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Willehad Lanwer: Wi(e)der Gewalt

Cover Willehad Lanwer: Wi(e)der Gewalt. Erkennen, Erklären und Verstehen aus pädagogischer Perspektive. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. 211 Seiten. ISBN 978-3-8340-0379-9. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Das Thema der Jugendgewalt dominiert nicht nur die Schlagzeilen der Medien und Wahlkämpfe, sondern auch die wissenschaftlichen Monographien. Jugendgewalt wird auch weiterhin das Topthema der nächsten Jahre bleiben. Wenn ein Thema aktuell und brisant bleibt, gibt es auch Versuche, dieses Phänomen besser unter Kontrolle zu bekommen. Während sich die Wissenschaftler bei den Ursachen der Jugendgewalt weitgehend einig sind, gibt es bei der Prävention und Intervention – je nach ideologischer Ausrichtung – ein fachlicher Richtungsstreit. Dieser Streit wurde sichtbar, als die Konfrontative Pädagogik in den Medien und bei sehr vielen Praktikern als das neue Allheilmittel gefeiert wurde. Es ist allerdings zu bemerken, dass die Konfrontative Pädagogik weder neu noch ein Allheilmittel ist. Seit Ende der 1990er-Jahre wurden nicht nur sehr viele Monographien und Sammelbänder über Konfrontative Pädagogik veröffentlicht, sondern auch kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz. Das vorliegende Buch von Willehad Lanwer ist eine solche Veröffentlichung, die sich kritisch mit der Methode der Konfrontativen Pädagogik beschäftigt. Als Folie für diese Kritik wählt der Autor einen Fall aus der Zeitschrift für Heilpädagogik aus dem Jahre 2005. Ziel der Arbeit von Lanwer besteht darin, anhand der Kritik an der Methode der Konfrontativen Pädagogik alternatives Vorgehen in Bezug auf Jugendgewalt zu entwickeln. Es geht aber dem Autor „nicht um die Entwicklung eines rezepthaften pädagogischen Vorgehens, indem Methoden erläutert werden, die das Problem der Gewalt ‚zähmen‘ und ‚in den Griff bekommen‘. Vielmehr wird das Ziel verfolgt, einen theoriegeleiteten praktischen Zugang zu dem Phänomen der Gewalt in den Feldern der Pädagogik zu entwickeln.“ (S.8f.)

Autor

Willehad Lanwer, Professor im Studiengang „Inklusive Education“ an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Schwerpunkte: gemeinsame Erziehung und Bildung (Integration), rehistorisierende Diagnostik, Kulturhistorische Schule und Tätigkeitstheorie, Gewalt und Subjektivität.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch ist numerisch in neun Kapiteln aufgeteilt.

Das erste Kapitel trägt zwar den Titel „Einleitung“, ist aber sehr komplex gehalten, da der Autor seinen Ansatz sehr ausführlich begründet. Die Einleitung beginnt mit der Wiedergabe eines Fallbeispiels aus der „Zeitschrift für Heilpädagogik“ zur Konfrontativen Pädagogik. Der Autor vergleicht die Methode mit der „Haltetherapie“, die von der pädagogischen Fachöffentlichkeit massiv kritisiert wurde. Willehad Lanwer sieht das Problem dadurch nicht gelöst, wenn die devianten Kinder und Jugendlichen stupide konfrontiert werden. Er formuliert sein Gegenkonzept wie folgt: „Das Erkennen, Erklären und Verstehen des Phänomens der Gewalt aus pädagogischer Perspektive basiert auf der Annahme, dass Gewalt als ‚soziales Handeln‘ zu betrachten ist.“ (S. 8f.)

Das zweite Kapitel des Buches „Inhaltliche Aspekte der ‚Konfrontativen Pädagogik‘“ ist mit knapp vier Seiten deutlich kürzer als die Einleitung. Der Autor referiert kurz und knapp die wichtigsten pädagogischen Säulen der Konfrontativen Pädagogik. Es muss allerdings betont werden, dass Lanwer nur sehr wenige Veröffentlichungen zu diesem Thema benutzt. Die weiteren Veröffentlichungen von Weidner, wie z.B. Gewalt im Griff Bd. 3 oder die Bücher von Stefan Schanzenbächer werden ebenso berücksichtigt wie die Veröffentlichungen von Rainer Kilb.

Im dritten Kapitel unter dem Titel „Problemskizzierung“ erläutert der Autor die wichtigen und zentralen Problembereiche der Jugendlichen und Erklärungsmuster der Jugendgewalt. Er geht insbesondere auf die Theorie ein, dass das grundsätzliche Kennzeichen der Gewaltanwendung die Uneindeutigkeit zu sein scheint. Weiterhin wird das Thema „die Instrumentalisierung des Phänomens Gewalt“ aufgegriffen.

