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Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Unterricht und Lernkulturen (Politische Bildung)

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.03.2008

Cover Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Unterricht und Lernkulturen (Politische Bildung) ISBN 978-3-89974-409-5

Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Unterricht und Lernkulturen. Eine internationale Feldstudie zum Themenbereich Migration. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 299 Seiten. ISBN 978-3-89974-409-5. 29,80 EUR.
Reihe: Wochenschau Wissenschaft
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Entstehungshintergrund

Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaft der Universität Frankfurt/M., die im Bereich der schulbezogenen Politischen Bildung lehren und forschen, haben sich im Frühjahr 2003 zu einer Projektgruppe zusammen geschlossen, um die bisher durch die quantitativen internationalen Vergleichsstudien vorhandenen Aussagen über die Leistungen der verschiedenen nationalen Bildungssysteme mit dem "analytischen Blick auf die Binnenprozesse selbst… zu lenken". An ausgewählten Schulen in Deutschland, England, Frankreich und Italien wurde Unterricht, der sich in Deutschland (Hessen) "Gesellschaftslehre" nennt, in England "History" und "Citizenship Education" bezeichnet wird, in Frankreich "histoire-géographie" und in Italien "Educazione Civica" heißt, beobachtet und analysiert. Als Themenbereich wurde "Migration" vorgegeben. Die Forscher wollten feststellen, welche Lernkulturen bei den konkreten Lern- und Unterrichtsprozessen vorherrschen. "Unter Lernkulturen sind dabei sowohl prozessbezogene Kulturen des Lehrens und Lernens in der Schule zu verstehen, als auch inhaltlich auf politische Bildung bezogen, Kulturen der Thematisierung von Frage- und Problemstellungen in ihrem curricularen und unterrichtlichen Zusammenhang". Die Forschungsmethoden orientierten sich dabei an der objektiven Hermeneutik, ergänzt durch ethnohermeneutische Ansätze. Die Auswahl der Länder war bestimmt von der Überlegung, dass in den vier einwohnerstärksten Staaten auch die Phänomene der Migration am intensivsten zu erkennen sind, in den genannten Einwanderungsländern also auch die Fragen der Migration beim schulischen Lernen curricular und in den Lernprozessen bedeutsam werden. Eine zweite Forschungsstrategie dürfte die Beobachtung, Analyse und Bewertung der Ergebnisse in besonderer Weise beeinflusst haben: An den vier ausgewählten Schulen, einer Gesamtschule in Frankfurt/M., einer Comprehensive School in Birmingham, einem Coll�ge in Montpellier und einer Scuola superiore in Neapel, hat jeweils ein Forscher-Tandem am Unterricht teilgenommen und protokolliert, sowie die Rahmenbedingungen recherchiert. Die Teams (Frankfurt: Thorsten Hunsicker und Stephan Edelmann; Birmingham: Sylvia Heitz und Julia Czech; Montpellier: Ingrid Apel und Frank Nonnenmacher; Neapel: Margit Rodrian-Pfennig und Timo Grabbe) referieren im Tagungsband auch den jeweiligen Forschungsverlauf und die Ergebnisse. Kritisch muss angemerkt werden, dass die hierbei in auffallender Weise unterschiedliche Zeitdauer der Unterrichtshospitationen (in Frankfurt: 18, in Birmingham: 9, in Montpellier: 3, in Neapel: 10 Unterrichtsstunden) eine vergleichende Analyse kaum möglich machen. Ob die durchaus für das Forschungsdesign interessante Methode der Filtrierung von "Schlüsselszenen" den Aussagewert objektivieren bzw. vergleichbar machen können, muss tatsächlich gefragt werden.

Inhalt

In den ausführlich und zum Teil sehr detailliert dargestellten Unterrichtsverläufen, den angewandten didaktischen und methodischen Konzepten, wie etwa bei der Frankfurter Gesamtschule das "biographische Erfahrungslernen" und die Analyse der personellen und institutionellen Lernsituationen machen nicht nur deutlich, dass das bereits bei der Projektplanung angenommene "unvermeidliche Vorhandensein von Paradoxien des Lehrerhandelns" Unterrichtsverlauf und –atmosphäre bestimmen (ein Allgemeinplatz!), sondern gerade bei emotional, individualistisch und ideologisch besetzten Themen, wie "Migration", bei der Vermittlung von politischen Fragestellungen nicht mehr sach- sondern standpunktbezogen agiert wird; und zwar sowohl seitens des Lehrers, als auch der Schüler.

Die Citizenship Education in der Birminghamer Raton School fokussiert die Lernbereiche: Soziale und moralische Verantwortung, Engagement in der Gruppe und Gemeinschaft, politisches Wissen. Dabei handelt es sich um kein Unterrichtsfach, sondern ein demokratiepädagogisches Aufgabenfeld, das curricular für die jeweiligen Lernstufen (Key Stages) definiert und durch die zuständige Schulinspektion kontrolliert und meist Fächern, wie etwa Geschichte zugeordnet wird. Im nationalen Lehrplan wird dabei dem Entgegenwirken von strukturellen Diskriminierungen eine besondere Aussagekraft zugewiesen. Im Vergleich zu den Ergebnissen des Unterrichts der Frankfurter Gesamtschule gewinnen die beiden Forscherinnen die Erkenntnis, dass für die Birminghamer Schülerinnen und Schüler ihre "Herkunft" bei der Thematik "Migration" kaum eine Rolle spielt; vielmehr berufen sie sich, auch diejenigen mit Migrationshintergrund, auf ihre "britische Identität". Zudem (ver)führt das unterrichtliche Engagement der Birminghamer Schüler eher zum "Learning for the test", als zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Mitschüler.

