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Carola Flad, Sabine Schneider u.a.: Handlungskompetenz in der Jugendhilfe

Cover Carola Flad, Sabine Schneider, Rainer Treptow: Handlungskompetenz in der Jugendhilfe. Eine qualitative Studie zum Erfahrungswissen von Fachkräften. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2008. 260 Seiten. ISBN 978-3-8350-7015-8. 35,90 EUR.

Reihe: VS research. Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft.
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Thema

Auch unter den Bedingungen einerseits von Ökonomisierung bzw. Verbetriebswirtschaftlichung und fachlicher Modernisierung im Kontext gesellschaftlicher Spaltungsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe andererseits besteht die Notwendigkeit (immer wieder neu), dass sich die hier tätigen Fachkräfte ihrer fachlichen Handlungskompetenzen vergewissern bzw. sie diese den sich wandelnden Bedingungen angemessen anpassen. Dabei gilt es nicht nur, sich auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen, sondern diese auch aktiver zu gestalten. Doch was sind Handlungspotenzen in der Kinder- und Jugendhilfe? Wie entwickeln sie sich? Oder: Wie müssten sie sich angemessen entwickeln, um den Zumutungen der Ökonomisierung mit ihrer außerfachlichen Zuschreibungen, Begriffshubereien und Indienststellungsmechanismen ihr Proprium des Könnens und Wissens entgegen zu stellen und den Veränderungen im Aufwachsen und den familialen Konstellationen sowie den Restriktionen der Lebensbewältigung Rechnung zu tragen? Die Debatte hierum ist weder neu noch je abgeschlossen, wie zum Beispiel die Beiträge in der von Hans-Uwe Otto, Thomas Rauschenbach und Peter Vogel herausgegebenen Veröffentlichung exemplarisch zeigen (Erziehungswissenschaft: Professionalität und Kompetenz, Opladen 2002); ähnlich argumentieren die Autor/inn/en einer Fülle vergleichbarer Werke. Auch die vorliegende Publikation von Flad, Schneider und Treptow liefert daher – das sei vorangestellt – „nur“ aktuellere Hinweise, wie sich Fachlichkeit und (Handlungs-) Kompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe (weiter) entwickelt.

Autorin und Autoren

Carola Flad ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Handlungsspezifische Kompetenzentwicklung" am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen sowie als Mitarbeiterin der Stiftung „Zukunft der Jugend" der Stadt Stuttgart tätig, Dr. Sabine Schneider als wissenschaftliche Angestellte der Abteilung Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen und Dr. Rainer Treptow ist Professor der Universität Tübingen und hat dort den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft, Abteilung Sozialpädagogik, inne. An der Publikation mitgewirkt haben Florian Eßner und Katharina Mangold.

Inhalt

Eines vorweg: Die vorliegenden Untersuchung ist keine Studie zur Handlungskompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe schlechthin. Im Rahmen des Projekts „KOMMIT“ wird die Handlungskompetenz von Fachkräften in der Jugendhilfe diakonischer Trägerschaft in Baden-Württemberg abgebildet – und dies auch „nur“ in der Bereichen der Hilfen zur Erziehung und der Jugendberufshilfe. Es liegt eine anonymisierte Befragung von 22 Fachkräften vor, die aus einer Liste von ca. 100 Ansprechpersonen ausgewählt und mittels Leitfadeninterview befragt wurden: 15 aus dem Bereich der Erzieherischen Hilfen (Erziehungshilfen), sieben aus der Jugendberufshilfe, davon neun mit so genannten Basisaufgaben (also „Arbeit am Kunden, an der Kundin“), acht, die mit Aufgaben der Bereichsleitung und teilweise Basisarbeit betraut sind, und fünf reinen Leitungskräften, wobei das Spektrum der repräsentierten Organisationen von bis zu fünf Mitarbeiter/inne/n (5 Einrichtungen), sechs bis zu 30 Fachkräften (12 Einrichtungen) und größeren Einheiten ab 31 Mitarbeiter/inne/n (5 Einrichtungen) reichte (S. 38ff):

