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Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung. Eine Welt aus Farben und Details

Cover Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung. Eine Welt aus Farben und Details. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. 268 Seiten. ISBN 978-3-8288-9423-5. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine an der Universität Köln entstandene und angenommene Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch gliedert sich in 4 Abschnitte:

  1. der erste Teil beschäftigt sich mit Autismus und visueller Informationsverarbeitung. Hier wird im Wesentlichen der Stand der Forschung beschrieben.
  2. der zweite Teil beschreibt das methodische Vorgehen des Verfassers, der eigene Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt hat,
  3. der dritte Teil stellt die Befunde aus den selber durchgeführten Untersuchungen vor.
  4. der vierte Teil schließlich diskutiert die Ergebnisse und kommentiert diese im Kontext der vorangegangenen Ausführungen. Das Buch schließt mit einem Ausblick auf zukünftige, notwendige Forschungsvorhaben ab, die sich aus der Studie ergeben haben.

Ausgangspunkt der Studie ist die Fragestellung, inwieweit perzeptuelle oder konzeptuelle Wahrnehmung bei Menschen mit Autismus ausgeprägt ist. Dabei geht es nicht um eine Gegenüberstellung, sondern um eine Integration zugunsten eines „spontanen Wahrnehmungsvorzugs statt eines Wahrnehmungsdefizits“ (S. 12). Die Basis für dieses Vorgehen ist die Theorie der schwachen Kohärenz, welche für Menschen mit Autismus aus heutiger Sicht als grundlegend angenommen werden kann.

Der erste Teil des Buches („Autismus und visuelle Informationsverarbeitung“) zeigt den gegenwärtigen Stand der Forschung auf. Neben allgemeinen Informationen zur Diagnostik von Autismus, Prävalenz, Komorbidität und Ätiologie erfolgt ein Überblick zu kognitionspsychologischen Theorien, zu Grundlagen der visuellen Informationsverarbeitung und schließlich zur visuellen Informationsverarbeitung bei Autismus. Insbesondere der letztgenannte Teil zeugt von einer tiefen und fundierten Kenntnis der verschiedenen Studien. Diese werden vom Verfasser diskutiert und er zieht daraus plausible Schlussfolgerungen.

Im zweiten Teil des Buches geht es auf dem Hintergrund der im ersten Teil gewonnenen Erkenntnisse und Thesen um eigene Untersuchungen, die der Verfasser an 26 Kindern mit Störungen aus dem autistischen Spektrum vorgenommen hat. Die Kontrollgruppe bestand aus 25 Kindern, die eine Haupt- oder Realschule besuchen. Die Kinder haben zu spezifischen Fragestellungen verschiedene Aufgaben zu erledigen, die der Verfasser anhand des theoretischen Teils erarbeitet hat.

Der dritte Teil ist die Darstellung und Diskussion der Ergebnisse der einzelnen Experimente. Das wichtigste zentrale Ergebnis der Untersuchung ist die Erweiterung der Theorie der schwachen Kohärenz um den Aspekt um einen „Wahrnehmungsvorzug“ (s. 182); d.h. es geht nicht um eine Kompensation von Schwächen, sondern dem Paradigma des Stärkenprinzips folgend, um eine andere Sichtweise. Während die meisten empirisch gewonnenen Aussagen in der Praxis eigentlich bekannt sind/ sein sollten, so überrascht vielleicht ein wenig die Erkenntnis, dass autistische Menschen eine große Affinität zu Farben haben. Wer mit autistischen Menschen arbeitet und auch künstlerisch/ kreativ mit ihnen tätig ist, der wird dieses aus eigener Anschauung bestätigen können. Bisher galt aber häufig die Regel, möglichst schlichte Darstellung (z.B. bei Bildkarten) und möglichst auch keine Farben.

Im vierten Teil erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse auf dem Hintergrund der insgesamt erarbeiteten Gedanken und herangeführten Studien. Dabei leistet der Verfasser auch eine „Übersetzung“ für die pädagogische Praxis, indem er an Beispielen erläutert, welche Relevanz seine gewonnenen Erkenntnisse haben und wie im Hinblick auf Kinder mit Störungen aus dem autistischen Spektrum Besonderheiten im Umgang mit ihnen zu beachten sind. Für Menschen, die häufiger mit autistischen Personen zu tun haben, birgt dieser Teil keine Überraschungen, werden die weithin bekannten Regeln wie eindeutige Aussagen, klare Strukturierung etc. durch die Untersuchungen noch einmal bestätigt. So räumt auch der Verfasser ein, dass es sich um „keine… neuen pädagogischen Prinzipien (handelt), aber (die Ergebnisse) bieten die Chance, praktische Arbeit auf eine zunehmend evidenzbasierte Grundlage zu stellen“ (S. 191). Erfreulich ist anzumerken, dass der Verfasser auch die Notwendigkeit von Therapie im Kontext der jeweiligen Person sieht: „ausschlaggebend für eine Therapieentscheidung sollte nach meinem Eindruck daher sein, ob die spontane perzeptuelle Orientierung schwerwiegende Probleme für das Individuum oder seine Umwelt mit sich bringt“ (S. 187). Mit Empfehlungen zu weiteren (notwendigen) Forschungen schließt das Buch, aber auch mit einer weitsichtigen Aussage: „erst ein Modell, das alle relevanten Informationen zu Autismus integrieren kann, wird eine optimale theoretische Basis für die praktische Unterstützung von Menschen mit Autismus und ihren Begleitern liefern können. Die hier erarbeiteten Ergebnisse zur spontanen Informationsverarbeitung sind daher als eine von vielen Säulen eines solchen Gesamtmodells des Autismus zu verstehen“ (s. 195). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Fazit

Ein Buch, das von einem enormen Fleiß des Verfassers zeugt, in dem fundiert die zentralen Studien zur Wahrnehmungsverarbeitung bzw. deren Störung bei autistischen Menschen angeführt und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auch wenn es insgesamt keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse liefert, so sind es viele interessante und empirisch gesicherte Erkenntnisse, die hier dem Leser geboten werden. Besonders zu empfehlen ist es für Personen, die therapeutisch mit Menschen mit autistischen Störungen tätig sind. Aber auch für Einrichtungen, die in der Betreuung/ Unterstützung/ Assistenz tätig sind, ist das Buch zu empfehlen und eine gute Grundlage, (wieder einmal) mindestens darüber nachzudenken, ob die Gestaltung der Umgebung dem betreuten Personenkreis angemessen ist und was zu verändern wäre. Voraussetzung für das Verständnis ist allerdings, dass man als Leser schon persönliche Erfahrungen mit dieser Personengruppe gemacht hat, denn sonst sind die Darstellungen für Neueinsteiger in dieses Themenfeld zu komplex.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 10.06.2010 zu: Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung. Eine Welt aus Farben und Details. Tectum-Verlag (Marburg) 2007. ISBN 978-3-8288-9423-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6285.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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