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Klaus Schubert u.a. (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssysteme

Cover Klaus Schubert u.a. (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssysteme. Ein Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 704 Seiten. ISBN 978-3-531-15784-9. 49,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Integration Europas stellt für die Sozialpolitik ein zugleich spannendes aber gleichzeitig auch an Komplexität kaum zu überbietendes Faktum dar. Mit der Erweiterung der Europäischen Union auf nunmehr 27 Länder wird die ohnehin kaum vorhandene Übersichtlichkeit über die einzelnen Sozialstaaten noch schwieriger. Da erweist sich ein Handbuch wie das vorliegende von Klaus Schubert et al. als ein langersehntes Nachschlagewerk und als ausgesprochen wichtige Publikation. Von besonderer Bedeutung ist bei einem monumentalen Buch wie dem vorliegenden mit über 700 Seiten allerdings die Handhabbarkeit und Praktikabilität für die Nutzer und Nutzerinnen. Insofern stellt die Systematisierung der einzelnen Länderkapitel ein zentrales Kriterium dar, das für die Bewertung vorrangig ist. Denn Studien über einzelne Sozialstaaten oder komparative Untersuchungen zu mehreren Sozialstaaten gibt es zuhauf, problematisch ist häufig die Vergleichbarkeit angesichts einer Vielzahl von unterschiedlichen verwendeten Kategorisierungen und Indizes.

Aufbau

Das Buch ist insgesamt in vier Teile gegliedert, wozu noch ein Vorwort und ein Autorenverzeichnis kommen.

  1. Im ersten Teil des Buches wird zunächst den Forschungsstand der komparativen Wohlfahrtssystemanalyse vorgestellt und sodann in einem weiteren Unterkapitel in die theoretisch-methodischen Ansätze des Herausgeberteams eingeführt.
  2. Der zweite, weitaus umfangreichste Teil des Buches ist den einzelnen Länderstudien gewidmet, für die jeweils Fachautoren und –autorinnen gewonnen wurden.
  3. Im dritten Teil werden einige vergleichende Analysen vorgenommen.
  4. Der vierte Teil, der als Anhang konzipiert ist, enthält umfangreiches Tabellenmaterial.

Erster Teil (Einleitung)

Im ersten Teil des Buches wird in einem ersten Unterkapitel in systematisierender Weise der aktuelle Forschungsstand zum Thema komparative europäische Wohlfahrtssystemanalyse dargestellt und hier im Wesentlichen drei Hauptlinien unterschieden. Dabei sehen die HerausgeberInnen eine Hauptlinie in der Entwicklung von Kategorien und Clustern, eine zweite in der Analyse der Reduzierung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen (retrenchment) und eine dritte in der Analyse von Pfadabhängigkeiten zwischen den Sozialstaaten. Diese drei Hauptlinien werden in kompakter Form sehr überschaubar dargestellt und leiten so direkt über zum zweiten Unterkapitel. Dieses widmet sich den methodisch-theoretischen Überlegungen der Herausgeber und der Herausgeberin, die zum einen sorgfältig die Begrifflichkeiten „Wohlfahrtsstaat“ zum einen und „Wohlfahrtsregime“ zum anderen analysieren und an diese beiden Konzepte jeweils drei in den letzten Jahrzehnten in Europa relevanten Entwicklungstrends anlegen. Diese sehen sie zum einen in der Erweiterung (der EU), zum zweiten in der Vertiefung (der europäischen Integration) und zum dritten in der Supranationalität. Als (Zwischen)ergebnis dieses dicht geschriebenen ersten Teils bleibt festzuhalten, dass die Herausgeber und die Herausgeberin den Kategorien „Wohlfahrtsstaat“ sowie „Wohlfahrtsregime“ schwindende analytische Trennschärfe konstatieren und daher für die Verwendung eines offeneren Konzeptes wie das des „Wohlfahrtssystems“ plädieren.

Zweiter Teil: Länderstudien

Der zweite, weitaus umfangreichste Teil, des vorliegenden Buches ist den einzelnen, insgesamt 25 Länderstudien gewidmet. Rumänien und Bulgarien als jüngste Neumitglieder der Europäischen Union finden sich hier noch nicht, das Buch wurde noch zu Zeiten der EU-25 fertig gestellt. Abgeschlossen wird dieser zweite Teil durch ein Kapitel über die Sozialpolitik der Europäischen Union.

Grundsätzlich sind alle Länderanalysen nach einem einheitlichen Prinzip aufgebaut: auf eine knappe historische Darstellung der Entwicklung des jeweiligen „Wohlfahrtssystems“ (unter Rückgriff auf die Terminologie des Herausgeberteams) folgt eine mehr oder weniger detaillierte Beschreibung des Status quo, die dann von einem Ausblick in die nähere Zukunft abgerundet wird.

Dabei sind die einzelnen Länderkapitel trotz dieses einheitlichen Rasters recht heterogen in ihrer jeweiligen konkreten inhaltlichen Ausgestaltung. So setzt die historische Darstellung des deutschen Wohlfahrtssystems bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, während der Ausgangspunkt der Beschreibung des dänischen Wohlfahrtssystems erst mit dem Jahre 1982 beginnt. Auch bei einigen anderen Länderanalysen lässt sich konstatieren, dass die historische Darstellung zu für das jeweilige Land sicherlich gut begründbaren Zeiträumen beginnt, die aber für die Leser/innen nicht immer unbedingt gut nachvollziehbar sind. So wäre es wünschenswert, wenn – wie in den Länderanalysen Deutschlands, Frankreichs und Schwedens etwa – auch die wesentlichen frühen Einflussfaktoren hin zu einer sozialstaatlichen Entwicklung skizziert worden wären.

