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Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage

Cover Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. 416 Seiten. ISBN 978-3-86764-067-1. 24,00 EUR, CH: 43,00 sFr.

Reihe: Édition discours - Band 44.
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Thema

Was hat der Vagabund mit der Entstehung und der Geschichte der Lohnarbeit zu tun? Was verbindet seine Situation mit dem Proletarier der Frühindustrialisierung und des 19. Jahrhundert? Beide sind Resultat eines Entkoppelungsprozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass der Vagabund als nutzlos eingestuft wird, weil er arbeits-, heimat- und brotlos ist und der Proletarier sich der Loyalität eines aufkommenden rudimentären Sozialstaats entzieht. Sinnbildlich sozialräumlich und soziokulturell abgekoppelt fristet er sein Leben in Abhängigkeit und im Schatten einer bürgerlichen Gesellschaft.

Und: Was verbindet die Situation der Verwundbarkeit des armen Mannes, des Lohnarbeiters in früheren Zeiten mit der massenhaften prekären Situation des Prekariats heute? Diesen Fragen geht R. Castel in seinem Buch auf den Grund - mit überraschenden Ergebnissen!

Der Autor und sein Werk

Robert Castel ist Forschungsdirektor an der Pariser Ecole des Hautes Ètudes en Sciences Sociales. Das bereits 1980 im Französischen erschienene Werk "Les métamophoses de la question sociale" liegt nun mehr in einer deutschen Übersetzung vor. Wenngleich vieler seiner Quellen aus der französischen Sozialgeschichte stammen, ist die gesellschaftstheoretische Übertragung seiner Überlegungen auf die deutsche Situation allein schon wegen der Parallelität der prekären Lage ganzer Bevölkerungsgruppen in beiden Ländern und der sozialpolitischen Brisanz dieser Lage gegeben.

Untersuchung

Robert Castel unternimmt den Versuch, die Chronik der Lohnarbeit als eine Metamorphose der sozialen Frage, als einen sich ständig wandelnden und dennoch gleichen Gegenstand in dieser Dialektik zu beschreiben und zu analysieren. Die Erschütterung der Gewissheiten und doch die Erkenntnis, dass es sich um nichts Neues handelt - das ist das, was Castel mit dem Begriff der Metamorphose metaphorisch umschreibt.

Üblicherweise umschreiben wir mit der "question sociale" den Inbegriff aller sozialen Probleme, die sich mit der Entwicklung der industriellen Produktionsweise ergaben und - im Übergang zu ihr - die schon vorher bestanden in der protoindustriellen Produktionsweise der Manufaktur und des Handwerks. "Die „Soziale Frage“ ist eine fundamentale Aporie, an der eine Gesellschaft das Rätsel ihrer Kohäsion erfährt und das Risiko ihrer Fraktur abzuwenden versucht" (16). Sie ist eine Frage der lohnabhängigen Proletarier und es ist eine Frage des Pauperismus. An beiden Fragen wird die Brüchigkeit des Sozialen eines Gesellschaftssystems deutlich, das sich zwischen der politischen Organisation des Staates und einer am Markt orientierten Wirtschaftsverfassung neu konstituiert.

Aufbau

Das Buch wird aufgeteilt in zwei entwicklungsgeschichtliche Linien. Den ersten Teil nennt Castel "Von der Vormundschaft zum Vertrag", der zweite Teil ist überschrieben: "Vom Kontrakt zum Status" Damit charakterisiert Castel eine Entwicklungsgeschichte der Lohnarbeit als Beziehungsgeschichte - auch als Differenzierungs- und Integrationsgeschichte - zwischen unterschiedlichen von einander abhängigen Bevölkerungsgruppen.

Teil I: Von der Vormundschaft zum Vertrag

Im Grunde geht es im ersten Teil um die soziale Frage als Frage nach den Integrationsmodi und Integrationspotentialen der traditionalen Gesellschaft. Denn die soziale Frage - so Castel - stellt den Integrationsmodus und die Integrationskapazität einer Gesellschaft in Frage, die sich darauf verstand, in segmentärer Weise über Vergemeinschaftungsformen des Dorfes und der Familie zu integrieren, und nicht über Arbeitsbeziehungen. Man war eingebunden in ein System von Schutz und Huld. Man gehörte zu einem Herren, war also nicht herren- und heimatlos oder gar schutzlos, wenn man dem Herrn huldigte.

Der Weg von der geregelten und erzwungenen Arbeit zur freien Arbeit, die sich dann im 18. Jahrhundert abzeichnete, ist auch der Weg von der bevormundenden und beschützten Reproduktion des Lebens zur Verwundbarkeit dieser Reproduktion durch den freien Markt und seinen Risiken. Und gleichzeitig macht die soziale Frage deutlich, dass eben diese Reproduktion durch Arbeit vom freien Markt nicht mehr geregelt werden konnte und damit die Massenhaftigkeit der Verwundbarkeit zwangläufig eintrat.

Überhaupt führt Castel mit dem Begriff der Verwundbarkeit und der Entkoppelung von gesellschaftlicher Teilhabe Begriffe ein, die mehr sind als das, was wir in den Sozialwissenschaften als Ausgrenzung bezeichnen. Es geht immer um die Frage der Entkoppelung, Entwertung und der Abspaltung in Bezug auf etwas, was sich im Zuge der Geschichte immer wieder verändert hat. Ausgrenzung ist ein Zustand, unbeweglich; mit Entkoppelung und Entwertung ist ein Prozess gemeint, der sich immer wieder neu konstituiert in Bezug auf die Frage, von was man entkoppelt ist. Mit dem Begriff der "exclusion" lässt sich möglicherweise auch ein solcher Prozess beschreiben und gerade französische Soziologen (Dubet, Paugam, Lapeyronnie) haben dies auch mit diesem Begriff so umschrieben.

