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Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung

Cover Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. 255 Seiten. ISBN 978-3-7799-1482-2. 17,00 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch ist nicht als weitere Gesamtdarstellung qualitativer Sozialforschung zu verstehen. Rosenthal grenzt sich insofern von den bereits zahlreich erschienenen Überblickswerken zu Traditionen und Verfahren ab, als sie auf diejenigen Erhebungs- und Auswertungsmethoden eingeht, die den Prinzipien des interpretativen Paradigmas verpflichtet sind und einer Logik der Entdeckung von Hypothesen und gegenstandsbezogenen Theorien folgen.

Der Text ist über mehrere Jahre in Verbindung mit ihrer Vorlesung „Einführung in die qualitative Sozialforschung“ entstanden. Er ist folglich einer, wenn auch nicht ausschließlich, studentischen Leserschaft geschuldet und wird dementsprechend von der Autorin als eine Art offener Leitfaden für (zukünftige) eigene empirische Forschungsarbeiten verstanden.

Rosenthal stellt nach einigen Grundlageninformationen die qualitativen Methoden teilnehmende Beobachtung, offene Interviews und biografische Rekonstruktionen dar. Kurze Erwähnung finden auch die Inhaltsanalyse und das Kodieren nach der Grounded Theory, die nach Rosenthal aber beide den Anforderungen des interpretativen Paradigmas nur bedingt entsprechen. Empirische Beispiele aus durchgeführten Forschungsarbeiten erleichtern die Nachvollziehbarkeit bei der praktischen Anwendung der vorgestellten Erhebungs- und Auswertungsmethoden.

Autorin

Dr. rer. soc. Gabriele Rosenthal ist Professorin für qualitative Methoden am Methodenzentrum Sozialwissenschaften der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Interpretative Soziologie, Biografie- und Familienforschung sowie Mehrgenerationenstudien und Holocaustforschung.

Aufbau und Inhalt

Im ersten und zweiten Kapitel wird zunächst die qualitative von der quantitativen Sozialforschung abgegrenzt. Die interpretative Sozialforschung wird von Rosenthal sodann als eine dezidiert qualitative Methode ausgewiesen, die Verallgemeinerungen nicht anhand des numerischen Auftretens sozialer Phänomene vollzieht, sondern auf einer Logik des Verallgemeinerns am Einzelfall beruht. Dafür werden im Forschungsprozess Hypothesen generiert, die bis zu gegenstandsbezogenen Theorien anwachsen können (13). Im interpretativen Paradigma wird der Mensch in der Tradition von Thomas Wilson als Subjekt verstanden, das in Interaktionen mit anderen soziale Wirklichkeit erst erzeugt. Dabei bilden sich Bedeutungen sequenziell in interaktiven Prozessen heraus und verändern sich fortlaufend (14f.). Wesentliches Merkmal interpretativer Sozialforschung ist für die ganze Länge eines Forschungsunterfangens das Konzept der Offenheit (bzgl. Forschungsprozess, Erhebung sowie Analyse). Interpretative Analysen beruhen auf dem Prinzip der Rekonstruktion, der Abduktion und der Sequenzialität. Dies bedeutet, dass die zu bearbeitenden Texte in ihrem Gesamtzusammenhang betrachtet werden. Das Herausgreifen von Textstellen durch die Zuordnung an Kategorien wird vermieden (55). Vielmehr wird sequenziell in kleinen Analyseschritten der Prozess der Gestaltung einer Interaktion bzw. einer Textproduktion rekonstruiert (70). Die Bildung und Verifizierung bzw. Falsifizierung von Hypothesen erfolgt hierbei abduktiv anhand der empirischen Phänomene und nicht mit Hilfe von vorformulierten Hypothesen oder bestehenden Theorien (58).

Im dritten Kapitel wird der Forschungsprozess handlungspraktisch von der Stichprobenziehung bis zur Präsentation der Ergebnisse dargelegt. Bei einer Untersuchung mit Interviews sind die Determinanten: ein Sampling, das nicht als verkleinertes Abbild der vorfindbaren Fälle, sondern als Abbild der theoretisch relevanten Kategorien fungiert (83); die (nicht zwingend chronologischen) Schritte der Datenerhebung von einem ersten theoretischen Gesamtsample über Memos und Globalanalysen zu einer zweiten, aus dem Gesamtsample gezogenen theoretischen Stichprobe für eine verfeinerte Analyse bis zu den darauf aufbauenden Fallrekonstruktionen für die Typenbildung (94); nach der theoretischen Sättigung der Typenbildung die Verallgemeinerung der Fallrekonstruktionen durch (maximale oder minimale) kontrastive Vergleiche bis hin zur Bildung von gegenstandsbezogenen Theorien (96).

