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Hermann-Josef Blanke (Hrsg.): Bildung und Wissenschaft als Standortfaktoren

Cover Hermann-Josef Blanke (Hrsg.): Bildung und Wissenschaft als Standortfaktoren. Mohr Siebeck (Tübingen) 2007. 245 Seiten. ISBN 978-3-16-149312-6. 59,00 EUR.

Reihe: Neue Staatswissenschaften - 6.
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Herrmann-Josef Blanke (Hg.): Bildung und Wissenschaft als Standortfaktoren

Herrmann-Josef Blanke (Hg.): Bildung und Wissenschaft als Standortfaktoren. Verlag Mohr Siebeck (Tübingen) 2007. 245 Seiten. ISBN 978-3161493126. EUR 59,00.

Thema

Die derzeitige Hochschulstrukturreform ist nicht unumstritten. Der vorliegende Sammelband spiegelt deutlich die Meinungspluralität wider, die bezüglich der neuen Entwicklungen im tertiären Bildungssektor vorzufinden ist. In prägnanter Weise werden zwei Diskussionsstandpunkte zum Anfang des Buches verdeutlicht. Ein Zitat Humboldts wird einer Aussage der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Marktmechanismen im Bildungssektor etablieren wollen, gegenüber gestellt. Die Konfrontation der Zitate weist auf den Hintergrund hin, auf dem die Beiträge des Buches an der einen oder anderen Stelle zu verorten sind.

