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Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung

Rezensiert von Peter Schröder, 26.07.2008

Cover Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung ISBN 978-3-407-36453-1

Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung. Wirkungsvolle Modelle, kommentierte Falldarstellungen, zahlreiche Übungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 2., überarbeitete Auflage. 634 Seiten. ISBN 978-3-407-36453-1. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 80,50 sFr.
Reihe: Weiterbildung und Qualifikation
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Drei Jahre später…

Man kann die zweite Auflage eines erfolgreichen Werkes von vorn lesen. Meistens gibt es ein "Vorwort zur zweiten Auflage", das die Änderungen benennt. So auch hier - und es beginnt mit dem Satz: "Das Handbuch Coaching und Beratung ist mittlerweile in vielen Aus- und Weiterbildungen von Beraterinnen und Beratern ein Standardlehrbuch geworden." Das freut den Rezensenten, denn genau diesen Weg hatte ich dem Band in meiner Rezension der ersten Auflage gewünscht (dort finden sich auch Informationen über Aufbau und Inhalt). Und auch in Ausbildungskursen, die ich selber leite, steht Migges Handbuch immer ganz oben auf der Literaturempfehlungsliste. Inzwischen häufen sich die positiven Rückmeldungen aus den Reihen der Kursteilnehmer und der anderen Dozenten. Das Buch ist und bleibt eine reiche Fundgrube, seine Verständlichkeit und seine deutliche Herkunft aus der Praxis sprechen auch Coachingneulinge an. Und Ausbilder sind ohnehin immer auf der Suche nach übersichtlichen Zusammenfassungen, die dennoch nicht flach werden, und nach Aufgabenstellungen, die der Vertiefung dienen können. Auch die werden hier fündig. Was sich gegenüber der ersten Auflage geändert hat, ist nicht ohne weiteres feststellbar. Migge schreibt: "Wenn vereinzelt Anregungen zur Verbesserung kamen, haben wir versucht, diese in der 2. Auflage zu berücksichtigen." (S. 15) Und er weist auf eine wichtige Veränderung in der Beratungsszene hin: die Gründung der DGfB, der Deutschen Gesellschaft für Beratung. Die DGfB bildet einen Dachverband, unter dem sich eine ganze Reihe von Beratungs-, Supervisions- und Coachingverbänden zusammengeschlossen haben - ein wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung.

Man kann die zweite Auflage eines erfolgreichen Buches aber auch von hinten lesen. Das ist nun fast noch spannender. Das Buch endet mit dem Anschnitt: "Wie geht es weiter? Ein Nachwort". Hier werden einige grundsätzliche Dinge angesprochen, die zum Hintergrund des Autors gehören. Zum einen die Frage, welcher "Schule" Migge denn angehöre. Die Sammlung unterschiedlichster Methoden und Zugänge aus unterschiedlichsten Theorietraditionen hat manch einen Rezipienten und auch Rezensenten irritiert. So kommentiert zum Beispiel René Reichel von der Österreichischen Vereinigung für Supervision die Methodenwahl Migges mit dem Satz: "Wer postmodernen Eklektizismus schätzt, findet hier Unterstützung." Migge verzichtet bewusst darauf, sich in eine "Schule" einordnen zu lassen, die letztlich doch nicht mehr sind als eben Meinungen - und eben eine neben anderen, wie er schon in der 1. Auflage betont hat. (S. 29) Er versteht das, was Reichel "Eklektizismus" nennt, als "Blick über den Tellerrand", der den Leserinnen und Lesern mehr Weitblick vermitteln soll. Grundsätzliches dazu findet sich auf den Seiten 17 - 19. (Dennoch vermisse auch ich gelegentlich einen deutlichen Hinweis darauf, dass nicht alle Ansätze reibungslos miteinander zu kombinieren sind, sondern dass viele zu konsistenten Theoriesystemen gehören, die sich gerade in Abgrenzung zu anderen gebildet haben.)

Migges Methodenwahl hat aber ein Zentrum: die Beziehung. Diesen Satz aus seinem Nachwort möchte ich jedem Coach und besonders allen AusbildungskandidatInnen ins Professionsstammbuch schreiben: "Die 'Methode' oder ein angeblich passendes 'Tool' erscheinen mir in diesem Rahmen oft zweit- oder drittrangig: Veränderungen entstehen aus Begegnungen und nicht aus technischen Zaubereien." (S. 618) Mein Vermutung ist, dass AusbildungsteilnehmerInnen aus dem Moment der Verunsicherung heraus (Werde ich je gut genug sein?) ihr Hauptinteresse darauf richten, dass ihr Methodenkoffer gut gefüllt wird. Was aber im Coaching wirkt, sind authentische und wertschätzende Beziehungen - jedenfalls zu 90 Prozent. Die restlichen 10 Prozent mögen auf die Methoden und "Tools" fallen. Das Dilemma ist: Bücher können zwar Methoden anbieten, aber keine Beziehungen herstellen bzw. abbilden. Dadurch entstehen gelegentlich verzerrte Bilder. Umso wichtiger ist Migges Feststellung.

Und dann gibt es in seinem Nachwort auch noch Worte und Sätze, die man in Coachingbüchern recht selten findet. Migge schreibt, die Tatsache, dass Coaches ebenso wie ihre Klienten mit ihren bisherigen Beziehungserfahrungen arbeiten, dürfe Coaches "auch demütig machen". (S. 618) Und dann: "Demut bedeutet auch, dass wir den Stellenwert unserer bewussten Handlungen nicht unentwegt überschätzen und dass wir lernen, uns auch auf andere Wahrheiten einzulassen." (ebd.) Migge spricht von Spiritualität. Davon spricht im Augenblick (fast) jeder. Aber Migge spricht auch vom Glauben, von der "Herzensreligion" des Vaters der Methodistischen Kirche John Wesley und "outet" sich selbst als bekennender Christ: "Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen lebendiger Glauben und Liebe von 'Gott' ins Herz gegossen wird." (S. 619) Von da aus liest man dann auch gern nochmal den Abschnitt über Glauben und Spiritualität (S. 416ff). Ich persönlich fände es eine enorme Bereicherung von Coachingkonzepten und von Coachingpraxis, wenn eine "geerdete" (nicht "esoterische") Spiritualität darin Einzug halten könnte. Das Feld des Coaching differenziert und spezialisiert sich zusehends und gewinnt so an Weite. Ich könnte mir vorstellen, dass es gut wäre, Coaching auch zu tiefen. Und dazu könnte Migge gewiss vieles beitragen - vielleicht eine reizvolle Aufgabe für die 3. Auflage, die vermutlich in absehbarer Zeit kommen wird…

Fazit

Es ist ein gutes Zeichen, wenn eine Rezension zum Dialog mit dem Buch wird. Genau dazu lädt Migge ein. Drei Jahre später… - und ich bin immer noch begeistert von seinem Handbuch!

Rezension von
Peter Schröder
Pfarrer i.R.
(Lehr-)Supervisor, Coach (DGSv) Seniorcoach (DGfC) Systemischer Berater (SySt®)
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 26.07.2008 zu: Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung. Wirkungsvolle Modelle, kommentierte Falldarstellungen, zahlreiche Übungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-36453-1. Reihe: Weiterbildung und Qualifikation. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6323.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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