Im vierten Kapitel wird die Ethnographie, Feldforschung bzw. teilnehmende Beobachtung als erstes Erhebungsinstrument vorgestellt. Merkmal des ethnographischen Zugangs ist, dass soziale Lebenswelten oder -milieus, soziale Gruppen, Ortsgesellschaften, einzelne Personen oder auch Organisationen in ihren Alltagskontexten erforscht werden können (99). Die Besonderheit liegt darin, dass die Forschenden durch ihre Teilnahme das Untersuchungsfeld in Interaktion mit den entsprechenden Akteuren leiblich, kognitiv und emotional miterleben können (107). Als Option der Datenerhebung kann auch eine Videokamera eingesetzt werden. Damit können auch nonverbale sowie verbale Verhaltensdetails eingefangen werden, die mit Beobachtungsprotokollen nur schwerlich festgehalten werden können (122).

Kapitel fünf thematisiert die offenen Interviews. Für die interpretative Sozialforschung dient das Interview dazu, die Perspektive der Interviewten zu erfassen und darüber hinaus verstehen und erklären zu können, weshalb eine bestimmte Perspektive eingenommen wird (139f.). Rosenthal empfiehlt im Kontext des interpretativen Paradigmas auf den Verzicht eines Leitfadens. Der durch die Interviewten selbst strukturierte Ablauf erleichtert in der Analyse ein Vorgehen, das sich an der Entdeckung von Hypothesen und gegenstandsbezogenen Theorien orientiert (143). Das narrative Interview in der Tradition von Fritz Schütze wird dabei dem Prinzip der Offenheit am konsequentesten gerecht. Die Interviewten werden zu längeren Erzählungen (bspw. Lebensgeschichte) aufgefordert und nicht unterbrochen. Erst in einem nächsten Schritt können Nachfragen zu den angesprochenen Themen angebracht werden. Und nur in einer letzten Phase sollten die Interviewerinnen noch nicht erwähnte Themen ansprechen (151).

Im sechsten Kapitel steht die biographische Fallrekonstruktion im Mittelpunkt. Die Biografieforschung fragt nach den Sinnsetzungsakten und den biographischen Konstruktionen der Autobiografen selbst. Es soll rekonstruiert werden, welche Erlebnisse für die Befragten relevant sind, wie sie diese Erlebnisse damals und heute deuten und wie sie versuchen, ihr Leben in einen Sinnzusammenhang einzubetten (182). Für die Fallrekonstruktion ist es zentral, einerseits die Bedeutung von Erlebnissen in der Vergangenheit, andererseits aber auch für die Selbstpräsentation in der Gegenwart auszuarbeiten (187).

In Kapitel sieben werden die Inhaltsanalyse und das Kodieren nach der Grounded Theory besprochen. Beide Verfahren werden häufig für qualitative Studien eingesetzt und können nach Rosenthal für eine erste Durchsicht von großen Materialmengen dienlich sein. Problematisch erscheint für die Autorin, dass eine Zergliederung des Materials nach Kategorien, wie es die beiden Verfahren nahelegen, kaum rekonstruktive und sequenzielle Analyseschritte ermöglicht (212).

Diskussion

Obschon als Wissenschaftlerin der interpretativen Sozialforschung und insbesondere der Biografieforschung verpflichtet, erscheint es für ein Einführungswerk eher ungewöhnlich, dass Rosenthal so konsequent für bestimmte Erhebungs- und Auswertungsmethoden einsteht, während andere Methoden – wie die Grounded Theory z.B. – bloss als Verfahren für eine erste Durchsicht der Daten empfohlen werden. Die Autorin selbst bezeichnet ihr Buch eingangs als „offenen Leitfaden“ und deutet an, dass das „Sich-Einlassen auf den konkreten Forschungsgegenstand“ auch methodisch Flexibilität erfordert. Dessen scheint sich Rosenthal auch bewusst, wenn sie davon spricht, dass sie sich mit ihrem Werk in ein „Dilemma“ begebe (11). Weshalb, um ein Beispiel zu nennen, für Expertinneninterviews eine narrative Gesprächsführung, die Lebensphasen abfragt, die geeignetste Interviewform sein muss (aber sicherlich auch sein kann), darf hinterfragt werden (150f.).

Fazit

Das Buch ist nicht nur für Studentinnen und Studenten empfehlenswert, die sich die Methoden der Sozialforschung zunächst theoretisch aneignen möchten, sondern ermöglicht auch Forschenden, anhand der Lektüre die eigene Untersuchungspraxis zu reflektieren bzw. zusätzliche Forschungsmethoden für die eigene Praxis umzusetzen. Als besonders hilfreich erweist sich, dass das propagierte rekonstruktive, sequenzielle und abduktive Analyseverfahren an empirischem Material der jeweils vorgestellten Erhebungsmethoden angewendet wird.


Rezension von
lic. phil. Alan Canonica
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Zitiervorschlag
Alan Canonica. Rezension vom 20.06.2011 zu: Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7799-1482-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6250.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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