Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh et al. (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung
Rezensiert von Prof. Dr. Frank-Peter Oltmann, 05.03.2009
Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh, Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 623 Seiten. ISBN 978-3-531-15220-2. 49,90 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-19256-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Unabhängig voneinander weisen verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zur Armuts- und Reichtumsentwicklung in Deutschland (vgl. etwa den 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (www.bmas.de) [1] sowie der DIW-Wochenbericht Nr. 4/2009 (http://www.diw.de/documents/publikationen/73/93785/09-4-1.pdf) übereinstimmend darauf hin, dass sich die „Schere zwischen Arm und Reich“ in den letzten Jahren weiter geöffnet hat - und in Zukunft vermutlich noch weiter öffnen wird.
Diese Entwicklung lässt sich in verschiedenen Lebensbereichen wie Arbeit, Einkommen, Bildung, Gesundheit und Wohnen nachweisen. Dementsprechend greift das vorliegende Handbuch multifaktorelle Zusammenhänge von Armut auf und fügt zentrale Erkenntnisse von Theorie und sozialer Praxis zusammen: Wirtschaftliche Entstehungs- und Begründungszusammenhänge, sozialethische Bewertungsmaßstäbe alter und neuer Armut, ihre sozialrechtliche Einordnung sowie ihre Verwaltung und Bearbeitung, die praktische Bewältigung von Armut in und durch ästhetische bzw. medienpädagogische Angebote. Weiterhin werden sozialgeschichtliche Erfahrungen im Umgang mit Armut sowie soziale Beteiligungsstrukturen in und von Armutsmilieus erläutert und schließlich auch die Möglichkeiten bzw. die Förderung individueller Problemlösungskompetenzen und -kapazitäten vorgestellt und diskutiert.
Das übergreifende Ziel des Bandes besteht damit insgesamt darin, die aktuelle Theorienbildung zum Thema Armut und die systematisch-empirische Bestandsaufnahme ihrer Erscheinungsformen und das daraus abzuleitende praktische Veränderungswissen so aufeinander zu beziehen, dass sie dem Leser ein zugleich umfangreiche und detaillierte methodisch-inhaltliche Orientierung liefern.
Herausgeber und Mitautoren
Der Band wird von Dr. Ernst-Ulrich Huster, Professor für Politikwissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum sowie Privatdozent an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, einem der führenden Armutsforscher in Deutschland, sowie Dr. Jürgen Boeckh, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel und Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn, Professorin für Soziologie an der Evangelischen Fachhochule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum herausgegeben, die zugleich mehrere eigene Themenbeiträge liefern. Neben weiteren fachlich ausgewiesenen Autoren der Evangelischen Fachhochule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum sind – um nur einige zu nennen - mit Lutz Leisering (Universität Bielefeld), Richard Hauser (Universität Frankfurt), Gerhard Bäcker (Universität Duisburg-Essen), Hartmut Häußermann (Humboldt Universität Berlin) sowie Eckhard Rohrmann (Universität Marburg) weitere namhafte Wissenschaftler mit Fachbeiträgen beteiligt.
Inhalt
Im ersten einleitenden Kapitel des Bandes entwickeln die Herausgeber die Facetten und Bezüge von Armut und sozialer Ausgrenzung als einem multidisziplinären Forschungsfeld. Sie liefern außerdem einen kurzen Überblick über die verschiedenen Themenbeiträge.
Die Beiträge des zweiten Kapitels befassen sich mit den unterschiedlichen Armutstheorien:
- der gesellschaftlichen Ein- und Ausgrenzung aus soziologischer Sicht (Hildegard Mogge-Grotjahn),
- dem Verhältnis von Ungleichheit, Armut, Wachstum und Wohlstand (Dieter Eißel),
- dem sozialpolitischen Problem von Reichtums- und Armutsverteilung (Ernst-Ulrich Huster),
- den Schwierigkeiten und Ambivalenzen der Armutsmessung im Rahmen der Sozialstatistik (Richard Hauser),
- der Entwicklungsdynamik von Armut (Lutz Leisering),
- der Armutsforschung in international vergleichender Perspektive (Wolfgang Strengmann-Kuhn und Richard Hauser),
- der Betrachtung von Armut unter sozialethischen Gesichtspunkten (Traugott Jähnichen),
- dem Verhältnis von Armut und (ihrer Darstellung in der) Kunst (Rainer Homann),
- einigen Zusammenhängen von Askese und Besitzlosigkeit (Fritz-Rüdiger Volz) sowie schließlich
- der Entwicklung des Rechts der Armut hin zum modernen Recht der Existenzsicherung im Sozialgesetzbuch (Knut Hinrichs).
Das dritte Kapitel befasst sich mit Aspekten der Geschichte der Armut im abendländischen Kulturkreis (Gerhard Schäfer) und thematisiert anschließend die sozialpolitische und sozialadministrative Entwicklung der Armenfürsorge vom frühen Mittelalter bis zu den Anfängen moderner Sozialstaatlichkeit (Ernst-Ulrich Huster).
