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Kerstin Palloks, Armin Steil: Von Blockaden und Bündnissen (Rechtsextremismus)

Cover Kerstin Palloks, Armin Steil: Von Blockaden und Bündnissen. Praxismaterialien zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Gemeinwesen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 178 Seiten. ISBN 978-3-7799-2221-6. 16,00 EUR.

Reihe: Juventa Paperback.
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Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen der Begleitforschung und Evaluierung des Bundesprogramms "CIVITAS – initiativ gegen Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern". Die Ziele dieses Programms – Aufklärung und Sensibilisierung in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Unterstützung von Opfern rechtsextremer Gewalt, Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen und die Förderung bürgerschaftlichen Engagements sollten im Förderzeitraum (2001-2006) von einer Vielzahl von Projekten in ostdeutschen Kommunen umgesetzt werden. Kerstin Palloks und Armin Steil waren bis 2007 MitarbeiterInnen einer Forschungsgruppe am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, die für die Evaluation dieser Projekte verantwortlich war. Mit der vorliegenden Veröffentlichung wollen sie die Evaluationsergebnisse für die Praxis der Projektarbeit übersetzen und nutzbar machen.

Darstellung als Arbeitshilfe

Die AutorInnen haben in ihrer Veröffentlichung Ergebnisse aus der Evaluierung mit dem Wissen von ExpertInnen aus der Praxis der evaluierten Projekte zusammengebracht. Dafür haben sie in zwei Gruppendiskussionen ausgewählte Evaluationsergebnisse zur Diskussion gestellt. Die namentlichen Diskussionsbeiträge, Kommentare und Handlungsempfehlungen von Friedemann Affolderbach, Rolf Kleine, Jürgen Lorenz, Martina Panke, Judith Porath, Marion Schindler und Michael Thoß machen einen großen Teil des Buches aus. Diese sieben ExpertInnen repräsentieren Mobile Beratungsteams, Opferberatung und Netzwerkstellen sowie die Jugend- und Gemeinwesenarbeit.

Kerstin Palloks und Armin Steil verstehen ihre "Praxismaterialien" als Arbeitshilfe für alle, die sich im Gemeinwesen mit der Vernetzung zivilgesellschaftlichen Engagements befassen. Sie betonen in ihrer Einleitung, dass sie keine "Gebrauchsanweisungen und Rezepte" liefern, dass jede Kommune ihre spezifischen Konflikte und Problemlagen bewältigen muss und jede Konstellation einzigartig ist. Sie wollen Informationen zu verschiedenen Aspekten der vernetzten Gemeinwesenarbeit zur Verfügung stellen, die Ursachen von Kooperationsbarrieren analysieren und unterschiedlichen Formen zivilgesellschaftlicher Assoziationen erklären. Die AutorInnen wollen mit den Praxismaterialien zur Reflexion der eigenen Arbeit anregen, dabei helfen "sich im entscheidenden Moment die richtigen Fragen zu stellen" (13).

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung gliedert sich in fünf Kapitel und einen abschließenden Serviceteil. Die VerfasserInnen haben sich für eine Darstellungsweise entschieden, die vier Ebenen miteinander verschränken soll:

  1. einen Erzähltext,
  2. Autorenkommentare von Kerstin Palloks und Armin Steil ergänzt um wissenschaftliche Erkenntnisse,
  3. Kommentare der Praxis-ExpertInnen aus den Gruppendiskussionen sowie
  4. Thesen.

Diese Textebenen sind grafisch unterschieden durch verschiedene Schriftgrößen, durch kursive Schrift und durch graue Unterlegung. Die Autorenkommentare in kleiner Schrift werden durch ein Quadrat am Rand gekennzeichnet, die ExpertInnen-Kommentare in kursiver Schrift durch einen Kreis. Da die Ebenen auf jeder Seite zum Teil mehrfach wechseln, ist ein unruhiger Text entstanden, was sich auf die grafische Gestaltung und auch auf den Inhalt bezieht.