Im ersten Kapitel dieses Teils fragt Castel nach den ersten und unmittelbaren Formen sozialer Beziehungen und Absicherungen. Das Verständnis dieser Beziehungsformen bildet nämlich die Grundlagen dessen, was das Soziale ausmacht. Das Soziale besteht nämlich aus spezifischen Mustern von Praktiken, die man nicht in allen Gesellschaften antrifft (31 f.). Unabhängig von institutionellen Regelsystemen geschieht Integration durch Familien-, Nachbarschafts-, Dorf- und Arbeitsbeziehungen, in denen gegenseitige Abhängigkeiten erzeugt und reproduziert werden. Castel beschreibt die Dorfgemeinschaft als selbstregulierenden Integrationsmechanismus, zu der man einfach gehört, sich sozial verorten kann. Und aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit folgt dann auch die "notwendige Freigiebigkeit" (Castel), also die Versorgung derer, die auf Hilfe angewiesen sind.

Castel räumt mit einer Vermutung auf, die er die "evangelische Legende" bezeichnet (40 ff). Demnach hätte die Spezialisierung, Professionalisierung und Rationalisierung der Armenfürsorge im 16. Jahrhundert vor allem die arbeitsfähigen Bettler betroffen, was das Verhältnis von Arbeit und Unterstützung neue konstituierte. Abgesehen davon, dass derartige Entwicklungen schon früher begonnen haben; die Kriterien der Arbeitsunfähigkeit und der Anforderung eines Wohnsitzes weisen eine historische Konsistenz auf. Das damit verbundene Verhältnis zur Arbeit ist bereits Thema des 14. Jahrhunderts - so Castel. Und in der sozialen Frage der Arbeit haben wir die eigentliche soziale Frage.

Und außerdem - so Castel in seinem 2. Kapitel " Die Gesellschaft im Kataster" - kannte die Gesellschaft bereits seit dem 12. und 13. Jahrhundert durchaus den arbeitsfähigen Vaganten und die verschämte Armut - also die Deklassierung und Entkoppelung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Und die Kategorie des arbeitsfähigen Vaganten bleibt von der Unterstützung ausgenommen, zumal die Kriterien des festen Wohnsitzes und der Arbeitsunfähigkeit schon sehr früh galten. Castel dokumentiert in diesem Zusammenhang zeitgenössische Erlasse und Literatur.

Nach diesen Kriterien der Integration - Arbeit und Wohnen - muss jeder als Störenfried gelten, der sich dem Eingefügtsein in ein enges Netz der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion entzieht. Denn derjenige entzieht sich der Gemeinschaft als konstitutives Moment sozialer Integration. Einer der überall wohnt, gehört nirgendwo hin - schließlich ist er im feudalistischen Verständnis herren- und besitzlos.

So wird der Vagabund zum "Nichtsnutz", zum Landstreicher, der von seines Nächsten Arbeit lebt, überall ausgegrenzt wird und damit zum Wandern gezwungen wird. Als solcher wird er zur Plage für das Land - und Castel beschreibt präzise diesen Prozess zunehmender Stigmatisierung und auch den Prozess der Institutionalisierung dieses Stigmatisierungsprozesses, der dann letztlich zur Kriminalisierung und zum Arbeitszwang führt. Castel charakterisiert diesen Prozess auch vor dem Hintergrund einer Konstruktion eines negativen Paradigmas, das Bestandteil eines Machtdiskurses ist und so wird, auch die ordnungspolitisch charakterisierbare soziale Frage zu einer ordnungspolizeilichen Frage von Ruhe und Ordnung.

Castel fragt im 3. Kapitel des ersten Teils: "Unwürdige Lohnarbeit", warum er sich das gesamte Buch hindurch mit der Lohnarbeit beschäftigt.

Wenn er in Kapitel eins die Elenden als Problemgruppe identifizieren konnte, die Gegenstand der Armenfürsorge waren und in Kapitel zwei die Entwurzelten und Entkoppelten beschreibt, die durch die Unmöglichkeit charakterisiert sind, sich in den Arbeitsprozess als zentralem Integrationsmodus einzugliedern, dann beschreibt Castel im Grunde eine gesellschaftliche Situation, in der Armut und Not integrale Bestandteile der gesellschaftlichen Ordnung waren. Somit ist die soziale Frage für ihn nicht eine Frage der Armut und Not - aber was dann?

Dieses Paradigma gilt in dem Maße nicht mehr, wie es der vorindustriellen Gesellschaft immer weniger gelingt die arbeitsunfähigen Elenden von den arbeitsfähigen Armen zu trennen. Ein immer größerer Teil der Armen ist ständig von Verelendung bedroht. Wir müssen - so Castel - zwischen der sozialen Frage der versorgten Armen und der sozialen Frage der verfolgten Vagabunden unterscheiden und nach den Ursachen für die Störungen des gesellschaftlichen Gleichgewichts im Prozess zunehmender Verwundbarkeit suchen, die die Armen ruinieren (99). Somit wird die soziale Frage zur Lohnarbeiterfrage und damit rückt auch die soziale Lage des entstehenden Industrieproletariats in den Blickpunkt der Analyse. Denn das verbindet den Vagabunden mit dem Proletarier: beide haben nur ihrer Hände Arbeitskraft - und sie sind gezwungen diese zu verkaufen. Ihnen gehört beiden nichts - und das wiederum erinnert an den römischen proletarius, dem nichts weiter gehörte als seine Arbeitskraft - und seine Nachkommen. Dabei ist der Vagabund der Grenzfall jeden Lohnarbeiterverhältnis, hier "stößt die Lohnarbeit auf Grund" (100).