Das Coll�ge Victor Hugo in Montpellier hat in der Schulorganisation eine "classe européenne" eingerichtet, die sich, so die Unterrichtsbeobachter Nonnenmacher / Apel im "coll�ge unique" weniger mit "Gesamtschul"- Charakter, sondern eher als Leistungsauslese darstellt. Der vom Lehrer angelegte Unterrichtsverlauf, auch im Hinblick auf die terminierten landesweiten Prüfungsraster, entsprach dabei einem "typischen französischen Unterricht", mit klarem Schema und didaktischer Dreischritt-Planung mit der "conclusion" und der Aufforderung: Prenez les notes! Dass dabei eine Lernkultur entsteht, "in der nicht diskursiv-argumentatives Erarbeiten in kollektiven und partizipatorischen Prozessen der Lernplanung, sondern memorierendes Aneignen" im Mittelpunkt des Unterrichts steht, ist auch eine Binsenweisheit.

Das Istituto Scientifico Statale "Paolo CalabresiÓ wird von 1.258 Schülerinnen und Schülern besucht. In der Schule sind 111 Lehrkräfte tätig. Als einziges Lyceum im strukturproblematischen Stadtteil im östlichen Randbezirk Neapels beansprucht die Schule mit ihren Lernangeboten eine "essenzielle ethisch-zivile wie kulturelle Funktion". Das Lernfeld "Educazione civica", was mit politische oder staatsbürgerliche Erziehung übersetzt werden könnte, ist in Italien in das Fach Geschichte integriert. Die Strukturen werden im nationalen Curriculum ausgewiesen. Als Lernkultur und für den Unterricht in Politik wichtig ist, dass die italienischen Schulen das Recht der Schülerinnen und Schüler anerkennen, zu aktuellen politischen Auseinandersetzungen schulöffentliche Aktionen und Versammlungen durchzuführen. Ein Curriculumreform 2004/05 ersetzte jedoch das bisherige Educazione civica durch den Lernbereich "Educazione alla convivenza civile", Erziehung zum zivilen Zusammenleben, was, nach Einschätzung des Tandem-Teams die bisherigen "politischen Inhalte und kritisch-empanzipatorische Ansätze … konterkariert durch Erziehungsziele zum bloßen Wohlverhalten und Wohlergehen".

Diskussion

Das Forscherteam hat sich u. a. das Ziel gesetzt, mit ihren qualitativen Einzelfallstudien "Aufschlüsse über unterschiedliche Lernkulturen und die Wirkmächtigkeit von Kontextbedingungen darauf" zu erhalten. Unternimmt man den Versuch, aus der Fülle der protokollierten Unterrichtsabläufe, der beobachteten didaktischen und methodischen Planungen, der herausgestellten "Schlüsselszenen" und der Interviews mit den Beteiligten, so etwas wie einen Vergleich der Ergebnisse des beobachteten Unterrichts über "politische Bildung" vorzunehmen, so wird man erst einmal lapidar feststellen können: Ein Vergleich ist nicht möglich! Damit ist natürlich kein Werturteil über das Forschungsvorhaben gesprochen; vielmehr zeigen die einzelnen Analysen von politischem Unterricht in Deutschland, England, Frankreich und Italien, dass gerade dieser Lernbereich in starkem Maße von zentralistischen und hoheitlichen (nationalen) Dirigismen beeinflusst, um nicht zu sagen bestimmt wird. Lediglich im italienischen Beispiel zeigt sich so etwas wie Individualisierung, was bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler den Unterricht über Politik tatsächlich verstehen als einen Unterricht als Politik.

Fazit

So könnten die Ergebnisse des Forschungsprojekts in zweierlei Hinsicht zu deuten sein: Zum einen legt die Forschergruppe eine Fülle von Einzelfallschilderungen aus den Unterrichtsverläufen vor, die so etwas wie ein Stimmungsbild und eine Situationsdarstellung über den politischen Unterricht in den ausgewählten europäischen Ländern vermitteln. Diese Ergebnisse sind sicherlich geeignet, in Forschung und Lehre als Fallbeispiele zu dienen. Zum anderen können die Analysen auch verstanden werden als curriculare und didaktische Aufforderung, politischen Unterricht in Europa im Sinne einer emanzipatorisch- und partizipatorisch-demokratischen Bildung (weiter) zu denken und zu entwickeln.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1556 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.03.2008 zu: Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Unterricht und Lernkulturen. Eine internationale Feldstudie zum Themenbereich Migration. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-89974-409-5. Reihe: Wochenschau Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6172.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


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