Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen
Rezensiert von Dr. Peter A. Schmid, 25.10.2008
Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft. Hanser Verlag (München) 2008. 140 Seiten. ISBN 978-3-446-23011-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,90 sFr.
Thema
Der Titel des Essays von Heinz Bude verweist auf eine zentrale soziologische und sozialpolitische Diskussion der letzten Jahre, nämlich auf die Diskussion um Inklusion und Exklusion und damit auf die Debatte um die so genannte neue Armut, um die Zunahme der Ausgrenzungserfahrungen und die neuen Formen der Erwerbslosigkeit. In dieser Debatte, die in den letzten Jahren sehr vielfältig geworden ist, geht es von Beginn weg um das Phänomen der Exklusion im Sinne des Ausschlusses aus der Gesellschaft oder der Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten als Überflüssige und damit prinzipiell nicht mehr Inkludierte.
Dieses Phänomen der zunehmenden Exklusion rüttelt am Selbstverständnis der modernen Gesellschaft, die, wie es im Untertitel von Budes Buch heisst, den Traum einer gerechten Gesellschaft träumt. Die moderne Gesellschaft hat das Selbstverständnis, dass prinzipiell alle Menschen in die Leistungen der einzelnen gesellschaftlichen Funktionssysteme einbezogen sein müssen. Es müssen prinzipiell alle Menschen von den Funktionssystemen adressiert werden können und damit die Möglichkeit der Inklusion und der Teilhabe erhalten. Inklusion ist die zentrale Regelvorstellung, die das Selbstverständnis der modernen funktional differenzierten Gesellschaft bestimmt. Daher legt unsere Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Gesellschaftstypen derart grossen Wert auf institutionalisierte und systematisierte Inklusionsregeln. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die soziale Konstitution der Person heute über Inklusion läuft, also über den Einschluss und die Teilhabe an der Gesellschaft. Die Zunahme von Ausgeschlossen ist daher ein ernsthaftes Problem für die moderne Gesellschaft und für ihr funktionales Selbstverständnis.
Aufbau und Inhalt
Mit
seinem Essay entwirft Heinz Bude, ein
guter Kenner der deutschen Gesellschaft, ein umfassendes Bild dieses
Ausschlusses. Dabei versteht er seine Betrachtungen der Ausgeschlossenen in
Deutschland "als ein Stück öffentlicher Soziologie" (S. 7), das sich an die
Bürgerinnen und Bürger richtet, denen die Gesellschaft und deren Zustand am
Herzen liegen.
Bude beschreibt persönliche Problemlagen, um
damit die generellen Probleme deutlich zu machen: das Einzelne wird
aufgenommen, um das Allgemeine darzustellen. Die öffentliche Soziologie
beschreibt dabei nüchtern und macht keine Vorschläge, wie man es besser machen
könnte oder wie die Situation verbessert werden könnte. "Sie will die
Öffentlichkeit in erster Linie über die gesellschaftlichen Verhältnisse
aufklären, in denen wir leben, und nicht Rechtfertigungen für politische
Akteure liefern, die sich in bester Absicht eine bestimmte Veränderung der
gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Fahnen geschrieben haben."(S. 8) Die
öffentliche Soziologie, die Bude in
seinem Buch betreibt, weckt Aufmerksamkeit für persönliche
Ausschliessungserfahrungen und zeigt auf, wie es dazu kommt und wie der
Ausschluss sich manifestiert.
Im Einleitungskapitel, das den Titel "Das gespaltene Ganze" trägt, entwickelt Bude gut verständlich das Konzept der Exklusion, wie es in der modernen Soziologie diskutiert wird. Der Bezugspunkt dieses Begriffs ist für Bude "die Art und Weise der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, nicht der Grad der Benachteiligung nach Massgabe allgemein geschätzter Güter wie Einkommen, Bildung und Prestige." (S. 13) Dabei zeigt sich, dass die Phänomene des sozialen Ausschlusses nicht länger als Randgruppenphänomene zu verstehen sind, die durch vermehrte Integration zu bewältigen wären. Vielmehr ist das Problem des Ausschlusses ein Problem der ganzen Gesellschaft und belegt für Bude das Ende der grossen Erzählung der Integration in die Gesellschaft und die "Ernüchterung des Fortschrittsglaubens in unsere Gesellschaft" (S. 16). Die Ausgeschlossenen leben heute mitten unter uns. Es handelt sich nicht um einige wenige, sondern um "Millionen von Ausgeschlossenen, die einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben" (S. 19). Die Ausschließungserfahrungen der Betroffenen sind dabei vielfältig und reichen von fehlenden finanziellen Mitteln, um an der Freizeitgesellschaft zu partizipieren, über die Erfahrung der zwangsweisen Flexibilisierung im Berufsalltag bis zur Erfahrung des Hartz-IV-Aufstockers. Gemeinsam ist diesen Menschen, die sich als ausgeschlossene erfahren, "dass sie für sich keine Perspektive mehr sehen, dass sie den Mut verloren haben und zu der Überzeugung gelangt sind, dass es auf sie nicht mehr ankommt" (S. 20) Diese Perspektivlosigkeit führt zu einen Spaltung mitten durch die Gesellschaft und zerreisst mehr und mehr "das soziale Band des Zusammenlebens" (S. 35).
