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Susanne Fricke, Iver Hand: Zwangsstörungen verstehen und bewältigen

Cover Susanne Fricke, Iver Hand: Zwangsstörungen verstehen und bewältigen. Hilfe zur Selbsthilfe. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-86739-001-9. 14,90 EUR.

Reihe: Balance Ratgeber.
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Autorin und Autor

Dr. phil. Susanne Fricke. Jahrgang 1967, ist leitende Psychologin im Bereich Angstspektrumsstörungen am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf. Fricke veröffentlichte bisher zahlreiche Bücher zum Thema Zwangserkrankungen. 2003 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) 2003.

Prof. Dr. med. Iver Hand. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitete von 1976-2006 den Bereich Verhaltenstherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ist Gesellschafter, Dozent und Supervisor im IVAH (Institut für Verhaltenstherapie-Ausbildung Hamburg).

Aufbau und Inhalt

  1. Was ist eine Zwangsstörung? Im ersten Kapitel stellen die AutorInnen verschiedene Zwangsformen, wie den Ordnungs-, den Wiederhol- und Zählzwang sowie Sammel- und Aufbewahrungszwänge vor. Sie gehen auf die Unterschiede zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken ein und erläutern die verschiedenen Formen von Zwangsgedanken (aggressive, religiöse und sexuelle). Außerdem wird der – vor allem für die Therapie – wichtige Unterschied zwischen Zwangsgedanken und verdeckten Zwangshandlungen erklärt.  Es folgt eine sehr umfangreiche Checkliste, in der die betroffenen LeserInnen "ihren" speziellen, eigenen Zwang suchen und ankreuzen können. Im ersten Kapitel werden außerdem verschiedene Personen vorgestellt, die jeweils eine bestimmte Form der Zwangsstörung repräsentieren. In einem weiteren Unterkapitel wird die Frage beantwortet, wie "normales" Verhalten von Zwängen unterschieden werden kann und welche Krankheiten von der Zwangsstörung – bei sich zum Teil überschneidender – Symptomatik abzugrenzen sind. Die AutorInnen nennen hier z.B. die generalisierte Angststörung, Hypochondrie, Psychosen und Depressionen. In einem interessanten Exkurs wird kurz auf die kulturelle Dimension ritualisierter Handlungen eingegangen. Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung der bis dahin wichtigsten Informationen.
  2. Wie entstehen Zwangsstörungen und was hält sie am Leben? Das zweite Kapitel befasst sich mit der für viele Betroffene quälenden Frage nach den Ursachen und Gründen ihrer Zwangserkrankung. Hier wird auch erstmals der Zwang personifiziert, er "zieht in das Haus" eines Menschen ein und bringt ein Gastgeschenk mit, z.B. das Gefühl der Sicherheit, den Schutz vor Fehlern oder vor Kritik. Die AutorInnen beschreiben die verschiedenen Faktoren, die an der Entstehung einer Zwangsstörung beteiligt sein können, ohne hier eine Größe als besonders starken Prediktor herauszustellen. Vielmehr wird aufgezeigt, dass die Ätiologie einer Zwangsstörung immer im Zusammenhang einer individuellen Lebensgeschichte zu sehen ist und Einflüsse in unterschiedlicher Gewichtung bei den Betroffenen zur Geltung kommen. Dieses Kapitel beinhaltet bereits eine Vielzahl von Arbeitsblättern, z.B. eines, in das die LeserInnen, geordnet nach verschiedenen Kategorien (u.a. Vererbung, Erziehung, Persönlichkeit) ihre persönlichen Risikofaktoren eintragen können.
  3. Werden Sie Ihr eigener Therapeut! Das dritte Kapitel beginnt mit der Feinanalyse der Zwänge, die sich mit den Auslösern für die Zwangshandlungen befasst. Sie gibt erste Hinweise auf das "wie" der Vermeidung von Auslösern, z.B. die Bitte an andere, diese zu kontrollieren, statt es selbst zu tun. Außerdem wird in der Feinanalyse danach geschaut, wann Zwangshandlungen zu einer Entspannung führen. Im nächsten Schritt erläutern die AutorInnen sehr anschaulich die Wichtigkeit einer konsequenten Therapieplanung, die vor allem auch das Formulieren konkreter Therpieziele beinhalten muss. Die Therapieziele werden in die Kategorien "Zwang" und "eigene Person und Lebenssituation" unterteilt. Bei der ersten Kategorie geht es um den angemessenen Umgang mit den Auslösern von Zwangshandlungen und der Vermeidung von Zwangshandlungen. Bei der zweiten Kategorie sollen konkrete Maßnahmen entwickelt werden, um z.B. das Aufkommen von Ärger oder Stress im Alltag zu vermeiden. Im nächsten Schritt erläutern Fricke und Hand das Prinzip an zwei lebensnahen Beispielen (Angst vor Spinnen, Angst vor Theateraufführungen als Laienspieler). Bei der Gewöhnung geht es um die beiden Therapieschritte der Konfrontation mit dem Auslöser ohne Vermeidung desselben und um das Unterlassen von Zwangsandlungen. Bei der Gewöhnung soll vorrangig die Erfahrung gemacht werden, dass die mit dem Ausbleiben der Zwangshandlungen einhergehenden unangenehmen Gefühle in ihrer Intensität nachlassen. Sollte eine Gewöhnung nicht wie gewünscht eintreten, kommt hier das Gespräch mit dem Zwang ins Spiel. Immer wenn dieser nach Zwangshandlungen verlangt, wird ihm geantwortet, dass es ja nur der Zwang sei, der seinem "Besitzer" etwas einreden möchte. Das Prinzip der Gewöhnung wird auch bei den Zwangsgedanken angewendet. Hierzu können die Gedanken aufgeschrieben oder als Text aufgenommen werden, um sie immer wieder zu lesen oder zu hören, um so eine Gewöhnung zu erreichen, die den Zwangsgedanken ihre Bedrohlichkeit nimmt. Das dritte Kapitel schließt mit Antworten auf häufige Fragen und mit Hinweisen zum Umgang mit nicht selten auftretenden Schwierigkeiten, wie Rückfälle, Aufschieben von Zwangshandlungen etc.
  4. Partner und Familie einbeziehen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Zwangshandlungen auf Angehörige aber auch mit den möglichen Funktionen von Zwangsstörungen z.B. in einer Familie oder Partnerschaft. Sehr greifbar werden auch die Auswirkungen der Störung für die Mitbetroffenen geschildert, die bis zur Entwicklung eines "Co-Zwänglers" reichen können. Die AutorInnen geben am Ende des Kapitels konkrete Verhaltenstipps für Angehörige von Betroffenen.
  5. Wenn man weitere Unterstützung braucht. Das Buch schließt mit einem Kapitel das Empfehlungen zu weiteren Hilfsangeboten gibt. Diese reichen von der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen über Selbsthilfegruppen bis zur Möglichkeit einer stützenden medikamentösen Therapie. Außerdem wird auf das in Zusammenarbeit mit den beiden AutorInnen entwickelte Computerprogramm "Talk to him" aufmerksam gemacht.

