socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Schetsche: Empirische Analyse sozialer Probleme

Cover Michael Schetsche: Empirische Analyse sozialer Probleme. Das wissenssoziologische Programm. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 243 Seiten. ISBN 978-3-531-15854-9. 24,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-658-02279-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Was ist ein "soziales Problem"?

Was ist ein soziales Problem? Oder besser: Wie und wann wird ein "sozialer Sachverhalt" zu einem sozialen Problem? Was unterscheidet Kinderarmut, Migrantenschicksal oder Zwangsprostitution vom Hexenwahn, Cannabissucht oder rassistischer Ideologie? Und wer ist dabei eigentlich unschuldiges Opfer - die Hexe, der Konsument oder gar der ideologisch Verführte?

Sobald man sich in das Gestrüpp problemsoziologischer Theoriebildung begibt, verheddert man sich unversehens in nahezu allen Problem-Stricken, die die soziologische Theorie-Diskussion bereithält: Wie versteht man das Verhältnis von Theorie und Realität, welche Rolle spielen dabei der Soziologe, der Common sense und das professionelle Expertenwissen;  gibt es soziale Sacherhalte, die nicht stets schon vorgängig durch Bedeutungen und Wertungen geprägt sind, und welche Wertungen setzen sich dabei "hegemonial" durch; welche Rolle spielen Wahrheit, Konsens, Möglichkeit zur Falsifikation für die Plausibilität der Befunde; kann man wert- und interessenfrei forschen.

In seinem "Lehrbuch" versucht Michael Schetsche, gestützt auf die Vorarbeiten in seiner Dissertation  ("Die Karriere sozialer Probleme", 1996) und seiner Habilitation ("Wissenssoziologie sozialer Probleme", 2000) in drei Schritten ein wenig Licht in dieses Problem-Chaos zu bringen, indem er zunächst dem Theorien-Streit sein eigenes "Kokon-Modell" gegenüber stellt, sodann ausführlicher auf die sich daraus ergebenden Ansätze für eine empirische Analyse sozialer Probleme eingeht, um abschließend dieses Vorgehen an Hand zweier Beispiele näher zu belegen.

Das theoretische Problem

Auf theoretischer Ebene ringen zwei paradigmatisch verschiedene "verfeindete Lager" (S.27) miteinander. Die einen folgen "objektivistisch" dem normalen Menschenverstand und untersuchen vorgegebene soziale Problemlagen, selbst wenn sie als solche noch nicht im Common sense angekommen sind - etwa das Raucher-Verhalten bevor die jüngste Antiraucher-Bewegung die Gemüter erregte. Sie analysieren dabei auch sowohl "latente" Probleme, die noch nicht allgemein sozial anerkannt sind, wie "Scheinprobleme" ohne objektivierbaren sozialen Problem-Sachverhalt.

Die anderen beharren dagegen "konstruktivistisch" darauf, dass ein "soziales Problem" erst dann vorliegen könne, wenn ein bestimmter Sachverhalt hegemonial als solcher definiert worden sei: So sei die an sich lange vorhandene "Unterdrückung der Frau" erst im Rahmen der Gleichberechtigungs-Bewegung zum sozialen Problem geraten.

Während die einen dabei tendenziell stärker nach den materiellen Ursachen für solche Probleme suchen und dazu neigen, als "Soziologen" eigenständig festzulegen, wann ein solches soziales Problem gegeben sei, tendieren die anderen "wissenssoziologisch" dazu, die Entwicklungsgeschichte solcher Problematisierungen zu analysieren, um sich möglichst wertender Stellungnahmen zu enthalten: "Im Mittelpunkt der objektivistischen Untersuchungen steht die materielle, im Zentrum der konstruktionistischen Analyse hingegen die symbolische Produktion und Reproduktion" (36). Beide Ansätze berufen sich jeweils auf ihre eigenen Autoritäten - Merton einerseits und Berger-Luckmann andererseits - und beide betonen ihre führenden Paradigmata: Das materiell greifbare Elend in einem eher traditionellen Sinne gegenüber den "moderneren" Problemen, denen in einer "allgemeinen Entdinglichung des Sozialen" ein solches soziales Substrat mehr und mehr abhanden komme (S.37ff). Gemeinsam seien ihnen

  • ein (realer oder konstituierter) Sachverhalt, der "nach der dominierenden Wertordnung der Gesellschaft" als negativ, unerwünscht bewertet werde;
  • die Existenz von zumindest teilweise schuldlos Geschädigten und
  • die mögliche und ethisch erstrebenswerte Abhilfe oder Linderung der Not (49).

