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Wolfgang Bergmann: Kleine Jungs - große Not

Cover Wolfgang Bergmann: Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 179 Seiten. ISBN 978-3-407-22898-7. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 25,30 sFr.

Originaltitel: Kleine Jungs - große Not: Wie wir ihnen Halt geben.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-22945-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Spurensuche

Während sich schlecht entwickelte Mädchen angepasst und unauffällig verhalten, gelingt dies Jungen im gleichen Alter weniger gut. Unruhe, Aggressivität, Verschlossenheit und Unnahbarkeit sind einige der Eigenschaften, die in den Kinderseelen nicht erreichter Jungen verstärkt werden. Eltern, Lehrende, Erzieher/-innen und andere Betreuungspersonen sind hilflos und erwarten von so genannten Experten/-innen Patentrezepte zur Lösung der Probleme. Ein so vielschichtiges Entstehungsmodell, wie Wolfgang Bergmann es aufzeichnet, kann jedoch von den betroffenen Familien und Erziehungsinstitutionen nicht mit einem Rezept alleine bearbeitet werden. Der Autor bietet  daher kein solches Patentrezept an, noch gibt er vor eines zu haben. Wolfgang Bergmann ist ein guter Detektiv und Indianer, der in seinem Buch "nur" die individuellen Spuren zu den Seelen der Jungen aufzeigt.

"Es sind Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen." Ein Erziehungsstil, sei er noch so demokratisch oder partnerschaftlich ist und bleibt ein Stil, eine aufs Kind angewandte Methode. Beziehung hat keine Methodik, muss nicht vorbildlich sein. Sie ergibt sich aus dem Moment, aus der Begegnung zweier ebenbürtiger Menschen.

Anstelle von Bevormundung und Besserwisserei tritt Achtung und Respekt. Der junge Mensch wird als kompetent und voll zurechnungsfähig erkannt und anerkannt. Die Selbstverantwortung und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen wird von Anfang an respektiert. Der Erwachsene hat demzufolge nicht die Aufgabe, einzuwirken in die Entwicklung des Kindes, sondern diese zu unterstützen. Er pflanzt nicht einen Samen in das Kind, sondern lässt den Samen im Kind aufgehen.

"Elternliebe ist eine physische und metaphysische Tatsache." Wolfgang Bergmann, Vater von drei Kindern und systemischer Familientherapeut, postulierte eine Widerbelebung der Elternliebe. Eltern sollten rückhaltloser, als es die allermeisten modernen Eltern tun, intuitiv ihrer Elternliebe vertrauen. Sie sollten sich um mehr Klarheit, Deutlichkeit und Verlässlichkeit bemühen: "Ich, Vater oder Mutter, bin für mein Kind von einzigartiger Bedeutung. Niemand sonst kann für dieses besondere Kind diese nur mir eigene Väterlichkeit beziehungsweise Mütterlichkeit aufbringen". Ist diese Beziehungsqualität erst einmal konkret im lebendigen Alltag wieder belebt, kann das Kind beginnen, seine verschütteten Ordnungskräfte, seine Wahrnehmungsfähigkeiten und seine sozialen Kompetenzen, kurzum, seine seelischen Selbstheilungskräfte gemeinsam mit den Eltern zu entfalten.

Aufbau

Das Buch "Kleine Jungs – große Not" setzt sich aus 7 Kapiteln zusammen. Jedes Kapitel umfasst mehrere Unterkapitel von durchschnittlich 5 Seiten. Die Unterkapitel sind zum überwiegenden Teil kurze Fallbeispiele aus der Praxis von Wolfgang Bergmann. Sie beschreiben erfolgreiche und erfolglose Versuche systemischer Unterstützung für die betroffenen Kinder.