Zielgruppen

Die AutorInnen sprechen von ihrem Buch als "Hilfe zur Selbsthilfe" und als solche ist es in erster Linie auch zu verstehen. Sicherlich profitieren jene Betroffenen von dem Buch, deren Zwangserkrankung nicht so manifestiert ist und die die Selbstdisziplin aufbringen, ohne therapeutische Unterstützung von außen, die Übungen konsequent zu wiederholen. Aber auch für Personen, die sich in einer Verhaltenstherapie befinden, kann "Zwangsstörungen verstehen und bewältigen" hilfreich sein, in diesem Fall sollte sein Einsatz mit dem/r TherapeutIn abgestimmt sein. Für Profis aus dem psycho-sozialen Bereich eignen sich zur Einführung in das Thema andere Bücher besser (u.a. auch das "Praxiswissen" von Susanne Fricke), im Falle des vorliegenden Buches sollte der Kauf auch mit dem Wunsch, das Programm in der praktischen Arbeit einzusetzen, verknüpft sein.

Diskussion

Mir wurde zur Rezensionsanfrage für die CD mit der Software "Talk to him – Fragen an den Zwang" (vgl. die Rezension) vom Verlag das oben besprochene Buch beigelegt mit dem Hinweis, dass zwar beides unabhängig und eigenständig zu verwenden sei, sie sich aber insofern ergänzen, als die Verwendung des Buches zur CD bzw. umgekehrt, hilfreich sei. Dies ist auch mein persönlicher Eindruck. Die AutorInnen nehmen nach einer kurzen Einführung ohne weitere Umschweife die/den LeserIn an die Hand und lernen mit ihm zusammen die verschiedenen Protagonisten kennen, die immer wieder im Text zur Veranschaulichung beschrieben werden. Besonders erfreulich ist hier die sensible Sprache, mit der die Personen mit ihren exemplarischen Geschichten vorgestellt werden. Unterstrichen werden diese durch vereinzelt eingestreute kleine Bilder eines stilisierten "Zwangs" der an Darstellungen des Yetis erinnert. Diese eher auflockernden Abbildungen werden ergänzt durch sehr veranschaulichende Grafiken z.B. zum Abbau der unangenehmen Gefühle bei ausbleibenden Zwangshandlungen.

Besonders positiv ist mir auch die umfassende und detailreiche Checkliste zur Einordnung des entsprechenden eigenen Zwangs durch die LeserInnen aufgefallen, erleichtert sie doch den Zugang durch das "Sich-Wiedererkennen" seitens des/der Betroffenen.

Fazit

Als Nicht-Betroffener und ohne therapeutischen Hintergrund habe ich sowohl die CD als auch das Buch vor allem unter der Fragestellung betrachtet, inwieweit sie für die Arbeit im ambulant betreuten Wohnen geeignet sind. Der Einsatz sollte in diesem Kontext immer in Absprache mit den entsprechenden PsychotherapeutInnen bzw. Fachärzten erfolgen. Die Kombination beider Instrumente stellt eine hilfreiche Ergänzung der professionellen Therapie dar. Von der CD habe ich mehr erhofft, hier wäre dem Medium entsprechend mehr Interaktivität möglich gewesen und ist aus meiner Sicht eine Chance vergeben worden.

Bis auf diesen einzigen Kritikpunkt zeichnet sich "Zwangsstörungen verstehen und bewältigen" einerseits durch eine sensible Sprache aus, die die/den LeserIn persönlich anspricht, andererseits durch die sehr gut verständlichen Erklärungen und die vielen auflockernden bzw. informativen Bilder und Grafiken.


Rezensent
Ilja Ruhl
Soziologe M.A.

Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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Zitiervorschlag
Ilja Ruhl. Rezension vom 10.05.2008 zu: Susanne Fricke, Iver Hand: Zwangsstörungen verstehen und bewältigen. Hilfe zur Selbsthilfe. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. ISBN 978-3-86739-001-9. Reihe: Balance Ratgeber. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6234.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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