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Katrin Boege, Rolf Manz (Hrsg.): Traumatische Ereignisse in einer globalisierten Welt

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.09.2009

Cover Katrin Boege, Rolf Manz (Hrsg.): Traumatische Ereignisse in einer globalisierten Welt ISBN 978-3-89334-483-3

Katrin Boege, Rolf Manz (Hrsg.): Traumatische Ereignisse in einer globalisierten Welt. Interkulturelle Bewältigungsstrategien, psychologische Erstbetreuung und Therapie. Asanger Verlag (Kröning) 2007. 171 Seiten. ISBN 978-3-89334-483-3. 22,00 EUR.
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Der interkulturelle Schrei

In der sich immer interdependenter entwickelnden, entgrenzenden und kulturell sich abschließenden Welt, die man mit dem beschönigenden Phänomen „Globalisierung“ charakterisiert, entstehen im zwischenmenschlichen Umgang Gegensätzlichkeiten und Brüche, deren Aufmerksamkeit es bedarf – soll nicht aus einem vermeintlichen Miteinander Konfrontation, Feindseligkeit und Rassismus erwachsen. Interkulturelle Missverständnisse, die im Alltagsleben meist auf stereotypen und vorurteilsbehafteten Vorstellungen beruhen, potenzieren sich, wenn Ereignisse eintreten, auf die nicht mehr alleine mit Empathie, Beachtung und Zuwendung eingegangen werden kann, sondern die sich als traumatische Verletzungen darstellen. In der Unfallbetreuung, etwa durch Erste Hilfe, ob in der Familie, auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Schule oder Nachbarschaft, wie auch in Krisensituationen und Katastrophen, bedarf es Kultursensibilität und interkulturelle Kompetenz; wie auch in der medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung durch Ärzte, Sozialarbeiter, Altenbetreuer und Pflegekräfte.

Thema

Die veränderten zivilgesellschaftlichen Bedingungen in unserer Einwanderungsgesellschaft, wie auch in der Wahrnehmung von Aufgaben in der globalisierten Welt, ob bei Auslandsaufgaben und -einsätzen, oder bei der Mitarbeit bei entwicklungspolitischen Aktivitäten – immer mehr werden interkulturelle Bewältigungsstrategien gefordert und sind Bestandteil eines professionellen Handelns. Dabei wird deutlich, dass es nicht nur sprachliche Kompetenzen sind, die beim Umgang mit kranken, verletzten und traumatisierten Menschen mit anderer kultureller Herkunft gefragt sind; es bedarf der Kenntnis und Informiertheit über die Bedeutung von Gesten, Weltbildern, Lebenseinstellungen und Werthaltungen dieser Menschen.

Entstehungshintergrund

Im Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Gesundheit in Dresden hat sich ein Initiativkreis „Traumatische Ereignisse im Rahmen der Initiative Neue Qualität von Arbeit“ (INQA) gebildet, der 2006 eine Fachtagung zum Thema „Traumatische Ereignisse im interkulturellen Kontext“ durchführte. In dem o. a. Tagungsband werden ausgewählte Beiträge abgedruckt. Die Herausgeber des Buches, die Psychotherapeutin und Referentin für den Bereich von internationalen Kooperationen bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Katrin Boege, und der Psychotherapeut und Experte für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie, Rolf Manz, wollen mit dem Tagungsband auf die Tragweite von interkulturellen Faktoren bei der psychologischen Betreuung im Umgang mit (traumatisierten) Menschen aus anderen Kulturen aufmerksam machen.

Aufbau und Inhalt

Der Arzt und Leiter des EMDR-Instituts Deutschland (Eye Movement Desentization and Reprogressing, eine in den USA entwickelte traumabearbeitende Psychotherapiemethode), Arne Hofmann, macht in seinem Beitrag „Psychisches Trauma in einer global vernetzten Arbeitswelt“ auf die Bedeutung von psychischen Erkrankungen in Arbeitszusammenhängen und im mitmenschlichen Umgang miteinander aufmerksam, wenn es sich um Kulturbegegnungen handelt. Er benennt verschiedene Formen von Belastungsstörungen und traumatischen Symptomen und macht deutlich, dass eine professionelle, wie eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit in unserer existenznotwendigen und unseren Wohlstand förderlichen Einwanderungsgesellschaft erfordert, eine (inter)kulturelle Sensibilität zu entwickeln.

