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Sandro Thomas Bliemetsrieder: Kinderarmut und krisenhafter Grundschulalltag

Cover Sandro Thomas Bliemetsrieder: Kinderarmut und krisenhafter Grundschulalltag. Sozioanalytische Fallrekonstruktionen als Orientierungshilfe für die Grundschulpädagogik und soziale Arbeit. Herbert Utz Verlag (München) 2007. 298 Seiten. ISBN 978-3-8316-0714-3. 48,00 EUR.

Reihe: Schriften zur interdisziplinären Bildungsdidaktik - Band 13.
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Hintergrund und Thema

Spätestens mit dem Erscheinen aktueller Bildungsberichte wie PISA oder IGLU ist in Deutschland an die Öffentlichkeit getreten, was lange tabuisiert wurde – Kinder aus Armutsverhältnissen haben schlechtere Bildungschancen als ihre KlassenkameradInnen. Nach aktuellem Erkenntnisstand werden die betroffenen Kinder von Institutionen wie der Kinder- und Jugendhilfe bzw. der Schule, welche sich oftmals immer noch als separierte Instanzen mit unterschiedlichen Wirkungsbereichen definieren, nicht angemessen aufgefangen und unterstützt. In Anbetracht steigender Kinderarmutsraten stehen beide Professionen vor neuen Herausforderungen im Umgang mit betroffenen SchülerInnen und deren Eltern.

In seiner Fallstudie zeigt Bliemetsrieder neben den aktuellen Missständen in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik sowie der Grundschulpädagogik deren bislang zaghafte Kooperation auf und formuliert Handlungsmöglichkeiten in Form von neuen und innovativen Kooperationsansätzen.

Aufbau

Die Dissertation lässt sich in drei Teile gliedern:

  1. Auf die theoretische Auseinandersetzung mit Kinderarmut in Deutschland und krisenhaftem Grundschulalltag folgt
  2. die detaillierte Darstellung der Forschungsmethodik und des –designs.
  3. Schließlich zeigt der Autor Handlungsempfehlungen für die Grundschulpädagogik bzw. Soziale Arbeit/Sozialpädagogik auf. 

1. Kinderarmut und Grundschulalltag

Im ersten Teil werden anhand gängiger Studien die Erscheinungsformen von Kinderarmut aus der Perspektive von Lehrkräften beschrieben: Defizite werden sehr unterschiedlich in den Bereichen Kleidung, Hygiene, Gesundheit oder auch emotionaler und sozialer Kompetenz wahrgenommen. Hinzu kommt, dass Kinder aus Armutsverhältnissen häufig der Stigmatisierung durch Lehrkräfte aufgrund lückenhaften Kontextwissens ausgesetzt sind, was nicht selten zu ihrer Exklusion aus dem Klassenverband führt. Häufig sind schlechtere Schulleistungen und "auffälliges Verhalten" die Folge.

Das Armutskonzept des Autors umfasst vier Dimensionen:

  1. Die objektive Lebenslage und die Typisierung der Deprivation (Entbehrung),
  2. der subjektive Alltags- und Lebensweltbezug des Kindes,
  3. dessen soziale Teilhabe bzw. Exklusion am sozialen und kulturellen Leben und
  4. die Rolle einbindender Kulturen wie bspw. der Schule.

Im weiteren Verlauf wird der aktuelle Forschungsstand zum Thema Kinderarmut dargestellt – zu den Risikogruppen zählen insbesondere Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund und jene aus allein erziehenden Haushalten. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch erste Annahmen zu den negativen Auswirkungen von Hartz IV, welche heute auf der Basis verlässlicher Zahlen bestätigt werden können. Auch Einflussfaktoren in der Familie und dem sozialen Umfeld werden dargestellt sowie die psychosozialen Folgen der Armutslage für die betroffenen Kinder.

Um all dies aufzufangen, empfiehlt der Autor die Einführung von Schulsozialarbeit bereits im Primärbereich im Sinne von sowohl aktiver Intervention als auch niederschwelliger Angebote in der Arbeit mit Kindern sowie zur Erreichung der Eltern. Einer Überforderung der Grundschulpädagogik mit den multidimensionalen Problemlagen der Kinder aus Armutsverhältnissen kann seines Erachtens durch eine Vernetzung mit der Kinder- und Jugendhilfe im Sinne von Jugendsozialarbeit in den Schulen sowie der Kooperation der Schulen mit dem Hilfesystem "Hilfen zur Erziehung" entgegen gewirkt werden. Neben den Inhalten dieser Arbeitsfelder werden auch die rechtlichen Grundlagen skizziert, welche insbesondere für die im Kontext beschäftigten Fachkräfte von Interesse sind. Betont werden die Vernetzung, Kooperation und gegenseitige Kenntnisstanderweiterung der Professionen. Die Primärstufe (Grund- und Förderschule) wird als ein "viel versprechendes Interventionsfenster" im Kontext Kinderarmut wahrgenommen.

2. Fallstudie

Im zweiten Teil wird die Fragestellung der Fallstudie detailliert und forschungstheoretisch erörtert. Der Fokus richtet sich darauf, wie die Soziale Arbeit/Sozialpädagogik Ausgangslagen für Kinder in der Grundschule schaffen kann, um deren Bildungschancen gleichermaßen (also unabhängig vom sozioökonomischen Status) zu garantieren. Hierzu wurden ExpertInnen aus dem Primärbereich befragt.

