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Marcus Hasselhorn, Rainer K. Silbereisen: Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters

Cover Marcus Hasselhorn, Rainer K. Silbereisen: Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. 878 Seiten. ISBN 978-3-8017-0590-9. 169,00 EUR, CH: 286,00 sFr.

Enzyklopädie der Psychologie: Entwicklungspsychologie - Band 4. EUR 149.00 (Bei Abnahme der gesamten Serie), sfr 249.00 (Bei Abnahme der gesamten Serie).
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Thema

Die Beschreibung des Verhaltens und Erlebens gehört seit den Anfängen der wissenschaftlichen Entwicklungspsychologie zu ihren Schwerpunkten. Der vorliegende Band erfasst sowohl die eher traditionelle Perspektive der Beschreibung verschiedener Altersstufen als auch die aktuellen Schwerpunkte, in denen die Lebensweltbezüge der Kinder sowie interindividuelle Differenzen der Entwicklungsveränderungen im Kindesalter im Focus stehen.

Aufbau

Der Band ist in vier Bereiche unterteilt:

  1. Bereichsübergreifende Entwicklungsskizzen einzelner Altersbereiche
  2. Entwicklung und Übergang in neue Lebensumwelten
  3. Brennpunkte entwicklungspsychologischer Kindheitsforschung
  4. Entwicklungsstörungen und Problemverhalten.

Teil I: Bereichsübergreifende Entwicklungsskizzen einzelner Altersbereiche

  • Im ersten Beitrag stellen Axel Schölmerich und Marlies Pinnow die prä- und perinatale Entwicklung des Menschen dar. Frühere weitreichende Spekulationen sind einer empirisch orientierten Forschung gewichen; es gibt ein gewachsenes solides Wissen um vor- und nachgeburtliche Entwicklungsvorgänge. Das Autorenpaar gibt einen chronologischen Überblick über den geordneten Ablauf der Entwicklung, besonders auch der vorgeburtlichen Gehirnentwicklung, beschäftigt sich mit angewandten Fragestellungen wie der künstliche Befruchtung oder Risikofaktoren und schließt ab mit diagnostischen Verfahren für Neugeborene.
  • Auch die Vorstellungen von Reifungsprozessen und von den Prozessen des sozialen Lernens im Säuglingsalter haben sich erheblich differenziert. Sabine Pauen und Hellgard Rauh besprechen die neurologische, motorische und die Sinnesentwicklung. Entwicklung des Gedächtnisses, des beginnenden Wissensaufbaus und persönliche und soziale Kompetenzen sind weitere Schwerpunkte.
  • Die Entwicklung in den einzelnen Bereichen werden in den folgenden Beiträgen weitergeführt und lebensalterstypische Veränderungen und Schwerpunkte erläutert: für das Kleinkindalter (2. – 4. Lebensjahr, Gottfried Spangler & Gudrun Schwarzer), das Kindergarten- und Vorschulalter (4. – 7. Lebensjahr, Claudia Mähler), das frühe Schulalter (mittlere Kindheit, 6. – 11. Lebensjahr, Bettina Janke & Markus Hasselhorn) und die späte Kindheit (9. – 13. Lebensjahr, Maria von Salisch & Eberhard Schröder) im Übergang zum Jugendalter.
    E werden die Veränderungen, wie die Umwelt wahrgenommen, im Denken verarbeitet und abgespeichert wird, behandelt: so die intuitive und naive Physik, Biologie und Psychologie, die Überwindung des Zentrismus, die Entwicklung der Perspektivenübernahme und von Metarepräsentationen, der Kenntnis und Anwendung von Strategien, die Entwicklung und Ausdifferenzierung des Selbstkonzepts, u.a.
    In den ersten Lebensjahren ist die Ausbildung einer sicheren Bindung zu den Bezugspersonen eine wichtige Entwicklungsaufgabe; die Ausgestaltung und die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung verändert sich bis in die späte Kindheit, die Beziehung zu Gleichaltrigen, Kooperation und Freundschaften mit diesen, rücken in den Fokus.
    Ein weiterer Schwerpunkt sind die Aspekte der motivationalen (z.B. Neugier, Leistungsmotivation) und emotionalen Entwicklung (Ausdruck und Verstehen von Emotionen, "Display-Rules" bis zum Verbergen von Gefühlen).

Teil II: Entwicklung und Übergang in neue Lebensumwelten

Drei Beiträge beschäftigen sich mit den Herausforderungen von Übergängen in neue Lebensumwelten während der in diesem Band dargestellten Altersspanne.

