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Christian Lüdke, Peter Trapski: Die Curry-Clique (Gewaltprävention)

Cover Christian Lüdke, Peter Trapski: Die Curry-Clique. Geschichten zur Gewaltprävention. Economica-Verlag (Heidelberg) 2008. 183 Seiten. ISBN 978-3-87081-766-4. 29,00 EUR.

Andreas Becker (Illustrationen). Mit einem Vorwort von Rudolf Egg.
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Thema

Gewalt in der Schule, in der Freizeit und in Elternhäusern - durch junge Menschen verübt - wird immer wieder Thema, leider oftmals nur in tagespolitischen Diskussionen nach besonderen Vorfällen, welche die Öffentlichkeit auf sich ziehen. Zusätzlich macht sich in den letzten Jahren immer stärker "mediale Gewalt" breit, d.h.  unterschiedliche Kommunikations- und Informationsmedien werden zur Vorbereitung bzw. Durchführung von psychischen oder physischen Gewalttaten genutzt. Dass allein Strafen dabei nicht helfen können, ist allgemein bekannt. So setzen sich diverse Forscher und Praktiker seit Jahren damit auseinander, wie man präventiv vorgehen kann, um alltägliche Gewalt, Mobbing und Gewaltexzesse  zu verhindern bzw. ihnen frühzeitig begegnen zu können.

Der vorliegende Band greift die diversen Äußerungen von Gewalt auf originelle Weise auf. Anhand des verbindenden Themas "Currywurst" wird hier Jugend- und Erwachsenenkultur so kommuniziert, dass es weder anbiedernd noch von oben herab wirkt.

Das Autorentrio – man muss die hervorragend eingebrachten Graphiken unbedingt als Bestandteil des Buchkonzeptes sehen – macht äußerst kreativ in Sprache, Illustration und Graphik deutlich, dass und wie Gewaltprävention tatsächlich bei jungen Menschen ankommen kann.

 Autoren    

Dr. phil. Christian Lüdke ist approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, war lange Zeit psychologischer Ausbilder von Polizei-Spezialeinheiten und hat sich inzwischen auf die Betreuung von Gewalt- und Kriminalitätsopfern, Gewaltvorbeugung und professionelles Gesundheitsmanagement spezialisiert.

Peter Trapski ist Kampfkunstexperte, Karatelehrer (Sensei) und hat als Bundestrainer die dänische und deutsche Nationalmannschaft trainiert. Er entwickelt Trainings- und Sicherheitskonzepte und gewaltvorbeugende Maßnahmen für Kinder, Frauen und ältere Menschen.

Andreas Becker ist Graphiker, Mediengestalter, Illustrator und freischaffender Künstler.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist professionell  gegliedert. Nach kurzen Gruß- und Geleitworten von Hape Kerkeling und Prof. Dr. Rudolf Egg sowie begriffsklärenden Erläuterungen zu Altersstufen im Strafrecht  und dem Thema "Resilienz" wird sogleich in das Leitthema "Currywurst" übergeleitet.

Der Text des Liedes "Currywurst" von Herbert Grönemeyer steht zu Beginn, ehe die fünf Charaktere der "Curry-Clique" , "Fritten- Herta" und natürlich die "Currywurst" dargestellt werden.

Diese Curry-Clique mit Manni, dem "Chef", Mike, dem "Oberschlauen", Rollo, dem "Karate-Kid", Kazim, dem "Ausländer" und Joy, der "Cliquen-Queen" werden unterschiedliche Identifikationsfiguren dargestellt, welche alltagsrealistisch ein Spiegelbild heutiger Jugend abbilden. Zu diesen Phänomenen, mit denen sich die einzelnen Mitglieder der "Curry-Clique" auseinandersetzen müssen, zählen insbesondere: Migrationshintergrund, Mediensucht, Straffälligkeit eines Elternteils, Alleinerziehung, Sportbesessenheit, Pflegebedürftigkeit der Mutter sowie "gut bürgerliche Elternhäuser", in denen wenig Beziehung zueinander besteht.

Die Imbiss-Wirtin "Fritten-Herta" ist der alle verbindende Erwachsene. Sie kennt sich im Leben aus, ohne dabei besserwisserisch von oben herab die Jugendlichen zu behandeln bzw. zu "belabern".

Nach den Charakterdarstellungen gibt es  sieben Geschichten, welche in außergewöhnlicher Weise den Kern des Jugendalltags treffen und so in jeder Region Deutschlands vorkommen können.

In diesen Geschichten werden Themenbereiche junger Menschen aufgegriffen, ohne hieraus "Moralgeschichten" gemacht werden. Vielmehr werden sehr alltagsnah Herausforderungen für Jugendliche erzählt, die in aller Konsequenz sich der Realität stellen. Ob nun beispielsweise der Konsum von Suchtmitteln, körperliche Gewalt, Erpressung, Mediengewalt, Amoklauf, der Umgang mit dem anderen Geschlecht oder mit Neonazis: hier wird sozusagen "Tacheles" geredet und nicht darum herum. "Fritten-Herta" gibt jeweils am Ende einer Geschichte einen Kommentar dazu ab, ohne hierbei die Oberlehrerin zu spielen. Vielmehr verfügt sie über ein angemessenes Maß von Empathie und Klarstellung, so wie man es auch von anderen Erwachsenen erwarten sollte. Ihre Kommentare laden geradezu ein zu intensiven Diskussionen, wie wer so reagiert hat bzw. wie jemand hätte anderes handeln können.

