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Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Frauen, Trauma, Sucht

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Frauen, Trauma, Sucht. Neue Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen. Asanger Verlag (Kröning) 2008. 182 Seiten. ISBN 978-3-89334-493-2. 24,50 EUR.

Reihe: Psychotraumatologie, Psychotherapie, Psychoanalyse - Band 15.
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Thema und Entstehungshintergrund

Seit vielen Jahren wird international wie national von in der Praxis und Forschung tätigen Frauen eine genderspezifische Sicht- und Verstehensweise auf die in der Drogen- und Suchtkrankenhilfe präsentierten Problemlagen eingefordert. Während sich die Männerforschung diesem Thema eher zögerlich nähert, arbeiten Frauen weit intensiver und breit angelegt an entsprechenden Fragestellungen. Auf diese Weise ist längst deutlich geworden, dass Frauen nicht nur aus ganz anderen Gründen und in anderen Set und Settings psychoaktive Substanzen konsumieren. Eine Vielfalt von Faktoren führt zugleich dazu, dass Mädchen und Frauen auch andere Probleme haben, diesen Konsum in ihren Alltag zu integrieren, deshalb auch auf besondere Weise an dieser Herausforderung scheitern können und dann auch typisch weibliche Drogenprobleme entwickeln. Diese sind eben nicht, wie von einer biologischen Forschung oft nahegelegt "typisch süchtig". Vielmehr haben Drogenprobleme von Frauen ein, von ihrer jeweiligen Kultur geprägtes, weibliches Gesicht, weshalb im Hilfebereich darauf auch spezifisch geantwortet werden muss. Genau zu diesen Argumentationen liefert das hier vorgestellt Buch weitere Denkanstöße und Berichte aus der Praxis.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als ein Reader angelegt, an dem sich 8 Autorinnen aus Forschung und Praxis beteiligen. Mit diesem können wesentliche Diskussionen einer internationalen Tagung in Bremen im Jahr 2006 nachvollzogen werden. Fast alle Aufsätze wenden sich der Frage zu, ob und wie bei Mädchen und Frauen traumatische Erlebnisse und die Entwicklung problematischer Konsumformen zusammenhängen, wieweit Traumata zu Grund-, Haupt- oder Folgeproblemen werden, die als solche dann auch in speziell zugeschnittenen Hilfeangeboten zu bearbeiten sind. Diese Betrachtungen sind auch im deutschsprachigen Raum nicht neu und werden insbesondere von Forscherinnen vorangebracht, die sich deutlich im Drogenhilfesystem verorten (u. a. Irmgard Vogt, Alexa Franke, Heike Zurhold). An dem hier vorgestellten Buch ist interessant, dass die Mehrheit der mitwirkenden Autorinnen in den USA forscht und praktiziert und ihre theoretische Heimat offensichtlich eher im psychotherapeutisch-psychoanalytischen Bereich sieht. Möglicherweise erschwert die Zugehörigkeit zu diesen verschiedenen Denkschulen das gegenseitige Wahrnehmen und den produktiven Dialog. Wie sonst könnte der Hinweis verstanden werden, "der angloamerikanische Sprachraum bietet eine bzgl. der Verknüpfung der beiden Themenstränge deutlich größere Breite und Reichhaltigkeit" (Gahleitner, S. 12), ohne zumindest die in Deutschland vorhandenen wissenschaftlichen Einblicke anklingen zu lassen. Unabhängig von diesem kritischen Einwand eröffnet sich beim Lesen die Möglichkeit, sich ungehindert von Sprachbarrieren mit Sichtweisen und Deutungsmustern bekannt zu machen, die in anderen kulturellen Bezügen entwickelt wurden, und diese auf ihre Übertragbarkeit in die europäische Kultur zu prüfen.

