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Keith Hawton, Karen Rodham u.a.: Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität bei Jugendlichen

Cover Keith Hawton, Karen Rodham, Emma Evans: Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität bei Jugendlichen. Risikofaktoren, Selbsthilfe und Prävention. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 283 Seiten. ISBN 978-3-456-84475-6. 29,95 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Klinische Praxis.
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Thema

Selbstverletzendes Verhalten, im Sinne einer selbst zugefügten Gewebsschädigung, häufig durch Schneiden, Verbrennungen oder Prellungen, wird klinisch von suizidalen Handlungen abgegrenzt, da es – anders als letztere – die Beendigung des eigenen Lebens nicht als Möglichkeit einkalkuliert. Doch unzweifelhaft sind beide Selbstschädigungsformen Ausdruck großer psychosozialer Not und Verzweiflung. Psychologisch im Zentrum steht dabei das intensive Erleben einer extremen Dissonanz zwischen den eigenen Erwartungen und Bedürfnissen einerseits und der wahrgenommenen Realität andererseits. Statistisch wurde wiederholt aufgezeigt, dass junge Menschen in den westlichen Industrienationen ein erhöhtes Risiko für selbstverletzendes und suizidales Verhalten zeigen, wobei die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs im höheren Erwachsenenalter ansteigt. Nach einer suizidalen Handlung zeigt sich statistisch ein deutlich erhöhtes Risiko zu wiederholten Suizidversuchen und tatsächlich erfolgten Selbsttötungen. Es ist nachweisbar, dass qualifizierte Behandlung und auf die erkannte Problemsituation bezogene Hilfe sich präventiv auswirken. Betroffene, die im psychosozialen Hilfesystem versorgt werden, zeigen geringere Rückfall- und Suizidraten als Betroffene, die keine Hilfe angeboten bekommen bzw. diese nicht in Anspruch nehmen oder abbrechen. Je mehr fachliches Wissen über die psychosozialen Hintergründe selbstverletzender und suizidaler Handlungen vorliegt, desto treffsicherer können Präventionsangebote gemacht werden. Diesem wichtigen Ziel ist das vorliegende Buch verpflichtet.

Entstehungshintergrund

Die Häufigkeit und vermutlichen Entstehungsfaktoren selbstverletzenden und suizidalen Verhaltens werden meist über Inanspruchnahmestudien ambulanter und stationärer medizinisch-psychiatrischer Behandlungsstellen zu erfassen versucht. Entsprechende Studien lassen Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung nur sehr bedingt zu. Ausgangspunkt des vorliegenden Buches ist eine populationsbasierte Befragung, die in den Jahren 2000 bis 2001 an etwa 6000 15-16jährigen englischen Schülern durchgeführt wurde. Das Autorenteam wird von Keith Hawton angeführt. Hawton zählt als Direktor des Centre for Suicide Research an der Universität Oxford zu den international anerkanntesten Experten auf dem Gebiet der Suizidologie. Karen Rodham ist ausgebildete Gesundheitspsychologin und als Dozentin an der Universität Bath tätig. Emma Evans arbeitet als Klinische Psychologin praktisch im Bereich der primären Gesundheitsfürsorge. Die deutsche Übersetzerin Sandra Winkel ist als Co-Autorin eines 2004 in Deutschland erschienenen Buches zu selbstverletzendem Verhalten Expertin für das Themengebiet.

Aufbau und Inhalte

Das Einführungskapitel beschreibt den Ausgangspunkt der Studie. In Großbritannien und anderen europäischen Ländern sind absichtlich zugefügte Selbstschädigungen spätestens seit den 80er Jahren ein relativ häufiger Anlass für Vorstellungen junger Menschen im Krankenhaus. Bezogen auf diese Patientengruppe wird in Großbritannien seit Jahren eine methodisch hochwertige Forschung zu den Entstehungs- und Verlaufsfaktoren suizidaler Krisen betrieben. Allerdings ist mittlerweile bekannt, dass selbstschädigendes Verhalten unter Jugendlichen „viel verbreiteter ist, als die Zahl der Vorstellungen in Krankenhäusern vermuten lässt“. Die vorliegende Studie will das Wissen über das Dunkelfeld jener Jugendlichen erhöhen, die sich selbst schädigen ohne im medizinischen Versorgungssystem aufzutauchen.

Der erste Teil des Buches, Selbstschädigung und Suizidalität bei Jugendlichen schildert zunächst den Aufbau und die Methodik der Erhebung. Die Befragung wurde anonym durchgeführt, wobei angemessene Vorkehrungen erfolgten, um eine kritische Belastung der befragten Betroffenen zu vermeiden oder im Bedarfsfall auffangen zu können. Das Auftreten selbstschädigenden Verhaltens in der Biographie wurde detailliert erfragt und dabei um eine freie Beschreibung des Verhaltens gebeten. Anhand dieser Beschreibung wurde bei der Auswertung geprüft, ob es sich tatsächlich um eine absichtliche Selbstschädigung im klinischen Sinn handelt, und, wenn ja, das kritische Verhalten verschiedenen Schädigungsformen zugeordnet. Die Befragung zielt sowohl auf suizidale, wie nicht-suizidale Selbstschädigungen ab, erfragt aber unter anderem, ob das Verhalten von einer suizidalen Intention begleitet war. Die Fragebogenkonstruktion und das Bemühen der Autoren um Repräsentativität der Stichprobe wird transparent und gut nachvollziehbar dargelegt. Der Fragebogen wurde zusammen mit anderen europäischen Forschern konstruiert und als „Children and Adolescent Self-harm in Europe (CASE) Study“ in insgesamt 7 Ländern eingesetzt. Das Buch geht detailliert auf die in England gewonnen Ergebnisse ein, diskutiert diese dabei eingehend im Kontext vergleichbarer empirischer Befunde. Neben der Häufigkeit und Form der Selbstschädigungen werden die Motive der Betroffenen sehr genau erfragt. Am häufigsten berichteten die jungen Menschen, dass sie „Erleichterung von einem schrecklichen seelischen Zustand“ gesucht haben. Über die Hälfte der Betroffenen berichtetet wiederholte Selbstschädigungen. Nur ein geringer Teil nimmt medizinische Versorgung in Anspruch.

