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Niels Habermann: Jugendliche Sexualmörder

Cover Niels Habermann: Jugendliche Sexualmörder. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2008. 166 Seiten. ISBN 978-3-89967-443-9. 15,00 EUR.
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Thema

Sexualmorde durch Jugendliche sind sehr seltene Ereignisse. Die Kriminalstatistik verzeichnet in Deutschland zwar einen Anstieg der Zahl tatverdächtiger Jugendlicher bei Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung. Tötungsdelikte durch Jugendliche im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen und Fantasien dagegen sind sehr selten Ereignisse, für die sich in den letzten zwei Jahrzehnten kein Anstieg feststellen ließ. Die relative Seltenheit sexueller Tötungsdelikte durch Jugendliche (in Deutschland 0 bis 3 Fälle pro Jahr) begründet die Tatsache, dass diese Deliktart bzw. dieser Tätertyp noch weitgehend unerforscht sind. Nur wenige Studien befassen sich, wie die vorliegende Studie, explizit mit Jugendlichen, die sexuell motivierte Tötungsdelikte begangen haben.

Die im vorliegenden Buch dargestellten Forschungsergebnisse basieren auf einer Stichprobe von 19 jugendlichen Sexualmördern. Basierend auf Einzelfall- und Gutachterberichten analysiert der Autor das vorliegende empirische Wissen, erarbeitet Gemeinsamkeiten und individuelle Besonderheiten. Zentrale Fragen der vorliegenden Untersuchung sind:

  • Sind  sexuell motivierte Tötungsdelikte mit anderen Formen von Jugenddelinquenz vergleichbar?
  • Lässt sich dieses Verhalten als eine vorübergehende Phase interpretieren, die sich im Zusammenhang mit Älterwerden und zunehmender Verantwortungsübernahme auswachst oder weist diese Tat auf eine überdauernde Gefährlichkeit und hohes Rückfallrisiko hin?

Entsprechend  hat die vorliegende Studie- als eigenständiger Teil einer Katamnesestudie des Instituts für Sexualforschung & Forensische Psychiatrie des  Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf - zum Ziel, valide Kriterien für eine Gefährlichkeitsprognose bei sexuell motivierten Tötungsdelikten zu ermitteln.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel Stand der Forschung dient der Darstellung des bisherigen Wissens über jugendliche Sexualmörder sowie allgemeiner Befunde der Delinquenzforschung. Studien und Befunde zu jugendlichen Sexualmördern, zu sexuellen Tötungsdelikten sowie Vergleichsstudien von jugendlichen und erwachsenen Sexualstraftätern werden im Folgenden kurz referiert und unter den Gesichtspunkten wesentlicher Tätermerkmale und Rückfallrisiko, auch bezogen auf nicht sexuelle Delikte, untersucht. Vor dem Hintergrund des dargestellten Forschungsstands werden vier zentrale Fragestellungen abgeleitet, die im Rahmen der im vorliegenden Buch dargestellten Analysen verfolgt und beantwortet werden:

  1. Welche Entwicklungspfade gehen einem sexuellen Tötungsdelikt im jugendlichen Alter voraus?
  2. Welche Tatmotive und Tatverläufe liegen sexuellen Tötungsdelikten bei Jugendlichen zugrunde?
  3. Welche Delinquenzverläufe lassen sich über die gesamte Lebensspanne beobachten?
  4. Worin unterscheiden sich jugendliche und erwachsene Sexualmörder und welche Kriterien erlauben eine Prognose hinsichtlich Rückfallrate/ Gefährlichkeit bzw. Folgedelinquenz und Delinquenzverlauf?

Nach einführender Darstellung der Methodik der vorliegenden Studie werden im dritten und umfangreichsten Kapitel des Buches konkrete Fallbeispiele vorgestellt auf deren Grundlage Ergebnisse abgeleitet, zusammengefasst und analysiert werden. Der retrospektive Vergleich der Fallbeispiele zeigt u. a., dass es den Entwicklungspfad zur Tat bzw.das Schlüsselerlebnis, das zwangsläufig zur Tat führt, nicht gibt. Zugleich werden vielfältige Ähnlichkeiten/ Muster/ Risikofaktoren  in Bezug auf Vor- bzw. Familiengeschichte, ungünstige Entwicklungsbedingungen, Verhaltensauffälligkeiten, psychische Störungen, besonders auch Auffälligkeiten in Bezug auf Sexualentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung  und Persönlichkeitsprofile deutlich. So zeigten die ermittelten Daten, dass fast alle jugendlichen Sexualmörder gravierende Beziehungs- und Verhaltensstörungen, mangelnde Empathie, Schulprobleme, vielfach Delinquenz und Alkoholmissbrauch zeigten. Es fanden sich Hinweise auf hirnorganische, psychiatrische oder körperliche Störungen sowie Auffälligkeiten im Bereich der Sexualentwicklung. Als übergeordnete Risikofaktoren/ Problemkonstellationen wurden feststellen: Aufwachsen unter entwicklungshemmenden, auch vielfältig traumatisierenden Bedingungen besonders zwischen dem 1. und 6. Lebensjahr und ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten bereits vor dem Tötungsdelikt, Defizite besonders im Bereich sozialer Fähigkeiten mit häufigen sozialen Ausgrenzungen, die besonders im Zusammenhang mit kritischen Lebensphasen ( Schuleintrittsalter, beginnende Pubertät ) erkennbar wurden.

