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Jörg Maywald, Bernhard Schön (Hrsg.): Krippen. Wie frühe Betreuung gelingt

Cover Jörg Maywald, Bernhard Schön (Hrsg.): Krippen. Wie frühe Betreuung gelingt. Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 240 Seiten. ISBN 978-3-407-85861-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 29,00 sFr.
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Thema

Der Ausbau der Krippenbetreuung ist in Deutschland in vollem Gange und gilt noch lange nicht als abgeschlossen. Tausende von Kindertagesstätten haben den Auftrag Kinder unter drei Jahren zukünftig in ihre Einrichtungen aufzunehmen und den Familien eine gute Situation für die Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder zu bieten. Die Autoren Maywald und Schön zeigen in ihrem Buch auf, welche neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse es über die Bedürfnisse von Kleinkindern gibt und wie in auf diese in der Praxis angemessen reagiert werden kann. Viele bekannte Autoren und Autorinnen haben an dem Buch mitgewirkt und ihr Fachwissen mit eingebracht.

Maywald und Schön möchten mit ihrer Veröffentlichung einen realistischen Blick auf die Chancen und die Risiken von Krippenerziehung werfen. Dafür werden die Forschungsergebnisse und fachlichen Positionen ausgewiesener Wissenschaftler und Praktiker aufgezeigt, aktuelle Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Frühpädagogik und Sozialwissenschaften berücksichtigt und Erfahrungen und zukunftsweisende Konzepte aus der Praxis zusammen getragen. Die Veröffentlichung versteht sich als Plädoyer für einen bedarfsgerechten Ausbau der Krippenbetreuung, der sich an fachlich anerkannten und politisch abgesicherten, überprüfbaren und regelmäßig zu überprüfenden Qualitätsstandards orientieren sollte.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren haben sich beim Aufbau des Buches auf fünf Kapitel beschränkt, die einen unterschiedlichen Blick auf die Thematik haben.

Im ersten Kapitel wird von Jörg Maywald eine Bestandsaufnahme zur Krippensituation in Deutschland aufgezeigt. Dazu geht er zunächst auf die geschichtliche Entwicklung von Familien und entsprechenden Betreuungsangeboten außerhalb der Familie ein. Der Autor zeigt vier Forderungen auf, die an das Thema gestellt werden sollten:

  1. Kinder sollten früher an Bildung heran geführt werden.
  2. Alle Kinder sollten gerechte Chancen auf eine Teilhabe an Bildungs- und Erziehungsprozessen haben.
  3. Familien sollten eine bessere Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit erhalten.
  4. Als Bestandteil einer kinder- und familiengerechten Politik muss die Krippenbetreuung ausgebaut werden.

Im zweiten Kapitel werden von Martin Dornes, Éva Hédervàri-Heller, Lieselotte Ahnert und Maike Gappa die kindliche Entwicklung, mütterliche Berufstätigkeit, die Bindung zwischen engster Bezugsperson und Kind und die gemeinsame Erziehungsverantwortung von Familie und Erzieher/innen in der Krippe betrachtet.

Kapitel 3 befasst sich mit dem Alltag in der Krippe. Wie sollte eine gute Eingewöhnungszeit in der Krippe für Bezugspersonen und Kind ablaufen und an welchen Kriterien können sich Erzieher/innen orientieren? Éva Hédervàri-Heller zeigt hier das Berliner Eingewöhnungsmodell auf, in dem in fünf Phasen die Eingewöhnung ablaufen sollte:

  1. Rechtzeitige Information der Eltern.
  2. Dreitätige Grundphase.
  3. Vorläufige Entscheidung über die Dauer der Eingewöhnungszeit .
  4. Stabilisierungsphase und
  5. Schlussphase.

Joachim Bensel und Gabriele Haug-Schnabel erläutern weiterhin im dritten Kapitel wie Alltag, Bildung und Förderung in einer Krippe aussehen sollten und betonen, dass Eltern die wichtige Aufgabe haben, die Qualität einer Krippe zu beurteilen und die „richtige“ Krippe für ihr Kind zu finden. Hier findet sich auch eine Checkliste für kompetente Eltern.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage nach der Qualität von Krippenangeboten und einer Vorstellung davon, wie Krippen sein können. Wiebke Wüstenberg und Kornelia Schneider nehmen verschiedene Gruppen-Konstellationen von Kleinkindern in Kindertagesstätten in den Blick und plädieren dabei für ein möglichst große Vielfalt im zukünftigen Angebot. Sigrid Ebert befasst sich mit den Anforderungen an eine professionelle Ausbildung, sowie Fort- und Weiterbildung der Erzieher/innen, die in diesem Feld arbeiten werden. Susanne Viernickel verfasste den letzten Teil des vierten Kapitels zur Frage, ob und wie gute Krippenqualität zu messen ist. Hierbei spielen Faktoren wie der Erzieher-Kind-Schlüssel, die Gruppengröße und die Qualifikation des Personals eine wichtige Rolle.