Der Autor hält als Ergebnis die gespaltene Haltung der GrundschulpädagogInnen in einerseits Überforderung und einer Loyalität gegenüber den Erziehungsberechtigten und andererseits Fürsorglichkeit gegenüber den Kindern und einer Stigmatisierung derer Eltern fest. Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe wird weitestgehend abgelehnt, obwohl die Grenzen des eigenen Handlungsspielraums den ExpertInnen überwiegend bewusst sind und Wissensdefizite im Kontext Kinderarmut offensichtlich sind. Konkrete, Exklusion und Stigmatisierung der Kinder vermeidende Interventionskonzepte bestehen bislang ebenso wenig wie geeignete institutionalisierte Kooperationen mit der Kinder- und Jugendhilfe. Lediglich von Lösungsvisionen ist die Rede.

3. Handlungsempfehlungen

Im dritten Teil stellt der Autor verschiedene Handlungsempfehlungen dar.

Da Bildung eine wichtige Rolle bei der kindlichen Krisenbewältigung spielt, ist es ihm gemäß Aufgabe einer überforderten Grundschulpädagogik, vernetztes Handeln mit der Kinder- und Jugendhilfe zu initiieren. Aufgrund des unterschiedlichen Selbstverständnisses beider Professionen müssen regelgeleitete Handlungsansätze entwickelt werden, denen ein gemeinsamer Erziehungsbegriff zugrunde liegt: Die Kinder sollten darin unterstützt werden, ihre Lebenslagen und Deprivationen zu begreifen, damit sie auf der Basis einer vertrauensvollen Bindung Unterstützung annehmen und Lösungskonzepte erarbeiten können. Um dies zu gewährleisten, ist der SchülerInnenzentrierte Ansatz von großer Bedeutung: Im Mittelpunkt stehen die betroffenen Kinder, nicht die sozialen und ökonomischen Probleme. Kindern und Eltern zuzuhören und unvoreingenommen auf deren individuelle Lage mit angemessenen Strategien zu reagieren, ist laut Autor Grundlage für eine lebensweltbezogene Pädagogik.

Des Weiteren wird die Bedeutung von Primär- und Sekundärprävention hervorgehoben: Also ein Handeln zum Zeitpunkt, da sich Armut noch nicht manifestiert hat.

Auf der Seite der Lehrkräfte solle eine Stärkung des Kontextwissens erfolgen, dass zugleich eine Sensibilisierung der SchülerInnen im Rahmen des Unterrichts gefördert werden kann.

Neben einem vernetzten Denken von Grundschul- und Sozialpädagogik/Sozialer Arbeit muss ebenso ressourcenorientiertes Denken initiiert werden: Eine Vernetzung mit weiteren (an der Lebenswelt der Kinder orientierten) Institutionen und die gegenseitige Ressourcennutzung sind hierbei von Bedeutung.

Schließlich wird der Einmischungsauftrag der Sozialen Arbeit angeführt, die nicht nur Missstände aufdecken sollte, sondern in diesem Kontext gleiche Bildungschancen für alle Kinder anwaltschaftlich vertreten müsse.

Zielgruppe

Das Werk richtet sich in erster Linie an im Grundschulbereich tätige Lehrkräfte und SozialpädagogInnen/SozialarbeiterInnen, die ihre eigene Rolle im Kontext Kinderarmut und deren Folgen für die Bildungschancen der Kinder reflektieren und ggf. überdenken können. Da jedoch lediglich Handlungsempfehlungen formuliert werden, darf nicht fälschlicherweise ein Leitfaden für die Arbeit im Primärbereich erwartet werden.

Diskussion

Die Fallstudie weist trotz des aufwendigen Designs vereinzelte Mängel auf. Da sich die Auswertungsgruppe homogen aus SozialpädagogInnen zusammensetzt, fehlt nicht nur der interdisziplinäre Blickwinkel, auch die Objektivität ist aufgrund dessen in Frage zu stellen - die Berufsgruppe stellt schließlich eine der beiden Zielgruppen für die Handlungsempfehlungen dar.

Aufgrund des komplexen Aufbaus wird der Lesefluss an manchen Stellen durch eine Vielzahl von Kapiteln und Unterkapiteln sowie eine teils rege wörtliche Zitation erschwert. Um seine Fallstudie methodisch zu untermauern, erreicht der Autor immer wieder die Ebene eines wissenschaftstheoretischen Diskurses, der weniger für PraktikerInnen von Relevanz ist, jedoch für wissenschaftsdidaktisch orientierte bzw. interessierte LeserInnen von Interesse sein kann.

Fazit

Neuerscheinungen zum Thema Kinderarmut sind mittlerweile keine Seltenheit mehr – Arbeiten, die professionelle (bzw. professionsspezifische) Lösungsansätze sichtbar machen, hingegen schon. Die Dissertation von Sandro Bliemetsrieder zeichnet sich nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken.

Für Personen aus dem Praxisfeld Grundschule kann die Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung neuer Handlungskonzepte leisten – insbesondere mit Hinblick auf die Ausweitung der Ganztagsgrundschulen.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Marion Rädler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln


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Zitiervorschlag
Marion Rädler. Rezension vom 28.06.2008 zu: Sandro Thomas Bliemetsrieder: Kinderarmut und krisenhafter Grundschulalltag. Sozioanalytische Fallrekonstruktionen als Orientierungshilfe für die Grundschulpädagogik und soziale Arbeit. Herbert Utz Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-8316-0714-3. Reihe: Schriften zur interdisziplinären Bildungsdidaktik - Band 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6232.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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