Bezogen auf Tatverhalten und unmittelbarer Tatmotive konnte aufgezeigt werden, dass es das typische Tatverhalten bei sexuellen Tötungsdelikten durch Jugendliche wie auch typische Delinquenzverläufe nicht gibt. Tatmerkmale wie Tatort, Opferwahl, Art der Gewaltausübung, das Spektrum sexueller Handlungen wie auch emotionaler Zustände variierten stark. Tatsituationen entwickelten sich sowohl spontan, aufgrund einer als günstig erachteten Situation wie auch geplant oder aufgrund einer temporären psychischen Verfassung. Als die beiden wesentlichen Tatmotive wurden einerseits ein hohes Maß an aggressiver Impulsivität andererseits Paraphilie und sexuell deviante Fantasien mit progredienten Verlauf herausgearbeitet

Im Weiteren wurden charakteristische Delinquenzverläufe erarbeitet. Bezogen auf Delinquenz vor dem ersten Tötungsdelikt zeigt der Autor z. B. folgende Zusammenhänge auf: schon vor der Tötungstat fielen viele Jugendliche durch frühe und häufige Delinquenz auf sowie durch  sexuelle Übergriffe, die in ihrer Vorgehensweise bereits große Ähnlichkeiten mit der Tötungstat hatten. Mehrere Tötungsversuche bzw. –delikte stellten keine Ausnahme dar. Die Rückfälligkeitsdaten waren insgesamt hoch.  

Vergleiche zwischen jugendlichen und erwachsenen Tätern ergaben neben vielen Gemeinsamkeiten auch deutliche Unterschiede. Häufiger als erwachsene Täter wurden Jugendliche in ihrer Kindheit sozial ausgegrenzt bzw. sozial isoliert. Sie waren beim ersten Delikt signifikant jünger waren und zeigten stärkere Auffälligkeiten in ihrer Sexualentwicklung. Das Risiko der Jugendlichen, erneut Sexual- und/ oder Gewaltdelikt zu begehen, war insgesamt erhöht. Es werden entsprechende Zahlen zur Rückfälligkeit jugendlicher Sexualmörder dargestellt.

Nach Analyse und Vergleich der vorliegenden Daten schließt das Buch mit einer Diskussion der Ergebnisse ab, die sich an den  vier oben vorgestellten Hypothesen orientiert. Es werden einerseits Limitierungen dieser Studie (bedingt durch die kleine Stichprobe) benannt, aber auch Schlussfolgerungen, Vergleiche mit internationalen Studien und weiterführende Überlegungen, dargestellt.

Der weitere Entwicklungsverlauf  von Sexualmördern- so die weiterführenden Überlegungen des Autoren - hängt von vielen Faktoren ab. Eine fortschreitende, negative Entwicklung bzw. Verfestigung der Fehlentwicklung kann über Behandlungen der schweren psychischen und Persönlichkeitsstörungen verhindert werden. Es wurde auf signifikante Behandlungseffekte bei jugendlichen Sexualstraftätern hingewiesen und zugleich aber auch auf ein schmales Zeitfenster für risikoreduzierende Interventionen. Eine reine Bestrafung, so belegt der Autor, führt dagegen zu einer Verfestigung dissozialer und devianter Strukturen.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch zum Thema Jugendliche Sexualmörder liegt im deutschsprachigen Raum erstmals ein hochinteressanter und differenzierter, empirischer  Forschungsbericht zu diesem Thema vor. Die Mischung aus konkreten Fallgeschichten und detaillierter, wissenschaftlicher Analyse ermöglicht dem Leser in besonderem Maße Einfühlung in Menschen, die als Jugendliche im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen und Fantasien Tötungsdelikte gegangen haben. Nur die wenigsten Sexualmorde –so zeigt auch diese Studie - ereignen sich aus heiterem Himmel. Sie kündigen sich oftmals in Fantasien und Gedanken der späteren Täter an, die aber zugleich an Vereinsamung, sozialen Fehlentwicklungen, vielfältigen Misserfolgen und Ausgrenzungserfahrungen leiden. Die detaillierte Analyse der Entwicklungsgeschichte bis zur Tat beleuchten die neben den überhäufig, belastenden Vorgeschichten der jugendlichen Täter wie auch deren auffällige Persönlichkeitsprofile.

Die vorliegende Studie zeigt  deutlich, wo Ansatzpunkte zur Vermeidung von Sexualmorden und ferner auch zur Vermeidung von Wiederholungstaten liegen können. Wollen wir Sexualmorde verhindern, lässt sich sowohl im Vorfeld der Tat über präventive Arbeit wie auch durch nachfolgende Behandlung das (Rückfall-)Risiko senken. Das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für hochproblematische Entwicklungs- und Persönlichkeitskonstellationen werden mit diesem Buch deutlich geschärft, Ansatzpunkte für präventive Arbeit und risikoreduzierende Interventionen werden gleichzeitig sichtbar.

Insgesamt erleichtert die übersichtliche und sachliche Gestaltung des Buches ein tief greifendes Verständnis des vorliegenden Forschungsansatzes, zeigt die vorliegende Promotionsstudie eine gut lesbare und gelungene Mischung aus konkreter Einzelfallbeschreibung und wissenschaftlicher Analyse.

Fazit

Zusammenfassend halte ich die vorliegende Studie zum Problemkreis jugendlicher Sexualmörder für ein sehr empfehlenswertes, anspruchsvolles Fachbuch, besonders für Personen in verschiedenen therapeutischen, pädagogischen und juristischen Berufsfeldern.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Klaudia Kornblum
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin


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Zitiervorschlag
Klaudia Kornblum. Rezension vom 22.06.2008 zu: Niels Habermann: Jugendliche Sexualmörder. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2008. ISBN 978-3-89967-443-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6122.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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