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Dorit Meyer, Gabriele von Ginsheim: Gender Mainstreaming. Zukunftswege der Jugendhilfe

Dorit Meyer, Gabriele von Ginsheim: Gender Mainstreaming. Zukunftswege der Jugendhilfe. Ein Angebot. SPI Eigenverlag des Sozialpädagogischen Institut Berlin (Berlin) 2002. 128 Seiten. ISBN 978-3-924061-59-3.

Bis zu 50 Exemplaren pro Bestellung kostenlos zu beziehen bei Stiftung SPI (Tel.: 030/617 02 700 oder E-Mail: bmpmaedchen@stiftung-spi.de).
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Einführung in Thema und Zielsetzung des Buchs

Die noch neue und in ihrer Bezeichnung ‘sperrige‘ politische Strategie Gender Mainstreaming macht auch vor der Kinder- und Jugendhilfe nicht halt. Denn der Bestandteil "Mainstreaming" - frei übersetzt als "in den Hauptstrom bringen" - soll ausdrücklich gewährleisten, dass alle politischen Entscheidungen sowie deren Ausgangsbedingungen und Auswirkungen überprüft werden sollen unter der Fragestellung, ob sie zur Gleichstellung der Geschlechter beitragen. Aus dem Englischen übernommen bedeutet "Gender" dabei nicht das biologische (engl.: sex), sondern das soziale Geschlecht, das als kulturell und sozial geprägt und damit im sozialen Kontext als veränderbar gilt. Da die Kinder- und Jugendhilfe einerseits ein kommunales Politikfeld ist und andererseits auf Bundesebene im Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) verankert ist, wird auch an sie der Anspruch erhoben, darauf hinzuwirken, "dass bei der Verwirklichung der Ziele und Aufgaben die Gleichstellung von Mädchen und Jungen als durchgängiges Leitprinzip gefördert wird" (KJP, I. 1., Absatz 2). In der Arbeitsmarktpolitik wird bereits die Vergabe von Fördermitteln an die Berücksichtigung von Gender Mainstreaming geknüpft, für die Kinder- und Jugendhilfe deutet sich diese förderpolitische Strategie ebenfalls an, ohne dass Gender Mainstreaming bereits in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe umfassend bekannt wäre oder gar Einzug gehalten hätte und ohne dass vor allem geklärt wäre, wie diese noch schillernde gleichstellungspolitische Strategie in konkrete gelebte sozialpädagogische Praxis umgesetzt werden kann.

Dorit Meyer und Gabriele v. Ginsheim ist deshalb ein nachdrückliches Dankeschön dafür zu sagen, dass es ihnen gelungen ist, auf nur 122 Seiten kurz und prägnant Gender Mainstreaming als politische Strategie in ihrer Bedeutung und mit allen relevanten Facetten für die Kinder- und Jugendhilfe zu erläutern. Insgesamt gliedert sich das Buch in drei große Teile.

Inhaltsübersicht

  1. Im ersten Teil wird zunächst die politische Strategie Gender Mainstreaming allgemein in ihrer Begrifflichkeit geklärt, die Entwicklung auf bundesdeutscher und europäischer Ebene kurz skizziert, ihr Zusammenhang zur Frauenpolitik hergestellt und die Kategorie Gender in die Diskurse der Frauen- und Geschlechterforschung eingeordnet. Besonders in dem letzten Abschnitt zu den Geschlechtertheorien schillert die geschlechtertheoretische Position der beiden Autorinnen durch, wenn sie einerseits engagiert die Grundzüge konstruktivistischer und dekonstruktivistischer Geschlechtertheorien skizzieren und andererseits auf dieser Basis differenztheoretische Ansätze kritisieren. Sie weisen damit ihre geschlechtertheoretische Grundposition, die die gesamten Ausführungen durchzieht, als konstruktivistisch und dekonstruktivistisch aus, was sicherlich nicht bei allen Leserinnen und Lesern Zustimmung finden wird, aber zur Auseinandersetzung reizt.
  2. Im zweiten Teil wird Gender Mainstreaming gezielt für die Kinder- und Jugendhilfe dargestellt. Interessant ist dabei die Hinführung zu diesem Themenkomplex: Dorit Meyer und Gabriele v. Ginsheim stellen ihren Überlegungen die Skizze der unterschiedlichen Etappen der geschlechtsbezogenen Jugendarbeit voran, so wie sie Marianne Horstkemper für den Zeitraum von um 1900 bis zu den 50er Jahren, für die 60er, 70er, 80er, 90er Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts beschrieben hat. Vor diesem historischen Hintergrund unterscheiden sie dann mit Gaby Flösser drei Ebenen in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die für Gender Mainstreaming relevant sind: die Ebene der Organisationsentwicklung, die Ebene der Personalentwicklung und die Ebene der sozialpädagogischen Konzepte und Angebote. Für alle drei Ebenen wird detailliert und mit allen Kontroversen beschrieben, wie Gender Mainstreaming realisiert werden kann. Besonders kritisch fallen dabei ihre Überlegungen zum bisherigen Verständnis geschlechterbezogener Pädagogik aus, das sich auf geschlechtshomogene Angebote der Mädchen- oder Jungenarbeit beschränkte.
  3. Der dritte Teil beinhaltet für alle der drei unterschiedenen Ebenen konkrete Arbeitshilfen, die direkt in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe eingesetzt werden können. Dorit Meyer und Gabriele v. Ginsheim listen Leit- bzw. "Schlüsselfragen" auf, mit denen die Einrichtungen ihre Ansätze zur Organisations- und Personalentwicklung sowie ihre pädagogischen Konzepte und Angebote im Hinblick auf Gender Mainstreaming reflektieren und neu gestalten können.

Fazit

Angesichts dieser umfassenden und doch kurzen und prägnanten ‘Rundreise‘ durch die politische Strategie Gender Mainstreaming ist besonders bemerkenswert, dass Dorit Meyer und Gabriele v. Ginsheim auch noch den Bogen schaffen zu konkreten, direkt in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe umsetzbaren Arbeitshilfen. Damit ist dieses Buch besonders interessant für die sozialpädagogische Praxis. Doch auch für Studierende der Sozialarbeit und Sozialpädagogik ist es empfehlenswert, zumal die beiden Autorinnen ausdrücklich kritisieren (S. 59), dass die systematische Reflexion und Analyse der Auswirkungen der Geschlechterrollen in den meisten Studiengängen noch zu sehr vernachlässigt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 05.11.2002 zu: Dorit Meyer, Gabriele von Ginsheim: Gender Mainstreaming. Zukunftswege der Jugendhilfe. Ein Angebot. SPI Eigenverlag des Sozialpädagogischen Institut Berlin (Berlin) 2002. ISBN 978-3-924061-59-3. Bis zu 50 Exemplaren pro Bestellung kostenlos zu beziehen bei Stiftung SPI (Tel.: 030/617 02 700 oder E-Mail: bmpmaedchen@stiftung-spi.de). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/635.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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