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Herrmann Veith: Sozialisation

Cover Herrmann Veith: Sozialisation. UTB (Stuttgart) 2008. 96 Seiten. ISBN 978-3-8252-3004-3. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 18,00 sFr.

Reihe: UTB S (Small-Format. UTB Profile.
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Thema

Mit dem Begriff "Sozialisation" verbindet sich die Vorstellung, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Menschen aufwachsen und leben, ihre Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig beeinflussen. Neben der Familie und der Schule gelten auch die Arbeitswelt, Freunde und Peergroups, Medien etc. als wichtige Faktoren für das biographische Lernen, mit denen sich der Einzelne als "aktiver Realitätsverarbeiter" auseinandersetzen muss. Sozialisationstheoretiker befassen sich seit mehr als hundert Jahren mit der Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen individuelle Autonomie ermöglichen, resp. welche zur Entwicklung eingeschränkter Handlungsfähigkeiten führen. Der kompakte Text von Veith differenziert und erläutert in einer gelungenen Themenauswahl diese Grundfrage der Sozialisationstheorie.

Autor

Hermann Veith, Prof. Dr., lehrt Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialisationsforschung unter besonderer Berücksichtigung des Jugendalters an der Universität Göttingen. Er hat mehrere namhafte Publikationen zum Thema verfasst und gilt als ausgewiesene Fachperson zu Fragen der Vergesellschaftung in aktueller und historischer Perspektive.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der Frage, warum in den Sozialwissenschaften nicht nur von Entwicklung, sondern von Sozialisation (Vergesellschaftung) die Rede ist, werden im Kapitel 1 die Kernbegriffe und Konzepte der Sozialisationstheorie erläutert und in einen historischen Kontext eingebettet. Das Kapitel schliesst ab mit einer Antwort auf die Frage, warum sozialisationstheoretisches Wissen für Professionelle im Sozial- und Bildungsbereich (Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Berater) wichtig ist.

Im Kapitel 2 wird ein analytisches Rahmenmodell beschrieben, mit dessen Hilfe das Zusammenspiel von gesellschaftlichen und individuellen Entwicklungsbedingungen anschaulich dargestellt und analysiert werden kann. In konkreten Interaktionssituationen werden die individuelle und die gesamtgesellschaftliche Ebene sowie die dazwischen liegenden Vergesellschaftungsformate (Zweierbeziehungen, Gruppen, Organisationen etc.) handlungspraktisch verknüpft. Die einzelnen Ebenen des Modells werden anschliessend erläutert.

Darauf aufbauend werden in den Kapiteln 3, 4 und 5 die unterschiedlichen Vergesellschaftungspraktiken in den wichtigsten Sozialisationskontexten – Familie, Schule, Peergruppe – skizziert. Die Familie wird als soziale Gruppe in einer familientypischen sozialen Lage mit Bezug auf die Kapitalsorten von Bourdieu skizziert. Als Handlungskontext wird die Familie in ihrer Beziehungsdynamik beschrieben, speziell mit Blick auf eine entwicklungsfördernde Erziehung. Die Schule als "organisierte Sozialisationsinstanz" hat den gesetzlichen Auftrag, die Heranwachsenden durch Bildung und Erziehung zur selbständigen und verantwortungsvollen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu befähigen. Die Funktionen und Aufgaben der Schule in modernen Gesellschaften werden gestreift, und es wird auf Risikogruppen und die soziale Selektion im Schulsystem verwiesen. Wie Schule als Ort der Persönlichkeitsentwicklung wirken kann, wird sowohl mit der Lehrer-Schüler-Interaktion, resp. mit der Rolleninterpretation des Lehrers als auch mit der Resilienz des einzelnen Schülers in Verbindung gebracht. Der Bedeutung der "Anderen" im Sozialisationsprozess (Gruppen, Schulklassen, Cliquen etc.) widmet sich Kapitel 5.

Ein kleiner Exkurs zur Rolle der Medien leitet über zu den Grundfragen der Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung (Kapitel 6).

Über begriffliche Klärungen (Persönlichkeit, Ich) werden einzelne Entwicklungsbereiche vertiefter dargestellt. Bei der kognitiven Entwicklung geht es um die Ausbildung und Differenzierung der unterschiedlichen geistigen Funktionen und Fähigkeiten. Die sozial-moralische Entwicklung stellt das innere Regelbewusstsein (moralisches Ideal und Empfindungen) ins Zentrum. Unter dem Titel emotionale Entwicklung fokussiert der Autor auf die Entstehung und Veränderung von persönlichen Bindungen. Der Abschnitt zur motivationalen Entwicklung zeichnet nach, wie aus diffusen Bedürfnis- und Triebstrebungen in sozialen Interaktionen eigenständige Motive (zwischen extrinsischer Regulation und Innenleitung) entstehen. Die sprachliche Entwicklung verdeutlicht, dass Menschen auf der Basis ihrer biologischen Ausstattung sprechen können, dass aber die Art und Weise, wie sie das tun, an soziale Spracherfahrungen und kulturelle Sprachsysteme gebunden ist. Was in der Persönlichkeitsentwicklung als "normal" gelten kann, ist, wie im Kapitel 7 gezeigt wird. keineswegs selbstverständlich.

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich an alle, die einen ersten, aber nicht oberflächlich bleibenden Einblick in die Grundthemen der Sozialisationsforschung gewinnen möchten. Das ist nicht ganz einfach, weil dieses transdisziplinäre Forschungsfeld sich quer über den gesamten Bereich der sozial- und humanwissenschaftlichen Disziplinen erstreckt. Das Buch liefert Fachpersonen im Bildungs- und Erziehungsbereich Grundlagen für die Begründung und Legitimation ihrer Entscheidungen und dient der professionellen Planung, Beurteilung und Auswertung von Handlungsstrategien in unterschiedlichen Praxis- und Berufsfeldern. Studierenden an Fachhochschulen und Universitäten bietet der Text eine prägnante und präzise Einführung.

Fazit

Das knapp 100seitige Bändchen will die komplexen Themen im aktuellen Fachdiskurs präsentieren und dimensionieren – keinesfalls aber umfassend erläutern. Dieser Anspruch wird sehr überzeugend eingelöst – die langjährige Auseinandersetzung des Autors mit der Sozialisationstheorie und -forschung ist spürbar. Der Text liest sich leicht und liefert einer breiten Adressatengruppe aus dem Bildung- und Erziehungsbereich nützliches und anregendes Basiswissen Der Text ist graphisch sehr lesefreundlich gestaltet: hervorgehobene Kernaussagen fassen das Wesentliche zusammen und erleichtern – zusammen mit dem Glossar – die Orientierung. Weiterführende Literaturangaben sowie Internet-Links ermöglichen eine gezielte Vertiefung der einzelnen Themen.


Rezension von
Prof. Dr. Kitty Cassée
Institutsleiterin kompetenzhoch3.ch
Homepage www.kompetenzhoch3.ch
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Zitiervorschlag
Kitty Cassée. Rezension vom 07.12.2008 zu: Herrmann Veith: Sozialisation. UTB (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-8252-3004-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6272.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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