In einem kurzen zweiten Kapitel werden die "Leitbegriffe" Zivilgesellschaft und Netzwerk diskutiert. Unter der Überschrift "Kooperation im Gemeinwesen" (III.) analysieren die AutorInnen spezifische Bedingungen und Probleme des ländlich-kleinstädtischen Raums und beziehen sich dabei auf Robert K. Mertons Unterscheidung von "Lokalisten und Kosmopoliten" in der Beschreibung von Lebensweisen, Weltsichten und moralischen Orientierungsmuster der BewohnerInnen. Diese Beschreibungen sind der Hintergrund für die Darstellung von Strategien zivilgesellschaftlicher Projektarbeit: Konflikte von zivilgesellschaftlichen Projekten in ländlich-kleinstädtischen Kommunen entstehen aus gegensätzlichen Weltsichten und moralischen Orientierungsmustern. "Die Lokalisten in den Kommunen neigen dazu, zivilgesellschaftlich orientierte Projektarbeit als Störung des inneren Friedens und Bedrohung lokaler Gemeinschaftlichkeit wahrzunehmen. Diese Reaktion erscheint den universalistisch orientierten Projektakteuren wiederum als moralisches Defizit. Die nächstliegende Reaktion ist die moralische Anklage, die Skandalisierung in der regionalen und überregionalen Öffentlichkeit" (46). Die Erfahrungen im Umgang mit solch konflikthaften Strukturen werden von den Praxis-ExpertInnen eingebracht und abschließend in Essentials gebündelt: Vertraulichkeit, Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Rollenklärung, Grenzen erweitern, den Auftrag offen legen, Unparteilichkeit, Anschlussfähig bleiben.

Im vierten und fünften Kapitel werden "Politische Netzwerke" und "Fachnetzwerke" mit ihren spezifischen Chancen und Problemen untersucht. Anhand von Fehlern bei der Konstruktion und Umsetzung eines Netzwerkes, zeigen Kerstin Palloks und Armin Steil unter welchen Bedingungen Kooperationen unter fachlichen Gesichtspunkten scheitern müssen. Beide Kapitel machen sehr deutlich, wie komplex Netzwerkarbeit ist. Abschließend werden ein Lernmodell "Strukturen und Prozesse in sozialraumbezogenen Fachnetzwerken" und ein Leitfaden für NetzwerkkoordinatorInnen erstellt und somit die Erkenntnisse aus der Evaluation sehr konstruktiv zusammengefasst.  

Das VI. Kapitel enthält zehn Projektbeschreibungen mit den jeweiligen Kontaktadressen. Hier wollen die HerausgeberInnen die Vielfalt methodischer Zugänge darstellen, es geht ihnen nicht um best practice-Modelle, sondern um kreative Zugänge zu Arbeitsfeldern und Zielgruppen im Gemeinwesen. Es werden die Konzeptideen und die Auswertung der Projektinitiatoren wiedergegeben, die Mehrzahl der Projekte wurde im Rahmen der CIVITAS-Programme gefördert.

Im abschließenden Serviceteil des Buches werden die LeserInnen direkt angesprochen, in drei Checklisten werden Fragen aufgelistet, die für eine Arbeit im "Interventionsfeld Gemeinwesen" relevant sind: 1. "Was sollten Sie wissen, wen sollten Sie kennen?" 2. "Es ist gut zu wissen, mit welchen Problemen sich die Stadt herumschlägt…" 3. "Jede Stadt hat Potenziale …" Kennen Sie diese? Und wichtiger noch: Können Sie sie nutzen? (151-153). Informationen zur Kommunalpolitik, Entscheidungswege und Zuständigkeiten werden um eine Link-Sammlung zu Initiativen, Projekten/Datenbanken und Informationsmaterial ergänzt.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an alle, die sich im Gemeinwesen engagieren bzw. engagieren wollen, dabei weisen die Arbeitsmaterialien über das Engagement gegen Rechtsextremismus hinaus.

Diskussion

Für (angehende) SozialarbeiterInnen und PädagogInnen, insbesondere in Ostdeutschland, ist die Veröffentlichung eine gute Reflexionsbasis für Interventionen im Gemeinwesen. Durch die Aufbereitung der Erfahrungen der Praxis-ExpertInnen erhält das Buch eine hohe Bedeutung für die pädagogische und politische Praxis.

Fazit

Die Idee aus einem Evaluationsbericht Praxismaterialien zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Gemeinwesen zu entwickeln und einen Wissenstransfer mit Unterstützung von PraktikerInnen herzustellen, ist hervorragend. Durch die Einführung von vier Textebenen erfordert die Veröffentlichung eine erhöhte Konzentration beim Lesen, gleichzeitig sind die verschiedenen Ebenen aber sehr spannend und der Ertrag der Buches nicht geschmälert.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 10.10.2008 zu: Kerstin Palloks, Armin Steil: Von Blockaden und Bündnissen. Praxismaterialien zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Gemeinwesen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-2221-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6249.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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