Im letzten Kapitel zieht Jörg Maywald ein Resümee darüber, wie frühe Betreuung gelingen kann. Alleine durch Checklisten werden Eltern auch in Zukunft nicht immer die richtige und gute Betreuungssituation für ihr Kind finden. Eltern müssen immer ein „gutes Gefühl“ für die Krippe entwickeln können, in der sie ihr Kind in Betreuung geben. Es ist wichtig, dass die Kindertageseinrichtungen sich konzeptionell mit den Kindern unter drei Jahren auseinandersetzen und auf die vielfältigen Fragen, die Eltern an eine Krippe stellen sollten, gute Antworten parat haben.

Zielgruppen

Pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wie Erzieher/innen, Kinderpfleger/innen, Sozialassistenten/innen, Heilpädagogen/innen, Sozialpädagogen/innen; aber auch Eltern / Bezugspersonen, die eine Krippe für ihr Kind suchen oder sich mit der Frage auseinandersetzen, ob eine Krippe eine gute Betreuungssituation für ihr Kind sein könnte.

Diskussion

Die Veröffentlichung „Krippen – wie frühe Betreuung gelingt“ zeigt einen guten Überblick an die Herausforderungen, die die politischen Entscheidungen ein familienfreundlicheres Klima in Deutschland zu fördern, an pädagogische Fachkräfte stellt. Im gleichen Atemzug ist die hohe Verantwortung der Eltern / Bezugspersonen der Kinder zu nennen, die entscheiden müssen welches Angebot den eigenen Ansprüchen an Qualität gerecht wird. Die vorhandene Checkliste gibt Familien wahrscheinlich Sicherheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch wenn Jörg Maywald zu Recht darauf hinweist dass nicht alle Kriterien rational zu belegen sind. Es wird immer auch wichtig sein das eigene Gefühl in Bezug auf die richtige Krippe zu beachten.

Die fachliche Qualifikation der Autoren/innen steht außer Frage, da sie durch zahlreiche Veröffentlichungen und Forschungen in der Thematik eindeutig ausgewiesen sind. Die Beiträge sind gut lesbar verfasst.

Fazit

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass die Veröffentlichung einen sehr guten Überblick vermittelt und als Grundlagenliteratur für Familien und Kindertagesstätten gelten könnte. Wichtige Bedürfnisse von Kindern unter drei Jahren werden in den Blick genommen und ausgeführt. Die Notwendigkeit von Krippen, auf diese Bedürfnisse von Kindern und Familien zu reagieren wird sehr deutlich vermittelt. Es wäre wünschenswert, dass Eltern diesen Ratgeber nutzen, um sich mit der Frage nach dem geeigneten Bildungsort für ihr Kind auseinanderzusetzen. Weiterhin sollten Kindertagesstätten, die ihren Ausbau um Angebote für Kinder unter drei Jahren planen oder bereits umsetzen sich mit den Forderungen an gute Qualität für die Kinder messen.

Dass ein quantitativer Ausbau von Krippenplätzen in Deutschland dringend einher gehen muss mit massiven Qualitätsverbesserungen könnte noch deutlicher vertreten werden. Die tatsächliche Situation in Krippen zeigt häufig noch deutliche Defizite im Vergleich zu den Forderungen aus Wissenschaft und Praxis.

Viele der hier formulierten Qualitätsanforderungen gelten nicht nur für die Krippe, sondern auch für andere Formen der Gruppenzusammensetzung für Kinder unter drei Jahren. Daher ist der Titel meiner Meinung nach etwas zu eng gefasst. Weiterhin ist die Fokussierung im Titel auf die Betreuung von Kindern unter drei Jahren im Text erfreulicherweise nicht mehr nachvollziehbar. Die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern im Vorschulalter in Kindertageseinrichtungen als ein gesetzlich formulierter Auftrag reduziert sich im Titel der Veröffentlichung auf die Betreuung der Kinder.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees
Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Koblenz im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“.


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Zitiervorschlag
Sonja Hees. Rezension vom 27.08.2009 zu: Jörg Maywald, Bernhard Schön (Hrsg.): Krippen. Wie frühe Betreuung gelingt. Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. ISBN 978-3-407-85861-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6114.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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