  • Das 1. Kapitel der Veröffentlichung enthält knapp gehaltene Grundannahmen zur Beschreibung von Handlungskompetenz und Kompetenzentwicklung sowie der Forschung hierüber. Die Studie kommt insgesamt weitgehend ohne Bezüge zu den differenten Diskursen über Professionalität und Handlungskompetenz in der Sozialen Arbeit generell und der Kinder- und Jugendhilfe im Speziellen aus. Stattdessen sucht das Autorenkollektiv Anschluss an das Burkhard K. Müller (1997) entwickelte „selbstreflexive Praxismodell“, nachdem „Orientierungsfragen, als Fragen, was zu tun oder was zu ändern sei, immer nur praktisch entschieden werden können“ (S. 24). Der Band „lebt“ von dieser Orientierung: Immer wieder kommen die Fachkräfte zu Wort.
  • Im Fokus des 3. Kapitels stehen die Herausforderungen an Fachkräfte im beruflichen Alltags- und Aufgabenbezug. Untersucht wird, welche Herausforderungen sie sehen und wie sie diese bei der Aufgabenbewältigung und der Weiterentwicklung der Aufgaben im Handlungsfeld sehen. Zusammenfassend zeigen sich „kontinuierliche Steigerungen der Anforderungen“ in den verschiedenen Aufgabenfeldern, während zugleich die zur Verfügung stehenden Ressourcen abnehmen (S. 73). So genannte „Peripherieaufgaben“ (z. B. der Dokumentation, Evaluierung und Veröffentlichung) nehmen zu Lasten der fachlichen Kernaufgaben zu, die Peripherie wirkt also einschränkend nach innen (S. 78ff). Insoweit liefert auch diese Studie weitere Belege für die Zuspitzungen und Zumutungen im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Sozialen.
  • Im 4. Kapitel nimmt das Autorenkollektiv einen Quervergleich der Interviews vor und identifiziert professionelle Handlungskompetenzen in den der Hilfen zur Erziehung und der Jugendberufshilfe grundlegenden Interaktionskontexten, ihren Bedingungen und Begrenzungen. Ein Ergebnis der Betrachtung lautet, dass sich die Kompetenzanforderungen von Fachkräften sowohl in leitender als auch nicht-leitender Stellung „in weiten Teilen parallelisieren“ lassen, was auch zu einer Relativierung der Annahme führe, angehende Führungskräfte verfügten womöglich nur über unzureichende Kompetenzen (S. 140ff). Auch ein weiterer Befund verdient besondere Beachtung: Die diakonische Orientierung scheint (jedenfalls für die befragten) Fachkräfte nicht die Bedeutung zu haben, die ihr gemeinhin zugeschrieben wird; christliche Überzeugungen mögen im Einzelfall eine wichtige Bedeutung besitzen, für fachliches Handeln werden sie offenbar „nicht ausdrücklich als notwendig vorausgesetzt“ (S. 153).
  • Im 5. Kapitel werden sie die Bedingungen kompetenter Praxis, die intern wie extern entwickelten Interaktionskulturen und herausgebildeten Organisationsstrategien analysiert. Auch hier finden sich Hinweise, dass produktive Kulturen der Kooperation, gestützt auf Vertrauen, Respekt, Klarheit und Transparenz, „zentrale gestaltbare Bedingungen kompetenter Praxis“ darstellen (S. 179), fehlende strategische Transparenz zum Beispiel in Bezug auf Ökonomisierungsprozesse zu kritischen Positionierungen der Fachkräfte führt (S. 181) und Fachkräfte „mitgenommen“ werden und in „innovationsfördernde Arbeitskontexte“ integriert sein wollen (S. 182). Dabei handelt es sich ganz zweifellos um Befunde, die einer kritischen Personal- und Organisationsentwicklung nicht neu sein mögen und kaum überraschen werden, jedoch im Blick auf Trägerspezifika und Trägereigentümlichkeiten sicher jeweils neu ausbuchstabiert werden müssen.
  • Schließlich reflektieren Flad, Schneider und Treptow den Qualifizierungsbedarf von Fachkräften im Kontext des Diskurses zu Bildung und Organisationsentwicklung (Kapitel 6) und diskutieren resümierend (Kapitel 7) die Frage der sozialpädagogischen Fachautonomie „zwischen Erweiterung und Begrenzung“. Die einer solchen Untersuchung eigenen methodischen Aspekte werden kurz im 2. Kapitel erläutert.

