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Hans-Christoph Koller, Winfried Marotzki u.a. (Hrsg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung

Cover Hans-Christoph Koller, Winfried Marotzki, Olaf Sanders (Hrsg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. transcript (Bielefeld) 2007. 257 Seiten. ISBN 978-3-89942-588-8. 25,80 EUR.

Reihe: Theorie bilden - Band 7.
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Weil Denken sich bewähren muss

Die Philosophen aller Zeiten haben über das "Denken des Denkens" nachgedacht; etwa im aristotelischen Sinne, wenn "das Denken und das Gedachte identisch sind, ist Denken Denken des Denkens", wie Otfried Höffe das nosis noses im "Aristoteles-Lexikon" (2005) erläutert; oder wenn es als "spekulatives Denken" daher kommt (Klaus Dittrich). Darin steckt nicht nur die uralte, immer wieder neu formulierte, interpretierte, bestätigte und widerlegte Diskrepanz von Theorie und Praxis, sondern auch die Frage nach der Bildung überhaupt.

Das als oberflächliche Einleitung zur Besprechung eines Themas, das der Arbeit eines Erziehungswissenschaftlers geschuldet ist: Der 1940 geborene Rainer Kokemohr, Lehrer, langjähriger Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg und erziehungswissenschaftlicher Feldforscher und Reforminitiator in Kamerun und Taiwan, wurde im Oktober 2005 emeritiert. Während seiner Lehr- und Forschungstätigkeit hat ihn immer die Frage interessiert, wie Bildung als Denkprozess in Gang kommt. Seine erste Antwort darauf: "Bildung ist als ein Prozess zu begreifen, der durch einen fremden Anspruch herausgefordert wird". Zum Denken und damit zum Bildungshandeln bedarf es also nicht in erster Linie eines "l`art pour l`art" im Sinne eines egozentrischen Denkens, sondern in der Deutung eines "la vie pour l„art und l„art pour la vie", wie dies Georg Simmel formuliert hat und wie Kokemohr schließlich Bildung auffasst  "als rhetorischen Prozess…, der von widerständigen Erfahrungen angetrieben wird und sich aus dem figurativen Überschusspotential symbolischer Systeme und ihrer imaginären Aufladung speist".

Kokemohrs Frage nach der "abwesenden Anwesenheit" der Erfahrung des Anderen, vornehmlich des Fremden, orientiert er an dem Waldenfelsschen Paradoxon: "Das Fremde zeigt sich, indem es sich uns entzieht", und an der RicÏurschen Erzähltheorie des Gegensatzes von Dissonanz und Konsonanz. Am Beispiel einer Rassismuserfahrung bzw. – wahrnehmung eines afrikanischen Studenten in Deutschland, auch unter Zuhilfenahme von Jacques Lacans Überlegungen, dass "sich die Sagbarkeit der `Welt` der Negation verdanke", diskutiert er die Annahme, dass  "kulturelle Differenz durch transkulturelle Bildungsprozesse nicht zu überwinden sei". Gelänge es, so die theoretische Forschungsannahme, ein anderes, als zum Zeitpunkt eines interkulturellen Konflikts vorhandenes Welt- und Selbstverständnis zu etablieren und damit den Bildungsvorbehalt und schließlich auch den Rassismusvorwurf auf eine andere, erfahrbarere und handhabbarere Ebene zu bringen, so könne es gelingen, "Bildungsprozesse als imaginär-symbolische Kon- und Refigurationen" zu begreifen und zu erkennen, dass das "Rassismusproblem in der Dynamik der verschiedenen Ordnungen als `neubeschreibender` Entwurf anderer Welt- und Selbstverständnisse kon- und refiguriert wird"; übersetzt in die RicÏursche Mimesis, dass die Weltsicht entweder dadurch gekennzeichnet ist, wie der Mensch sie durch eigene Wahrnehmung, Annahmen, Gesetze und Erfahrungen erkennt, oder wie sie von ihm, gewissermaßen als Bild im Kopf entsteht.

Inhalt

Dieses Denkgerüst bezeichnet Kokemohr als Bildungs(prozess)theorie, die "Bildungsprozesse als Transformationen von Grundfiguren des Welt- und Selbstverständnisses begreift", wie dies Hans-Christoph Koller in seinem erläuternden Beitrag formuliert und als "Theorie transformatorischer Bildungsprozesse" weiter führt. Dabei könnte ein "Bildungsvorhalt" (nicht im Sinne einer "Vorhaltung" oder eines "Vorbehalts", sondern analog zu dem in der Musik fremdem Tons, der nicht nur dissonant ist, sondern auch neue Modulationen ermöglicht) zu neuen Denk- und Handlungsweisen des Welt- und Selbstverständnisses führen.

