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Tobias Jakobi: Konfessionelle Mitbestimmungspolitik

Cover Tobias Jakobi: Konfessionelle Mitbestimmungspolitik. Arbeitsbeziehungen bei Caritas und Diakonie am Beispiel des Krankenhaussektors. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2007. 318 Seiten. ISBN 978-3-8360-8688-2. 19,90 EUR.

Reihe: Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung - 88.
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Hintergrund

Die Analyse der industriellen Beziehungen und insbesondere der Mitbestimmung in Deutschland ist empirisch auf einen eher kleinen Teil des tatsächlichen Gegenstandsbereiches begrenzt. Die einschlägige industriesoziologische und arbeitspolitische Forschung konzentriert sich in der Regel auf bestimmte Segmente der großen Industrie, wie z.B. die Automobilindustrie, auf die staatliche Verwaltung oder einzelne Bereiche der gewerblichen Dienstleistung, in jüngerer Zeit etwa die IT-Branche. Der kirchliche Beschäftigungssektor ist bislang überhaupt nicht beachtet worden. Das ist kaum zu rechtfertigen, denn im Bereich der beiden großen Kirchen und ihrer Wohlfahrtsverbände Diakonie und Caritas sind ca. 1,3 Millionen Menschen als ArbeitnehmerInnen abhängig beschäftigt. Dieser Sektor ist nach der Metall- und Elektroindustrie, dem Handel und dem öffentlichen Dienst der viertgrößte Bereich flächenbezogener Regulierung von Arbeitsbedingungen. In diesem Sektor finden sich im Hinblick auf die Struktur und Funktionsweise der Arbeitgeber-/Arbeitnehmerbeziehungen zudem wichtige systematische Unterschiede zum gewerblichen, industriellen und staatlichen Bereich.

Ziel

Die wissenschaftliche Diskussion dieser Besonderheiten bewegt sich fast ausschließlich innerhalb eines kleinen Kreises weniger Spezialisten der Rechtswissenschaft und konzentriert sich dort überwiegend auf die Legitimierung dieser Besonderheiten und den Blick auf das Staat-/Kirche-Verhältnis. Nach der bislang einzigen sozialwissenschaftlichen Studie über kirchliche Arbeitsbeziehungen von Beyer/Nutzinger aus dem Jahr 1991 (Erwerbsarbeit und Dienstgemeinschaft. SWI-Verlag, Bochum) hat jetzt der Politologe Tobias Jakobi mit seiner Untersuchung der konfessionellen Mitbestimmungspolitik den Versuch unternommen, systematisches Wissen über die Arbeitgeber-/Arbeitnehmerbeziehungen im Bereich der Kirchen und ihrer Wohlfahrtsverbände in politikwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive verfügbar zu machen.

Aufbau und Inhalt

Jakobi hat die Untersuchung, zugleich Dissertation am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg, in fünf Teile gegliedert.

Die empirischen Kerne sind die Beschreibung und Analyse der formellen und der tatsächlichen komplexen Akteure der Mitbestimmungspolitik auf der überbetrieblichen Ebene des kirchlichen Beschäftigungssektors (Teil 3 des Bandes) sowie die exemplarische Untersuchung betrieblicher Mitbestimmungspolitik anhand von vier Fallbeispielen aus dem Bereich konfessionell gebundener Krankenhäuser (Teil 4). Der abschließende Teil 5 fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen und umreisst weitere Forschungsfragen, an die angeschlossen werden könnte.