Auch Lohnarbeit ist eine alte Form der Arbeitsbeziehungen. Wir kennen sie bereits im Mittelalter und im Feudalismus - sie gewinnt allerdings in der industriellen Revolution eine neue Qualität. Castel beschreibt etwa die gesellschaftliche Organisation der Arbeit im städtischen Handwerk zwar nicht als Lohnarbeit, aber die Struktur des Handwerks und die Art der Arbeitsbeziehungen etwa zwischen Meister und Gesellen tragen alle Merkmale von Lohnarbeit. Das Handwerk bildet die Hauptmatrix der Lohnarbeit ab. Zünftige Bindungen und Regelungen verhinderten den Wettbewerb unter den Mitgliedern einer Zunft, damit auch Expansionsüberlegungen eines jeden Mitglieds, auch Innovationen und eine kapitalistische Produktionsweise mit dem Ziel der Akkumulation von Kapital. Vor dem Hintergrund der französischen Entwicklung beschreibt Castel die Entwicklung und auch das In-den-Hintergrund-Treten der Handwerksinnungen und -zünfte mit dem Aufkommen der Königsmacht und dem Niedergang selbständiger städtischer Privilegien.

Aber auch die Überbesetzung im Handwerk und die Krise des Zunftwesens seit dem 14. Jahrhundert vermögen nicht, die notwendigen Veränderungen der Arbeitsorganisation einzuleiten. Vielmehr entstehen zwei Kategorien von Arbeitern: den lebenslangen Gesellen und solche, die sich auf eigene Rechnung niederließen.

Castel beschreibt drei Prozesse, die die Handwerksarbeit überrollen:

  1. Die von den Kaufleuten über die Produktion ausgeübte Hegemonie. Dabei spielt die traditionelle Form der Arbeitsorganisation noch eine zentrale Rolle, industrielle Fertigung ist noch nicht zentral, ebenso kommt nicht der Produzent in den Genuss des Mehrwerts, sondern der Händler. Sehr deutlich wird das im aufkommenden Verlagswesen in der Phase der Protoindustrialisierung Englands.
  2. Die Entwicklung einer ländlichen Proto-Industrie. Da Zünfte eher in der Stadt vorkommen, unterliegt das ländliche Handwerk nicht ihren Zwängen und Regeln. Ländliche Handwerker genießen auch nicht deren Schutz. Diese Entwicklung beschreibt Castel differenziert, auch nicht einheitlich für die Kernländer der industriellen Revolution. Aber die zwei Hauptlinien lassen sich für die industrielle Entwicklung durchaus überall verfolgen: Der Einsatz der Maschine zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, ohne mehr Arbeiter dazu zu benötigen und die Konzentration der Arbeiter in der Fabrik zum Zwecke besserer Arbeitsteilung, Kontrolle und Bindung des Arbeiters an seine Aufgabe.
  3. Die Schaffung von Manufakturen auf Initiative der Königsmacht. Aber nehmen die Manufakturen die industrielle Produktionsweise und damit Lohnarbeiterschaft vorweg? Castel zweifelt daran. Auch hier - so Castel - bleibt die traditionelle Produktionsweise erhalten, bis hin, dass nicht der Prozent, sondern der Kaufmann Kapital akkumuliert. Im Übrigen sind es oft verstreute Werkstätten und keine fabrikähnlichen Produktionsstätten, die nicht darauf hinweisen, dass hier "industriell" produziert wird (107 ff.).

Castel identifiziert zwei Formen der Arbeit: Die regulierte Arbeit und die Zwangsarbeit.

Bei der regulierten Arbeit handelt e sich um die Gesamtheit der gewerblichen Reglementierungen des Zunfthandwerks und der Stadt. Sie unterlagen meistens nicht dem Imperativ rationaler Arbeitsorganisation, sondern versuchten, sich als Stand zu etablieren, um die Verachtung abzuwehren, die in der gemeinen Handarbeit liegt. Auf Quellen hinweisend meint Castel, dass die Handwerker für gemeine Personen gehalten werden. Mit dem Aufkommen des Bürgertums und des Drittstands neben Adel und Klerus gewinnt auch der Handwerker mit seiner Arbeit eine gewisse Anerkennung und soziale Verortung. Dabei spielen trotz alledem die vom mittelalterlichen Arbeitsbegriff herrührenden Konnotationen der Arbeit als Mühsal immer noch eine Rolle.

Was ist mit denen, die den Zunftregeln nicht unterliegen, die den Schutz der Zunft nicht genießen? Sie sind die Ausgegrenzten und fallen der Armenpolizei anheim. Daraus folgt die Zwangsarbeit. In den einzelnen Ländern unterschiedlich geraten sie in die Maschinerie der Armen- und Arbeitsgesetze. Wer öffentliche Unterstützung erhält, wird zur Arbeit gezwungen. Hier wird der Konnex zwischen Armut und Arbeit auch systematisch deutlich. Auch hier nennt Castel wichtige Quellen und zeichnet Entwicklungen nach.

Freie Arbeit würde ja bedeuten, dass die Arbeit nach Marktgesetzen getauscht wird, verkauft wird und ein "freier Preis" vereinbart werden könnte. Dies bleibt in der vorindustriellen Entwicklung rudimentär, auch noch, als sich bereits abzeichnete, dass der Bedarf an solcher Arbeit wächst. Außerhalb des Zunfthandwerks genießt die Lohnarbeit den geringsten Grad an Legitimität.

Castel unternimmt den Versuch einer Rangordnung dieser Arbeiter von der Arbeiteraristokratie der Handwerkergesellen bis zum Proletarier in den bereits sich entwickelnden industriellen Agglomerationen über abgerutschten Meister, über die Dienstboten und Diener, den Laufburschen, Gerichtsschreiber, Verwaltungsgehilfen und Ladendiener in den Städten, den ungelernten Arbeiter und Gehilfen auf dem Bau, den Wasserträger und Taglöhner in der Stadt, den Landarbeitern, den Kleinhäusler ohne Broterwerb, den schollengebundenen Parzellenbauern, den Feierabendbauern und Saisonarbeiter. Die Typen werden detailliert beschrieben, ohne Anspruch auf eine tragfähige Typologie.