Diesen Befund des Ausschlusses einer immer grösseren Anzahl von Menschen in Deutschland belegt Bude im zweiten Kapitel mit einigen Zahlen aus verschiedenen Studien. Dieses Kapitel zeichnet sich dadurch aus, dass die Zahlen nicht mit trockenen Tabellen dargestellt werden, sondern dass es Bude gelingt, mit diesen Zahlen die Ausschlusserfahrungen zur schärfen.
In den nachfolgenden Kapiteln begibt sich Bude auf eine Reise durch Deutschland. Auf seiner Reise beschreibt er verschiedene Orte der Verlorenen (auf dem Land und in der Stadtmitte) und verschiedene Typen von Ausgeschlossenen: vom langzeitarbeitslosen Angehörigen der Unterschicht über die alleinerziehenden Mutter zum akademischen Mittvierziger, der sich kreativ von Job zu Job hangelt, bis zum Rentner, der seine Zeit als unerwünschter freiwilliger Berater im Baumarkt totschlägt. Daneben finden wir die verwilderten Jungmänner und die ausbildungsmüden Jugendlichen wie auch die jungen Stadtbewohner islamischer Herkunft. All diesen Menschen ist eines gemeinsam, nämlich das Gefühl nicht mehr dazuzugehören und auch nie mehr den Anschluss zu finden.
Dieses Gefühl, so macht Bude im Kapitel "Ansteckungsängste" deutlich, wird von den Integrierten durchaus befördert. "Die anderen suchen Abstand, halten sich fern und verschliessen die Tür" (S. 113). Obwohl Deutschland in der sozialen Entmischung noch keine amerikanischen Verhältnisse kennt, nimmt die Abschottungstendenz der Inkludierten zu. Man will sich nicht "anstecken", geht auf Distanz und bemüht sich um "die Herstellung sozial gereinigter Orte des Erlebniskonsums, wo "gefährliche Klassen" und "hängengebliebene Populationen" keinen Platz haben." (S. 115.f). Das Buch endet mit einem Ausblick auf die "Armen von morgen" und rechnet in diesem Zusammenhang kurz und bündig mit den neuen sozialpolitischen Instrumenten ab, insofern der aktivierende Wohlfahrtsstaat auch noch jene "prekären Individualisten" aus den "Nischen ihres alimentierten Überlebens" (S. 130) vertreibt und auch ihnen, die bis anhin als Lebenskünstler sich irgendwie durchgeschlagen haben, das Gefühl des endgültigen Ausschlusses nachhaltig vermittelt.
Fazit
Heinz Bude beschreibt in seinem Essay eindrücklich die Ausschlusserfahrungen einer zunehmenden Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft. Dabei verzichtet er bei seinen kritischen Betrachtungen weitgehend auf Fachbegriffe, komplexe theoretische Erörterungen und überflüssige Theoriediskussionen. Dadurch ist dieses Buch auch für Nichtakademiker und für interessierte Bürgerinnen und Bürger sehr gut lesbar. Die von Bude beabsichtigte öffentliche Soziologie der Ausschussphänomene der modernen Gesellschaft ist in diesem Sinnen gut gelungen. Zu fragen bleibt aber, ob die schonungslose Darstellung der Phänomene wirklich genügt und ob es nicht doch angezeigt wäre, einige Vorschläge zu machen, wie die weitere Spaltung der Gesellschaft verhindert werden könnte, wie also die Ausschlusserfahrungen minimiert werden könnten. Vielleicht genügt der nüchterne Blick aber auch, um allen zu zeigen, wie erschütternd die Situation heute ist und um ihnen klar zu machen "dass das Ganze auch anders sein" (S. 8) könnte und das eine gemeinsame Anstrengung notwendig wäre, um das Ganze auch wieder anders zu machen. Insofern ist zu hoffen, dass möglichst viel an der Gesellschaft interessierte Bürgerinnen und Bürger dieses kleine und sehr lesenswerte Buch zur Hand nehmen.
Rezension von
Dr. Peter A. Schmid
Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern
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