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Nina Müller: Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und [...]

Cover Nina Müller: Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Erscheinungsformen, Verlauf und Konsequenzen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2002. 254 Seiten. ISBN 978-3-8309-1136-4. D: 25,50 EUR, A: 26,30 EUR.
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Einführung in die Themenstellung

Das Erleben von sozialer Unsicherheit und Ängstlichkeit ist ein Alltagsphänomen, das nahezu jeder aus eigener Erfahrung kennt, zumal in bzw. aus der Adoleszenz. Die Störungswertigkeit pathologischer Angst in sozialen Situationen wird aufgrund dieser Nähe zum Alltagserleben leicht unterschätzt, insbesondere von mitbetroffenen Angehörigen. Angstauslösend sind Situation mit sozialer Exposition, in denen die Beobachtung und Bewertung durch andere Personen zu erwarten ist. Von einer sozialen Angststörung Betroffene erleben und erwarten in entsprechenden Situationen eine beträchtliche Einschränkung ihrer psychosozialen Funktionsfähigkeit. Dies führt typischerweise zu Vermeidungsimpulsen gegenüber solchen Situationen. Aufgrund der Allgemeinheit der gefürchteten Situation ist ein stabiles Vermeidungsverhalten allerdings kaum möglich und mit hohen sozialen "Kosten" für die Betroffenen verbunden. Die Symptomatik entspricht in diesem Sinn eher dem Muster der agoraphobischen Angst als dem der spezifischen Phobien. Die noch teilweise gebräuchliche Bezeichnung "soziale Phobie" wird daher dem Störungsmuster nicht gerecht und von der Autorin konsequent durch den Begriff der sozialen Angststörung ersetzt.

Beitrag des Buchs und Datenquelle

Es ist bekannt, dass soziale Angststörungen sich in der Regel im Verlauf der Adoleszenz und des frühen Erwachsenenalters manifestieren; allerdings weist das vorliegende Wissen über Auftrittshäufigkeit, Auftrittsbedingungen und den Verlauf der Störung noch große Unsicherheiten auf. Die Arbeit Nina Müllers leistet einen wesent­lichen Beitrag zur weiteren Klärung dieser Fragen. Das Datenmaterial stammt aus der Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP)-Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie München. Die Untersuchung wurde zwischen 1995 und 1999 in drei Befragungswellen an einer repräsentativen Bevölkerungs­stichprobe 14- bis 24jähriger Probanden durchgeführt. Die zur Datenerhebung verwendeten Instrumente, klinisches Interview und Fragebögen, sind im Anhang des Buches ent­halten, soweit sie die soziale Angststörung betreffen.

Die Autorin

Nina Müller leistete als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Epidemiologie am Max-Planck-Institut die Auswertung des Datenmaterials zur sozialen Angst. Die Autorin ist Diplom Psychologin, das hier rezensierte Buch wurde 2001 als Dissertation an der Universität Bamberg angenommen.

Aufbau und Inhalte

Die Kapitelfolge entspricht dem Standard empirischer Veröffentlichungen, mit theoretischer Einführung in die Problemstellung, Beschreibung von Fragestellung und Methode, Ergebnisdarstellung und Diskussion. Die im Theorieteil vor­genom­mene Auseinandersetzung mit den diagnostischen Kriterien und vorliegenden epidemiologischen Befunden zur sozialen Angststörung ist instruktiv und sehr gut integriert. Aus praktischer Sicht ist allein zu bedauern, dass aufgrund der forschungstypischen DSM-ÓLastigkeit" die Beschäftigung mit den diagnostischen Kriterien des ICD-10 recht knapp ausfällt und das gebräuchliche MAS-Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters keine Erwähnung findet. Neben der insgesamt sehr gelungenen inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Thematik enthält der Theorieteil gut verständliche Erklärungen zur epidemiologischen Methodik. Die Beschreibung der statistischen Operationen hingegen werden im Detail wohl vor allem selbst wissen­schaftlich Tätige durchdringen; dies gilt tendenziell auch für den materialreichen Ergebnisteil. Eine detaillierte Lektüre vermittelt allerdings einen guten Eindruck, wie viel kritisches Abwägen des umfangreichen Datenmaterials hinter den griffigen Zusammenfassungen des Ergebnisteils steckt. Bei der ab­schließenden Diskussion der Ergebnisse gelangt die Autorin zu klaren, plausiblen Aussagen über Risikofaktoren und Verlauf der Störung, die gegebenes Wissen häufig replizieren, aber auch systematisch neue Aspekte aufzeigen, insbesondere hinsichtlich des Störungsverlaufs.

Vor allem für beratende und psychoedukative Therapieansätze ist eine Kenntnis der durchschnittlich wirksamen Faktoren des Störungsverlaufs von entscheidender Wichtigkeit, um mögliche Ansatzpunkte konstruktiver Veränderung in den therapeutischen Prozess einzubringen. Für die Abschätzung der individuellen Prognose ist Wissen über die störungstypischen Verlaufsprädiktoren in jedem Fall relevant. Sicher werden die in der EDSP-Studie gewonnen Erkenntnisse zur sozialen Angststörung in die einschlägigen klinischen Lehrbücher aufgenom­men werden. Wem das Störungsbild in der therapeutischen Praxis häufiger begegnet, ist eine frühere Lektüre der hier besprochenen Arbeit Nina Müllers zu empfehlen. Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen ist die Veröffentlichung ein "Muss".

Fazit

Die Qualität der Stichprobenziehung und der Datenerhebung der Early Developmental Stages of Psychopathology-Studie wird sich erst aufgrund nachfolgender Untersuchungen besser abschätzen lassen. In jedem Fall leistet die hier besprochene Veröffentlichung eine außerordentlich überzeugende Aufarbeitung des in der Studie gewonnenen epidemiologischen Rohmaterials zu den frühen Entwicklungsstadien der sozialen Angststörung. Die vorgelegte Arbeit Nina Müllers hat das Potential, richtungsweisend für die weitere epidemio­logische Auseinandersetzung mit dem Störungsbild pathologischer sozialer Angst bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu werden.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 07.01.2003 zu: Nina Müller: Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Erscheinungsformen, Verlauf und Konsequenzen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2002. ISBN 978-3-8309-1136-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/619.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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