  • I. Spurensuche. Die ersten drei Fallbeispiele thematisieren die zentrale Bedeutung von Verlässlichkeit für die Jungen in Bezug auf Bindung und Ordnung.
  • II. Die Verfassung der modernen Familie. Es folgt eine Analyse der modernen Familie, die psychische Veränderungen gegenüber der Großelterngeneration erlebt hat, ohne ein Bewusstsein oder einen Anpassungsprozess an diese Veränderungen erkennen zu lassen. Kinder heute, sollen den "Erfolg" der Familie vervollständigen und das Bild der heilen Familie dokumentieren. Probleme mit Kindern sind daher auch einer der häufigsten Scheidungsgründe. Moderne Mütter sind ehrgeizig, überwachend und kontrollierender, als die Mütter der vorhergehenden Generationen es waren. Das vereinnahmende Prinzip-Mama führt nicht nur zu einer starken Bindung an die Söhne, sondern häufig auch gleichzeitig zu einer Abwendung vom Vater. Gleichzeitig gibt es aber auch Jungen, die an einer zu wenig fordernden Umwelt scheitern.
  • III. Modernität und Monitore - Lebenswelten. Die alte Lesekultur, die Geduld, Versenkung und viel Konzentration auf innere Bilder erfordert, ist zu langsam und zu wenig konsumierbar. Digitale Bilder dagegen, sind wie Assoziationen aus dem Unbewussten. Das Neue daran ist die Nähe zu den Tagträumen.
  • IV. Psychologische Skizzen zur Verfassung der nervösen modernen Jungen. Einem bindungsschwachen Kind gelingt der Aufbau eines kohärenten Selbst nicht. Das kleine Kind, das nicht ausreichend gelernt hat sich zu lieben, sucht nach einer Stütze für seine "Ich-Liebe". Dabei können Väter eine wichtige Rolle übernehmen, denen in früheren Zeiten das Privileg oblag, den Kindern die Welt zu erklären.
  • V. Zerfall des Sozialen und desorientierten Jungen – Versuch einer Antwort. Kinder mit radikalisiertem Ego kennen kein Gut und kein Böse. Sie kennen nur Bestätigung und Verweigerung von Bestätigung. Sie hören nur organisch. Ein Organ für das Mitgefühl fehlt ihnen. Solche Kinder haben das Organ des Sozialen, das aus frühesten Bindungserfahrungen hervorgeht, nicht ausgebildet. Kommt zusätzlich noch die pädagogische Ideologie hinzu, dass die innere Realität vom autonomen eigenen Willen des Kinder gewollt und angestrebt werden müsse, dann sitzen sich Kinder und Eltern oder Experten/-innen wie die Königskinder auf den unterschiedlichen Flussseiten gegenüber.
  • VI. Was tun? Stark machen, Halt geben, Mitgefühl zeigen. Wolfgang Bergmann schlägt drei grundsätzliche Prinzipien vor, um Kindern in unserer heutigen Zeit zu helfen: a) Die Starken stärken, b) Den Gewalttätigen widerstehen und c) die Schwachen trösten. Hinzukommt der Ansatz, Kindern verstärkt die Liebe der Eltern zu zeigen und an Gehorsam zu arbeiten.
  • VII. Noch mehr Not oder: Wie Bildung unmöglich wird. Schule muss heute die Aufgabe haben, eine Alternative zu unserer jetzigen Gesellschaft darzustellen. Sie kann ein Gegenentwurf sein, um in der nächsten Generation soziales Verhalten einzuüben. Dies wird leider grundsätzlich versäumt.

Zielgruppe

Dieses Buch richtet sich an Menschen, die mit Kindern und vor allem mit Jungen zusammen leben – kurz gesagt, an uns alle.

Fazit

Das Buch "Kleine Jungs – große Not" ist in einem leicht diffusen und verwirrenden Sprachstil geschrieben. Der Autor scheint um Worte zu ringen, die Sprachlosigkeit der Jungen zu erfassen. Der Lesende entwickelt den Wunsch nach einer klaren Problembeschreibung und strukturierten Lösungsansätzen und erhält damit einen minimalen Einblick, in das desorientierte Chaos der Kinderseelen. Es das Buch eines systemischen Familientherapeuten, der den Lesenden in das System integriert. Er ermöglicht uns damit Spuren dieser Jungen in uns selbst zu finden.


Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 12.07.2008 zu: Wolfgang Bergmann: Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. ISBN 978-3-407-22898-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6208.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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