Im vierten Kapitel unter dem Titel „Dialektik als System und Methode zur Entschlüsselung der Gewalt“ geht Lanwer auf folgende Themen ein:

  • Einzelnes, Besonders, Allgemeines
  • Das Verhältnis der Menschen untereinander
  • Der Prozess des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten
  • Verhalten und Verhältnis
  • Die Ganzheitlichkeit des Menschen: zum Verhältnis der biologischen, der psychischen und der sozialen Ebene

Das fünfte Kapitel trägt die Überschrift Gewalt im Spiegel der „Kulturhistorische Schule „ und der „Tätigkeitstheorie“. Der Autor möchte mit dieser Theorie das Phänomen der Gewalt auf verschiedenen Ebenen als soziales Handeln im Kampf um die Reproduktion von Lebensbedingungen erkennen, erklären und verstehen. Im Einzelnen geht es u. a. um folgende Unterthemen:

  • Die Kategorie Tätigkeit als Erklärungsgegenstand und Erklärungsprinzip
  • Die kulturhistorische Bedeutung des Zeichens im Übergang zwischen sozialer und psychischer Ebene
  • Die subjektive Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit
  • Allgemeine Aspekte der Kategorie Wirklichkeit
  • Bedürfnis, Motiv und Tätigkeit

Im sechsten Kapitel setzt sich Lanwer mit dem Thema Macht auseinander. Dieses Kapitel trägt die Überschrift Sozialwissenschaftliche Aspekte zum Phänomen der Gewalt unter Berücksichtigung der Kategorie Macht. Nach allgemeinen und orientierenden Vorbemerkungen. Die verkürzte Grundthese des Autors besteht darin, dass Erkennen, Erklären und Verstehen von Gewalt und Macht nicht anhand irgendwelcher Ursachen jenseits der Felder des sozialen Raumes möglich ist, sondern im Kontext einer Kultur, einer Bedeutungsordnung, deren Teil sie sind. Der Autor diskutiert aus diesem Grund Macht und Gewalt im Verständnis unterschiedlicher Autoren, wie Foucault, Weber, Arendt, Han und Popitz.

Pädagogik: Erziehung und Bildung zur „Mündigkeit“; der Prozess der Überwindung des Bestehenden heißt der Titel des siebten Abschnitts. Nach dem der Autor sich kritisch mit der Methode der Konfrontative Pädagogik auseinander setzt, entfaltetet er einen Gegenentwurf. Diesen Gegenentwurf fasst der Autor wie folg zusammen: „(…) die Prämissen der Überwindung der Gewalt im pädagogischen Feld der Macht werden beginnend mit einer ideologiekritischen Analyse der Theorie der Halbbildung von Adorno über die pädagogischen Überlegungen von Gramsci, Heydorn, Klafki und Feuser vorgestellt. Damit ist ein Bezugsrahmen gegeben, der als Orientierung ein weiteres Moment‘ Schärfung‘ des pädagogischen Blicks im Hinblick auf die Entfaltung eines pädagogischen Problembewusstseins darstellt und zugleich Wege aufzeigt, wie pädagogischen Alternativen jenseits von Gewaltverhältnissen geschaffen werden können.“ (s. 12ff)

In zwei kürzeren Abschnitten (acht und neun) fasst der Autor seine Ergenbisse zusammen und gibt einen Ausblick.

Zielgruppen

Das Buch stellt eine theoretisch-abstrakte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt der Jugendlichen dar. Aus diesem Grund kann das Buch keiner breiten Leserschaft empfohlen werden. Zu empfehlen ist das Buch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Studierende der höheren Semester, die sich theoretische mit unterschiedlichen Methoden auseinander setzen wollen.

Fazit

Die diffizile Sprache des Autors macht es schwer, sich an das Thema anzunähern. Dass die konfrontative Methode bzw. Konfrontative Pädagogik kritisch zu betrachten ist, steht außer Frage. Der Autor wählt dafür aber in der Einleitung ein komplett ungeeignetes Beispiel, um seine berechtigte aber auch umständliche und ermüdende Kritik (vgl. S. 126ff.) zu formulieren. Seine inhaltlichen Schlussfolgerungen sind zwar schlüssig und gut herausgearbeitet, gehen aber durch die komplexe, differenzierte und umständliche Formulierungsversuche teilweise verloren. Das ist kein Buch, das man soeben lesen und exzerpieren kann: Dafür braucht der Leser viel Zeit, Geduld und wissenschaftliches Verständnis.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 22.08.2009 zu: Willehad Lanwer: Wi(e)der Gewalt. Erkennen, Erklären und Verstehen aus pädagogischer Perspektive. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. ISBN 978-3-8340-0379-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6349.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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