Zielgruppen

Dem Verlag folgend wendet sich der Band vor allem an Fachkräfte im Bereich sozialer Dienstleistungen, insbesondere der Jugendhilfe, und helfender Berufe sowie Lehrkräfte und Studierende der Sozialpädagogik und der Sozialwissenschaften. Kann dem aber so gefolgt werden? Tatsächlich dürften die in der Kinder- und Jugendhilfe freier Träger in verantwortlicher Stellung Tätigen und die Lehrkräfte an Hochschulen und Universitäten, die für die Ausbildung eines fachlich angemessen qualifizierten Nachwuchs Sorge zu tragen haben, insbesondere von der Untersuchung profitieren und wertvolle Hinweise zur Organisations- und Fachkräfteentwicklung erhalten. Schon der „Übersprung“ etwa auf die Bedingungen öffentlicher Träger der Jugendhilfe dürfte schwer fallen.

Fazit

Die vorliegende Publikation liefert in letzter Konsequenz auch nur einen weiteren, gleichwohl sehr sinnvollen und ausgesprochen angemessenen Beitrag zur Rekalibrierung von Fachlichkeit und der Diskussion über Handlungskompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe. Sie illustriert aufgrund des sorgfältig aufbereiteten qualitativen Materials sehr deutlich, welche Kompetenzen aus Sicht (oft langjährig) tätiger Fachkräfte des untersuchten Trägers der Kinder- und Jugendhilfe unverzichtbar und welche strukturellen Bedingungen der Weiterentwicklung dieser Kompetenzen zuträglich sind. Sie verdeutlicht, welcher Qualifizierungsbedarf besteht, welchen Stellenwert kollegiale Infrastruktur für die Qualität von Kinder- und Jugendhilfe hat und worin die Spannungen zwischen einerseits fachlicher Autonomie bei „zunehmende(n) Schwierigkeiten für die Lebensbewältigung der Adressaten der Jugendhilfe“ (S. 229) und ökonomischen Zumutungen andererseits bestehen. Jenseits dieser Zuspitzung ist die Untersuchung auch ein weiterer Beleg gegen rezeptorische Zugänge und Standardisierungen des professionellen Handelns und für ein durch (Ergebnis-) Offenheit gekennzeichnetes fachliches Agieren, liegen doch hier die eigentlichen Widersprüche zwischen Ökonomie und Fachlichkeit, zwischen wirtschaftlicher Normierung und Lebenswelt- und Adressatenorientierung.

Zugleich bildet das Autorenkollektiv aber auch die doppelte Marginalisierung der Kinder- und Jugendhilfe ab – einerseits extern als das vermeintlich kostenträchtige und angebliche wenig effiziente System und andererseits intern: Mag die Sonderstellung der Kindertagesstättenerziehung (noch begrenzt) nachvollziehbar und hier auch andere Muster der Fachlichkeit und Handlungskompetenz anzunehmen sein, so bildet der Fokus auf Hilfen zur Erziehung und Jugendberufshilfe die zwischenzeitlich wohl verfestigte Bedeutungslosigkeit anderer Felder der Kinder- und Jugendhilfe (z. B. der Kinder- und Jugendarbeit) ab; insofern geht es an dieser Stelle zwar um den faktischen Kern der Kinder- und Jugendhilfe, nicht um „die“ Kinder- und Jugendhilfe. Das begrenzt nahe liegender Weise die Reichweite der Untersuchung; auch wenn dies so einschränkend gesagt werden muss, stellt der Band dennoch eine wichtige und stets lesenswerte Quelle zum Verstehen der Eigentümlichkeit professionellen Handelns in der Kinder- und Jugendhilfe dar.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 05.09.2009 zu: Carola Flad, Sabine Schneider, Rainer Treptow: Handlungskompetenz in der Jugendhilfe. Eine qualitative Studie zum Erfahrungswissen von Fachkräften. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-8350-7015-8. Reihe: VS research. Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6124.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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