Zum Schluss dieses ersten Teils kommt Castel zu dem, was dem Leser während der gesamten Lektüre eigentlich schon immer im Kopf herum spukt: die abhängige Fronarbeit.

Denn die Lohnarbeit, wie sie bisher beschrieben wurde, erinnert immer zuerst an den Zwang zur Arbeit, zur Reproduktion des Lebens durch Arbeit - und das erinnert an Fronarbeit. Aber der Unterschied zur Lohnarbeit ist, dass Fronarbeit eben nicht entlohnt wird. Sie basiert auf einem personengebundenen Abhängigkeitsverhältnis auf der Basis einer zugewiesenen Ortsbindung (133). Ihr historischer Ursprung ist die Sklaverei. Beide Formen der Arbeit, die Lohnarbeit und der Frondienst können neben einander existieren, oft sogar auch in einer Person.

Im letzten Kapitel seines ersten Teils beschreibt Castel "Die liberale Moderne".

Zunächst zeichnet die liberale Moderne zwei Prozesse aus, die Castel so beschreibt: Einmal wird die massenhafte Verwundbarkeit bewusst, mit der deutlich wird, dass die Behandlung der sozialen Frage nicht mehr über die Bearbeitung des Problems der Vagabunden und der Arbeitsunfähigen über Repression und Fürsorge zu lösen ist. Zum zweiten wird der Wandel der Bedeutung der Arbeit als Quelle des Reichtums deutlich, die nicht mehr nur eine Pflicht ist und wirtschaftlichen Erfordernissen gehorcht, sondern nach einer neuen Logik der Verwertung im Rahmen einer neuen politischen Ökonomie gedacht und organisiert werden muss. Die massenhafte Verwundbarkeit durch konjunkturelle und strukturelle Armut fragt nach Ursachen und Lösungsstrategien gleichermaßen, sucht eine sozialpolitische Antwort auf die soziale Frage. In der Tat entwickelt sich ein Armutsdiskurs, der nicht nur das alte Verständnis von Armut in Frage stellt, sondern irritiert ist durch das Phänomen, dass Menschen aus einer gewohnten Ordnung herausfallen, die sie bisher integrierte. Castel unterlegt diese Überlegungen mit französischen Beispielen und macht deutlich, dass die Armen auch in ihrer massenhaften Verwundbarkeit politisch und strategisch erzeugt werden und zugrunde gerichtet werden können.

Die Notwendigkeit der Arbeit reichen bis in die biblischen Verfluchungen hinein - so Castel - und die Verachtung des Müßiggangs ist keine alleinige Erfindung der protestantischen Ethik. Aber jetzt wird sie zur Quelle des gesellschaftlichen Reichtums und sie basiert auf einer spezifischen Logik ihrer Verwertung - dem Tausch. Castel greift auf Hannah Arendt, Adam Smith und Karl Marx zurück, um den Aufstieg der Arbeit von ihrer Verachtung zur Quelle des Eigentums (Locke), zur Quelle des Reichtums (Smith), zur Quelle aller Produktivität (Marx) und zum Ausdruck der Menschlichkeit des Menschen selbst (Arendt) zu beschreiben. Und Freiheit der Arbeit setzt nach Adam Smith auch Freiheit des Tauschs voraus und damit die Liberalisierung der Lohnarbeit. Und dies impliziert die Vernichtung der bisher beschriebenen Organisationsformen der Arbeit: die geregelte und die Zwangsarbeit.

Worin besteht die "unantastbare und heilige Schuld" (162)? In der Tatsache, dass sich der Staat, die Gesellschaft um die Armen nie gekümmert hat - zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, wo sie ein einklagbares Recht auf Unterstützung hatten. Aber was ist daran besonders? Dass ihre Würde geschützt bleibt? Dies gilt für die arbeitsunfähigen Armen. Gilt und galt dies auch schon immer für die arbeitsfähigen Armen? Castel belegt, dass es nicht so war und ist. Es ist ja nicht das Recht auf Arbeit, sondern das Recht auf Unterstützung derer die arbeitsunfähig sind, was sich durch die Geschichte der Armenfürsorge hindurch zieht. Und auch hierfür zeichnet Castel vor allem die französischen Verhältnisse nach, um dies zu belegen.

Am Ende dieses ersten Teils und des letzten Kapitels fragt Castel, was denn der Kapitalismus im 18. Jahrhunderts wirklich war. Vor allem am Ende des 18. Jahrhundert gerieten die alten Kräfte ins Wanken, traten aus ihrer Ordnung. Die Veränderung der Produktionsweise und der Reproduktionsbedingungen im Zeichen einer Forschrittsideologie der ersten Moderne haben dazu geführt, zu glauben, dass man die Gesellschaft insgesamt, ihre kulturellen Grundlagen und ihre Vergesellschaftsformen verändern könnte. Man hat geglaubt, dass die Freiheit des Marktes auch die Freiheit des Menschen bedeutete.

Teil II: Vom Kontrakt zum Status

Im zweiten Teil seines Buches zeichnet Castel die Situation des Lohnarbeiters von seiner Kontraktualisierung im 18. Jahrhundert bis zum heutigen Status nach. Mit der Industrialisierung und der Liberalisierung des Arbeitsmarktes entsteht jener Pauperismus, und die Frage ist, wie man den Markt mit der Arbeit versöhnt, wie eine entfesselte Industrialisierung regulierbar ist.

Castel versteht es, jenen Prozess zu beschreiben, der mit der Entstehung des Sozialstaats auch dazu führt, dass Arbeit und soziale Sicherheit immer stärker auf einander verwiesen sind und die Entkoppelung von der Arbeit auch zu Unsicherheiten insgesamt führt. Die Lohnarbeitszentriertheit der sozialen Sicherung, die ja auch verbunden ist mit dem Anspruch sozialer Integration, verkehrt sich in dem Maße in ihr Gegenteil, wie Arbeit und soziale Sicherheit immer stärker an aneinander gekoppelt werden und der Zusammenhang von Arbeit und Eigentum immer mehr entkoppelt wird.

