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Karin Sanders, Hans-Ulrich Weth (Hrsg.): Armut und Teilhabe

Cover Karin Sanders, Hans-Ulrich Weth (Hrsg.): Armut und Teilhabe. Analysen und Impulse zum Diskurs um Armut und Gerechtigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 225 Seiten. ISBN 978-3-531-15762-7. 39,90 EUR.
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Thema

Armut, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Gerechtigkeit sind wieder erstrangige Themen geworden. Die Auseinandersetzungen um Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand und am Ressourcentransfer wie über die Deutungen der Ursachen und der Wirkungen von Armut werden mit einem Mix aus Emotionen, Begriffen, Thesen und Theorien geführt. Diese Kontroversen sind ein Bestandteil der Veränderungen des Sozialstaates. Einen Beitrag zu den Diskursen innerhalb und außerhalb der Sozialen Arbeit will der Sammelband von Karin Sanders und Hans-Ulrich Weth leisten. Das Buch ist vor der Finanz- und Wirtschaftskrise geschrieben worden – hat aber durch die Entwicklung nur an Aktualität und Bedeutung gewonnen.

Aufbau ...

Sammelbände projizieren durch die Auswahl der Themen und die Qualität der Beiträge einen Blick auf ihr Themenspektrum. Deshalb wird hier zunächst das Design des Buches vorgestellt und danach eine Würdigung der Einzelbeiträge vorgenommen. Karin Sanders, Hans-Ulrich Weth und Jürgen Volkerts beziehen sich auf den Umbau des Sozialstaates und thematisieren ökonomische und sozialpolitische Grundannahmen.

Problematischen Lebenslagen und sozialadministrative Strategien werden von Gerda Holz (Kinderarmut), Christine Alsmann (Überschuldung), Martin Maier (Modell Passiv-Aktiv-Transfer) und Frieder Claus (Hartz IV) dargestellt und analysiert. Sie sind theoretisch und praktisch in der Sozialen Arbeit verankert.

Externe Perspektiven werden von Christian Rose und Lidia de Paz eingebracht: aus protestantischer Sicht auf biblische Aussagen zu Armut und Solidarität (Rose) und aus Südamerika wird ein kolumbianisches Schulprojekt vorgestellt (de Paz).

... und Inhalt

Karin Sanders geht Armuts- und Gerechtigkeitsvorstellungen nach, die beim Umbau von Leistungssystemen und Institutionen wirksam sind. Sie verankert die Aufgaben des Sozialstaates in der Menschenwürde und im sozialen Frieden (S. 13). Armut sieht sie als einen ‚Bedrohungshorizont breiter Bevölkerungsschichten‘. Sanders setzt sich kritisch mit dem Verhältnis zwischen Staat und Bürgern, dem Aktivierungsparadigma und dem Umbau des Sozialstaates auseinander - zu befürchten sei, dass die „ehemals staatlich organisierte Umverteilung zugunsten, lokaler situationsangepasster Lösungen entlastet“ wird (S. 23). Der Sozialstaat käme in die bequemere Rolle eines Moderators. Wenn sich unterschiedlichste lokale Sozialpolitiken entwickeln die Risiken und Hilfen organisieren, wird die Verantwortung für soziale Gerechtigkeit aus dem staatlichen Handeln in gemeinschaftliches Handeln überführt und der Staat gerechtigkeitsentlastet - was zu weit reichenden Risiken und Problemen der sozialen Gerechtigkeit führe.

Hans-Ulrich Weth beschreibt pointiert und offensiv den Vorstellungshintergrund des Neoliberalismus. Die negativen Effekte auf die Gesellschaft und soziale Beziehungen werden schonungslos aufgelistet. In seinen Überlegungen zu den Alternativen führt er aus, dass eine andere Wirtschafts- und Verteilungspolitik vonnöten ist, der Vorrang des Politischen wiederhergestellt werden muss und die Finanzmärkte auf ihre Finanzierungs- und Vermögenssicherungsfunktion zurückgeführt werden müssen (und das alles vor der Krise geschrieben!).

Jürgen Volkert thematisiert Reichtum, denn wer über Armut spricht, muss auch über Reichtum reden. Armut und Reichtum sind relationale Begriffe die sich auf die Verteilung von Ressourcen beziehen. Seine Analysen und Vorschläge basieren auf dem Konzept der Verwirklichungschancen, wie es von A. Sen entwickelt wurde. Er enthält sich jeder polemischen Zuspitzung und orientiert sich an den empirischen Befunden, wie sie unter anderem im Armuts- und Reichtumsbericht vorgelegt wurden.

