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Ines Müller: Männer als Opfer von Stalking

Cover Ines Müller: Männer als Opfer von Stalking. Eine kritische Betrachtung quantitativer Stalking-Studien unter dem Blickwinkel hegemonialer Männlichkeit. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. 173 Seiten. ISBN 978-3-428-12442-8. 68,00 EUR.

Reihe: Kriminologische und sanktionenrechtliche Forschungen - Band 14.
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Thema und Hintergrund

Bisher wurde im deutschsprachigen Raum keine umfassende Erörterung des Einflusses der Geschlechterkonstellation in Bezug auf männliche Opfer von Stalking vorgenommen. Um der Problematik näher zu kommen, geht die Autorin der Frage nach, was Männlichkeit in der heutigen Gesellschaft überhaupt bedeutet. Anhand verschiedener Männlichkeitsstudien soll nachvollzogen werden, ob sich die Begriffe „Männlichkeit“ und „Opfer“ miteinander vereinbaren lassen. Hier spielen die eigene Wahrnehmung des Mannes, seine Bereitschaft sich mit Opfererfahrungen zu outen und die Wahrnehmung seines sozialen Umfeldes eine Rolle. Das Phänomen des Stalkings wird in seiner Konstruktion erläutert, auch im Bezug auf das durch Medien und Gesetzgebung konstruierte Bild von Stalking. Das Bewusstsein über das Problemfeld der männlichen Opfer soll geschärft werden, auch im Kontext von Forschung, behördlichem Umgang mit Opfern von Stalking und im Bezug auf Opferschutz. Aktuelle Literatur, Gesetzgebung sowie relevante Daten wurden bis August 2007 berücksichtigt.

Autorin

Diese Arbeit von Ines Müller wurde als Dissertation im Sommersemester 2006 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin angenommen. Ein Teil dieser Arbeit beinhaltet eine eigene wissenschaftliche Studie der Autorin zum Thema.

Zielgruppen

Fachpublikum aus und Interessent/-innen an wissenschaftlicher Geschlechterforschung, Behörden z.B. Polizei, Opferschutzstellen, Medienvertreter, aber auch Stalking-Interessierte, Männer in der Opferrolle, Frauen sind potentielle Zielgruppen.

Aufbau …

Die Arbeit beginnt mit einem Vorwort der Autorin selbst. Es folgen:

  • Inhaltsverzeichnis mit Einleitung
  • Vier Kapiteln über
    1. die Problematik männlicher Opfer,
    2. das Phänomen „Stalking“,
    3. Unterscheidungsmöglichkeiten von Stalking und
    4. empirische Forschung zu Stalking
  • Tabellenverzeichnis (7 Tabellen)
  • Fazit
  • Anhang (1-4)
  • Literaturverzeichnis
  • Personen- und Sachverzeichnis

… und Inhalt

Kapitel I: Die Problematik männlicher Opfer, wird auf dem Hintergrund der Geschlechterforschung beleuchtet, wobei auf die zentrale Unterscheidung zwischen biologischem, genetischem und sozialem Geschlecht Bezug genommen wird. Die sich aus der feministischen Frauenbewegung entwickelnde Männerbewegung und die daraus folgenden qualitativen und quantitativen Studien setzten sich zunehmend mit dem Bild der hegemonialen und patriarchalischen Männlichkeit auseinander. Dabei ging es um die Wahrnehmung, was als typisch weiblich und was als typisch männlich erlebt wurde, von den Personen selbst, ihrem Berufsfeld, ihrer Familie oder ihrer sonstigen Umgebung. Um sich der Problematik männlicher Opfererfahrungen zu nähern, muss neben der Begriffsbestimmung von „Männlichkeit“ notwendigerweise die des „Opfers“ vorausgehen. Hierbei wird deutlich, dass und wie der Opferstatus dem hegemonialen oder patriarchalischen Männlichkeitsbild von Stärke, Macht, Kampfbereitschaft, Leistung, Gewinnersein widerspricht. Durch die Ausübung von Gewalt, wird Männlichkeit reproduziert. Das Verhalten „des“ Mannes ist in einer männlichkeits-orientierten Gesellschaft durch die Angst besetzt, nicht männlich genug zu sein. Der Zugang zur Welt der Emotionen bleibt hier häufig verschlossen. Die Autorin fasst in ihrer Arbeit deshalb den Begriff des Opfers bewusst weit und bezieht sich auf die subjektiv erlebte Gewalterfahrung, die sowohl körperlicher als auch psychischer Art sein kann. Hervorgehoben wird hier der Zusammenhang zwischen vorherrschenden Männlichkeitsbildern und dem Opferstatus in der Kriminologie oder Gesetzgebung, wie auch die Selbstwahrnehmung des männlichen Opfers und die Wahrnehmung durch andere Personen. Im Falle von Behördenkontakten kann die Rollenzuweisung, was als weiblich (=Opfer) und als männlich (=Täter) definiert wird, zu selektiven Wahrnehmungen und entsprechenden Ungerechtigkeiten in der Behandlung führen.