Nach diesen spannend verfassten Geschichten, die über ein Drittel des Buches ausmachen, gibt es: detaillierte Trainings- und Erziehungshilfen (mit Rollenspielen und Praxistipps) und Informationen zur "Vorbeugung durch Selbstverteidigung".

Diese 80 Seiten sind eine buntes Potpourri an Übungen, Informationen und Hilfestellungen aus der Kommunikationspsychologie und der Gewaltfreien Kommunikation. Sie berücksichtigen verhaltenstherapeutische, systemische und gruppendynamische Aspekte. Zugleich werden die gewaltpräventiven Ansätze des Zen genutzt, ohne aber eine weltanschauliche Diskussion zu entfachen. Vielmehr nutzen die Autoren hier ihr äußerst breites Repertoire an Methoden, um auf einer möglichst breiten Basis viele Jugendliche erreichen zu können.

Besonders interessant ist die – wenn auch etwas kurz geratene – Darstellung des "Curry-Camps", wo Kinder und Jugendliche viele verbesserte und gewaltfreie Gelegenheiten erhalten, "für ihr Leben zu lernen, und zwar durch Erziehung und Lernen über Körper und Geist" (S. 159).

Die vielfältigen Graphiken, Übungsvorlagen und klaren Informationen zu Gewalt (-vorbeugung) bestechen in diesem Teil des Buches besonders. Piktogramme, behutsame Farbwahl und klarer Fettdruck unterstützen die Anliegen der Autoren.

Im zehnseitigen Anhang finden sich neben Literaturhinweisen, Anschriften von Beratungs- und Hilfsorganisationen und weiterführenden Internetslinks auch ein Rezept für die "Currywurst "La Ola" sowie Autoreninformationen, Grundrechtsartikel und ein paar humorvolle Karikaturen und Zitate.

Zudem ist der interaktive Charakter des Buches ausgesprochen förderlich und wird durch eine entsprechende Seite im Internet (www.curry-clique.de), wo sich u.a. Trainingseinheiten herunterladen lassen, unterstützt.

Das Buch selbst lebt neben der spritzigen und doch so achtungsvollen Sprache auch von der Vielzahl an Illustrationen, welche realitätsnah sind und sehr an die Computeranimations-Figuren erinnern. Sie greifen die Buchinhalte sehr passend auf und ermöglichen eine motivierende, jugendgemäße Anwendung der vielen Ideen.

Zielgruppen       

Dieses Buch eignet sich hervorragend für den schulischen Kontext, freie Jugendarbeit und konkrete Jugendhilfemaßnahmen für straf- bzw. auf fällig gewordene Kinder und Jugendliche.

Sozialarbeiter/-innen und Lehrer/-innen sowie Trainer/-innen für Selbstbehauptung werden hier eine Vielzahl von Anregungen für ihre praktische Arbeit finden.

Diskussion

"Die Curry-Clique" ist eine zeitgemäße Publikation,  die es versteht, jugend- und erwachsenen-Kulturübergreifend Ideen aufzuzeigen, wie man Gewalt verhindern bzw. ihr angemessen begegnen kann. Die Autoren nutzen eine Vielzahl graphischer und textsprachlicher Elemente und ermöglichen durch deren ausgereifte und ausgefeilte Kombination einen animierenden Zugang zu jungen Menschen. Pädagogen/-innen aller Couleur – ob in Schule, Jugendzentrum, Beratungsstelle, Streetwork, Wohngruppen oder in der Arbeit mit bereits straffällig gewordenen Jugendlichen – werden hier anregt, kreative Methoden zu nutzen und im Spagat zwischen Empathie und klarer Grenzaufzeigung den Kontakt zu den jungen Menschen zu halten.

Gerade das Leitthema "Currywurst" ermöglicht einen unmittelbaren Kontakt zu den Mädchen und Jungen. Vielleicht auch in etwas abgewandelter Form werden die Geschichten,  Übungen, Illustrationen, Graphiken  und Informationen helfen, in akuten Konfliktsituationen angemessen zu reagieren – sowohl als Jugendlicher als auch als verantwortlicher Erwachsener.

Wer weniger an wissenschaftlichen Ausführungen interessiert ist, sondern ganz und gar praktikable Umsetzungsmöglichkeiten zur Gewaltprävention sucht, der liegt hier genau richtig.

Ob nun "das Kind in den Brunnen gefallen ist" oder sich erst noch am Brunnenrand befindet: für beide Gelegenheiten bietet das Buch umfassende Unterstützung: sowohl für das Kind als auch für die Erwachsenen!

Fazit

Das Buch ist vor allem deshalb zu empfehlen, weil es "die Schwere" nimmt und dennoch die jungen Menschen und die Thematik ernst nimmt. In diesem Sinne eine erleichternde, entlastende und ausgesprochen motivierende Lektüre, die jedoch nicht nur den "Praktikern vor Ort" zu empfehlen ist, sondern zugleich auch denjenigen, die für die "Zutaten" und "Lieferwege" von Gewalt direkt oder indirekt gesellschaftliche Verantwortung tragen!


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 19.07.2008 zu: Christian Lüdke, Peter Trapski: Die Curry-Clique. Geschichten zur Gewaltprävention. Economica-Verlag (Heidelberg) 2008. ISBN 978-3-87081-766-4. Andreas Becker (Illustrationen). Mit einem Vorwort von Rudolf Egg. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6244.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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