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Herbert Bassarak: Aufgaben und Konzepte der Schulsozialarbeit

Herbert Bassarak: Aufgaben und Konzepte der Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen im neuen sozial- und bildungspolitischen Rahmen. Hans-Böckler-Stiftung (Düsseldorf) 2008. 262 Seiten. ISBN 978-3-86593-089-7. 29,00 EUR.

Reihe: Edition der Hans-Böckler-Stiftung - 208. Arbeit und Soziales.
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Thema

Schulsozialarbeit ist "en vogue", beginnt Herbert Bassarak sein Vorwort zu der vorliegenden Veröffentlichung und verweist auf verschiedene Referenzen, die das Thema in den Focus der auch außerfachlichen Wahrnehmung gerückt hätten: zum Beispiel der sog. "PISA-Schock", der 12. Kinder- und Jugendbericht, die Diskussionen zum Themenkomplex "Schulverweigerung". In der Tat haben einige Veröffentlichungen aus jüngster Zeit dieses Handlungsfeld thematisiert und die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet (z. B. Karsten Speck: Schulsozialarbeit. Eine Einführung, vgl. die Rezension; Sybille Schmidtchen: Integrierte Schulsozialarbeit als Subsystem von Schulentwicklung, vgl. die Rezension; Maren Zeller (Hg.): Die sozialpädagogische Verantwortung der Schule. Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe, vgl. die Rezension; Katrin Kantak: Schulsozialarbeit. Sozialarbeit am Ort Schule, vgl. die Rezension). Die als "Vorstudie" zu einer umfassenderen Erhebung (S. 242) bzw. als "Pilotstudie" (S. 21) bezeichnete Publikation greift in die damit verbundenen Debatten ein, in dem sie den Versuch unternimmt, zunächst einen empirisch verdichteten Blick auf Schulsozialarbeit an den Schnittstellen zwischen Schule und Gesellschaft, insbesondere unter dem Aspekt defizitärer bzw. misslingender Integration, zu werfen.

Autor

Dr. Herbert Bassarak ist Professor für Sozialarbeit an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg (Fachbereich Sozialwissenschaften) und unter anderem einer der drei gleichberechtigten Vorsitzenden der Bundesarbeitgemeinschaft Sozialmanagement/Sozialwirtschaft sowie Vorsitzender des Vereins OBiS e. V. (Organisationsberatung im Sozialsektor); er hat sich bereits an anderer Stelle mit Fragen der Schulsozialarbeit befasst (z. B. sein Plädoyer für Schulsozialarbeit). Die vorliegende Veröffentlichung wurde in enger Zusammenarbeit mit Hartmut Binder, Herwig und Stephanie Grote erstellt.

Zielsetzungen

Bassarak beabsichtigt mit dieser Untersuchung,

  1. relevante Konzeptionen, Projekte und Modelle von Schulsozialarbeit bzw. schulbezogener Jugendsozialarbeit in den Bundesländern Bayern, Berlin und Sachsen zu identifizieren;
  2. sollen ihre zentralen Grundvoraussetzungen und Rahmenbedingungen erfaßt und einer multiperspektivischen Beschreibund und Bewertung zugänglich gemacht werden;
  3. geht es ihm darum, über erste Aspekte einer Evaluation landeseigener Förderprogramme zugleich einen Beitrag zur Stärkung des kommunalen Managements zu leisten (S. 24f).

Untersuchung und Ergebnisse

Der Autor hat die Befragung 2006 durchgeführt und Fachkräfte der Schulsozialarbeit (98 Rückläufer) und Schulleitungen von Schulen (54 Rückläufer), die im Rahmen landeseigener Förderprogramme Angebote der Schulsozialarbeit durchführten, sowie Führungskräfte der Jugendämter (22 Rückläufer) und Schulämter (11 Rückläufer) zu ihren Einschätzungen hinsichtlich der Realisierung von Angeboten der Schulsozialarbeit schriftlich befragt (S. 205ff). Der absolute Rücklauf von rund 28% wirft freilich auch die Frage auf, inwieweit die Befunde der Studie stets als repräsentativ gelten können; hier wäre unzweifelhaft im Rahmen weitergehender Untersuchungen zum Beispiel zu klären, wie der Rücklauf optimiert werden kann. Bassarak selbst sieht "Begrenzungen der vorliegenden Untersuchungen" (S. 243), die sich - aufgrund des teilweise unbefriedigenden Rücklaufs - (insbesondere bei den Schul- und den Jugendämtern kann der Beteiligungsertrag kaum anders bezeichnet werden)- ergeben.

