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Karin Beher, Hans Haenisch u.a.: Die offene Ganztagsschule in der Entwicklung

Cover Karin Beher, Hans Haenisch, Claudia Hermens, Gabriele Nordt, Gerald Prein, Uwe Schulz: Die offene Ganztagsschule in der Entwicklung. Empirische Befunde zum Primarbereich in Nordrhein-Westfalen. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-1697-0. 17,50 EUR, CH: 31,10 sFr.

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Thema

Die Entwicklung von Ganztagsschulangeboten zählt zu den Kernaspekten einer moderaten Reform des bundesdeutschen Schulsystems; dabei hat die Integration von Angeboten außerschulischer Akteure (z. B. örtlicher Vereine, Träger der Kinder- und Jugendhilfe, engagierter Einzelpersonen, pädagogischer Fachkräfte außerhalb des schulpädagogischen Qualifikationsprofile) eine zentrale Bedeutung. Unterstützt wird dieser Implementierungsprozess in eine traditionell eher als "abgeschottetes" System zu bezeichnende Schullandschaft mittlerweile durch eine Reihe von Projekten der Begleitforschung. Die vorliegende Veröffentlichung von Beher und anderen gehört hierzu.

Auch die Einführung der offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen kann zu den in diesem Bundesland für die Weiterentwicklung der Grundschule bedeutsamen Projekten gerechnet werden. Mit ihrem ganztägigen Bildungs-, Erziehungs-, Förder- und Betreuungsangebot eröffnet sie Schulkindern ein neues Erfahrungsfeld zum Lernen und zum Entwickeln sozialer Kompetenzen.

Die jetzt vorliegende Untersuchung vermittelt – bezogen auf Nordrhein-Westfalen - ein umfassendes Bild vom gegenwärtigen Entwicklungsstand dieser Form der Ganztagsschule. In einer repräsentativen Auswahl von Schulen wurden dazu Kinder, Eltern und pädagogisches Personal befragt. Die Publikation legt dar, welche Ansprüche Eltern als zentrale Adressatengruppe an die Ganztagsschule formulieren und wie sie deren Angebote bewerten. Es macht sichtbar, wie Kinder ihren Schultag im Dreieck von Unterricht, außerunterrichtlichen Angeboten und den sozialen Beziehungen zu ihren Freunden aktiv gestaltend erleben. Schließlich wird beleuchtet, was für eine Hausaufgabenbetreuung wichtig ist und wie Förder- und Freizeitaktivitäten in der offenen Ganztagsschule gelingen können.

Autorinnen und Autoren

Für die Untersuchung und die vorliegenden Veröffentlichung zeichnen Karin Beher (wissenschaftliche Angestellte am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Soziologie der Uni Dortmund, Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund, Hans Haenisch (Bergische Universität Wuppertal), Claudia Hermens und Gabriele Nordt (wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Sozialpädagogischen Institut/SPI als zentraler wissenschaftlicher Einrichtung der FH Köln (www.spi.nrw.de), Gerald Prein (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut/DJI (www.dji.de) und Uwe Schulz (wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für soziale Arbeit e.V. in Münster (www.isa-muenster.de/) verantwortlich.

Inhalt

Zunächst verweisen die Autorinnen und Autoren im Rekurs aus den Stand der Begleitforschung und die von ihnen durchgeführte qualitative Pilotstudie (2005) und leiten zu den Modalitäten ihrer Hauptuntersuchung über, die sie zwischen 2005 und 2007 realisiert haben, wobei im Kern mehrere, überwiegend repräsentative Befragungen im Schuljahr 2005/2006 durchgeführt wurden: einer als Totalerhebung geplanten Befragung der Schulleitungen (Rücklauf: 54%), einer schriftlichen Befragung von Lehr- und Fachkräften an 166 offenen Ganztagsschulen sowie schriftlichen Eltern- und Schüler/innen-Befragungen an 62 Schulen sowie weiteren qualitativen Interviews mit Mädchen und Jungen der Klassen eins bis vier. In einem zweiten Schritt geben sie einen Überblick zu den Strukturen und Merkmalen der offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen (S. 13 – 37), um anschließend die zentralen Ergebnisse der Hauptuntersuchung darzulegen: aus der Sicht des pädagogischen Personals (rd. 1.000 Befragte, S. 39 – 119), aus Elternsicht (rd. 3.700 Befragte, S. 121 – 178) und aus dem Blickwinkel der Schülerinnen und Schüler (635 Kinder), wobei – durchaus sinnvoll – zwischen jüngeren und älteren Schülerinnen und Schülern differenziert wird (S. 179 – 307). Ein elfseitiges Verzeichnis gibt abschließend einen Überblick zur als relevant geltenden Literaturlage.

