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Virginia Bell, David Troxel u.a.: So bleiben Menschen mit Demenz aktiv

Cover Virginia Bell, David Troxel, Tonya M. Cox, Robin Hamon: So bleiben Menschen mit Demenz aktiv. 147 Anregungen nach dem Best-Friends-Modell. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 319 Seiten. ISBN 978-3-497-01905-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reinhardts gerontologische Reihe - Band 41. Originaltitel: The best friends book of Alzheimer's activities.
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Thema

Tom Kitwood hat für Menschen mit (und auch ohne) Demenz vier Grundkategorien benannt, die Wohlbefinden unterstützen; dies geschieht wenn

  1. Wertschätzung erfahren wird,
  2. aktiv sein möglich ist,
  3. sich die Person einer Gemeinschaft zugehörig fühlen und sie
  4. Hoffnung und Vertrauen haben kann.

Die Übersetzung dieser Grundkategorien in die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz findet sich in den 147 Anregungen nach dem Best-Friends-Modell wieder, das die Autoren in ihrer vorangegangenen Publikation "Richtig helfen bei Demenz" ausführlich beschrieben haben (vgl. die Rezension 5044). Die Grundprinzipien des Best-Friends-Modells setzen sich aus Verständnis für Menschen mit Demenz, medizinischem Grundlagenwissen, an Stärken orientierten Assessments, Hintergrundwissen zur Lebensgeschichte, der Kommunikationsfähigkeit der Pflegenden und der Umgestaltung der Beziehungen zu Menschen mit Demenz zusammen. Die "Kunst" der Kontaktgestaltung, der Ermöglichung positiver Begegnungen und dadurch der Bereicherung des Pflegealltags wird von Interaktionen getragen, die sich durch Leichtigkeit und Geschicklichkeit auszeichnen. In der vorliegenden Publikation legen die Autoren ein Aktivierungskonzept vor, das an den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz orientiert ist und Pflegenden den Erfolgsdruck nimmt, weil sie einen Misserfolg riskieren dürfen. Die Prozessorientierung steht im Vordergrund und die Interessen und Fähigkeiten der einzelnen Personen bilden den Ausgangspunkt für die Auswahl der Aktivitäten. Die Beschäftigungsideen bilden ein breites Repertoire und bieten eine Auswahl an zu bestimmten Themen oder Angeboten für Gruppen oder Einzelinterventionen mit unterschiedlichem Zeitaufwand. Die Publikation richtet sich vorwiegend an Pflegende in Pflegeheimen und Tagespflegeeinrichtungen.

Autoren

  • Virginia Bell ist Programmberaterin der Ortsgruppe der Alzheimer Gesellschaft in Greater Kentucky und Gründerin des Helping Hand Adult Day Center.
  • David Troxel war Präsident und Geschäftsführer der Alzheimer Gesellschaft in Santa Barbara, Kalifornien. Er ist Mitglied des Ethikbeirats der Nationalen Alzheimer Gesellschaft.
  • Tonya Cox ist Vizepräsidentin der Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme der Alzheimer Gesellschaft von Kentucky/Southern Indiana.
  • Robin Hamon arbeitet als Koordinatorin der Familienhilfe des Alzheimer"s Disease Research Center an der Universität von Kentucky.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in 9 Kapitel untergliedert. Nach einer thematischen Einführung erfolgt eine strukturierte Beschreibung der Aktivitäten, die sich einheitlich an den Punkten Zielsetzung, Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen und Einbindung in die Best-Friends-Methode orientiert. Die Aktivität wird durch ein Spektrum an Kategorien, die für die Umsetzung relevant sein können, ergänzt: Kunst und Kreativität, Sport und Bewegung, Musik, Humor, Demenz im Frühstadium, Demenz im Spätstadium, Sprichwörter und Redensarten, alte Fertigkeiten, Sensorik, Spiritualität und Gespräch. Hinweise zu Sicherheitsaspekten oder zur Vermeidung von Irritationen setzen den Schlussstein.

In einer Gesamtübersicht sind alle 147 Anregungen in einer Tabelle mit Seitenangaben aufgeführt und weiteren Handlungsfeldern zugeordnet: Kunst und Kreativität, Betätigung, Natur, am Abend, Demenz im Spätstadium, zu Zweit, Kinder, für Männer, Haushalt und Gegenstände.

Kapitel 1: Zwischen strukturierten Zeiten beisammen sein. Anregungen zur Verbesserung der alltäglichen Pflegeatmosphäre, die durch positive Begegnungen belebt werden kann, setzen voraus, dass sich Pflegende auf eine Situation einlassen können und Gelegenheiten nutzen, um Kontakte zu gestalten (z.B. in Erinnerungen schwelgen).