Aufbau und Inhalt

  • Einführung. Die Einführung vom Herausgeber Hermann-Josef Blanke liefert dem Leser notwendige Informationen über den Bologna-Prozess und seine spezifisch deutsche Ausprägung, über die Exzellenzinitiative und den Problemhorizont, der bei einem Vergleich des gegebenen mit dem Humboldt"schen Bildungsideal deutlich wird.
  • Bildung als Voraussetzung für Teilhabe und Chancengleichheit. Der Beitrag von Jens Goebel beginnt mit einer seltsamen Auslegung des Gerechtigkeitsbegriffs, die in einer Hochstilisierung Thüringischer Schulen und Hochschulen als Demokratiehochburgen und einer Diffamierung "mancher" Protestbriefe und Demonstrationen, bei denen man sich nicht mit selbstverständlich in vorbildlich demokratischer Verfahrensweise Beschlossenem abfinden will, mündet.
  • Bildung und Bildungsträger im Anforderungsprofil der Wirtschaft. Ganz im Sinne des aktuell von Politik und Wirtschaft Geforderten wird hier von Alexander von Witzleben die Bildung von Clustern, regionalen Netzwerken, die Bildungsinstitutionen und privatwirtschaftliche Unternehmen umfassen, beschrieben und anhand von Beispielen als nutzbringend gepriesen. Der Studierende hat sich gemäß der Grundauffassung des Humankapital-Ansatzes mit allen erworbenen Fertigkeiten und auch seinen Persönlichkeitsmerkmalen, den "soft skills", den Erfordernissen der Wirtschaft mit Hilfe der Hochschulen anzupassen. Diese werden gemäß dem Text für ihr Ziel der "employability" ihrer Alumni am besten durch Clusterbildung befähigt.
  • Netzwerkbildung und Wissenstransfer – Herausforderungen für die Hochschulen. Auch dieser Aufsatz von Josef Lange beschäftigt sich mit Vernetzung der Hochschulen mit der Wirtschaft und bezieht hier in besonderer und bei einem Verständnis von Wissenschaft als unabhängiges Unterfangen fraglichen Weise auch den Forschungsbereich mit ein.
  • Die deutsche Hochschulpolitik zwischen föderaler Vielfalt und gesamtstaatlicher Verantwortung. Wedig von Heyden erwägt Chancen und Risiken der Föderalismusreform im Hochschulsektor.
  • Die Geisteswissenschaften im Gefüge der Universität. Reinhold R. Grimm sieht die Geisteswissenschaften in einer "misslichen Lage", da sie nicht für die vermehrt geforderten Kriterien der ökonomischen Verwertbarkeit geeignet zu sein scheinen. Insbesondere die "Kleinen Fächer" sieht er von Streichungen bedroht und betroffen. Er sieht eine mögliche Lösung darin, die Notwendigkeit von Wertevermittlung und hermeneutischen Umgang mit Tradition durch die Geisteswissenschaften offensiv zu vertreten.
  • Die Geisteswissenschaften unter den Bedingungen der Exzellenzinitiative. Charlotte Schubert sieht die Geisteswissenschaften durch die Exzellenzinitiative eklatant benachteiligt und den Grund ebenfalls in der dominanten Gewichtung des Kriteriums wirtschaftlicher Nützlichkeit bei der Mittelvergabe. Eine Lösung sieht sie nur in der Öffnung der Geisteswissenschaften für die Anwendungsforschung und damit in einer Abkehr von Humboldt.
  • Eliteuniversität – Ein Irrweg. Der Autor sieht die Bildung eines Systems von Forschungs- und Ausbildungsuniversitäten als Konsequenz der Exzellenzinitiative, wofür die Einführung des Bachelor-Abschlusses Bedingung ist. Neben der ohnehin fraglichen Übertragbarkeit des idealisierten amerikanischen Hochschulsystems weist Michael Hartmann auf die dort vorhandene hohe Verschuldung von Studierenden und die soziale Selektivität, die trotz aller Gegenmaßnahmen besteht, hin. Conclusio: Die Elite-Universitäten sorgen für die Perpetuierung sozialer Ungleichheit.
  • Die Konstruktion von Elite-Universitäten durch soziale Schließung. Richard Münch sieht die zukünftigen deutschen Elite-Universitäten tatsächlich als künstlich aufgeblähte Institutionen mit ebensolchen Forschungsprojekten, die einzig durch Quantität beeindrucken. Oligarchische Strukturen innerhalb der Forschungsprojekte schaffen zudem ein "Akademisches Proletariat" ohne Karriereaussichten. Der Autor beobachtet kartellartige Verteilungsstrukturen bei der Mittelvergabe nach dem Matthäus-Prinzip.
  • Trial or Error: Die deutsche Universität amerikanisieren? Ulrich Littmann liefert fundierte Informationen, die die Vergleichbarkeit des deutschen mit dem amerikanischem Hochschulsystems grundlegend infrage stellen und so dem allgemeinen Trend zuwider laufen.
  • Wohin führt der Bologna-Prozess die deutsche Universität? Michael Hartmer zeichnet ein pessimistisches Bild zum Einzug des Neoliberalismus an deutschen Hochschulen, um dann im letzten Satz seine Hoffnungen auf die Kraft autonomer Hochschulen zu setzen.
  • Akkreditierung von Studienprogrammen oder von institutioneller Prozesssteuerung? Jürgen Kohler vergleicht die verschiedenen Procedere der Akkreditierung Institutionen und einzelnen Studiengängen.
  • Berufsperspektive von Bachelorabsolventen – Ergebnisse empirischer Studien. Dieser Aufsatz von Meike Rehburg liefert eine knappe Synopse bisher vorliegender Studien zur Akzeptanz der neuen Abschlüsse durch Arbeitgeber.

Fazit

Der Sammelband gliedert sich hervorragend in die aktuelle Diskussion um die Hochschulstrukturreform ein. Während einige Aufsätze eher informieren, liefern andere eine kritische Perspektive auf das Geschehen in unterschiedlichen Nuancierungen und Perspektiven. Insbesondere aus den Beiträgen von Michael Hartmann und Richard Münch ergeben sich interessante Erkenntniswege, die die Ausrichtung der aktuellen Hochschulpolitik in Deutschland grundsätzlich in Frage stellen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 08.06.2008 zu: Hermann-Josef Blanke (Hrsg.): Bildung und Wissenschaft als Standortfaktoren. Mohr Siebeck (Tübingen) 2007. ISBN 978-3-16-149312-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6146.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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