Auf eine Bilanzierung im traditionellen Sinne am Ende der Publikation verzichtet das Autorenkollektiv. Stattdessen werden aus dem je differenten Blickwinkel der einzelnen Akteursgruppen abgeleitete Überlegungen abschnittsweise angeschlossen:

  1. Die Untersuchung zeige, dass die offene Ganztagsschule unter den pädagogischen Fachkräften "einen starken Rückhalt" habe, ein "hoher Konsens bezogen auf die pädagogischen Zielsetzungen" vorliege, sie sich als "Angebot mit komplementärer Funktion" (mit dominierender Rolle der Hausaufgabenbetreuung, aber auch in anderen Bereichen, z. B. der Sprachförderung, dem soziales Lernen oder dem begleiteten Mittagstisch) etabliert habe und "Fortschritte vor allem bei der individuellen Zuwendung" (z. B. im Rahmen der Hausaufgabenbetreuung) erkennbar seien. Freilich seien die Kooperationsaktivitäten mit Lehrkräften noch entwicklungsfähig: "Größere Entwicklungsfelder scheinen", so die vorsichtig zu nennende Einschätzung, "auch darin zu liegen, Kindern bei konkreten Lernschwierigkeiten zu helfen, eine Förderung im sprachlichen Bereich zu realisieren, auf die Bedürfnisse von Migrantenkindern einzugehen und einen angemessenen Umgang mit aggressiven Verhalten zu pflegen" (S. 115). Dies – und auch der Hinweis auf den doch noch (trotz "erste(r) deutlicher Annäherung") bestehenden Bedarf an der Verknüpfung zwischen vor- und nachmittäglichen Angeboten und der Vernetzung der differenten Akteure – verweisen ganz offenbar auf die mit der Untersuchung auch verbundene Identifikation von Defiziten in der Verzahnung von traditionellem schulischen Set und neuen (außerschulischen) Leistungen und Angeboten. Zugleich machen die Autorinnen und Autoren aber auch darauf aufmerksam, dass das offene Ganztagsangebot bereits erste Wirkungen zeige, z. B. im Blick auf "sozialen Aspekte (Freundschaften, Gruppenverhalten)", in Bezug auf Selbstvertrauen und Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler und der regelmäßigeren Erledigung der Hausaufgaben. Auch ließen sich eine Zunahme der Förderorientierung und ein bewußteres Eingehen auf einzelne Kinder diagnostisieren. Insgesamt lassen die (auch an dieser Stelle) vorsichtigen Einschätzungen doch eher den Schluss zu, dass es noch ein langer Weg zur Integration von "klassischer" Schule und neuen (nachmittäglichen) Angeboten ist, wenn es z. B. heißt: "Vergleichweise gering werden … Veränderungen veranschlagt. die sich auf eine stärkere Verzahnung von inhaltlichen und außerunterrichtlichen Inhalten beziehen"; und: "Eine klare konzeptionelle Ausrichtung trägt auch zum Gelingen der Kooperation von Lehrkräften und pädagogischen Kräften bei und ist ein wichtiger Nährboden für den Aufbau einer inhaltlichen Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten" (S. 118). Insoweit darf geschlussfolgert werden, was das Autorenkollektiv so freilich nicht formuliert, dass Schule einstweilen "klassische" Schule bleibt, ein an Außenkontakte, Kooperation und Netzwerkarbeit erst noch heranzuführendes und zu gewöhnendes System, das diese Außenorientierung so bislang nicht nötig hatte und sich erst noch wird umstellen müssen. Dass dabei den Schulleitungen eine "Schlüsselrolle" zukommt (z. B. auch durch "eine stärkere Gewichtung schülerpartizipativer Intentionen"), professionelle Orientierungen und Qualifikationen des pädagogischen Personals entwickelt werden müssen und eine einzelfallbezogene Kooperation zur Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler erforderlich sind, zählt ebenfalls zu den (nicht unbedingt überraschenden) Erkenntnissen der Untersuchung (vgl. in diesem Zusammenhang auch: Bettina Pauli: Kooperation von Jugendarbeit und Schule. Chancen und Risiken, vgl. die Rezension; Manuel Fuchs: Jugendarbeit und Schule in Kooperation. Von der Ganztagsbetreuung zur Ganztagsbildung, vgl. die Rezension; Ulrich Deinet, Maria Icking: Jugendhilfe und Schule. Felder - Themen – Strukturen, vgl. die Rezension).
  2. Vor diesem Hintergrund können auch die Bilanzen von Beher und anderen in Bezug auf die befragten Eltern nicht irritieren, so zum Beispiel die nicht unbedingt neue Erkenntnis, dass eine "verstärkte Einbeziehung sozial benachteiligter und einkommensschwächerer Elterngruppen sowie bildungsfernerer und kinderreicherer Haushalte" in die offene Ganztagsschule sinnvoll ist. Insgesamt geht es um einen bedarfsgerechten An- und Aufschluss von Schüle für die Ansprüche von Eltern, die Vereinbarkeit von Betreuungsangebot und Familien- bzw. Berufsleben, mehr Transparenz und verbesserte Kommunikation zwischen Schule und Eltern sowie Elternmitwirkung und Elternmitbestimmung. Dem offenen Angebot erteilen die befragten Eltern überwiegend gute Noten.
  3. Aus dem Blickwinkel der älteren Schülerinnen und Schüler schließlich überwiegen pragmatische Hinweise, deren subjektives Wohlbefinden (z. B. durch Rhythmisierung, kindgerechtere Raumgestaltung, Anreicherung des betreuten Mittagstisches durch soziale Kommunikationsangebote, Erweiterung der Partizipationsmöglichkeiten und Berücksichtigung der spezifischen Interessen von Mädchen und Jungen) zu verbessern, während in Bezug auf die jüngeren Schülerinnen und Schüler eher Hinweise dominieren, die Integration in die neue Umwelt zu verbessern (z. B. durch bewegungsorientierte Angebotsformen, Flexibilität in Bezug auf Zeit- und Raumstrukturen, Integration von peer-learning-Aspekten, selbstbestimmte Aktivitäten oder Lerngeschichten). An dieser Stelle fällt doch der im Unterschied zu den Foci "pädagogische Fachkräfte" und "Eltern" höhere Konkretheitsgrad auf, die Erkenntnisse der Studie in Empfehlungen zur Gestaltung des Handlungsfeldes "offene Ganztagsschule" münden zu lassen.