Rolf Manz referiert „Interkulturelle Aspekte traumatischer Ereignisse“, indem er mit zahlreichen Beispielen auf diese Extremform psychischer Belastung verweist und dabei deutlich macht, welche Dimensionen von kulturellen Unterschieden ein gelingendes interkulturelles Miteinander ermöglichen; aber auch, welche Fehleinschätzungen und Missverständnisse eine Hilfesituation be- und verhindern können. Dabei wird auch in diesen speziellen Situationen deutlich: Wissen, Empathie und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen müssen erlernt und erfahren werden.

Die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im Berliner St. Hedwig-Krankenhaus, Meryam Schouler-Ocak, leitet das Berliner Bündnis gegen Depression. Sie referiert über „Traumatische Ereignisse bei Menschen mit Migrationshintergrund“ und diskutiert Risiken, berichtet über Diagnosen und Begutachtungen beim Umgang mit Krankheit und Kranken in verschiedenen Kulturen. Sie verweist darauf, dass es bei der Behandlung von psychisch Kranken mit anderskultureller Herkunft noch große Kenntnis- und Empathielücken gibt. Sie legt eine „Checkliste zur interkulturellen Begutachtung von psychisch reaktiven Traumafolgen“ vor.

Katrin Boege macht auf die Bedeutung einer psychologischen Erstbetreuung nach Arbeitsunfällen aufmerksam und fordert interkulturelle Kompetenzen für Helfer und Professionelle. Weil die Anzahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle, deren Hauptursache „Schockzustände erlebnisreaktiver / psychischer Art“ sind, von Jahr zu Jahr steigt, und damit auch der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer mit anderskultureller Herkunft, handelt es sich bei auftretenden psychischen Traumatisierungen nicht mehr nur um ein gesellschaftliches Randproblem; vielmehr sind Notfallhilfe und Erstbetreuung von Betroffenen notwendige Voraussetzungen für interkulturelle Kompetenz.

Der Familientherapeut und Referent im Sicherheitsmanagement der Deutschen Flugsicherung, Jörg Leonhardt und der Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Kopenhagen, Joachim Vogt, diskutieren „Kulturelle Unterschiede in der Bewältigung kritischer Ereignisse“ am Beispiel von kulturellen Aspekten bei High Reliabilty Organisations (HRO), wie sie etwa bei der Flugsicherung angewandt werden. Sie referieren organisations- und sicherheitskulturelle Grundlagen und Besonderheiten bei Organisationen, die in sicherheitsrelevanten Bereichen tätig sind. Die Konzeption des „Critical Incident Stress Management“ (CISM) ist eine Methode der Krisenintervention nach kritischen Ereignissen. Wie sie funktioniert und wie sie im Krisenmanagement angewandt werden kann, zeigen die Autoren an zwei konkreten Krisenbeispielen auf.

Jörg Leonhardt und Katrin Boege berichten über „Kulturelle Einflüsse im Umgang mit Krisen“. Sie informieren über Beispiele aus der Flugsicherung in neun Nationen. Damit weisen sie auf die Entwicklungen in der internationalen Flugsicherung hin und darauf, „dass das, was in einem Land als Krise zählt, immer auch historisch-politisch, aber auch geographisch bedingt ist“. Eine interkulturelle Krisenintervention bedarf einer „Verständigung und Vernetzung mit den potentiellen Kooperationspartnern in Zeiten vor und außerhalb akuter Krisen“.

