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Zygmunt Bauman: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit

Cover Zygmunt Bauman: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburger Edition (Hamburg) 2008. 167 Seiten. ISBN 978-3-936096-92-7. 12,00 EUR.

Originaltitel: Liquid times.
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Autor und Thema

Der Autor, renommierter Soziologe polnischer Herkunft, der lange Jahre an der  Universität Leeds/ England gelehrt hat und jetzt emeritiert ist, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Kritiker der gesellschaftlichen Entwicklung in der Postmoderne. Die Hamburger Edition, der Verlag des  Hamburger Instituts für Sozialforschung,  hat das umfangreiche Werk Baumanns neben dem Suhrkamp-Verlag auf Deutsch veröffentlicht und führt auch immer wieder  Diskussionsveranstaltungen mit ihm durch, die auf großes Publikumsinteresse stoßen.

Zygmunt Baumann nimmt in dem schmalen Band eine Thematik auf, mit der sich u.a. der bekannte US-amerikanische Soziologe Richard Sennett ("Der flexible Mensch", 2000) und auch die deutsche Soziologie seit der Veröffentlichung von Ulrich Becks Risikogesellschaft, 1986 auseinandersetzt (u.a. Ulrich Beck und Heinz Bude): Die sozialen Auswirkungen, Risiken und Ängste der ökonomischen Globalisierung, die schrumpfende Bedeutung des Nationalstaates und die Gefährdung der Demokratie.

Inhalt

Der Titel der deutschen Ausgabe stellt die zentrale Aussage heraus – den schnellen sozialen Wandel und das Leben in der Ungewissheit. Baumann skizziert in seiner  Einleitung fünf zentrale  Herausforderungen der westlichen Demokratien, die er in den folgenden fünf Kapiteln bearbeitet:

  1. Strukturen und Institutionen – inklusive soziale Normen - sind kurzlebig, sozusagen flüchtig geworden und damit unzuverlässig, so dass die Menschen ihre Lebensplanung kaum mehr daran ausrichten können. 
  2. Die Macht verlagert sich von der lokal ausgerichteten Politik der Nationalstaaten in einen "politisch unkontrollierbaren globalen Raum".
  3. Der Staat trägt zu Verunsicherung der Menschen bei, indem er  soziale Sicherungssysteme abbaut und so die sozialen Grundlagen kollektiven Handelns untergräbt, was wiederum zwischenmenschliche Beziehungen brüchiger werden lässt.
  4. Das Leben der Individuen gestaltet sich episodenhaft in kurzfristigen Projekten, ist fragmentiert, und die Nützlichkeit von Wissen und Erfahrungen wird fragwürdig. 
  5. Sich schnell wandelnde Umstände zwingen Menschen dazu, laufend Entscheidungen zu treffen und auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, ohne dass sie Voraussetzungen und Risiken irgendwie beeinflussen können.

Im ersten Kapitel befasst sich Baumann mit den subjektiven und kollektiven Ängsten,  ihren Ursachen und Konsequenzen. Er beginnt mit einer Weisheit aus der Antike, die Gerechtigkeit als notwendige Bedingung für Frieden nennt. Festzustellen sei demgegenüber eine  wachsende Ungerechtigkeit und eine immer ungleichere Verteilung des Reichtums. Märkte ohne Grenzen, auf denen sich "Handel und Kapital, Überwachung und Informationen, Waffen und Gewalt, Verbrechen und Terrorismus" ohne Kontrolle entfalten, führen zu einer Weltwirtschafts(un)ordnung zugunsten der reichen Länder und Eliten. Diese "negative Globalisierung" pervertiert die  "offene Gesellschaft" der demokratischen westlichen Staaten: Menschen werden schutzlos politisch nicht zu kontrollierenden Kräften ausgesetzt, mit der Folge wachsender Unsicherheit und Angst.  Die Demontage staatlicher und kollektiver Schutzmechanismen – vor allem der Abbau des Sozialstaats – zwingt die Menschen,  "individuelle Lösungen für gesellschaftlich erzeugte Probleme" zu suchen.  Dies bringt einen neuen Individualismus hervor, Solidarität verschwindet,  zwischenmenschliche Beziehungen werden prekärer.
Die fortschreitende Deregulierung und Individualisierung hat In Europa und anderen entwickelten Ländern eine Spirale der Angst und geradezu eine "Sicherheits-Obsession" hervorgebracht. Am Beispiel des Irak-Krieges zeigt Baumann, dass als Kollateralschaden in den USA nicht nur das Gefühl der Sicherheit abnimmt, sondern auch Demokratie und persönliche Freiheit gefährdet sind. Angst – der "hinterhältigste Dämon in der offenen Gesellschaft" entwickelt eine eigene Dynamik und führt zu noch mehr Unsicherheit, aus der wirtschaftlich Kapital geschlagen wird, vor allem zum Nutzen der Waffenindustrie und den Herstellern von Selbstverteidigungsausrüstung.

Im zweiten Kapitel "Menschen in Bewegung" nimmt Baumann ein Thema auf, das er ausführlich in dem 2005 erschienen Buch "Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne" (Hamburger Edition; engl. Original 2004: Wasted Lifes. Modernity and its Outcasts, vgl. die Rezension) behandelt hat. Der Siegeszug des modernen Kapitalismus weltweit  produziert Abfallprodukte, an denen er bald ersticken könnte: nicht nur giftige Müllberge, sondern zunehmend "menschlichen Abfall".  Ein Teil der Menschen – vor allem  in den so genannten Entwicklungsländern - ist "überflüssig", denn sie werden weder als Arbeitskraft gebraucht noch können sie  durch mangelnde Kaufkraft  teilhaben am Konsum. Anders als in der Zeit der industriellen Revolution in Europa kann der Bevölkerungsüberschuss der "Nachzügler der Moderne" nicht in einem "Niemands-Land" abgeladen werden; die Ventile sind verstopft. Zwar wird ein Teil der Bevölkerung temporär – abhängig von den Gewinnchancen der global agierenden Unternehmen - als billige Arbeitskraft genutzt, aber die Flüchtlingsströme obdach- und staatenloser Opfer der Globalisierung finden auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben keine neue Heimat. So bleiben vor allem   "pervertierte "lokale Scheinlösungen", um den Bevölkerungsüberschuss – vor allem Jugendliche ohne Perspektive auf Arbeit - zu absorbieren und schließlich zu vernichten: Drogenhandel, Verbrecherbanden und Terrorismus.
Der  Abbau des Sozialstaats, der die  "kollektive Absicherung gegen individuelles Unglück" organisierte und damit eine wesentliche Säule der modernen Demokratie darstellte, verändert auch diese. Die Abnahme sozialer Rechte hat für arme und mittellose Menschen zur Folge, dass sie auch immer weniger ihre politischen Rechte ausüben können, was wiederum die persönlichen bürgerlichen Rechte beeinträchtigt. Die Deregulierung treibt die  Individualisierung voran, die Absicherung gegen die Risiken des Lebens muss zunehmend privat geleistet werden. Im Kampf um die gesellschaftlichen  Ressourcen – Bildung,  Arbeit, Eigentum -  wird Solidarität durch Konkurrenz ersetzt und kollektive Bande verwahrlosen. Die Menschen müssen sich zunehmend individuell mit Unsicherheiten und Ängsten auseinandersetzen. Diejenigen, die den Anforderungen nicht gewachsen sind, laufen Gefahr,  "überflüssig" und damit dauerhaft ausgegrenzt zu werden. "Die Unwiderruflichkeit der Exklusion ist eine unmittelbare…Folge des Zerfalls des Sozialstaats…" und die "Arbeitslosen von heute – und insbesondere die Langzeitarbeitslosen – sind nur einen kleinen Schritt entfernt vom Absturz in das schwarze Loch…"
In der Stadt zeigen sich die Unsicherheiten in komprimierter Form, denn Städte sind zu "Abladeplätzen für global verursachte…Probleme" geworden und müssen dafür lokale Lösungen suchen. Dies ist jedoch eine nicht zu bewältigende Herausforderung, die Angst und Aggressionen vor allem gegenüber Fremden hervorbringt und die Abschottung in sicheren Territorien mit Gleichartigen sucht. Eine Strategie der Stadtplanung und Architektur,  um diese Gettoisierung aufzubrechen und Foren der Begegnung zu ermöglichen,  könnte "die vermehrte Gestaltung offener, einladender und freundlicher öffentlicher Räume" sein.

Das letzte Kapitel ist überschrieben mit "Utopia im Zeitalter der Ungewissheit", in dem Baumann unter Bezug auf  historische Auseinandersetzungen von Philosophen und Schriftstellern nach einem doch noch positiven Ausweg aus dem Dilemma von Ungewissheit, Unsicherheit und Angst sucht. Aber auch da überwiegt der Skeptizismus.

Diskussion

Baumann betrachtet die globale ökonomische, politische und soziale Entwicklung und ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen aus unterschiedlichen – jedoch immer kritischen - Perspektiven. Er bezieht sich dabei auf vielfältige Quellen – historische und aktuelle wissenschaftliche und philosophische sowie literarische Abhandlungen, auf politische Zeitungs- und Zeitschriftenartikel und illustriert seine Ausführungen anschaulich mit Beispielen aus verschiedenen Regionen der Erde.

Das Buch ist eine pointierte Zusammenfassung seiner bisherigen Auseinandersetzung mit Moderne und Postmoderne. In essayistisch-assoziativem Stil breitet er die Kernaussagen seiner - in anderen Veröffentlichungen tiefer ausgeleuchteten - Argumentation aus. Die Sprache ist oft drastisch und apodiktisch, aber - unter Verwendung dramatischer Metaphern - gleichzeitig auch bildhaft-farbig und zuweilen sogar poetisch.

Fazit

Das macht das Buch zu einer spannenden und anspruchsvollen Lektüre, nicht nur für Studierende und Lehrende der Sozialwissenschaften und der Sozialen Arbeit, sondern für alle politisch interessierten Menschen. Das konzentrierte Werk des klassischen Gelehrten bietet eine lehrreiche, nüchtern-desillusionierende Erklärung unserer Welt und zwingt uns geradezu zu einer eigenen Positionierung.


Rezensentin
Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft & Soziales; Lehre in Soziologie mit Schwerpunkt Organisationssoziologie


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Zitiervorschlag
Yolanda Koller-Tejeiro. Rezension vom 30.07.2008 zu: Zygmunt Bauman: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburger Edition (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-936096-92-7. Originaltitel: Liquid times. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6217.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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