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Marianne Friese: Kompetenzentwicklung für junge Mütter

Cover Marianne Friese: Kompetenzentwicklung für junge Mütter. Förderansätze der beruflichen Bildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2008. 246 Seiten. ISBN 978-3-7639-3622-9. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

In 2000 lebten nach den Mikrozensusdaten in deutschen Privathaushalten 439.700 Frauen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren, die bereits Mutter geworden sind, bevor sie ihr 20. Lebensjahr erreicht hatten (S. 46). Nach den differenzierten Datenauswertungen von Marianne Friese sind diese Zahlen in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Aufs Jahr gesehen wurden z. B. 2004 insgesamt 705.622 Kinder lebend geboren. Von ihnen hatten 6.969, also 1 %, eine minderjährige Mutter. Von weiteren 18.469 (2,6 %) war die Mutter unter 20 Jahren, bei 119.173 (16,9 %) unter 25 Jahre alt (S. 40). Insgesamt wurden in 2004 somit knapp 25.500 Kinder von Müttern im Alter von unter 25 Jahren geboren. Obwohl nach den Recherchen von Marianne Friese junge Mutterschaften in allen sozialen Schichten vorkommen, so zeigen sich dennoch in empirischen Untersuchungen signifikante Zusammenhänge zu Bildungsstand sowie sozialen und wirtschaftlichen Problemlagen der Herkunftsfamilien sowie den damit oftmals verbundenen prekären Biografieverläufen der jungen Frauen (S. 12). Für viele von ihnen bedeutet die frühe Mutterschaft ein Ausweg aus der bisherigen belastenden Situation und eine Form der Bewältigung von eigenen psycho-sozialen Schwierigkeiten. Der Großteil von ihnen verfügt nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung, woraus sich mit Marianne Friese ein „dringender politischer Handlungsbedarf“ (S. 59) ergibt. Denn für viele der jungen Mütter droht in Folge dessen, erwerbsarbeitslos zu werden und – gemeinsam mit ihren Kindern - in Armut abzugleiten, eine Gefahr, die besonders für Alleinerziehende besteht. Angesichts dieser gravierenden Folgen für die jungen Mütter mit ihren Kindern überrascht, dass bisher sowohl theoretische als auch empirische Forschungen dazu fehlen, wie junge Mütter umfassend in ihren beruflichen sowie Lebensführungskompetenzen gefördert werden können, um diese Spirale von fehlendem Berufsabschluss, Arbeitslosigkeit und Armut zu durchbrechen. Marianne Friese schließt mit ihrer Publikation nicht nur die vorhandenen Forschungslücken, sondern sie geht darüber hinaus: Sie eröffnet zudem vielfältige und aufschlussreiche Einblicke in die Praxis möglicher, auch systematisch vernetzter Förderangebote für eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung der jungen Mütter im Übergang Schule-Beruf.

Autorin

Marianne Friese ist seit 2006 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Berufspädagogik und Arbeitslehre an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zuvor war sie an der Universität Bremen tätig.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf Ergebnissen, die in den Jahren 2003 bis 2007 in dem Forschungs- und späteren Transferprojekt MOSAIK „Kompetenzentwicklung für junge Mütter. Kooperation von Beratung, (Aus)Bildung und Beruf“ zunächst an der Universität Bremen, ab 2006 an der Justus-Liebig-Universität Gießen erzielt wurden. MOSAIK wurde sowohl in der Forschungs- als auch der anschließenden Transferphase im Rahmen des Bundesprogramms „Kompetenzen fördern – Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (BQF-Programm)“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert.

Aufbau

Auf der Basis des Ansatzes von „Work-Life-Balance“ hat Marianne Friese in ihrer Publikation eindrucksvoll eine Vielzahl empirischer und theoretischer Forschungsergebnisse mit aufschlussreichen Einblicken in bereits vorhandene Berufsbildungsangebote für junge Mütter in sechs Kapiteln zusammengeführt, wobei ich allerdings die Einleitung und das Nachwort vernachlässige.