Kapitel 2: Das Phänomen „Stalking“. Hier geht die Autorin auf die unterschiedliche Entwicklung des Begriffs in den USA und Deutschland ein, wie auch auf einseitige und verzerrende Informationen durch die Medien. Bei der Definition von Stalking werden strafrechtliche und klinisch-wissenschaftliche Ansätze aufgeführt, um das komplexe Täterverhalten besser verstehen zu können. Die Abgrenzung zu obsessiver Verfolgung, Mobbing, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Abgrenzung wie Zusammen-spiel zu häuslicher Gewalt legt die Autorin zugrunde, bevor sie ihren eigenen, differenzierten Definitionsansatz zur „Nachstellung“ darstellt.

Kapitel 3: Als Unterscheidungsmöglichkeiten von Stalking werden typische Formen wie ungewollte Kommunikations- und Kontaktversuche, Überwachung und Einschüchterung genannt, aber auch weitere Formen z.B. Cyber- und Online-Stalking. Des Weiteren werden unterschiedliche Kategorien von Stalking aufgeführt:

  1. Geschlechtskombination
  2. Primär- oder Sekundäropfer
  3. Intensität der Beeinträchtigung
  4. Täter-Opfer-Beziehung
  5. Motivation/Motive des Täters
  6. Psychische Auffälligkeiten.

Die Autorin trennt hier diese einfaktoriellen gegenüber den mehrfaktoriellen Ansätzen, neben denen eine Vielzahl verschiedenem Tätertypologien existiert, wie beispielsweise zurückgewiesene, intimitätssuchende, verärgerte, räuberische Täter/-innen und inkompetente Verehrer/-innen. Abschließend geht sie auf die sozialen, psychischen und psychosomatischen Auswirkungen ein, um dann kurz einige aktive und passive Gegenmaßnahmen der Opfer zu benennen, die das Stalking beenden sollen.

Kapitel 4: Die Empirische Forschung zu Stalking beruht auf unterschiedlichen Stalkingdefinitionen, erheblichen Diskrepanzen bei den Zahlen zwischen ausländischen und deutschen Erhebungen was weibliche und männliche Befragte betrifft, uneinheitliche Stichproben und unterschiedliche Methoden der Fragestellung. Letztlich zeigen die Studien jedoch, dass sowohl auf der Opfer- als auch auf der Täterseite von Stalking beide Geschlechter vertreten sein können und es sich somit um ein geschlechtsneutrales Delikt handelt. Trotzdem überwiegt der Anteil der weiblichen Opfer gegenüber dem Anteil männlicher Täter. Eine britische Studie aus dem Jahr 1998 besagte, dass bei Männer wie Frauen die jüngeren Befragten, vorwiegend Student/-innen, einem höheren Risiko ausgesetzt waren, Opfer von Stalking zu werden. Ebenso ließ sich eine Tendenz zu Lasten der Geringerverdienenden beobachten. Dieses Ergebnis diente der Autorin als Ausgangs-punkt für eine eigene Untersuchung, die sie unter einer Gruppe von Studierenden des 2. Semesters am Fachbereich Rechtswissenschaften der Freien Universität Berlin durchführte, um die Relevanz des Phänomens für die Gruppe jüngerer Menschen zu erfassen. Neben den aufgestellten Thesen bzgl. der Unvereinbarkeit eines hegemonialen Männerbildes mit dem Opferbegriff und verschiedenen Unterschei-dungsmöglichkeiten von Stalking, unternahm sie eine Fragebogenerhebung, orientiert an der britischen Bevölkerungsstudie und der Evaluation eines Stalking-Projektes der Bremer Polizei. Unterschiede zwischen Männern und Frauen ergaben sich beispiels-weise bei der Art der Belästigung, den Geschlechterkonstellationen zwischen Täter und Opfer, bei vorhandener Vorbeziehung oder nicht, den Motiven für Stalking, den Umgang damit und den Folgen der Belästigungshandlungen.