  • Die an der Ruhr-Universität Bochum lehrende Erziehungswissenschaftlerin Käthe Meyer-Drawe steuert mit ihrem Beitrag "Bildung und Versagung" zur Entwicklung einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse bei, indem sie darüber reflektiert, wie es gelingen könnte, "das Fremde im Eigenen auszumachen". Ihre Suche danach orientiert sich nicht daran, mehr Pluralität in Wahrnehmungs- und Begegnungsprozessen, sondern "eine Begegnung angesichts der eigenen Unverfügbarkeit" zu finden.
  • Der Hallenser-Wittenberger Alfred Schäfer weist in seinem Text darauf hin, dass im traditionellen Bildungsbegriff Bildung als Möglichkeitskategorie gedacht wird, während in einer empirisch gedeuteten Bildung das Problem ihrer objektivierenden Identifikation bedeutsam ist; was schließlich auch zur Frage Anlass gibt, ob "die Zuschreibung phantasmatischer Selbstreferenzen mit dem Anspruch, hier das Aufscheinen des Realen, Unsagbaren, im Sagbaren identifiziert zu haben"  tatsächlich zu Stützen einer anderen bildungstheoretischen Perspektive gerät.
  • Der Interkulturelle Kommunikation an der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz lehrende Jürgen Straub wendet sich gegen die gängige Auffassung, dass "kulturelle Differenz geradezu zwangsläufig zu Konflikt und Gewalt führt". Er versucht vielmehr das "andere Fremde" mit den Mitteln einer relationalen Hermeneutik zu betrachten. Dabei stimmt er mit Kokemohr überein, dass "die in transkulturellen Bezugsrahmen ausgehandelten und artikulierten Differenzen … niemals nur relativer Natur (sind)".
  • Der Bielefelder Biographieforscher Theodor Schulze zeigt anhand von komplexen und längerfristigen Lernprozessen, wie sie in den von Kokemohr dargestellten Protokollen von Gesprächen zwischen Wissenschaftlern aus Kamerun und Deutschland vorfindbar sind, die Möglichkeiten, aber auch die Fallstricke einer diskursiven Verständigung und Kommunikation auf. Hier kommt wieder zum Ausdruck, dass Bildung ein Lernprozess ist, der langfristig und biographisch zu verstehen ist.
  • Karl-Josef Pazzini, Hamburger Bildungswissenschaftler und Psychoanalytiker, reflektiert Grundlagen und didaktische Möglichkeiten des Lehrens als Moment im Bildungsprozess. In einer klugen, nicht nur theoretischen Analyse macht er deutlich, dass "zur Anregung von Bildungsprozessen, die dem Fremdem nicht ratlos ausweichen müssen oder es verdrängen, gar verwerfen, gehört das Wagnis…".
  • Der Magdeburger Erziehungswissenschaftler Winfried Marotzki spricht "über das schwierige Finden der verlorenen Zeit", indem er Biographisierungsprozesse im Film aus bildungstheoretischer Perspektive diskutiert. Seine Hoffnung, dass das bildungstheoretische Projekt der Moderne in der Analyse von Filmsequenzen deutlich und "das Akzeptieren des Nichtveränderbaren, der Wunden und Verletzungen, das Leben in verschiedenen Fremdheitsstilen ohne Aussicht auf Versöhnung" erträglich und  –  vielleicht  –  veränderbar wird, bleibt.
  • Olaf Sanders von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln nimmt den Faden Marotzkis auf, indem er zur Filmbildung Stellung bezieht. In den Filmen "Broken Flowers" und  "Don`t Com Knocking" zeigt er Bildungsprozesse auf und macht deutlich, dass Filmanalysen helfen können, "Bildungsprozesse zu erforschen, besser zu verstehen und anders wahrzunehmen".
  • Die Hamburger Studierenden und Diplomanden Tim Schmidt, Tanja Trede-Schicker und Gereon Wulftange unternehmen mit dem Schlussbeitrag den Versuch, Kokemohrs Begriff des Bildungsprozesses an den drei lacanschen Angstbegriffen zu thematisieren.

Fazit

Die differenzierten Diskussions- und Argumentationsbeiträge zur Entwicklung einer "Theorie transformatorischer Bildungsprozesse", wie sie von Rainer Kokemohr vorgedacht und in Teilen vorgelegt wurde, werden von den Diskutanten reflektiert und weiter entwickelt. Daraus ist zwar bisher keine endgültig formulierte Theorie entstanden, jedoch ein hoffnungsvoller Ausblick, dass kulturelle Differenz doch durch transkulturelle Bildungsprozesse zu überwinden sei. Der wissenschaftliche Diskurs darüber hat mit dem Sammelband einen neuen Anker bekommen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.05.2008 zu: Hans-Christoph Koller, Winfried Marotzki, Olaf Sanders (Hrsg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-588-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6179.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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