„Lebenswelt und soziale Situation junger Mütter“

In diesem Kapitel stellt die Autorin Ergebnisse aus eigenen qualitativen und anderen empirischer Untersuchungen zu den Lebenswelten und der sozialen Situation der jungen Mütter vor. Ihre teils vorhandenen familiären Konflikte, psycho-sozialen Belastungen und brüchigen (Bildungs)Biografien werden ebenso erläutert wie ihre Strategien zur Bewältigung des Alltags, ihre Einkommens- und Armutssituation sowie Fragen der Kinderbetreuung und Sicherung des Kindeswohls.

„Demografische Strukturen und soziokulturelle Entwicklungen“

Die im vorherigen Kapitel geleisteten mikrosozialen Analysen zur Lebenssituation der jungen Mütter werden in diesem Kapitel durch makrosoziale Untersuchungen ergänzt. Angeführt werden hier Daten zur Geburtenentwicklung und zu Schwangerschaftsabbrüchen sowie zur Haushaltsentwicklung und sozialen Situation der jungen Mütter. Darüber hinaus werden detailliertere makrosoziale Daten zu jungen Müttern im Bundesland Bremen vorgelegt, weil deren soziale und ökonomische Situation dort differenzierter untersucht wurde. Denn das Forschungsprojekt MOSAIK wurde – wie oben schon erwähnt - von 2003 bis 2006 an der Universität Bremen durchgeführt.

„Junge Mütter im System der beruflichen Bildung“

In diesem Kapitel belegt Marianne Friese anhand aussagekräftigen Datenmaterials, wie sehr auch die Berufsbildung durch Geschlechtsstereotype beeinflusst wird und welche gravierenden Konsequenzen sich daraus insbesondere für junge Mütter ergeben können. Des Weiteren gibt sie einen Überblick über das gesamte Feld der beruflichen Integrationsförderung – auch „Benachteiligtenförderung“ genannt -, vor allem im Hinblick auf die dort für junge Mütter vorhandenen Bildungschancen und Förderbedingungen. Da in den letzten 10 Jahren auch in der Benachteiligtenförderung das Kompetenzparadigma immer mehr betont wird, geht die Autorin abschließend zu diesem Kapitel auf die „Kompetenzentwicklung für junge Mütter“ (S. 90) ein.

„Vernetzung und Wissenstransfer“

Um für junge Mütter individualisierte, systematisch aufeinander aufbauende Bildungswege gewährleisten zu können, die auch ihren besonderen Förderbedarfen – z. B. durch flexibilisierte Bildungszeiten wie bei der Teilzeitausbildung, gut ausgebaute Kinderbetreuung, psycho-soziale Beratung - Rechnung tragen, sind nach Marianne Friese institutionalisierte Fördernetzwerke aufzubauen. Sie stellt als Beispiel guter Praxis „Das Netzwerk Bremer Förderkette junge Mütter“ (S. 98) vor und gibt damit interessante Anregungen zur dessen Nachahmung in anderen Regionen.

„Förderansätze in der vorberuflichen Bildung“

In diesem Kapitel hat die Autorin meines Erachtens alle eigenen und fremden empirischen Forschungsergebnisse zusammengestellt, die zu jungen Müttern in Angeboten zur Berufsorientierung, Berufsausbildungsvorbereitung und Berufswegeplanung vorliegen.

„Förderansätze in der beruflichen Bildung“

Diese beeindruckende Vorstellung differenzierter Forschungsergebnisse zur Situation junger Mütter in der vorberuflichen Bildung gilt ebenfalls für jene in der betrieblichen Berufsausbildung in Teilzeitform, außerbetrieblichen Berufsausbildung mit zeitflexiblen Modellen sowie in berufsbildenden Schulen.