Diese Relativierung berücksichtigend arbeitet der Autor die Ergebnisse seiner Befragung - nach einer vorangestellten Zusammenfassung (S. 23ff) und Ausführungen zur Schulsozialarbeit als spezieller Form der Kooperation zwischen den Systemen Jugendhilfe und Schule (S. 37ff) - landesspezifisch sondiert (Bayern; S. 61ff, Berlin, S. 119ff, Sachsen: 157ff) auf, wobei er weitgehend einer systematisierenden Präsentationslogik folgt: Ausführungen zunächst zu historischen und rechtlichen Grundlagen der Schulsozialarbeit in den drei Ländern ergänzen die Darlegung der Einschätzungen der vier Akteurgruppen (sozialpädagogische Fachkräfte der Schulsozialarbeit bzw. schulbezogenen Jugendsozialarbeit, Schulleitungen, Fachkräfte der Jugendämter, Schulämter) zum Beispiel zur Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren, zu (vorhandenen) Konzeptionen und Kooperation, zur Bewertung des Bedarf von Angeboten, Kooperationen sowie deren Akzeptanz und Verbesserungsmöglichkeiten sowie der Einschätzung des Bedarf an Schulsozialarbeit.

Trotz Differenzierungen zwischen den Bundesländern, so Herbert Bassarak, ist die Akzeptanz von Schulsozialarbeit unter den befragten Akteursgruppen als sehr hoch anzusehen; die Notwendigkeit eines Ausbaus der Angebote wird annähernd durchgängig bestätigt und schlussfolgernd differenziert dargelegt. Im Allgemeinen wird der Schul- bzw. Jugendsozialarbeit an Schulen bei der Entwicklung von Ganztagsschulen eine unverzichtbare Bedeutung zugewiesen (S. 27ff).

In Bezug auf die Schlussfolgerungen zur Gestaltung der Praxis von Schulsoziarbeit bzw. schulbezogener Jugendsozialarbeit bleibt der Autor eher allgemein. So führt er unter anderem aus, dass auf kommunaler Ebene die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe "generell sowie spezifisch für schulbezogene Maßnahmen bzw. die Schulsozialarbeit herzustellen und dauerhaft zu sichern" sei (S. 241). Das verweist auf den Chor derer, die immer wieder und nicht erst jetzt auf erhebliche Defizite bei der Implementierung von Instrumenten und Ansätzen der Sozialen Arbeit im System Schule generell aufmerksam machen.

Insgesamt haben die Resultate der Vorstudie den von Bassarak selbst formulierten "vorläufigen Charakter" (S. 242), der den Bedarf weitergehender Forschungsvorhaben und ?perspektiven erst noch zu identifizieren helfen soll. Aspekte solcher Vorhaben könnten zum Beispiel die Frage des (bundesweit) flächendeckenden Bedarfs von Schulsozialarbeit sein oder die Frage deren Trägerschaft (S. 243f), wobei er einen eher qualitativ angelegten Vergleich differenter Organisationsmodelle und Modellprojekte empfiehlt (S. 35).

Der Band wird durch ein elfseitiges Literaturverzeichnis abgerundet, das einen guten Überblick zur Literaturlage in diesem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit erlaubt.

Zielgruppen

Zweifellos richtet sich die vorliegende Veröffentlichung nicht nur an die forschungsperspektivisch informierte und interessierte Fachöffentlichkeit an Fachhochschulen und Universitäten. Auch die Fachpraxis selbst kann - bei aller Vorläufigkeit der Resultate - Schlussfolgerungen für eine Entwicklung und Entfaltung einer selbstbewußteren Positionierung im System Schule ziehen und Bezüge zu den eigenen Themen, Fragen und Problemen des Alltags in Schule ableiten. Natürlich ist auch den Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit mit dem Band geholfen, die Zukunftsträchtigkeit der Schulsozialarbeit bzw. schulbezogenen Jugendsozialarbeit abzuschätzen.

Fazit

Das Handlungsfeld Schulsozialarbeit ist längst noch nicht "vermessen"; damit sind umfassenderen Professionalisierungsbemühungen aus den Ausbildungsstätten oder der emanzipierten Fachpraxis selbst heraus sowie der Entfaltung von Behauptungs- und Entwicklungsstrategien in und gegenüber Schule noch beachtliche Stolpersteine in den Weg gelegt. Hier gilt es noch Lücken zu schließen. Insoweit darf sich Herbert Bassarak das Verdienst zurechnen, mit seiner Vorstudie eine grundlegende Arbeit geleistet zu haben, damit etwas mehr Licht in die differente Landschaft der Schulsozialarbeit gebracht wird. Der Band ist solide zusammengestellt, sorgsam führt der Autor mit einer Fülle aussagefähiger Abbildungen und Tabellen durch das aufgehäufte Material. Auf die einer Pilotstudie im Allgemeinen ja folgende Untersuchung in der Hauptsache darf daher mit großem Interesse gewartet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 19.01.2009 zu: Herbert Bassarak: Aufgaben und Konzepte der Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen im neuen sozial- und bildungspolitischen Rahmen. Hans-Böckler-Stiftung (Düsseldorf) 2008. ISBN 978-3-86593-089-7. Reihe: Edition der Hans-Böckler-Stiftung - 208. Arbeit und Soziales. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6354.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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