Sehr grundsätzlich skizziert Covington die empirischen Einsichten und theoretischen Positionen, mit denen Veränderungen in den Behandlungsformen für drogenkonsumierende Frauen eingefordert werden (S. 21-43). Sie stellt heraus, dass sich auch für Frauen in den USA empirisch ein deutlicher Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen und massivem Drogenkonsum nachweisen lässt, wobei die Formen von Gewalt gegen Frauen wiederum strikt in die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse unserer westlichen Kultur einzuordnen sind. Insofern erscheint die Forderung nachvollziehbar, dass Hilfeangebote auch bei der Behandlung drogenkonsumierender Frauen gendersensible, reflektiert-parteilich und mit Bezug auf die weiblichen Lebenszusammenhänge zu etablieren sind (S. 24). Die von Covington weiter vorgetragene Kritik, dass sich in der Drogen- und Suchtkrankenhilfe zwar theoretisch auf das Modell einer "chronisch fortschreitenden Krankheit" bezogen wird, die "Methoden der Behandlung doch weniger an der Behandlung chronischer, sondern akuter Krankheiten wie in der Medizin orientiert (sind – G. B.)" (S. 26) kann auch mit Blick auf die Hilfeangebote in Deutschland geteilt werden. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf den Ansatz "behavioural health revovery management" (BHRM), der stark auf eine Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien zielt, damit auf besondere Weise eine ganzheitliche und multidimensionale Herangehensweise verfolgt, der für Frauen gender-, beziehungs- und traumasensible sein muss (S. 41/42).

Gahhleitner fügt mit ihrem Aufsatz  zu salutogenetischen Perspektiven bei der Bewältigung von Gewalterfahrungen von Frauen (S. 45- 64) eine wohltuende Dimension in die Debatte um Frauen–Trauma–Sucht ein. Die Erschütterung über die lang anhaltenden und schwerwiegenden Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen lässt engagierte Forscherinnen und Praktikerinnen manchmal in eine aggressiv-feministisch vorgetragene Blindheit verfallen. Dann erscheint schon die Frage nicht mehr political correct, wie und auf welche Art Frauen diese Traumata so bewältigen, dass sie sich ihre seelische Gesundheit erhalten oder diese wiederherstellen können. Die hierzu vorgestellten empirischen Ergebnisse ermutigen sicher auch andere Forscherinnen, sich einem entpathologisierenden und entviktimisierenden Ansatz zuzuwenden und engagiert-parteilich emanzipatorische und ressourcenorientierte Hilfeansätze weiterzuentwickeln.

Dieser Intention geradezu entgegen steht der Aufsatz von Ackley. Diese skizziert Suchtprozesse im Gehirn auf eine Art und Weise, dass sich Frauen und Männer geradezu ausgeliefert an einen biologischen Automatismus sehen müssen – eine Dynamik, zu der es keine Chance eines Entrinnens gibt (S. 65- 81). An diesem Artikel spürt man am deutlichsten, dass sich die US-amerikanische und die deutsche Kultur sehr unterschiedlich dem Phänomen extremen Drogenkonsums nähern: Dort können noch immer an die Philosophie der Anonymen Alkoholiker angelehnte, streng puritanisch geprägte, abstinenzorientierte Grundhaltungen vorgetragen werden, während in Deutschland mit der Durchsetzung der akzeptierenden Drogenarbeit, der Einführung von Substitutionsbehandlungen und der Entwicklung von Programmen zur Wiedererlangung von Selbstkontrolle über den Konsum die Debatten durch subjektorientierte Sicht- und Verstehensweisen schon lange so bereichert werden, dass biologistische Standpunkte wenig überzeugend sind.

Den "Aufruf zu einer effektiveren Zusammenarbeit sozialer Hilfedienste" (S. 82-98) von Gunderson sollte niemand überlesen, denn er umreißt klar und nachvollziehbar, warum und wie sehr die verschiedenen Hilfesysteme, in denen drogenkonsumierende und traumatisierte Frauen um Unterstützung nachsuchen, aneinander vorbei reden, auf Grund diverser Kommunikationsmissverständnisse und unterschiedlicher Leitideen nicht zueinander finden können und sich schließlich in Zeiten knapper Kassen sogar konkurrierend gegenüberstehen. Mit Hilfe des kritischen Blicks auf die amerikanische Hilfelandschaft erfährt man geradezu eine Anleitung, die wunden Punkte auch in Deutschland auszumachen, systematisch auf den Punkt zu bringen und so Schritte zu einer Überwindung dieser hinderlichen Praxis zu starten.

