagensgefühle, Angst vor Statusverlust und die soziale Kontrolle verhindern die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten. Die angebotenen Komm-Strukturen zur Unterstützung Betroffener sind zu hochschwellig, um wirksam werden zu können. Hier wird der Bedarf nach neuen Strategien erkennbar, die es ermöglichen, trotz der Barrieren an Hilfeangeboten zu partizipieren. Ferner wird der Forschungsbedarf sichtbar, die unterschiedlichen Barrieren der verschiedenen Gruppen, wie Migrantinnen, Frauen mit Behinderung, etc. zu beseitigen. Gesamtgesellschaftlich ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Geschlechterkonstruktion und Gewalt erforderlich.
  5. Welche Anforderungen sind an ein bedarfsgerechtes Unterstützungssystem gestellt, wie müssten Hilfsangebote gestaltet sein, um ihr Ziel zu erreichen. Danach fragt das nächste Kapitel. Die Erhebungen zeigen, dass seit den Initiativen der 70er Jahre die Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Frauen Fortschritte gemacht haben. Veränderungsbedarf besteht in der ausreichenden und langfristigen finanziellen Absicherung spezieller Einrichtungen. Verschiedene Ergänzungen und Optimierungen der bestehenden Unterstützungssysteme könnten die Arbeit effizienter werden lassen.
  6. Die Notwendigkeiten des Unterstützungsausmaßes unterscheiden sich nach den Kriterien Bildungsstand, minderjährige Kinder im Haushalt und Trennung/Zusammenleben mit dem Schädiger. Je schneller eine Trennung vollzogen wird, desto handlungsfähiger erweisen sich die Frauen. Je länger eine Gewaltbeziehung andauert, desto größer sind die Einbußen an Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit und desto umfangreicher müssen die Unterstützungsmaßnahmen ausfallen.
  7. Der Wirkung und Wirksamkeit von Täter- und Antigewaltprogrammen wendet sich das siebente Kapitel zu. Nicht geklärt ist, wie die Effektivität solcher Maßnahmen zu bewerten ist. Ist der Maßstab die absolute Gewaltfreiheit oder die relative Gewaltreduktion? (218) Insgesamt stellen die AutorInnen fest, dass diese Maßnahmen auch dann ihre Wirksamkeit entfalten, wenn sie justiziell gewiesen wurden. Allerdings machen sowohl die Erfolgs- wie die Rückfallquoten nachdenklich. Hier sollten verschiedene Typen von Tätern genauer differenziert werden und die Programme noch genauer ausgerichtet werden. Täterprogramme ergänzen die justiziellen Sanktionen, aber sie ersetzen sie nicht. Auch auf diesem Feld besteht weiterer Forschungs- und Vernetzungsbedarf.
  8. Als positiv bewertet wird das Instrument des Platzverweises durch polizeiliches Eingreifen bei häuslicher Gewalt, wenn auch klar hervortritt, dass dies kein Allheilmittel darstellt. (254) Der Einführung von Stereotypen zur Einschätzung des Gefährdungspotenziales stehen die AutorInnen eher mit Distanz gegenüber und plädieren für Sorgfalt und Beharrlichkeit bei der Intervention in jedem einzelnen Fall. Auch im Bereich amts- und staatsanwaltlichen Handelns zeigt sich Forschungsbedarf: So gilt es, standardisierte Verfahren zur Information Geschädigter über das Ausmaß der Anklage und den Fortgang des Verfahrens zu entwerfen. Ebenso stehen noch Untersuchungen zur Sicherheit der gefährdeten Zeuginnen aus. (Kap. 8)
  9. Seit Ende der 90er Jahre werden zunehmend auch die Belange der Kinder in Situationen häuslicher Gewalt beachtet. Kinder tragen durch die Gewalterfahrung ihrer Mütter z.T. erhebliche psychosoziale Folgen davon, die z.T. in unterfinanzierten Einrichtungen besonders der Neuen Bundesländer nicht hinreichend bearbeitet werden können. (273f) Probleme der Trennung wegen Gewalt und das Umgangsrecht der Väter mit ihren Kindern z.B. erzeugt erhebliche Reibungsflächen, die sich als gefährlich für die Mütter hausstellten. Hier und in weiteren Konfliktfeldern muss daran gearbeitet werden, die intervenierenden und schützenden Maßnahmen besser aufeinander abzustimmen.
  10. Schließlich wird der Stand der Kooperation zwischen verschiedenen Institutionen bei Häuslicher Gewalt aufgezeigt. Erfreulicherweise wurden standardisierte Verfahren und Interventionsketten festgelegt, um die Hilfsangebote zu optimieren. Diese sollten jedoch aufgrund der erfahrenen Defizite an den Schnittstellen weiterentwickelt werden.
  11. Der Band schließt mit der Darstellung der Konsequenzen aus den Erkenntnissen für Praxis, Forschung und Politik. In komprimierter Form werden die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. An dieser Stelle seien besonders die an die Politik gerichteten Forderungen angedeutet: Notwendig sind langfristige, stetig evaluierte, durch Mentoring, Forschung und Datensammlungen begleitete Modellprojekte, die nach erfolgreicher Durchführung auf dem besten Stand der Möglichkeiten verstetigt werden, ein der Komplexität der ineinander greifenden Gewaltformen gerecht werdendes Vorgehen, Abbau schwerfälliger Praxis in und zwischen den Behörden und Institutionen, Abbau von Barrieren der Kooperation, bessere Abstimmung verschiedener Ministerien wie z.b. dem des Inneren, der Justiz und der Gesundheit/ Frauen…, Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, die z.B. Hartz IV und AL II-Empfängerinnen nicht in Gewaltverhältnissen festhält oder es Migrantinnen unmöglich macht, sich aus Gewaltverhältnissen zu befreien aufgrund von ausländerrechtlichen Regelungen.

Diskussion

Das Kompendium ist wichtig für alle, die sich theoretisch und/oder praktisch mit Gewalt in den Geschlechterverhältnissen befassen. Alle sollten es lesen, in deren Arbeitsgebieten Gewalt zwischen den Geschlechtern auf welcher Ebene auch immer eine Rolle spielen könnte. Besonders ist es empfohlen der Sozialarbeit, den Mitarbeitenden im Gesundheitssystem, in der Schule, im psycho-sozialen Beratungsfeld und ganz besonders der großen und der regionalen Politik.

Aufgrund der verschiedenen methodischen Ansätze und der vielen Daten ist der Zugriff auf die Erkenntnisse dieses Werkes nicht ganz leicht. Bei mittlerer Motivation jedoch ergibt sich eine Flut und Fülle von Informationen, die ausgesprochen wichtig sind.

Fazit

Jede und jeder, der zum Thema Gewalt in den Geschlechterverhältnissen weiterforschen will, wird nicht umhin kommen, dieses Buch zu studieren. Leider ist es zum Ende hin nicht mehr ganz so gut lektoriert.


Rezension von
Prof. Dr. Christiane Burbach
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Zitiervorschlag
Christiane Burbach. Rezension vom 31.03.2009 zu: Stefan Beckmann, Sabine Bohne, Ulrike Brandfaß: Gewalt im Geschlechterverhältnis. Erkenntnisse und Konsequenzen für Politik, Wissenschaft und soziale Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-054-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6107.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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