Zielgruppen

Wem dient diese Veröffentlichung? Sie befruchtet zunächst die wissenschaftliche Debatte, in dem sie belastbare Informationen zur Kooperation von inner- und außerschulischen Akteuren liefert. Ganz unzweifelhaft können außerdem solche Akteure aus dem breiten empirischen Fundus der vorliegenden Untersuchung Nutzen ziehen, die in verantwortlicher Funktion Prozesse der Entwicklung und Entfaltung offener Ganztagschulen zu gestalten haben, z. B. Schulleitungen oder mit Koordinierungs- und Fachberatungsaufgaben betraute Fachkräfte freier Träger, die sich in Kooperationsbeziehungen mit Schule genuin einlassen. Hierbei dürfte es sowohl inner- wie außerschulisch keine Rolle spielen, dass die vorliegenden Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen gesammelt wurden. So – oder so ähnlich – werden die Verhältnisse bundesweit einzuschätzen sein.

Fazit

Insgesamt zeigt sich, dass für die beteiligten Akteursgruppen die pädagogischen und kooperativen Prozesse in den Ganztagschulen mehr und mehr in den Vordergrund rücken. Dass die Untersuchung auf generalisierende Schlussfolgerungen verzichtet, mag der - grundsätzlich positiven – datenkritischen Haltung der sechs Autorinnen und Autoren geschuldet sein. Auch ist das Niveau der im Blickwinkel der einzelnen Akteursgruppen formulierten Schlussfolgerungen sehr different und von unterschiedlicher Elaboriertheit (was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass es sich um keinen einheitlichen Text aller Autorinnen und Autoren handelt). Etwas mehr Mut bei der Formulierung konkreter Handlungsempfehlungen hätte der Veröffentlichung gut getan. Dennoch setzt die Untersuchung Zeichen, die nicht nur für die wissenschaftliche Diskussion von Interesse sind, sondern Orientierung geben bei der Weiterentwicklung von Ganztagsschulen und der Gestaltung und Integration von Angeboten.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 13.07.2008 zu: Karin Beher, Hans Haenisch, Claudia Hermens, Gabriele Nordt, Gerald Prein, Uwe Schulz: Die offene Ganztagsschule in der Entwicklung. Empirische Befunde zum Primarbereich in Nordrhein-Westfalen. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1697-0. Reihe: Materialien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6153.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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