  • Der erste grundlegende Übergang ist das Hineinwachsen in die Familie. Gabriele Gloger-Tippelt berücksichtigt dabei sowohl die Entwicklung des Kindes wie die elterlichen Voraussetzungen und Kompetenzen.
  • Den Einbezug der nächsten wichtigen Lebensumwelt, die Betreuung in Krippe und Kindergarten, thematisiert Liselotte Ahnert. Sie betont nicht die Unterschiede, sondern spricht von kombinierter familiärer und außerfamiliärer Kleinkind- und Vorschulbetreuung. Die Auswirkungen dieser Betreuungsformen werden im Zusammenhang gesehen. Deutlich wird, welche entscheidende Rolle der Qualität der außerhäuslichen Betreuung zukommt.
  • In einem relativ kurzen Kapitel besprechen Marcus Hasselhorn und Arnold Lohaus den Schuleintritt als normative Entwicklungsaufgabe.

Teil III: Brennpunkte entwicklungspsychologischer Kindheitsforschung

  • Mit einem brisanten Thema, das mittlerweile auch von der Politik aufgegriffen wurde und kontrovers in den Medien diskutiert wird, beschäftigen sich Sabine Walper und Joachim Kruse, den Auswirkungen kindlicher Armut. Sie stellen die Konsequenzen für die kindliche Entwicklung dar, gehen der Frage der Kausalität nach und beziehen Belastungen, wichtige Ressourcen und Präventionsprogramme ein. Von besonderer Bedeutung sind die referierten Befunde, die auf überdauernde Effekte frühkindlicher Armut hinweisen. Gerade Eltern in Armutslagen sind überfordert, feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und die Potentiale der Kinder angemessen zu fördern.
  • Ein weiteres brisantes Thema ist die Kindesmisshandlung (Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch). Anette Engfer stellt Definitionen, Erklärungsmodelle, Auswirkungen und Interventionsmöglichkeiten aus entwicklungspsychologischer Sicht dar.
  • Kulturspezifische Entwicklungsunterschiede thematisieren Heidi Keller und Athanasios Chasiotis. Sie sehen die Entwicklung des Menschen aus dem Zusammenspiel seiner evolvierten Natur und der kontextuell-kulturellen Einflüsse, verknüpfen die Ansätze der kulturvergleichenden Psychologie, der Kulturpsychologie und der indigenen Psychologie und veranschaulichen dies an den beiden Entwicklungsaufgaben "Entwicklung einer sozialen Matrix in der frühesten Kindheit" und "Entwicklung sozialer Kognitionen".
  • Ein weiterer Brennpunkt stellt die Erforschung des Einflusses der vielfältigen Familienformen (verheiratete Eltern, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchwork- und Stieffamilien, Adoptiv- und Pflegefamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern, Ein- und Mehr-Kind-Familien) auf die kindliche Entwicklung dar (Klaus A. Schneewind & Sabine Walper).
  • "Erziehen Eltern ihre Kinder?" Im Rahmen eines biopsychosozialen Modells gehen Bärbel Kracke und Beate Schwarz auf Entwicklungsfolgen elterlichen Erziehungsverhaltens ein.

Teil IV: Entwicklungsstörungen und Problemverhalten

  • Die Entwicklung mental retardierter Kinder beschreibt Gerhard Büttner am Beispiel von Kindern mit Down-Syndrom, autistischen Kindern und Kindern mit einer leichten mentalen Retardierung bzw. Lernbehinderung und erläutert Besonderheiten der kognitiven, sozial-emotionalen und motivationalen Entwicklung.
  • Nach der Darstellung der normalen Sprechentwicklung werden "Late Talker" und Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen als Beispiele für eine auffällige Sprach- und Sprechentwicklung sowie deren Entwicklungsbesonderheiten besprochen (Christiane Kiese-Himmel).
  • Die beiden abschließenden Kapitel beschäftigen sich mit Kindern mit aggressiven Verhaltensweisen (Ulrike Petermann & Franz Petermann) sowie mit Kindern mit starkem Bewegungsdrang, ADHS (Tobias Banaschewski, Julia Dreesen & Aribert Rothenberger).

Zielgruppen

Studierende und Lehrende der Psychologie, insbesondere der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie, Pädagogen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Fazit

Der vorliegende Band der Enzyklopädie gibt in seinem ersten Teil einen fundierten Überblick über die Entwicklungsbereiche der Kindheit (vorgeburtliche Entwicklung bis späte Kindheit). Die anderen Teile beschäftigen sich jeweils mit aktuellen Themen, zu Übergängen, zu Brennpunkten wie Auswirkungen von Armut und Missbrauch und zu Entwicklungsstörungen. Die Beiträge geben einen zeitnahen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung (in Deutschland wie international).

Die Enzyklopädie richtet sich vor allem an Lehrende und Studierende; es lohnt sich aber auch für den Praktiker, zur Auffrischung seines Wissensstandes das ein oder andere Kapitel zu lesen.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 12.08.2008 zu: Marcus Hasselhorn, Rainer K. Silbereisen: Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-8017-0590-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6356.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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