Castel beschreibt in Kapitel 5 eine "Politik ohne Staat", was in England mit den poor laws auf den Weg gebracht wird und zu einem öffentlichen Unterstützungssystem führt. Das kann in Frankreich von 1848 nicht festgestellt werden. Castel bezieht sich wiederum auf französische Verhältnisse und in Frankreich findet eben keine öffentliche Debatte über Armut und Arbeit statt. Hier werden auch die Protagonisten der Gesellschaftsanalyse zitiert: A. de Tocqueville, Turgot, E. Buret u. a. Castel geht mit dieser Situation hart ins Gericht. Der Pauperismus - so sein Analyse - bringt eine neuartige Kategorie des Elends hervor, die sich nicht nur durch ihre materielle Armut auszeichnet, sondern durch soziale Entwurzelung und moralischem Verfall - und darauf hätte eine Politik zu reagieren. Unterstützt wird die Diskussion um "Les Miserables" (V. Hugo) durch Argumente, die die Kategorie des armen Mannes diskreditieren: der arme Arbeiter = der gefährliche Arbeiter.

Interessant ist seine Analyse der Pauperismus-Frage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn Castel den Pauperismus als "Konkurrenz zwischen zwei Industrialisierungsmodellen" (201) beschreibt.

Das erste Modell ist das sanfte Modell. Es beschreibt den Wandel, der sich über ein ganzes Jahrhundert hinweg zieht und relativ undramatisch abläuft: In der Stadt und auf dem Land verändern sich auch im Zuge der Protoindustrialisierung die Organisationsstrukturen der Arbeit langsam. Es ist nicht die Industrialisierung, die mit dem Anwachsen städtischer Agglomerationen und deren Folgen verbunden ist.

Das zweite Modell knüpft eben an diesen Prozess an und beschreibt die Veränderungen der Organisation der Arbeit, aber auch der Reproduktionsbedingungen des Lebens am Beispiel der wachsenden Industrien und der damit verbundenen Verstädterungsprozesse. Der Pauperismus wird schließlich im Aufbruch zur Moderne zur Schlüsselfrage der sozialen Frage schlechthin und damit zum Kristallisationspunkt der Entwicklung zur Moderne. Es ist kein Randphänomen, sondern trifft das Herz der Gesellschaft.

Mit der massenhaften Verwundung und Schutzlosigkeit des Lohnarbeiters kommt es erneut zur Vormundschaft; in Frankreich zur Patronage, die den Staat außen vor lässt. Eine Sozialpolitik, die quasi von der Bürgerlichen Gesellschaft getragen wird und sich selbst reguliert, braucht den Staat nicht - und Castel beschreibt diesen Prozess sehr eindringlich und mit viel Engagement. Der Patron regelt alles, und beschützt zugleich - auch gegen den Staat und seine Gesetze. Im Unterschied zum Unternehmer ist ein wirklicher Patron einer, "der seine Arbeiter in einer Beziehung des Unterordnung hält" (228). Und das ist zunächst nicht Kontrakt.

Natürlich entwickeln sich auch viele Formen der Unterstützung und der Wohltätigkeit innerhalb des Sozialen: Unterstützungs- und Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, "friendly societies", mutuelles etc., die Castel beschreibt, aber eine staatliche Sozialpolitik ist nicht zu entdecken.

Entsteht der Sozialstaat inmitten der Auseinandersetzung zwischen einer ehrenwerten Gesellschaft, die Milde walten lässt und Wohlfahrt verteilt einerseits und dem Kampf der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter andererseits? Entsteht das Soziale in der Vermittlung dieser beiden Positionen und ist das die Chance, staatliches Handeln zu legitimieren? Haben wir es in rudimentären Ansätzen zum ersten Mal in der Dritten Republik mit dem Versuch eines Eingriffs in einen sich selbst überlassenen Markt zu tun, dessen Regulationsmechanismen nicht Integration, sondern Entkoppelung und Verwundbarkeit bedeuten?

Diesen Fragen geht Castel in seinem Kapitel 6 "Das Sozialeigentum" nach. Dazu beschreibt er mehrere Voraussetzungen die sich ändern müssen, damit staatliches Handeln legitimierbar ist:

  • Wie lässt sich ein Kollektiv von Produzenten (Arbeitern!) als Gesellschaft neu konstituieren?
  • Eine Neudefinition des Rechts, das nicht nur Vertragsverhältnisse zwischen Personen regelt (also ein kollektives Arbeitsrecht).
  • Eine Neuregelung dessen, was als Eigentum verstanden werden soll und in dem öffentliche Schutzfunktionen mit Privatinteressen verbindbar sind.

Jetzt ist die soziale Frage eine Arbeiterfrage und die Antwort, die die Arbeiter erwarten, ist das Recht auf Arbeit. Auch hier zitiert Castel zeitgenössische Quellen, die dies belegen (etwa 239).

Und auch hier wird die gesellschaftstheoretische Überlegung relevant, die die Protagonisten der Soziologie in dieser Zeit formulierten: Der Übergang von einer segmentär differenzierten traditionalen Gemeinschaft zur sozial und funktional differenzierten Gesellschaft. Castel könnte keinen besseren zitieren als E. Durckheim, der mit seinem Wechsel von der mechanischen Solidarität der Gemeinschaft zur organischen Solidarität der Gesellschaft diesen Wandel treffend beschreibt.

In diesem Prozess muss sich der Staat neu verorten; Sozialpolitik als Politik für die Gesellschaft setzt neue Zieldefinitionen voraus wie die der sozialen Gerechtigkeit.