Wie unterscheiden sich betroffene Jugendliche von anderen Jugendlichen? Das vierte Buchkapitel stellt sowohl die erwartungsgemäßen wie die auffallenden Ergebnisse der Befragung in den Kontext bereits vorliegender Erhebungen. Die Autoren diskutieren negative und positive statistische Zusammenhänge der berichteten Selbstschädigungen mit

  • dem Geschlecht der Betroffenen
  • ihrer ethnischen Zugehörigkeit
  • psychischen Auffälligkeiten
  • Konsum psychotroper Substanzen
  • Bewältigungsproblemen in der Schule
  • Zugehörigkeit und Ablehnung in der Gleichaltrigengruppe
  • Erfahrung sexueller und körperlicher Gewalt
  • Sorgen über die sexuelle Orientierung
  • Familienbezogenen Faktoren
  • Erfahrung mit selbstschädigendem Verhalten anderer Personen.

Ein eigenes Kapitel ist dem unterschiedlichen Hilfesuchverhalten betroffener und nicht betroffener junger Menschen gewidmet. Die Mehrheit der Betroffenen beschreibt ernsthafte psychosoziale Probleme. Allerdings äußerten diese Befragten häufiger als andere problembelastete Jugendliche, dass sie entweder keine Hilfe bräuchten oder, obwohl sie Hilfe benötigen würden, sich nicht darum bemüht hätten. Von Selbstschädigung betroffene beschreiben zudem häufiger dysfunktionale Bewältigungsstrategien im Umgang mit erlebter Belastung.

Teil 2 des Buches befasst sich mit unterschiedlichen Settings der Prävention und Behandlung. Eingegangen wird auf Präventionsansätze

  • in der Schule
  • für Hausärzte und Krankenhäuser
  • durch Ratgeberbücher, Telefon- und Internetberatung.

Es hat sich gezeigt, dass Unterrichtsprogramme für Schüler zur Förderung des Bewusstseins gegenüber dem Problem Suizidalität teilweise zu paradoxen Effekten führen, vermutlich weil das dargebotene Informationsmaterial Nachahmungseffekte erzeugt. Als Alternative diskutieren die Autoren Programme zur Förderung von Problembewältigung und psychischer Gesundheit. Ein anderer Präventionsansatz zielt darauf ab, Jugendliche mit einem besonderen Risiko zu erkennen. Verschiedene Methoden der schulbasierten Risikoerkennung werden abgewogen.

Kapitel 7 widmet sich zunächst dem Präventionspotential der hausärztlichen Versorgung. Studien haben aufgezeigt, dass ein großer Teil Betroffener im Vorfeld suizidaler Handlungen einen Hausarzt aufsucht, - und dort indirekt oder direkt über die erlebte Notlage kommuniziert. Das offene Erfragen möglicher selbstschädigender Impulse durch den Arzt hat präventive Funktion. Die Autoren geben im Weiteren Anhaltspunkte für die klinische Risikoabschätzung, Krisenintervention und Rückfallprophylaxe.

Das achte Kapitel geht auf das Präventions- und Risikopotential von Internetforen und Medienberichten ein.

Im Schlusskapitel nehmen die Autoren Stellung zum Forschungsbedarf und zu den klinischen Erfordernissen: gefordert wird unter anderem, dass alle Jugendliche, die nach selbstschädigendem Verhalten behandelt werden, detaillierte Diagnostik erhalten, auch jene, die nicht stationär behandelt werden müssen.

Der Anhang des Buches enthält

  • die angewandten Richtlinien zur Kategorisierung von selbstschädigendem Verhalten
  • hilfreiche deutschsprachige Adressen
  • Informationsmaterial und Interventionshilfen für Lehrer und Erzieher.

Zielgruppe und Diskussion

Der Klappentext beschreibt das Buch als „eine unentbehrliche Lektüre für Therapeuten, Lehrer, Sozialarbeiter, Erzieher, Ärzte, politische Entscheidungsträger und in der Forschung Tätige“. Tatsächlich ist dem Buch eine möglichst große Verbreitung in dieser Zielgruppe zu wünschen. Es hilft, die Not der jungen Menschen mit selbstschädigendem Verhalten nachvollziehbar zu machen, und zeigt Hilfsmöglichkeiten auf. Das wissenschaftliche Niveau ist durchweg hoch, sowohl im empirischen Teil wie in der Literaturdiskussion. Die Darstellung bleibt dabei immer unkompliziert und gut nachvollziehbar. Die im englischen Sprachraum übliche Zusammenfassung selbstverletzenden und suizidalen Verhaltens unter dem Terminus „absichtliche Selbstschädigung“ muss zwar in der klinischen Praxis differenziert werden, da teilweise unterschiedliche Interventionen angezeigt sind. Für die grundlegende Fragestellung der Erhebung ist diese Unterscheidung aber von untergeordneter Bedeutung.

Fazit

Das Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 30.03.2009 zu: Keith Hawton, Karen Rodham, Emma Evans: Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität bei Jugendlichen. Risikofaktoren, Selbsthilfe und Prävention. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. ISBN 978-3-456-84475-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6213.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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