Kapitel 2: Eine Lernatmosphäre schaffen. Geselligkeit in einer Gruppenaktivität zu ermöglichen, bedarf der Moderation durch Pflegende. Allgemeine Hinweise zur Gesprächseinleitung, zur Bezugnahme auf die individuelle Lebensgeschichte, zur Sinnesanregung und zur Gestaltung der Rahmenbedingungen sind auf einzelne Themen zugeschnitten (z.B. Modeschau).

Kapitel 3: Kreativ sein. Das Selbstbewusstsein von Menschen mit Demenz stärken, die Aktivität an den Fähigkeiten der Person ausrichten und durch kreative Gruppenangebote positive Empfindungen fördern sind Kernelemente kreativen Tuns (z.B. Blumendruck).

Kapitel 4: Etwas für andere tun. Ein Zugangsweg, um Menschen mit Demenz zu Aktivitäten zu motivieren, ist das Gefühl, nützlich sein zu können. Über die Hilfsbereitschaft und den Ansatz, anderen eine Freude machen zu können, kann die Mitarbeit erleichtert werden (z.B. Marmorieren).

Kapitel 5: Spiele und Gemeinschaftsaktivitäten. Spiele vertreiben die Langeweile, fördern die Gemeinschaft, erhalten die geistige Beweglichkeit, tragen zum Abbau von Stress bei, stimulieren die Sinne und stärken Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein (z.B. Wortspiele).

Kapitel 6: Körperpflege als Aktivität. Die Körperpflege nicht als pflegerische Routine sondern als tägliche Aktivität zu sehen, bedeutet Würde der Person zu wahren, Lebensgewohnheiten aufzugreifen, den Zeitdruck herauszunehmen, einen Gesprächseinstieg zur Kontaktaufnahme zu finden und die Körperpflege so vorzubereiten, dass Präsenz gewährleistet ist (z.B. Anziehen).

Kapitel 7: Für Männer. Aktivitäten für Männer sind überwiegend dem Berufsleben entnommen, da in der bisherigen Lebenszeit meistens die Arbeitszeit überwog. Interessensschwerpunkte finden sich in den Bereichen: Sport, Technik, Fahrzeuge, Berufe und handwerkliche Fähigkeiten und Alltagsgewohnheiten (z.B. Skulptur aus Holzresten).

Kapitel 8: Zu Hause. Das Zuhause bietet Schutz und Sicherheit, ist der Ort der Zugehörigkeit und der Raum für die Gestaltung der Freizeit. Die täglich anfallenden Arbeiten im und ums Haus, aber auch der Bezug zum öffentlichen Leben und zur Nachbarschaft bieten ein Repertoire an Betätigungsmöglichkeiten (z.B. Kehren und Fegen).

Kapitel 9: Aktivität am Abend. Den Pflegealltag nicht nach dem Abendessen beenden, sondern durch Aktivitäten gestalten, fördert nicht nur den Schlaf der Personen mit Demenz sondern erfordert die Handlungskompetenz der Pflegenden in Verbindung mit Angeboten für "Nachteulen" (z.B. Zeit für einen Schlummertrunk).

Fazit und kritische Würdigung

Die Autoren unterbreiten 147 Anregungen oder Ideen, um den Pflegealltag durch Aktivitäten zu beleben und zu bereichern. Die Anregungen sind breit gefächert und handlungsleitend aufbereitet. Für Pflegende steht ein gut gefüllter Werkzeugkasten zur Verfügung und für die einzelnen Werkzeuge sind die "Anwendungsbereiche" beschrieben bzw. die unterschiedlichen Dimensionen personzentrierter Pflege durchbuchstabiert. Wohlgemerkt, die Autoren bieten Optionen an, welche Aktivitäten geeignet sind, wie sie durchgeführt werden, welcher Gesprächseinstieg hilfreich sein oder mit welchem Witz eine Gruppe zum Lachen gebracht werden könnte. In diesem Sinne sollte die Publikation auch gelesen werden, als Impulsgeber für Pflegende, die eigene Erfahrungen in der Umsetzung sammeln und durch gezielte Hinweise der Autoren ihr eigenes Repertoire (z.B. durch Internetrecherche) erweitern möchten. Die Umsetzung von Aktivitäten ist vielleicht an einzelne Personen gebunden, aber immer an das gesamte Team gekoppelt – darauf verweisen die Autoren immer wieder. Die Publikation ist klar strukturiert, verständlich geschrieben und für Pflegende im stationären und teilstationären Bereich ein Ideengeber und Gewinn in der Aktivierung von Menschen mit Demenz.


Rezensentin
Christina Kuhn
Mitarbeiterin der Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Homepage www.demenz-support.de


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Zitiervorschlag
Christina Kuhn. Rezension vom 25.05.2008 zu: Virginia Bell, David Troxel, Tonya M. Cox, Robin Hamon: So bleiben Menschen mit Demenz aktiv. 147 Anregungen nach dem Best-Friends-Modell. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-497-01905-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6303.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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