Gerda Holz geht den Lebenslagen und den Zukunftschancen von Kindern nach, die unter Armutsbedingungen aufwachsen. Ihr konzeptionell und empirisch hervorragend fundierter Beitrag zeigt sehr genau die Problemstellungen und Wechselwirkungen auf. Indem sie die unterschiedlichen Belastungen von Mädchen und Jungen in verschiedenen Alters- und Schulphasen analysiert, gelingt es ihr, konkrete Aspekte zu benennen, an denen es möglich wird, Schutzfaktoren zu fördern und Risikofaktoren zu begrenzen. Sie stellt Konturen einer kindbezogenen Armutsprävention dar, kann zahlreiche praktische Ansatzpunkte benennen sowie relevante Anschlussstellen und Einflussbereiche für die Soziale Arbeit markieren.

Der sehr informative Beitrag von Christine Alsmann zur Überschuldung privater Haushalte diskutiert die Konsequenzen des neuen Verbraucherinsolvenzrechts in Deutschland. Sie bietet detaillierte Einblicke in die Prozesse eines Verfahrens und damit solide Grundlagen für sozial engagierte Handlungsstrategien.

Martin Maier stellt das Modell des Passiv-Aktiv-Transfers als alternative sozialpolitischer Strategie der Beschäftigungsförderung bei Langzeitarbeitslosen vor, was einen Paradigmenwechsel bedeutet. Sein Erfahrungshintergrund ist die Arbeits- und Wohnungslosenberatung. Besonderes Merkmal dieses Beitrages ist es, dass Maier ein durchkalkuliertes Modell präsentiert und dessen Beziehungen in die Politik und die Sozialadministration (die Bundesagentur für Arbeit). Im Bereich der versicherungspflichtigen Beschäftigungen besteht ein besonderer Handlungsbedarf Teilhabe zu ermöglichen. Beeindruckend ist, wie der gut begründete Vorschlag - einen sozialpolitisch motivierten dritten Arbeitsmarkt zu schaffen - aktiv eingebracht wird. So wird die Alternativlosigkeit der Situation (die schon im Denken spürbar ist) durchbrochen und die Möglichkeit eröffnet, Konsequenzen mit verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zu diskutieren.

Im Beitrag von Frieder Claus „Hartz IV – Strategie zur Armutsbekämpfung?“. wird der Hintergrund der Hartz IV-Reform dargestellt und dann eine Auseinandersetzung mit Anspruch und Wirklichkeit präsentiert. Dabei kommen dem Autor seine praktischen Erfahrungen und soliden theoretischen Analysen zugute. Das Kapitel „Alternativen“ zeigt, dass die Soziale Arbeit sich im sozialpolitischen Diskurs zu beteiligen hat (!) und nicht nur kann.

Im Anschluss an diese theoretisch, konzeptionell und in der Auswahl der Fakten argumentativ und empirisch belastbar begründeten Beiträge wird das Muster der Diskussion noch einmal erweitert. Christian Rose will aufzeigen, dass die Auseinandersetzung um Armut und Solidarität ein grundlegendes Anliegen christlichen Denkens ist. Er weist den Kirchen hier eine Funktion zu, die diese zum einen durch ihre Stellungnahmen auch öffentlich wirksam übernehmen, beispielsweise durch das Jahrbuch „Gerechtigkeit“ zum anderen aber in ihrer Praxis als Arbeitgeber teilweise wieder in Frage stellen. Lidia de Paz beschreibt am Beispiel eines Schulprojektes, welche enormen Unterschiede es in den Lebensperspektiven und Armutsbedingungen zwischen den Ländern Lateinamerikas und Deutschland gibt und weist der Bildung bei der Lösung der Armutsproblematik eine Schlüsselrolle zu.

Diskussion

Welche Impulse werden im Diskurs um Armut und Gerechtigkeit durch das Buch eingebracht und gestärkt? Zunächst ist festzuhalten: das Buch wird vom Verlag an die Erziehungswissenschaft adressiert, richtet sich aber nach Inhalt und Struktur eindeutig an der Sozialarbeit aus.

Für die Soziale Arbeit bringt der Sammelband kompakte Analysen, Konzepte und Stellungnahmen zum Armuts- und Gerechtigkeitsdiskurs - fundiert, praxisbezogen und offensiv. Eine defensive, womöglich sich selbst bemitleidende, Position wird nirgends eingenommen. Die Gerechtigkeitsfragen richten sich an den gesellschaftlichen Akteuren aus und werden entsprechend formatiert. Die fachliche Argumentation innerhalb der Sozialen Arbeit wird deutlich gestärkt durch empirische Befunde, präzise Beobachtungen und konkrete Handlungsvorschläge. Diese Grundlagen bieten auch gegenüber anderen Akteuren z. B. in der Politik und den Medien, der Wirtschaft, dem Schul- oder Gesundheitswesen hervorragende Grundlagen für neue Konzepte und Kooperationen. Die Basis der strukturellen Kopplung mit Adressatengruppen wird präzisiert und gestärkt. Besonders in seinem arbeitsfeld- und lebenslagenbezogenen Teil bietet der Band hervorragende Argumentationshilfen und zahlreiche praktische Ansatzpunkte für konkrete Projekte und Strategien. Der kritische Blick und die Diskussion innerhalb der Sozialen Arbeit werden ebenfalls vielfältig angeregt – auch seine Schwächen sind lehrreich.