Im vierten Kapitel werden gesellschaftliche Prozesse, die zu Armut zu führen sowie die daraus resultierenden Lebenslagen beleuchtet: Lutz C. Kaiser fragt nach der Funktion von Erwerbsarbeit im Armutskontext, Jürgen Boeckh stellt die Risiken dar, die Armut und soziale Ausgrenzung auf allen Verteilungsebenen bewirken. Weitere Themen behandeln die Bildungsarmut sowie die mit ihr zusammenhängende soziale Vererbung von Ungleichheiten (Carola Kuhlmann), das Verhältnis von Gesundheit und sozialer Lebenslage (Fritz Haverkamp), die Ursachen sozialräumlicher Segregation (Hartmut Häußermann), genderspezifische Zugänge zu Armutsproblematik (Hildegard Mogge-Grotjahn), die besonderen Problemen von Migranten und sozialer Ausgrenzung (Jürgen Boeckh), Armut im Familienkontext (Benjamin Benz) sowie die besondere Problematik der Armutssituation von Menschen mit Behinderungen (Eckhard Rohrmann).
Das abschließende fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Bewältigungsstrategien bei Armut und sozialer Ausgrenzung. Hans-Jürgen Balz thematisiert psychologische Strategien der individuellen Armutsbewältigung, Michael Wendler beschäftigt sich mit der Funktion von Bewegung und Körperlichkeit, Renate von Schnakenburg mit Armut und ästhetisch- kultureller Bildung. Der Artikel „E-exklusion oder E-inklusion?“ von Ursula Henke, Hildegard Mogge-Grotjahn und Ernst-Ulrich Huster thematisiert Unterschiede im Zugang sowie die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten neuer Medien und ihre diesbezüglichen Inklusions- und Exklusionspotenziale. Gerda Holz betrachtet unter der Überschrift „Infantilisierung der Armut“ das Problem der Kinderarmut und zeigt zugleich Möglichkeiten sozialarbeiterischer Intervention z. B. im Rahmen der Jugendhilfe auf. Gerhard Bäcker und Jennifer Neubauer beschäftigen sich in Ihrem Artikel „Soziale Sicherung und Arbeitsförderung bei Armut durch Arbeitslosigkeit“ mit den Voraussetzungen, Anforderungen und Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende im SGB II. Benjamin Benz betrachtet die „Armutspolitik der Europäischen Union“ unter Berücksichtigung der verschiedenen Sozialstaatsmodelle. Thomas Eppenstein fragte in seinem Beitrag danach, wie sich das Thema Armut als verändernde Praxis auf die Hochschulausbildung und das berufliche Handel auswirkt? [2] Thomas Vandamme verknüpft das Armutsthema mit dem Diskurs um die Entwicklung bzw. Beförderung einer Zivilgesellschaft und eines dementsprechenden bürgerschaftlichen Engagements. Richard Stang setzt sich in seinem Beitrag mit dem Thema „Armut und Öffentlichkeit“ auseinander, schildert die historische Genese von Armutsbildern und erläutert anschließend die Behandlung des Themas Armut in den bzw. durch die Medien. Der abschließende Beitrag von Walter Eberlei richtet den Blick auf „Armut als globale Herausforderung“.
Diskussion
Ähnlich wie andere Sammelbände liefert auch das vorliegende Handbuch eine Fülle von fachübergreifenden Informationen, Erläuterungen und Analysen zum Thema, die den Leser in ihrer Gänze auf den ersten Blick etwas überrollen. Zudem fällt es einem wegen der grundsätzlich begrüßenswerten inhaltlichen Spannbreite der einzelnen Beiträge manchmal – trotz der hilfreichen Kategorisierung in den einzelnen Kapiteln – schwer, die unterschiedlichen Sichtweisen auf eine gemeinsame Argumentationslinie zu beziehen.
Dies ist natürlich auch dem inhaltlichen Umstand geschuldet, dass es die eine, konsistente Armutstheorie bisher nicht gibt – und wegen der geschilderten Vielfältigkeit der Begründungen und Ausprägungen von „Armut“ letztlich vielleicht auch nicht geben kann. Andererseits liest man die über 30(!) Beiträge des Bandes, einem Handbuch entsprechend, vermutlich auch nicht nacheinander, sondern in Bezug auf bestimmte, jeweils interessierende Problemstellungen und damit eher selektiv.
Fazit
Von wenigen Einwänden abgesehen besitzt der vorliegende Band hinsichtlich seiner Aktualität, seines interdisziplinären Zugangs, seines Materialumfanges und schließlich auch wegen seines fachlichen Niveaus ohne Zweifel das Potenzial eines zukünftigen Standardwerkes der Armutsforschung. Er ist somit allen Interessierten zu empfehlen, die sich einen ersten Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand verschaffen wollen. Er eignet sich darüber hinaus aber auch für Experten der Materie, die bestimmte Aspekte und Teilprobleme der Thematik wissenschaftlich vertiefen wollen, wozu ihnen das über 600-seitige, durchweg flüssig und zugleich gut verständlich verfasste Opus ausführlich Gelegenheit bietet.
[1] An dessen Erarbeitung unter anderem auch Autoren dieses Sammelbandes maßgeblich mitgewirkt haben.
[2] Die beteiligten Autoren der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum fungieren in der Mehrzahl zugleich als Lehrende des Masterstudienganges „Soziale Inklusion, Gesundheit und Bildung (SIGB)“, der sich unter der Leitung von Prof. Dr. Huster als einer von zwei Masterstudiengängen seit dem Sommersemester 2008 unter anderem auch mit den Themenfeldern „Armut und soziale Ausgrenzung“ befasst.
Rezension von
Prof. Dr. Frank-Peter Oltmann
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
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