Diskussion

Der Autorin ist mit dieser Arbeit eine kritische Betrachtung des Begriffs der Männlichkeit im Zusammenhang mit dem Opferbild bei Stalking gelungen. Wie sehr das in den Medien und bei Behörden einseitige und im allgemeinen Verständnis der Bevölkerung verankerte Bild des hilflosen weiblichen Opfers und des immer eher schädigenden männlichen Täters bei Stalking verwurzelt ist, wird durch diese Arbeit und die vergleichenden, länderübergreifenden Studien deutlich.

Das in der Gesellschaft verankerte Bild von der übergeordneten, starken Position des Mannes im Geschlechterverhältnis, was einen Täterstatus unterstützt, schließt gleichzeitig in der Vorstellung einen Opferstatus des Mannes aus, was dazu führen kann, dass Männer sich als Opfer nicht outen und auch so nicht gesehen werden. Diese eingeschränkte Wahrnehmung, die dem hegemonial-patriarchalischen Männerbild entspricht, kann zu Fehlbeurteilungen im sozialen Umfeld und bei staatlichen Institutionen, wie auch zu Problemen bei der Datenerhebung führen.

Die hegemoniale Männlichkeitsvorstellung hindert somit viele Männer daran, Gefühle zu artikulieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ausnahme bilden hier nach Meinung der Autorin diejenigen Männer, die sich von diesem Männlichkeitsbild abzugrenzen suchen. Lernchance für den einzelnen Mann wäre, sich der Verletzbarkeit der eigenen Person bewusst zu werden, sie anzunehmen und mit dem daraus resultierenden Erkenntnisprozess zu neuer Selbstwerdung sich zu engagieren, so wie viele Frauen dies über die Frauenbewegung taten.

Gewalt innerhalb der männlich-hierarchischen Geschlechtergruppe dient zudem der Positionierung und Bestätigung von Männlichkeit. Interessant der Aspekt, dass sich dieser Teil der Männer in Stalkingsituationen vielleicht gar nicht als Opfer wahrnehmen und eine Gewaltsituation erst viel später als solche definieren und ansprechen.

Die Autorin beklagt, dass noch bevor hier tiefer wissenschaftlich gearbeitet werden konnte, der Gesetzgeber einen Stalking-Straftatbestand schuf, der die Defintion von leichteren Stalkingfällen nicht zulässt und dem letztlich eine weiblichen Sichtweise von Gewalterfah-rung zugrunde liegt.

Fazit

Spannend fand ich die historische Herleitung der Männerforschung und deren Stadien im Zusammenhang mit und aus der Frauenbewegung heraus. Interessant auch der Teil des Ergebnisses aus der Autorinnen-Studie, der die Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Stalkinggeschehen aufweist und damit Nichtwissen oder oberflächliche Meinungsbildung über männliche Stalkingopfer hervorbringt. Wesentlich für die Beratung/Unterstützung von Stalking-Betroffenen, für Gewaltschutzstellen, Polizei und Justiz ergeben sich bei genauem Lesen einige Erkenntnisse im Bezug auf menschliche Vorurteile im Denken und Umgang von Professionellen männlichen Opfern gegenüber.

Nicht immer leicht zu lesen, trotzdem fesselnd, wäre diese Studie noch ausbaufähig. Teile der Arbeit sind meiner Ansicht nach speziell eher für wissenschaftlich interessierte Menschen zugänglich oder als theoretischer Hintergrund für Praktiker, nicht jedoch für Menschen, die im Thema flüssiger lesend vorankommen möchten. Bei manchen Abschnitten liegt die Konzentration verstärkt auf dem Ergebnis, weniger auf der Herleitung der Ansätze, was zunächst den Zugang erschwert.

Bezeichnend fand ich, dass eine weibliche Autorin hier auf die wenig erkannten, verletzbaren Seiten der Männlichkeit hinweist. Eine gute Studie für die Arbeit von Männern mit Männern und die Bestärkung von Männern, zu ihren verletzlichen Seiten zu stehen und diese auch offen nach Außen zu tragen.

Die Autorin wirkt viel belesen, um das Thema des männlichen Opfers von einem tieferen historischen, geschlechtlichen, soziologischen und sozialen Blickwinkel anzugehen. Sie setzt damit Aufklärung über Hintergründe der selektiven Mediendarstellungen und den üblichen und typisierten Kenntnissen bei Behörden und in der Bevölkerung über Männer als Opfer entgegen


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 05.05.2009 zu: Ines Müller: Männer als Opfer von Stalking. Eine kritische Betrachtung quantitativer Stalking-Studien unter dem Blickwinkel hegemonialer Männlichkeit. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. ISBN 978-3-428-12442-8. Reihe: Kriminologische und sanktionenrechtliche Forschungen - Band 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6321.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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