Als sich Deutschland anschickte, seine durch Bismarck initiierten Sozialgesetze auf den Weg zu bringen, um eine Arbeiterschaft eher an den Staat zu binden (nachdem auch das Sozialistengesetz scheiterte), entwickeln sich Ende des 19. Jahrhunderts auch im Frankreich der Dritten Republik erste Gesetzesinitiativen, die die Verpflichtung des Staates auch repräsentieren. Dem Kenner der deutschen Sozialpolitikgeschichte fällt dabei auf, dass die beiden Säulen sozialer Sicherung - Versicherung und Fürsorge - in Frankreich in einem anderen Beziehungskontext diskutiert wurden. Entsteht nicht das Elend der Armut aus der Arbeiterlage heraus - oder hat die Arbeiterfrage mit der Armenfrage nichts zu tun und erfordern nicht beide unterschiedliche, zumindest getrennte Antworten?

Der Autor beschreibt und analysiert hier sehr ausführlich diese Debatte in Frankreich, die auch erklärt, dass sich in Frankreich auch ein zum Teil ähnliches, dann aber auch wiederum sehr verschiedenes Sozialpolitikverständnis entwickelt hat.

In seinem Kapitel 7: Die Lohnarbeitsgesellschaft macht Castel auf die "sozialen Errungenschaften" der Lohnarbeiterschaft und ihre Ambivalenzen aufmerksam. Von der proletarischen Lage über die Arbeiterlage zur Arbeitnehmerlage spannt sich für Castel ein Bogen von der Industrialisierung des 19. Jahrhundert bis zur fortgeschrittenen Industriegesellschaft heutiger Prägung.

Der Proletarier ist ja zunächst einer, der "in der Gesellschaft kampiert, ohne darin Platz zu finden" (A. Comte). Wie bereits beschrieben, kann er sich nur reproduzieren, wenn er arbeitet - er muss arbeiten!

Mit der Arbeiterlage wird hingegen eine soziale Situation beschrieben, deren Verhältnis zur Gesamtgesellschaft komplexer ist. Der Lohn ist nicht nur Entlohnung für verrichtete Arbeit - mit ihm sind Rechte verbunden und er eröffnet den Zugang zu Leistungen in Verbindung mit der Arbeit, aber außerhalb von ihr. Und Lohnabhängigkeit wird zu einem "kollektiven Schicksal", dem alle Arbeitnehmer unterworfen sind. Das verändert wiederum die Arbeit in ihrer Funktion individueller Reproduktion und sozialer Integration. Die gesellschaftliche Position bestimmt sich durch die "Stellung im Wirtschaftsprozess" (M. Weber) und diese wiederum bestimmt die soziale Identität des Einzelnen (284). Soziale Integration gelingt immer weniger auf der Basis segmentärer Vergemeinschaftung; immer deutlicher tritt der Integrationsmodus des sozialen Status im Geflecht gesellschaftlicher Beziehungen und institutioneller Kontexte hervor.

Castel möchte die Voraussetzungen erörtern, die zur Lohnarbeitsgesellschaft geführt haben - Voraussetzungen, die das Lohnarbeitsverhältnis sowohl fragil als auch ausgeklügelt erscheinen lassen. Mit der Entstehung des Lohnarbeitsverhältnis wird auch deutlich, dass zwischen denen unterschieden wird, die regelmäßig arbeiten und den Nichterwerbstätigen. Deren Problem ist, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nicht integriert sind und das gesellschaftliche Problem ist, dass sie integriert werden sollen.

Weitere vier Voraussetzungen folgen, die den Übergang vom Lohnarbeitsverhältnis der beginnenden Industrialisierung zur fordistischen Lohnarbeit charakterisieren.

  1. Die Bindung des Arbeiters an seinen Arbeitsplatz und die Rationalisierung von Arbeitsprozessen im Rahmen einer präzise definierten Zeitverwendung.
  2. Die durch den Lohn ermöglichte Teilhabe an den Konsumnormen, die den Arbeiter selbst zum Nutznießer der Massenproduktion werden lässt.
  3. Die Teilhabe am Sozialeigentum und an den öffentlichen Dienstleistungen im Rahmen kollektiver Daseinsvorsorge.
  4. Die Verankerung in einem Arbeitsrecht, das den Arbeitnehmer als Mitglied eines Kollektivs anerkennt, dem ein sozialer Status jenseits der rein individuellen Dimension des Arbeitsvertrages eigen ist.

Alle Voraussetzungen werden von Castel ausführlich erörtert und begründet, so dass deutlich wird, wie sich das individuelle Kontraktverhältnis zu einem gesellschaftlichen Status allmählich ändert. Damit ändert sich der Integrationsmodus von einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, die einer anderen antagonistisch gegenüber steht, zu einer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht als integralem Bestandteil der modernen Gesellschaft - die Verbürgerlichung des Arbeiters und die Auflösung der Klassenlage werden damit befördert. Trotzdem bleibt der Arbeiter in den Augen der anderen an der untersten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie stehen, auch wenn der generelle Anstieg der Lebenshaltung deutlich wird und der Wunsch der Arbeiterklasse, sich zu integrieren und sich zunehmend den Mittelklassen einzufügen, immer mehr Gewicht erhält (313).

Mit der Arbeitnehmerlage verbindet Castel die Entwicklung der fünfziger Jahre in Frankreich. Mit dem Lohnarbeiter werden spezifische Attribute verbunden und in dieser Konstellation kommt es auch zur Mythologisierung des Arbeiters als eines "leistungsfähigen, effizienten, dynamischen und arbeitsamen Mannes" (317 f.) Es kommt zu Annäherungen von Angestellten und Arbeitern und Castel beschreibt diese vor dem Hintergrund der Modernisierung der Gesellschaften im Lichte der Entwicklung des tertiären Sektors sehr genau. Vor allem aber die sozialpolitische Entwicklung nach 1945, die Entwicklung eines alles integrierenden Wohlfahrtsstaats in den meisten Kernländern Europas und die Entwicklung von wirtschaftlichen Steuerungsinstrumenten des Staates speziell in Frankreich konsolidiert die Erwerbsfähigkeit des Arbeitnehmers. Die Arbeiter sind immer noch die Hauptstütze der Industriegesellschaft, wenngleich sie immer noch das schlechtest behandelte Segment dieser Gesellschaft sind.