Gemeinsam ist ihnen aber auch das Ringen mit den folgenden drei Problemen:

  1. Die Wechselbeziehung zwischen Wissen und Realität im sozialen Bereich: Das  Wissen benötigt seine wie auch immer gedeuteten Realitätsanker, um plausibel zu sein. Und umgekehrt wird das übernommene Wissen eben diese passende Realität mit produzieren: Hexen-Merkmale für den Hexen-Riecher und Süchtige, die solche Diagnosen in ihre Identitäts-Rolle übernehmen.
  2. Die üblichen einschlägigen Modelle folgen einer einfachen Kausalitäts-Vorstellung, die vom "sozialen Sachverhalt" über den Definitionsprozess bis hin zur gesellschaftlichen bzw. staatlichen Reaktion verlaufen. Eine Sichtweise, die leicht übersieht, wie häufig heute solche Probleme - hegemonial überzeugend - auch ohne drängendes substantielles Substrat als "virtuelle" Probleme produziert werden, wie dies etwa bei der Kriminalitäts-Furcht o.ä. zu beobachten ist. Wobei sich dann immer wieder solche Substrata erst im Gefolge solcher Definitionsprozesse mitsamt den dazu gehörigen Reaktionen  spiralartig zum "Real-Problem" hochschaukeln können, wie wir dies im Bereich der Drogenpolitik erleben.
  3. Schließlich wird dabei das soziologische Wissen im Vergleich zum Common sense nicht selten übermäßig idealisiert, wert- und interessenfrei, obwohl es doch - so oder so - den Definitionsprozess entscheidend mit voran treibt: "Aus lebensweltlicher Sicht erscheint deshalb die objektivistische Problemsoziologie ebenso als gleichsam natürlicher Verbündeter der Problematisierer wie die konstruktionistische Problemsoziologie als deren Gegner" (35).

In dieser Situation etwickelte Schetsche sein strikt wissenssoziologisch konzipiertes "Kokon-Modell", in dem er das konstruktivistische  Kernmodell in zweierlei Hinsicht ergänzt:

  • Einerseits durch eine vergleichend-komparative Analyse unterschiedlicher Deutungen "desselben" sozialen Sachverhalts, um deren übergreifend gemeinsamen "konsensualen" Kern dem spezifischen hegemonialen Deutungsschema gegenüber stellen zu können bzw., sofern ein solcher Kern nicht auffindbar sei, dieses Problem als "virtuelles Problem" einzustufen (83).
  • Und zum anderen betont er die Rolle des Wissens-Netzes, das diesen Sachverhalt zunehmend einspinnt: In der Folge orientieren sich alle Beteiligten "in ihrem Denken und Handeln nicht mehr am Sachverhalt selbst sondern an der zu einem Wahrnehmungskokon verdichteten Problemwahrnehmung, in welchen der Sachverhalt gleichsam eingesponnen ist" und an dem auch die wissenschaftliche Analyse zu scheitern droht (44). Eine wesentliche Rolle spielen dabei "Problemmuster", die als Deutungsmuster "kollektive Interpretations- und Handlungsanleitungen" liefern, indem sie das soziale Problem mit einem "Namen", einem Erkennungsschema sowie mit einem Unwerturteil mitsamt den dazu passenden affektiven Bestandteilen näher umreißen (109ff).

Die empirische Analyse

Der zweite Hauptteil gibt ausführliche Hinweise, wie solche Probleme idealiter in sieben Schritten empirisch zu analysieren seien: Von der Problemgeschichte, über die konsensuale Analyse der Sachverhalte, die Rolle und Interessen der dabei beteiligten Akteure - "Aktive Betroffene, Advokaten, Experten, Problembenutzer und soziale Bewegungen" (S.86), die eingesetzten Problemmuster und Diskursstrategien sowie die Rolle der Medien mitsamt der neuen Rolle des Internets bis hin zum letztendlichen Einfluss der politischen Sozialstaats-Arena. Ein Vorgehen, das er in einem "Fragenkatalog" zusammenfasst (171-175) und das im dritten Teil durch eine schon früher veröffentlichte Analyse der "Internetsucht"  sowie von Ina Schmied-Knittel durch die Analyse eines eher "virtuellen Problems" (215) des "Satanisch-rituellen Missbrauchs"  überzeugend beispielhaft näher demonstriert wird.

Fazit

Es gelingt dem Autor erfreulich gut, den interessierten Leser theoretisch fundiert, zeit-  und praxisnahe  in die wissenssoziologisch orientierte empirische Analyse sozialer Probleme einzuführen. Die Arbeit ist in gleicher Weise sowohl als "Lehrbuch" wie aber auch als Anleitung zu eigenständiger Erforschung solcher sozialer Probleme geeignet, mit denen vor allem Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und die Sozialverwaltung zu ringen haben. Dabei wird deutlich, wie solche sozialen Probleme von den unterschiedlichen Interessen der beteiligten Akteure  beeinflusst werden und welchen praktischen und konzeptuellen Schwierigkeiten denjenigen erwarten, der in ein solches Wissens-Kokon einzudringen versucht.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
E-Mail Mailformular


Alle 65 Rezensionen von Stephan Quensel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 13.06.2008 zu: Michael Schetsche: Empirische Analyse sozialer Probleme. Das wissenssoziologische Programm. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15854-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6295.php, Datum des Zugriffs 19.03.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht