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Nevim Çil: Topographie des Außenseiters (Türkische Generationen)

Cover Nevim Çil: Topographie des Außenseiters. Türkische Generationen und der deutsch-deutsche Wiedervereinigungsprozess. Verlag Hans Schiler 2007. 305 Seiten. ISBN 978-3-89930-192-2. 32,00 EUR.

Schriftenreihe Politik und Kultur - 9.
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Thema

Die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei kamen Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland, nach dem die Bundesrepublik und die Türkei ein Abkommen über die Abwicklungen der türkischen Gastarbeiter am 31.10.1961 unterzeichnet haben. Während in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre hier und da kleinere Berichte in Zeitungen und Zeitschriften über die damaligen Gastarbeiter veröffentlicht wurden, weckte die Gruppe der türkische Gastarbeiter ab Mitte der 1970er Jahre auch das Interesse der Wissenschaft. Dieses Interesse der Wissenschaft war zunächst davon geprägt, dass arbeitslose Wissenschaftler auf der Suche nach Profilierung die damaligen Gastarbeiter und deren Kinder im schulischen Kontext entdeck haben. Ab diesem Zeitpunkt bis Ende der 1990er Jahre war Migration im Allgemeinen und die türkischen Migranten im Speziellen ein Nischenthema. Erst nach den Anschlägen vom 11. September und dem Diskurs danach sind diese Themen in der öffentlichen, medialen und politischen Agenda. Seit Mitte der 1970er Jahre ist in diesem Feld sehr viel passiert, die wie folgt zusammengefasst werden kann:

  • Man redet nicht mehr von Gastarbeitern, sondern von „Deutsch-Türken“, „Bindestrich-Jugendlichen“ oder aber „Jugendliche oder Menschen mit Migrationshintergrund“.
  • Mittlerweile interessieren sich nicht nur arbeitslose Akademiker für diese Themen, sondern ganze Lehrstühle oder universitäre und außeruniversitäre Institute, wie z. B. an der Universität Köln, Bremen, Oldenburg oder das Zentrum für Türkeistudien in Essen.
  • Zahlreiche Professurstellen an den Universitäten und Fachhochschulen, die öffentlich ausgeschrieben werden müssen, setzen voraus, sich in Migrationsthemen auszukennen.
  • Das Innenministerium installierte eine deutsche Islamkonferenz, während das Bundeskanzleramt zu einem Integrationsgipfel einlud, mit dem Ziel, die Integration der Migranten zu beschleunigen.
  • Unzählige Forschungsberichte, Dissertationen oder Habilitationsschriften beschäftigen sich mit den Problemlagen, Integration oder Bildungslage der türkischen Migranten.

Bei dieser unübersichtlichen Themenkomplex fiel mir eine Veröffentlichung sofort ins Auge, womit ich mich bis heute überhaupt nicht beschäftigt hatte: wie „verarbeiteten“ die türkischen Migranten den Mauerfall und die deutsch-deutsche Einheit in den Jahren 1989/90? Zu diesem Thema ist kaum etwas vorhanden, weil in dieser Zeit Deutschland sich in einer Ausnahmesituation befand. Nevim Çil beschreibt mit diesem Buch sehr ausführlich anhand von Interviews, wie Migranten türkischer Herkunft den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und die Brandanschläge von Mölln (1992) und Solingen (1993) erlebt haben.

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Nevim Çil studierte Religionswissenschaften, Ethnologie und Politikwissenschaft in Berlin. Der folgende Band ist ihre Dissertationsschrift, die sie im Jahre 2005 an der Freien Universität Berlin eingereicht hat. Seit Mai 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin im Forschungsprojekt „Verwandtschaftskulturen“ im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel Interkulturelle und intertemporale Vergleiche“.

Zielgruppe

Lehrende, Studierende, Migrationsforscher, Vertreter der Medien und Politik sowie interessierte Öffentlichkeit. 

Aufbau und Inhalt

Gemeinsam mit der Einleitung, die aber sehr ausführlich ausfällt, ist dieses Buch in sechs Kapiteln zusammengesetzt.

Im Kapitel „Einleitung“ beschreibt die Autorin nicht nur ihre Motivation zum Thema, sondern beschreibt die Entstehung des Forschungskontextes. Nevim Çils Arbeit basiert auf der Grundlage der Generationsbeziehung, die sie wie folgt beschreibt: „Diese Lesart der türkischen Generationsbeziehung als eine soziopolitische Beziehung stellt die Frage nach den Bedingungen und der Ausgangsbasis für eine türkische Generationsbeziehung in den Vordergrund.“ (S. 20f.) Der zweite Abschnitt der Arbeit ist mit der Überschrift „Theoretischer Rahmen und Methode“ gekennzeichnet. Die Autorin nimmt die Theorie „Etablierte und Außenseiter“ von Elias und Scotson als Folie für ihre Dissertation. In dieser Theorie geht es darum, dass sich die Beziehung zwischen Etablierten und Außenseitern je nach gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Lage spezifisch gestaltet. Keine Beziehung gleicht der anderen und doch gibt es algemeingültige Regelmäßigkeiten zwischen Etablierten und Außenseitern, die allen Beziehungen zugrunde liegen (vgl. S.33f.). Als Methode wählt die Autorin das narrative Leitfadeninterview. Hier führt die Çil 16 Interviews, sechs davon mit Pioniergeneration [1] und zehn Interviews mit Nachkommengenerationen. In Kapitel drei bis fünf beschreibt Çil unterschiedliche Themen (im Kapitel drei „Selbstwahrnehmung und Selbstbilder der Generationen“, im Kapitel vier „Deutschlandbilder der Generationen“ und im Kapitel fünf „Generationenbilder im Migrationskontext“) aus Sicht der Generationen. Das Buch endet mit dem Kapitel „Generation und Migration im Kontext der gesellschaftlichen Umbruchsphase“, das als Gesamtresümee des Buches bewertet werden kann.

Diskussion

Unabhängig von der Fragestellung – in diesem Kontext, wie sehen die unterschiedlichen Migrationsgenerationen die Ereignisse „Mauerfall“, „Deutsche Einheit“ und die Brandanschläge von Mölln und Solingen? – ist die Beschreibung und das subjektive Erleben und Wahrnehmen der unterschiedlichen Generationen der gleichen Ereignisse von großer Bedeutung. Nevim Cil beschreibt anhand dieser Ereignisse, wie die Generationen die politischen und sozialen Veränderungen, bezogen auf ihre persönliche Situation, wahrnehmen. Demnach erscheinen für Pioniergeneration Ereignisse, die die ökonomische Position betreffen, wichtiger als solche, die die soziale Position in Deutschland berühren. Vor allem die fehlende Anerkennung für die geleistete Arbeit bedeutet für die Pioniere eine Enttäuschungserfahrung während der Wiedervereinigung (vgl. S. 254f.) Die Nachkommengeneration erfährt die Ereignisse aus den Jahren 1989/1990 als sozialen Sturz. Für diese Gruppe erweist sich der Mauerfall und die Wiedervereinigung als eine Zäsur ihrer gesellschaftlichen Position (vgl. S. 261f.). Dieser Vergleich der Generation zeigt eindrucksvoll, dass die Pioniergeneration in erster Linie aufgrund der eingeschränkten Chancen auf dem Arbeitsmarkt das eigene Migrationsprojekt gefährdet sieht, während die Nachfolgegeneration die Unveränderbarkeit der eigenen Position als zentrales Thema betrachtet.

Fazit

Das Buch ist uneingeschränkt allen Interessierten empfohlen, die nicht nur über die Ereignisse „Mauerfall/Deutsche Einheit“ aus Sicht der türkischen Migranten andere, unerforschte Aspekte kennen lernen, sondern sehr aufschlussreiche und informative Erkenntnisse über Generationsverhältnisse der türkischen Migranten bekommen werden. Ein innovatives, sprachlich hervorragend geschriebenes Buch, das man gelesen haben müsste, wenn man sich mit Themen der Integration und Migration beschäftigt.   


[1] Die Autorin benutzt durchgängig diesen Begriff, der in der Literatur als erste Generation bekannt ist.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 15.10.2008 zu: Nevim Çil: Topographie des Außenseiters. Türkische Generationen und der deutsch-deutsche Wiedervereinigungsprozess. Verlag Hans Schiler 2007. ISBN 978-3-89930-192-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6113.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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