Das letzte Kapitel des zweiten Teils dieses Buchen befasst sich mit der "neuen soziale Frage".

Eigentlich geht es Castel in diesem Kapitel um eine Art Conclusio ohne Anspruch auf eine Patentlösung. Aber die Geschichte der Lohnarbeit spitzt sich für ihn dort zu, wo sie in der Gegenwart ankommt und die Entwicklungslinien eine gewisse Kontinuität bis in die Gegenwart hinein aufweisen. Nachdem Castel den Wandel aufgezeigt hat, der sich in den Integrationsmodi abzeichnete; nachdem Integration durch familiale und dörfliche Vergemeinschaftung abgelöst wurde zugunsten einer Integration durch Arbeit, die mit einem bestimmten gesellschaftlichen Status verbunden ist, stellt sich für ihn die soziale Frage neu. Sie stellt sich dort neu, wo Arbeitslosigkeit mit sozialer Exklusion verbunden ist.

Für Frankreich nennt Castel mehrere Gründe.

  1. Relativ spät hat Frankreich sein Arbeitsrecht konsolidiert und hat auch unternehmerische Prärogative eingeschränkt.
  2. Der fragile Charakter der "sozialen Errungenschaften" wird in der mit den Ereignissen des Mai 68 verbundenen Entwicklung deutlich, das Streben nach Sicherheit einzutauschen gegen das Streben nach individueller und persönlicher Selbstverwirklichung der Arbeiter. Die damit verbundene gesellschaftskritische Analyse der Verhältnisse von Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten wurde thematisiert - und gemessen an den Idealen der republikanischen Verfassung von 1946, die Castel in ihrer Präambel zitiert ( 343).
  3. Sozialstaatliche Interventionen haben zur Vereinheitlichung von Ansprüchen und Anspruchsberechtigungen geführt - eine Entwicklung, die bürokratisch verfassten sozialpolitischen Institutionen ohnehin eigen ist. Gleichzeitig hat diese Entwicklung aber auch zur Individualisierung sozialer Problemlagen beigetragen - eben auch, weil eine Bürokratie nur mit Einzelnen umgehen kann. Die soziale Sicherheit sichert die Risiken gesellschaftlicher Desintegration dort ab, wo auch die primären Integrationsmodi nicht mehr greifen. Gleichzeitig wird das Individuum aber allein gelassen und spürt nicht mehr die Solidarität des Kollektivs, wie es traditionelle Vergemeinschaftungsformen kennen.

Wer sind die Überzähligen? Castel beschreibt in einem Unterkapitel die Arbeitslosen als die sichtbarste Form des "sich erübrigen". Und er nennt die veränderten Bedingungen der Integration durch Arbeit: prekäre Arbeitsverhältnisse, befriste und unterbezahlte Arbeit etc. Ist Arbeit noch das zentrale Integrationsprinzip moderner Gesellschaften im Großen wie auf der Ebene der Unternehmen? Castel bezweifelt das erheblich und begründet dies auch schlüssig. Wenn aber die soziale Frage eine Frage nach den Integrationspotentialen und den Integrationsmodi geworden ist und dabei Arbeit eine zentrale Rolle spielt - wer soll sich außer die Wirtschaft und die Unternehmen noch verantwortlich darum kümmern? Es gibt die Arbeitenden, die noch arbeiten, es gibt die Arbeitslosen, die nicht mehr arbeiten, und es gibt zunehmend die, die am Rande einer prekären Peripherie ihr Leben fristen. Aus dem Blickwinkel der Arbeit geht es im Kern um die Destabilisierung der Stabilen (357).

Die Konsolidierung der Lohnarbeitsgesellschaft hat längst ihren Zenit überschritten - es geht abwärts. Es gelingt auch in den Mittelschichten nicht mehr unbedingt, aufzusteigen, aber die Abstiegsspirale ist deutlich im Gange. Castel befürchtet das Einrichten auf niedrigstem Niveau, im Prekariat und damit die Institutionisierung der sozialen Frage, ohne Antwort. Konnte der Ausgebeutete noch Einfluss auf sein Verhältnis haben, weil er in einem stand, wird dieses dem Überzähligen versagt. Seine ökonomische Nutzlosigkeit macht ihn auch soziokulturell uninteressant und dequalifiziert ihn auch für ein soziales Leben im öffentlichen Raum. Es kommt dazu, dass sich Individuen nicht mehr sozial verorten können, sich also nicht mehr zugehörig fühlen, weil sie für andere nicht relevant sind, kein Vertrauen mehr in die Bewältigungsstrategien haben, die sich auf den Alltag und das Leben beziehen und nicht mehr das Gefühl haben, mit anderen Werte und Normen zu teilen. Warum sollen sie sich als Teil einer res publica fühlen und sich um sie kümmern, wenn sie deren Integrationsziele nicht mehr erreichen kann?

Sehr eindringlich analysiert Castel diese Situation der Eingliederung bzw. der Integration der französischen Gesellschaft und beschreibt die Mechanismen und Unterstützungssysteme, die aber auch versagen, wenn auch Arbeit als Integrationsmodus versagt.

Unter dem Stichwort "Krise der Zukunft" resümiert Castel, dass es die lange Strecke der bisherigen Analyse erlaubt, "die engen Zusammenhänge zwischen der wirtschaftlichen Lage, dem Niveau der sozialen Sicherung der Bevölkerung und den Interventionsformen des Sozialstaats bloßzulegen" (379). Dabei entwirft er vier Szenarien.

