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Peter Kutter, Thomas Müller: Psychoanalyse. Eine Einführung [...]

Cover Peter Kutter, Thomas Müller: Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 427 Seiten. ISBN 978-3-608-94437-2. 34,00 EUR, CH: 57,00 sFr.
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Thema und Zielgruppe

Man reibt sich etwas verwundert die Augen. Da beschäftigen sich empirisch arbeitende Kollegen der Psychologie wie Bredenkamp mit der Freudschen Fehlleistungstheorie und kommen zu durchaus positiven Ergebnissen, da veranstalten Studenten der Psychologie an Universitäten Demonstrationen und Plakataktionen, um zu erreichen, dass sie in Lehrveranstaltungen deutlicher als bisher und in weniger karikaturenhafter Form über psychoanalytische Theorie informiert werden und nun liegt mit dem Buch von Kutter und Müller ein weiteres Übersichtswerk über Psychoanalyse vor, erschienen in einem Verlag, der bisher eher für orthodoxe Psychologie und pädagogische Themen zuständig war. Wie schade, wenn so eingängigen und sicher geglaubten Vorurteilen so plötzlich der Boden entzogen wird.

Das Werk von Kutter und Müller stellt einen sehr schönen Überblick zum Thema dar, lässt auch modernere Entwicklungen wie Ichpsychologie, Selbstpsychologie oder die Objektbeziehungstheorie Kernbergs nicht außer acht. Allerdings scheint das Buch für den Psychoanalytiker eher insofern passend, als es einer Auffrischung mancher Kenntnisse dienen könnte, ansonsten ist es wohl eher für den an der Psychoanalyse interessierten Fachmann anderer Wissenschaftsrichtungen (akademische Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Soziologie oder Linguistik) oder interessierte Laien geeignet und wohl auch so gedacht.

Aufbau und Inhalt

Zunächst wenden sich die beiden Autoren einem geschichtlichen Überblick zu, der die wesentlichen Entwicklungen der Psychoanalyse beinhaltet. Sie gehen auf ganz im Sinne Freuds die Theorie ergänzende und befruchtende Analytiker wie Abraham ebenso ein wie auf die sog. Abtrünnigen wie Adler, Stekel oder Jung.

Durchaus spannend ist der Absatz über die aktuelle Bedeutung Melanie Kleins, die mit der Spaltung in gute und böse Aspekte eines Objekts in ihrer Bedeutung für die moderne Objektbeziehungstheorie nicht unterschätzt werden sollte.

Ein Exkurs über die Psychoanalyse als Wissenschaft ist zwar interessant, übersieht auch nicht die immens befruchtende Bedeutung der Psychoanalyse für die empirische Forschung, aber gerade dieser Zugang scheint den beiden Autoren selbst nicht so ganz nahe zu liegen, so dass sich hier manche Blässe einschleicht.

Der Aspekt, die Psychoanalyse als Entwicklungspsychologie zu sehen, greift erfreulich manche neueren Entwicklungen auf und überwindet damit einige etwas rigiden und die Aktivität des Kindes übersehenden Vorstellungen früherer psychoanalytischer Ansätze. Deutlich wird dies etwa in der Schilderung von Martin Dornes‘ ‚kompetentem Säugling‘.

Besonders angenehm aufgefallen ist mir, dass die Autoren sich von der selbst unter Psychoanalytikern in Mode gekommenen Distanzierung vom Libidobegriff und der damit verbundenen Abkehr von energetischen Motivationsbegriffen nicht anstecken lassen, sondern damit eher selbstverständlich umgehen.

Die psychoanalytische Krankheitslehre sowie die Darstellung der Psychoanalyse als Behandlungsverfahren einschließlich einer ganzen Reihe von Modifikationen wie Gruppenanalyse, psychoanalytische Familientherapie bilden wesentliche Bereiche des zweiten Teils des Buches.

Fazit

Insgesamt ein durchaus spannendes und lesenswertes Buch, das einen schönen Überblick für an der Psychoanalyse interessierte Nicht-Psychoanalytiker bietet. Einige kleinere Schwächen fallen demgegenüber kaum ins Gewicht. So werden empirische Untersuchungen, die Beiträge zur Psychoanalyse liefern, im wesentlichen nur im Bereich der Psychotherapieforschung dargestellt und auch da eher knapp, so z.B. die jüngste Metaanalyse von Leichsenring oder die diesbezüglichen Untersuchungen von Leuzinger-Bohleber.

Durchaus erfreulich wird auf gesellschaftspolitische Wirkungen der Psychoanalyse hingewiesen, bis hin zu einem kurzen Absatz über die Einsatzmöglichkeiten der Psychoanalyse im politischen Feld. Referiert werden auch die Frankfurter Schule und insbesondere Alexander Mitscherlichs Arbeiten. Hier wundert man sich dann allerdings, wieso so bedeutsame Autoren wie Erich Fromm nicht einmal Erwähnung finden. Aber, wie gesagt, dies ist angesichts der Fülle an Material und der wirklich ansprechenden Darstellung und Gliederung des Werks leicht verzeihlich.


Rezensent
Prof. Dr. Arnold Langenmayr
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
FB Bildungswissenschaften


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Zitiervorschlag
Arnold Langenmayr. Rezension vom 19.06.2009 zu: Peter Kutter, Thomas Müller: Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-94437-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6315.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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