„Fazit: Analyse und Handlungsempfehlungen“

In diesem abschließenden Kapitel führt Marianne Friese ihre zentralen Forschungsergebnisse zusammen und stellt auf der Basis der spezifischen Förderbedarfe junger Mütter und den in der Berufsbildung vorhandenen Förderansätzen und Handlungsorientierungen „Eckpunkte für konzeptionelle Neuerungen in der Beratung und berufspädagogischen Praxis sowie universitären Ausbildung“ (S. 225) vor.

Diskussion

In ihrer Einleitung formuliert Marianne Friese aus meiner Sicht treffend: Der „Ansatz von Work-Life-Balance umfasst nicht nur die Integration von Arbeit, Bildung und Alltag, sondern setzt einen ganzheitlichen Bildungsansatz voraus, der die Förderung von Ausbildung und Berufsqualifizierung mit dem Erwerb von Lebensführungs- und Elternkompetenzen verbindet und zugleich die konträren Anforderungen von Jugendalter und Mutterschaft einbezieht“ (S. 6). In der hier von mir geleisteten Vorstellung der Publikation wird sicherlich der aufmerksamen Leserin bzw. dem Leser deutlich geworden sein, dass es Marianne Friese aus meiner Sicht umfassend gelungen ist, diesem Anspruch zur Gestaltung der „Work-Life-Balance“ für die jungen Mütter gerecht zu werden. Denn sie hat einen breiten Fundus von theoretischen und empirischen Forschungsergebnissen dazu vorgelegt, wie die Lebenswelten und sozialen Situationen junger Mütter in Deutschland aussehen und wie diese umfassend in ihren beruflichen sowie Lebensführungskompetenzen gefördert werden können. Damit schließt Marianne Friese nicht nur die vorhandenen Forschungslücken zu diesem bildungs- und sozialpolitisch bedeutsamen Thema, sondern sie geht darüber weit hinaus: Wie oben schon einführend herausgestellt, eröffnet sie vielfältige und aufschlussreiche Einblicke in die Praxis möglicher, auch systematisch vernetzter Förderangebote für eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung der jungen Mütter im Übergang Schule-Beruf. Allerdings würde ich gerne mit der Autorin diskutieren, ob das neue Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit nach dem Sozialgesetzbuch III (vgl. S. 82 ff.) den Ansprüchen ganzheitlicher Kompetenzentwicklung entspricht, weil darin die berufsqualifizierenden Bestandteile mit der Intention, die jungen Menschen möglichst kurzfristig in eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit zu vermitteln, so stark übergewichtet werden, dass die Entwicklung von Sozial- und Humankompetenzen droht, vernachlässigt zu werden. Dieser Diskussionswunsch gilt ebenso für die starke Befürwortung der Modularisierung der Berufsausbildung (vgl. 84 ff.). So sehr mir diese Position vor dem Hintergrund verständlich ist, den jungen Frauen eine entsprechend flexibel gestaltbare individuelle Kompetenzförderung zu ermöglichen, so sehe ich jedoch auch die Risiken, das bildungspolitische Ziel einer anerkannten Berufsausbildung damit allzu leichtfertig aufzugeben. Schließlich sind mit Abschlüssen unterhalb von anerkannten Berufsausbildungen nachweisbar höhere Risiken verbunden, nur in Niedriglohnbereichen beschäftigt oder gar arbeitslos zu werden.

Fazit

Aus den oben genannten Gründen finde ich die Publikation von Marianne Friese für alle Menschen dringend lesenswert, die sich in den verschiedenen Bereichen von Wissenschaft, Bildungs-, Jugend- und Sozialpolitik, Sozialverwaltung und Förderpraxis mit jungen Müttern im Übergangssystem zwischen Schule und Beruf beschäftigen. Ihnen allen möchte ich diese Arbeit nachdrücklich empfehlen, auch und vor allem, um für junge Mütter in Deutschland mehr adäquate Bildungsangebote mit ganzheitlicher Kompetenzentwicklung zu eröffnen. Damit könnte auch ein bedeutsamer Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter geleistet werden!


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 17.11.2009 zu: Marianne Friese: Kompetenzentwicklung für junge Mütter. Förderansätze der beruflichen Bildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-7639-3622-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6304.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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