  1. Die abhängige Arbeit geht weiterhin bergab, wenn der Markt weiterhin alleine regelt. Es kommt zu Dequalifizierungsprozessen, vielleicht bei den Einheimischen, während Fremdarbeitskräfte qualifiziert nach Frankreich kommen. Die Hypris des Marktes macht dann eine Gesellschaft politisch unregierbar.
  2. Es käme darauf an, den gegenwärtigen Zustand einigermaßen zu halten, in dem man die Bemühungen zu seiner Stabilisierung verstärkt. Es käme also darauf an, die Interventions- und Steuerungskapazität des Staates zu stärken, und zwar nicht nur dadurch, dass die Leistungen des Sozialstaats verbessert werden, sondern dass insgesamt die Lebensbedingungen verbessert werden, wie es in der Tradition der europäischen Stadt eigentlich für die kommunale Sozialpolitik immer typisch war und ist.
  3. Die Idee der Arbeit als zentrales Integrationsprinzip verliert ihre Kraft, so dass wir nach Alternativen suchen müssen, auch nach Kompensationen und Auswegen. Castel ist hier etwas verhalten optimistisch, weil er erkennt, dass sich die Berufsbilder verändern und neue Möglichkeiten und Optionen offen stehen.
  4. Schließlich besteht die Option der Umverteilung der raren Ressourcen, die von der gesellschaftlich nützlichen Arbeit stammen. Castel entwickelt hier einen mutigen Gedanken: den der Veränderung der gesellschaftlichen Organisation der Lohnarbeit. Denn schließlich ist die Geschichte der Lohnarbeitsgesellschaft auch eine Geschichte der Emanzipation des Menschen und hat Arbeit zum tragenden Element von citizenship gemacht (393) - und diese Geschichte ist nicht auf Ewigkeit angelegt, also auch veränderbar. Es geht immer noch darum, was eine Gesellschaft zusammenhält und auf welcher Basis sie integriert und ausgrenzt. Und im Augenblick ist Lohnarbeit das entscheidende Kriterium.

Castel kommt zu seinem Schluss. Unter dem Titel "Negativer Individualismus" beginnt das Kapitel "Im Zentrum der heutigen sozialen Frage stehen erneut die „Nutzlosen“, Überzähligen und um sie herum ein diffuser Bereich von Situationen, die von Prekarität und der Ungewissheit über den jeweils nächsten Tag geprägt sind und vom Wiederauftreten massenhafter Verwundbarkeit zeugen." (401). Besser könnte man es nicht formulieren. Der Wandel von einem vom Kollektiv getragenen Vergemeinschaftung zu einer Gesellschaft, die mehr und mehr zu einer "Gesellschaft der Individuen" (Durkheim) wird, verändert auch die Solidarität und führt auch zu Entsolidarisierung. Die Metamorphose dieses Prinzips ist für Castel die zentrale Bedingung für die Veränderungen der sozialen Frage vom Vagabunden bis zum lohnabhängigen Arbeiter. Was aber ist der negative Individualismus? Der positive Individualismus wird im Prinzip im ersten Teil des Buches beschrieben: das Individuum, dass in die Gesellschaft rückgebunden wird durch den Vertrag, durch eine Übereinkunft, die das "freie" Individuum wieder (ein)bindet, nach dem die Gemeinschaft nicht mehr tragfähig ist.

Der negative Individualismus ist dadurch gekennzeichnet, dass genau diese Einbindung fehlt; dem Individuum gelingt die soziale Verortung nicht mehr aus Mangel an Sicherheit und an stabilen Beziehungen, die Anerkennung, Zugehörigkeit und Vertrauen erzeugen. Und diese Metamorphose vollzieht sich für Castel gegen Ende des 18 Jahrhundert. Die gedankliche Anlehnung dieser Situation an die des Vagabunden erschließt sich einem, wenn man Castels Gedanken zuvor richtig einzuordnen vermag.

Was allerdings die heutige soziale Frage ausmacht, ist die Bipolarität des modernen Individualismus, ist die Erkenntnis, dass mit der Lohnarbeitsgesellschaft ein Gesellschaftstypus geschaffen wurde, der alle nicht gleich, aber doch vergleichbar über Arbeit integrierte, auch die, die zunächst raus fielen und über Arbeit zurück integriert wurden. Auf der anderen Seite entsteht jetzt der Typus des modernen Vagabunden, der nicht mehr gebraucht wird und nur noch unter ständiger Bedrohung seiner Integration am Rande zur Desintegration integriert wird.

Das Buch schließt mit einer editorischen Notiz, die hilfreich ist, weil sie einige Begrifflichkeiten aus dem Französischen so erläutert, dass sie sich auch im Deutschen in eine soziologische Terminologie einordnen lassen.

Diskussion

R. Castel gelang ein großartiger Wurf mit überraschenden Erkenntnissen. Das Buch ist eine unerschöpfliche Quelle historischer, soziologischer Erkenntnisse und sozialer und soziokultureller Faktoren und Bedingungen, unter denen sich Arbeit im Laufe der Geschichte gewandelt hat. Das Ende der Arbeitsgesellschaft ist nicht in Sicht - und sie kann nach Castels Logik der Metamorphose auch kein Ende haben. Die neue soziale Frage ist ja deshalb so brisant, weil die Arbeitsgesellschaft eben noch nicht am Ende ist. Und deshalb hat dieses Buch auch seine Aktualität und Castel erschließt einem diese Aktualität über diese "Chronik der Lohnarbeit"

Fazit

Ein Buch das sich zunächst einem nicht einfach erschließt. Wenn man sich aber erst einmal mit den zentralen Gedanken vertraut gemacht hat, lässt es einen auch nicht mehr los.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 08.07.2009 zu: Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. ISBN 978-3-86764-067-1. Reihe: Édition discours - Band 44. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6340.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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