  1. Im ersten Teil des Bandes grenzt Jakobi das nähere Untersuchungsfeld ein: Die polity, policies und politics der betrieblichen und überbetrieblichen Mitbestimmungspolitik in den Einrichtungen, deren Träger die verfassten katholischen und evangelischen Kirchen und die Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie sind. Zur Kennzeichnung des Feldes führt Jakobi den Begriff der konfessionellen Mitbestimmungspolitik ein, der auf die Unterschiede zwischen den beiden Konfessionen aufmerksam macht. In theoretischer Hinsicht ordnet Jakobi die Untersuchung mit den analytischen Kategorien des Akteurzentrierten Institutionalismus und zwar im Wesentlichen so, wie dieser Ansatz von Fritz Scharpf und Renate Maintz beschrieben worden ist.
  2. In Teil 2 wird der institutionelle Rahmen des Untersuchungsfeldes dargestellt. Jakobi beschreibt die kirchliche Sonderstellung im kollektiven Arbeitsrecht im Vergleich zum privat/gewerblichen und dem staatlichen Beschäftigungsbereich. Er betrachtet Unterschiede und Gemeinsamkeiten vor der Folie des dualen Systems der Arbeitsbeziehungen in Deutschland (Tarifpolitik auf überbetrieblicher Ebene / Mitbestimmung auf betrieblicher Ebene). Zudem skizziert Jakobi die politischen und ökonomischen Änderungen der Rahmenbedingungen im Sozialsektor der vergangenen Jahre und bezieht deren Wirkungen insbesondere auf die Krankenhausfinanzierung.
  3. In Teil 3 - neben Teil 4 dem umfangreichsten Kapitel des Bandes - bestimmt Jakobi sowohl die formalen wie auch die tatsächlichen komplexen Akteure kirchlicher Mitbestimmungspolitik und vertieft deren Analyse auf drei arbeitspolitisch konfliktiven Themenfeldern (Novellierung des Mitarbeitervertretungsrechtes, Regulierung der tariflichen Arbeitsbedingungen und Unternehmensprofilierung durch Zertifikation). In das Zentrum der Untersuchung rückt er die Zusammenschlüsse von Arbeitnehmervertretungen auf der überbetrieblichen Ebene. Jakobi legt dar, in welcher Weise die bundesweiten, aber auch regionalen Strukturen dieser Akteure zwischen den Konfessionen verschieden sind. Sie weisen im katholischen Bereich einen höheren Formalisierungs- und Anerkennungsgrad auf. Die Gewerkschaft ver.di ist zwar in keinem der beiden Felder institutionell etabliert, Jakobi zeigt aber, dass die Gewerkschaft als tatsächlicher Akteur auf der Mitarbeitervertretungsseite der Diakonie eine wichtige Rolle spielt. Auf der katholischen Seite ist das nicht so. Auf der Arbeitgeberseite stellt Jakobi ebenfalls deutliche konfessionelle Unterschiede fest. Dabei überrascht nicht, dass der evangelische Bereich heterogener strukturiert ist, denn das ergibt sich aus Geschichte und Selbstverständnis des Protestantismus. Eine strategische Besonderheit auf der evangelisch-diakonischen Seite ist aber der "Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland", der sich aus den verbandlichen Strukturen der Diakonie gelöst hat. Jakobi zeigt im Vergleich zur katholischen Seite, dass es demgegenüber dem Caritasverband gelungen ist, divergierende Richtungen, insbesondere in Fragen der Arbeitspolitik, (bislang) zu integrieren.
  4. In Teil 4 vergleicht Jakobi vier konfessionell und regional verschiedene Krankenhäuser bzw. Komplexeinrichtungen und deren Träger unter den analytischen Dimensionen Akteurkonstellation und Interaktionsorientierung. Schwerpunktmäßig untersucht wird die Sicht der Mitarbeitervertretung. Die vier Fälle werden außerdem im Politikfeld "Zertifizierung" verglichen. Die Beschäftigtenzahlen der ausgewählten Träger dieser Einrichtungen liegen zwischen 1.400 und 10.000. Mit den untersuchten Fällen beansprucht Jakobi nicht, eine vollständige Typologie aller konfessionellen Krankenhäuser abzubilden. Die Fälle sind aber in ihren Interaktionsorientierungen hinreichend verschieden und können so "allgemeine Hinweise auf die konfessionelle Mitbestimmungspolitik" geben und aufmerksam machen "darauf, wodurch diese bestimmt wird." (S. 205).

Fazit

Der Gewinn der Studie von Tobias Jakobi liegt in der Beschreibung und in der Analyse der formellen und tatsächlichen Akteure der überbetrieblichen Mitbestimmungspolitik im kirchlichen Beschäftigungssektor. Die komplexen Akteure auf der Arbeitnehmerseite wie auf der Arbeitgeberseite werden umfassend dargestellt, ihre Interaktionen zugeordnet. Die analytischen Konzepte des Akteurzentrierten Institutionalismus werden durchgängig auf die Untersuchung der überbetrieblichen Ebene und der betrieblichen Ebene bezogen. Dieses Vorgehen macht den systematischen Charakter des Bandes aus.

Der Schwachpunkt der Untersuchung liegt jedoch in der fehlenden Einordnung des kirchlichen bzw. konfessionellen Beschäftigungssektors in den industriellen Konflikt. In der Folge dieses Defizits übernimmt Jakobi unkritisch das kirchliche Bewertungsparadigma über den Charakter kirchlicher Beschäftigungsverhältnisse. So folgt er u.a. terminologisch der kirchlichen Eigenbezeichnung "Dienstnehmer" mit der Begründung, diese Kategorie sei ein Fachbegriff. Jakobi übersieht, dass es ein "kirchliches Arbeitsrecht" nicht gibt und er behauptet ohne Prüfung als Tatsache, was lediglich eine umstrittene Ansicht ist, nämlich, dass kirchlich Beschäftigte kein Streikrecht hätten. Systematische Fragen nach der Wirkungsäquivalenz des kirchlichen Beteiligungssystems zu den sonstigen Regulierungsformen des industriellen Konflikts sind in der Studie unterbelichtet.

Insgesamt ist der Zugang zu dem Feld der kirchlichen bzw. konfessionellen Arbeitgeber-/Arbeitnehmerbeziehungen durch die Untersuchung von Jakobi empirisch in einem wichtigen Bereich erschlossen worden; in theoretischer Hinsicht bleiben grundlegende Forschungsaufgaben ungelöst.


Rezensent
Dipl.-Sozialwirt Hermann Lührs
Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter und Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen
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Zitiervorschlag
Hermann Lührs. Rezension vom 22.05.2008 zu: Tobias Jakobi: Konfessionelle Mitbestimmungspolitik. Arbeitsbeziehungen bei Caritas und Diakonie am Beispiel des Krankenhaussektors. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2007. ISBN 978-3-8360-8688-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6242.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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