Mit ihrem praxisorientierten Artikel "Sucht – eine Fahrt im Definitionskarussell" schließt Gunderson an diese grundsätzlichen Aussagen an (S. 101-111).  An der Auseinandersetzung mit den Definitionsversuchen zu "Sucht" bzw. "Abhängigkeit" wird dargestellt, dass sich "Fachkräfte aller Disziplinen über ihre eigenen Horizonte hinaus wagen müssen" (S. 107). Mit Blick auf die hilfesuchenden drogenkonsumierenden Frauen plädiert Gunderson dafür, statt wie bisher auf das Objekt der Sucht oder auf die Person, die mit ihrer Sucht kämpft, zu schauen (S. 107), weit stärker das Beziehungshafte am Suchtverhalten in den Blick zu nehmen. Liebäugeleien mit monokausalen Erklärungsmustern (z. B. untermauert mit dem Verweis auf Tierversuche) stört die Autorin auf wohltuende Weise, indem sie heraushebt: "Sucht ist ein vielschichtiges Phänomen. Sie ist eng mit der persönlichen Geschichte einer Frau verwoben, ebenso wie mit den sozialen, ökonomischen und kulturellen Aspekten, die ihr Leben bestimmen. Deshalb müssen Theorie und Praxis Sucht aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus begreifen." (S. 109)

 Harting knüpft an diese Ideen an und stellt in ihrem Bericht über eine Präventionsmethode, wie sie an einer amerikanischen Universität praktiziert wird, die Idee eines beziehungssensiblen Ansatzes vor (S. 114-138). Dieser kann für deutsche Verhältnisse als ein Plädoyer gelesen werden, nicht in den Fehler einer ausschließlichen Arbeit mit Gruppenansätzen zu verfallen, sondern weiterhin Strukturen und Kapazitäten vorzuhalten, mit denen klientenorientierte Hilfe im Setting der Einzelfallberatung möglich bleibt. Eine Mahnung, die angesichts der Begehrlichkeiten, in diesen Bereichen möglichst schnell Gelder zu sparen, hoffentlich nicht zu spät kommt.

Dieser Gedanke wird nochmals durch Gahleitner, Reuter und Zimmermann aufgegriffen, die an Hand einer Einrichtung für traumatisierte Mädchen die Praxis einer beziehungsorientierten Arbeit vorstellen (S. 139-153). Leider ist sowohl in diesem Beitrag als auch im Aufsatz von Nelson (S. 154-166) der Zusammenhang Sucht–Trauma–Frauen aus dem Blick verloren worden. Anregungen, wie mit traumatisierten Frauen allgemein gearbeitet werden könnte, bieten beide Artikel jedoch allemal. Diese praktischen Ansätze speziell in der Kombination mit Drogenproblemen zu entwerfen, wird einer weiteren Aufarbeitung vorbehalten bleiben.

Fazit

Das Buch "Frauen – Trauma – Sucht. Neue Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen" ist ein Reader, der Fachkräften in Hilfebereichen empfohlen werden kann, in denen drogenkonsumierende und zugleich traumatisierte Frauen um Unterstützung nachfragen. Auch in Deutschland ist dies der Bereich der Drogen- und Suchtkrankenhilfe, der oft den problematischen Konsum in den Blick nimmt,  oder ein psychotherapeutischer Bereich, in dem eher das Trauma als vordergründige Problemlage erscheint. Die im Buch präsentierten Beiträge sind gut geeignet, an Brücken zwischen beiden Hilfesystemen zu bauen und sich aufeinander zuzubewegen. Dabei können sich die Wege treffen im theoretischen Diskurs um Verstehensweisen der Phänomene, im Austausch über praktische Unterstützungsansätze und im Streit um frauenspezifische Sichtweisen – all diejenigen, deren Interesse an diesen Themen entflammt, können hier Anregungen finden. Die Tatsache, dass jeder Buchbeitrag für sich steht, also auch aus sich heraus verstanden werden kann, erlaubt zudem, sich das Werk auch selektiv zu erschließen und eigene Schwerpunkte der Rezeption zu setzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gundula Barsch
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Zitiervorschlag
Gundula Barsch. Rezension vom 30.12.2008 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Frauen, Trauma, Sucht. Neue Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen. Asanger Verlag (Kröning) 2008. ISBN 978-3-89334-493-2. Reihe: Psychotraumatologie, Psychotherapie, Psychoanalyse - Band 15. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6261.php, Datum des Zugriffs 28.04.2017.


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