Der Schifffahrtspsychologe und Leiter der Arbeitsgruppe „Traumatische Ereignisse in der Seeschifffahrt“ der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin in Hamburg, Hans-Joachim Jensen, stellt „Traumatische Ereignisse in der Seeschifffahrt bei einer multikulturellen Besatzung“ vor. Auch hier hat das Critical Incident Management eine herausragende Bedeutung und erfordert die Aufmerksamkeit und den professionellen Umgang der Beteiligten, vom Reeder bis zum Schiffsjungen, den Hafenbehörden und Helfern.

Ursula Mikulicz war bis zu ihrem Ruhestand Leiterin der tropenmedizinischen Untersuchungsstelle der GTZ(Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und zuständig für rund 4.000 Auslandsmitarbeiter/innen und deren Familienangehörigen. Ihre Erfahrungen mit Menschen, die bei ihren beruflichen Aufenthalten in den Ländern des Südens länger andauernden psychischen Belastungssituationen ausgesetzt sind und psychische Belastungsreaktionen (PTBS) zeigen, bedürfen der Beachtung, der Prävention und Therapie. Wie eine Reihe von Situationen im touristischen Bereich zeigen, wie etwa Entführungen und Piraterie, sind psychische Traumatisierungen auch auf diesem Gebiet zu registrieren.

Die im Bereich der Expertenhilfe für traumatisierte Opfer tätige Psychologin Alexandra Liedl und die Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer Berlin, Nora Balke, informieren über ihre Arbeit mit traumatisierten Migranten und Flüchtlingen. Sie lenken den Blick auf das Berliner bzfo, und sie stellen als Fallbeispiel die Geschichte einer Posttraumatischen Belastungsstörung bei einer jungen Kurdin vor und zeigen die vielfältigen Interventionen und Therapien des Zentrums auf.

Der an der TU in Dresden tätige Referent für interkulturelle Beratung, Victor Labra Holzapfel, reflektiert die Zusammenhänge von „Globalisierung, Migration und Trauma“, indem er auf den historischen und aktuell-globalisierten Kontext von Armut und Migration verweist, Ursachen und Folgen von Migration diskutiert und deutlich macht, dass eine interkulturelle Beratung durch und für Migranten notwendig ist und professionell durchgeführt werden muss. Denn „Interkulturelle Beratung… ist keine Therapie, bietet Betroffenen aber die Möglichkeit, psychosoziale Unterstützung bei der Bewältigung der Migrationserfahrungen und –erlebnisse zu erfahren“.

Als Fazit des Zusammenhangs von kulturellen Einflüssen und traumatischen Ereignissen ziehen Katrin Boege und Rolf Manz die Erkenntnis, dass in einer globalisierten Welt Krisen und Katastrophen vor nationalen und kulturellen Grenzen nicht halt machen. Das bedeutet dann auch, dass wir die kulturellen Unterschiede, wie sie in einer globalisierten „Einen“ Welt auftreten, überall in unserem privaten und beruflichen Dasein berücksichtigen und beachten müssen; auch „bei der psychologischen Vorbereitung potentieller Helfer, bei den Akutmaßnahmen und schließlich auch bei der Langzeitbehandlung traumatisierter Menschen“.

Fazit

Der Tagungsband ist sicherlich in erster Linie ein hilfreicher Denk- und Handlungsanlass für alle diejenigen, die mit Menschen anderskultureller Herkunft beruflich umgehen; er ist aber auch ein Schlüssel für eine Tür, die nicht offen steht, sondern geöffnet werden muss, mit Empathie und der Fähigkeit zum interkulturellen Dialog und zur interkulturellen Kompetenz, für dich und mich, weil wir alle in einer multikulturellen Gesellschaft leben, die lebenswert und gerecht für alle sein sollte.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.09.2009 zu: Katrin Boege, Rolf Manz (Hrsg.): Traumatische Ereignisse in einer globalisierten Welt. Interkulturelle Bewältigungsstrategien, psychologische Erstbetreuung und Therapie. Asanger Verlag (Kröning) 2007. ISBN 978-3-89334-483-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6270.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


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