Der zweite systematische Abschnitt der Länderanalysen widmet sich der strukturierten Beschreibung der jeweiligen sozialstaatlichen Leistungen. Häufig werden hier die verschiedenen Politikbereiche dargestellt wie Arbeitsmarktpolitik, Rentenpolitik, Bildungspolitik, Familienpolitik, Gesundheitspolitik. In einigen Länderanalysen werden diese Felder entlang der verschiedenen Leistungssysteme des jeweiligen Sozialstaates dargestellt. Es finden sich auch Länderkapitel, die eine Mischform aus beiden Systematisierungsprinzipien aufweisen. Aus diesem Rahmen fällt allerdings die Darstellung des deutschen Wohlfahrtssystems insofern heraus, als hier eine andere Systematik gewählt wurde. Hier wird jeweils summarisch nach Leistungen, Adressaten/Zielgruppen, Bereitstellung und schließlich Finanzierung systematisiert. So ist ein Vergleich der einzelnen Länderkapitel untereinander nicht immer ganz einfach, was letztlich auch auf die Unmöglichkeit einer einheitlichen Systematisierung einer derart großen Anzahl von Wohlfahrtssystemen mit je eigener sozialpolitischer Tradition und Terminologie zurückzuführen ist.

Auch die i.d.R. mit „Ausblick“ betitelten abschließenden Abschnitte der einzelnen Länderkapitel fallen unterschiedlich aus, sowohl in ihrem zeitlichen Horizont der jeweiligen Zukunftsprognose als auch in ihrer Differenziertheit. Höchst lobenswert ist es, wenn in einzelnen Länderanalysen hier Vergleiche mit anderen Wohlfahrtssystemen angestellt werden. So werden die Herausforderungen des spanischen Wohlfahrtssystems mit denen Frankreichs verglichen. Sehr wichtig und interessant sind auch die Zukunftsprognosen in den Kapiteln der „neuen“ Mitgliedsländer der Europäischen Union, insbesondere der MOE-Länder wie Tschechien, Ungarn, Polen, Slowakei, Slowenien sowie den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen.

In dem bereits erwähnten Schlusskapitel zu diesem zweiten Teil des Buches werden die Hauptlinien der Sozialpolitik der Europäischen Union dargestellt und vorsichtige Prognosen über die Zukunft eines Europäischen Sozialmodells, der Europäisierung der einzelnen EU-Sozialstaaten sowie der sozialpolitischen Gestaltungsmacht der Europäischen Union angestellt.

Dritter Teil: Vergleichende Analysen

Im dritten Teil werden in zwei Kapiteln vergleichende Analysen vorgenommen, wobei sich die erste zunächst den Gemeinsamkeiten der Wohlfahrtssysteme der EU-25 widmet, um sodann anhand verschiedener Kategorien die Unterschiede herauszuarbeiten. Hier werden zunächst Aufgaben und Prioritätensetzungen der einzelnen Länder anhand von verschiedenen Indikatoren wie Sozialausgaben und Sozialleistungsquoten verglichen. Danach werden einzelne Politikfelder vergleichend dargestellt, wie Alter, Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Familie. Weitere Indikatoren stellen die Armutsgefährdungsquote, die Einkommensverteilung sowie die Arbeitslosenquoten dar. In einem weiteren Schritt werden die Finanzierungsformen untersucht sowie dann die sozialpolitisch relevanten Akteure in den jeweiligen Ländern. Mit dem Indikator „Leitmotiv“ wird vergleichend untersucht, wie in den jeweiligen Ländern soziale Absicherung prinzipiell erfolgt. Diese und einige der anderen herangezogenen Indikatoren werden übersichtlich in Form von Europakarten dargestellt, wobei jedes Land je nach Ausprägung unterschiedlich eingefärbt wurde. Damit ist ein rascher Überblick möglich, der die komplexen Zusammenhänge sinnvoll darstellt.

Im zweiten vergleichenden Kapitel wird die These entwickelt, dass sich die europäischen Wohlfahrtssysteme insbesondere durch einen sog. „politischen limitierten Pluralismus“ auszeichnen. Dieses als europäisches Spezifikum darzustellen ist das zentrale Ziel dieses abschließenden Kapitels.

Vierter Teil: Anhang

Im vierten Teil wird umfangreiches Tabellenmaterial auf Basis von Eurostat-Daten zusammengestellt, das in Anlehnung an die Systematik in den einzelnen Länderstudien zusammengestellt wurde. Dies stellt für die intensive Lektüre des Buches eine hilfreiche Unterstützung dar, die durch eine knappe Legende und eine Übersicht über alle Tabellen gut handhabbar gemacht wird.

Zielgruppen

Der Band ist als Nachschlagewerk, Einführung und Kompendium für Studierende, Lehrende sowie Fachleute aus den Bereichen Europastudien, Sozialpolitik sowie angrenzenden Gebieten konzipiert.

Fazit

Das Buch stellt für die o.g. Zielgruppen sowohl ein Grundlagenwerk als auch eine wahre Fundgrube dar. Es kann sicherlich ohne Umschweife als ein „Universalwerk“ im Bereich des Themengebiets vergleichende europäische Sozialpolitik beschrieben werden.

Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn die Darstellung der einzelnen Länderstudien in Folgeauflagen noch in den weiter oben angesprochenen Aspekten – wie beispielsweise der historischen Darstellung oder der Systematisierung der sozialpolitischen Leistungen - etwas konsequenter im Rahmen des Möglichen vereinheitlicht würde.

Letztlich stellt dieses Buch in jeder Hinsicht einen großen Gewinn für eine große - und angesichts der zunehmenden Bedeutung der europäischen Integration für die Sozialpolitik – auch wachsende Zielgruppe dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 27.11.2009 zu: Klaus Schubert u.a. (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssysteme. Ein Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15784-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6193.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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