Was ist zu kritisieren? (1) Als große Schwäche des Bandes fällt seine Heimatlosigkeit auf. Der Hinweis auf Interdisziplinarität verfängt nicht – im Gegenteil. Der Verzicht auf den Diskurs zur sozialen Gerechtigkeit innerhalb der Sozialen Arbeit schwächt das Buch so wie die professionelle und disziplinäre Diskussion und schadet so letztlich den Adressaten und dem gesellschaftlichen Diskurs. Hier werden sowohl Ressourcen des Faches außen vor gelassen als auch der Weg zur Selbstreflexion der Sozialen Arbeit verdeckt. (2) Die Beschreibung von Armut und Teilhabechancen ist ein äußerst sensibles Thema und erfordert ein hohes Maß an Genauigkeit. So wird selten hinreichend sauber zwischen staatlichen Strukturen, staatlichem Handeln, gesellschaftlichen Vorstellungen und gemeinschaftlichem Handeln unterschieden. Bereits im einleitenden Beitrag von Sanders wird die schwierige Position der Sozialen Arbeit als Teil staatlichen Handelns, gesellschaftlicher Prozesse, autonomen Handelns und ko-evolutionären Prozessen zwischen Angehörigen der Profession und ihren Klienten leider nicht hinreichend aufgenommen. Die Konzipierung des Themas ist für die Beobachtung und die Ergebnisse leitend. So ist es äußerst fragwürdig (und widerspricht dem Buch), wenn Weth den Kern des Problems in Anlehnung an Sennet darin sieht „ … wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben“ (S. 41). (3) Was fehlt mir und was hätte ich mir gewünscht? Inhaltlich eine Auseinandersetzung mit der politischen Philosophie von John Rawls, der soziale Gerechtigkeit als Grundlage und Aufgabe der Institutionen der Gesellschaft begreift. Hier ist der von Volkert favorisierte Ansatz von Sen nicht hinreichend auskunftsfähig, wie die aktuelle Krise belegt. Die sozialwissenschaftlichen Diskussionen zur sozialen Gerechtigkeit bieten weit mehr Schnittflächen zur Sozialen Arbeit als in den Eingangsbeiträgen dargestellt wird, z. B. zum Verhältnis von Anerkennung und Umverteilung. Im Bereich der Arbeitsfelder löst der kurze Beitrag zur sozial-gesundheitlichen Ungleichheit in Deutschland von Eva Münster und Stefan Letzel das Thema in unverbindliche „Man-sollte-Hinweise“ auf, anstatt den konkreten Situationen und wissenschaftliche Analyse soziales Gehör zu verschaffen. Auf der Ebene der Reflexion wird deutlich, in welchem Maße die eigene Betrachtungsweise das Bild von Armut und Teilhabe prägt. Lidia de Paz reproduziert geläufige, kleinformatige, mittelschichtgeprägte soziale Muster über Armut und Bildung und lässt in ihrem Bericht über Kolumbien historische Verantwortungszusammenhang aus, ignoriert komplett wirtschaftliche (kapitalistische) Strukturen und unterschlägt unsere ganz konkrete soziale und wirtschaftliche Vorteilsnahme aus den Strukturen von Reichtum und Armut. Denn wir können sowohl die Vorteile der ungerechten Verteilungsstrukturen als auch die moralische Überlegenheit und Dankbarkeit, weil wir ja helfen, für uns verbuchen.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das intern und extern für die Soziale Arbeit wichtige Argumente und Handlungskonzepte zu aktuellen Entwicklungen von Lebenslagen ihrer Klienten, der Sozialen Arbeit und der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen enthält. Es eignet sich für Ausbildungszwecke, Entwicklungen in der Praxis und die dringend erforderlichen wissenschaftlichen Kontroversen. Sowohl auf der Ebene der Kooperation mit Adressaten wie mit anderen gesellschaftlichen Institutionen werden gut begründete Optionen aufgezeigt und der Sozialen Arbeit eine offensive Position einzunehmen ermöglicht.


Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 09.11.2009 zu: Karin Sanders, Hans-Ulrich Weth (Hrsg.): Armut und Teilhabe. Analysen und Impulse zum Diskurs um Armut und Gerechtigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15762-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6223.php, Datum des Zugriffs 09.04.2020.


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