Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Dust: Katholische Erwachsenenbildung [...]

Rezensiert von Dr. phil. Sven Kluge, 17.10.2008

Cover Martin Dust: Katholische Erwachsenenbildung [...] ISBN 978-3-631-55693-1

Martin Dust: "Unser Ja zum neuen Deutschland". Katholische Erwachsenenbildung von der Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2007. 631 Seiten. ISBN 978-3-631-55693-1. 100,70 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Bis heute ist die intensive Verstrickung erheblicher Teile der evangelischen und katholischen Kirche in den Nationalsozialismus – nicht allein im Hinblick auf das pädagogische Spektrum – höchst unzureichend erforscht. Seit der unmittelbaren Nachkriegszeit dominieren, sofern die „dunkle“ Phase von 1933 bis 1945 in den Horizont gerät, verklärende bzw. verfälschende Selbstdarstellungen und Einschätzungen die öffentlichen Diskurse. Speziell die katholische Kirche gilt oftmals noch immer als vom Nazismus nahezu unberührte, ja mitunter sogar als in erster Linie oppositionell-widerständige Institution. Dagegen verfallen die bei genauerem Hinsehen frappierenden und keineswegs oberflächlichen Affinitäten des damaligen katholischen Mainstreams zur NS-Ideologie weitestgehend einer Tabuisierung und bleiben unaufgearbeitet. Hierin mag ein wesentlicher Grund für die im Allgemeinen unzureichend fortgeschrittene innere Demokratisierung der katholischen (Bildungs-)Institutionen liegen. Und gerade zur Beförderung dieses notwendigen Prozesses könnte die vorliegende Arbeit, deren Stoßrichtung dem hegemonialen Strang der katholizistischen Geschichtsschreibung zuwiderläuft, einen wertvollen Beitrag leisten.

Aufbau und Inhalt

Der Autor setzt mit seiner umfangreichen mentalitätsgeschichtlichen Studie, welche sich auf das Feld der katholischen Erwachsenenbildung vor und um 1933 konzentriert, tief an. Als Quellen dienen ihm die theologische Zeitschrift Prediger und Katechet, das programmatische Periodikum des Zentralbildungsausschusses der katholischen Verbände Deutschlands (Volkstum und Volksbildung) sowie der Nachlass des Schriftleiters und wirkungsmächtigen Erwachsenenbildners Emil Ritter (1881-1968). Von Beginn an richtet Dust unter Zugrundelegung einer ideologiekritischen Perspektive den Fokus systematisch auf die die pädagogischen Zielsetzungen prägenden philosophisch-theologischen, gesellschaftlichen und politischen Prämissen des katholischen Denkens.

Schon in der Einleitung wird deutlich, dass die Aufschlüsselung des heftigen und nachhaltigen Konfliktes zwischen dem katholischen Milieu und modernen, aufklärerisch intendierten Positionen eine unabdingbare Voraussetzung für ein hinreichendes Verständnis jener Grundsätze bildet: Nach dem Urteil des Autors geben die in Reaktion auf Modernisierungsprozesse herausgebildeten bzw. verschärften Deutungsmuster letztlich nichts weniger als „die Basis für einen weit reichenden gesellschaftspolitischen Konsens mit dem Nazismus“ (S. 48) ab.

Folgerichtig hebt die Untersuchung mit einer mehrdimensionalen historischen Kontextualisierung an (S.67-107). Nachgezeichnet werden

  1. die Auseinandersetzung mit der Epoche der Moderne,
  2. die Entstehung der katholischen Erwachsenenbildung und
  3. die organisatorische Konstitution der katholischen Bildungsinstitutionen.

Ein überaus relevantes Ereignis stellt hier die Gründung des „Volksvereins für das katholische Deutschland“ im Jahre 1890 dar. Forciert wird dieser Akt durch die sich verschärfende Selbsterhaltungsproblematik der katholischen Kirche binnen des „protestantisch“ geführten Kaiserreiches, die aufgrund des gewaltigen Industrialisierungsschubes in den Dekaden nach 1870 drängend gewordene soziale Frage und das Bestreben, Gegenlager zu den sozialdemokratischen Bildungsbestrebungen zu errichten. Bereits in jener Phase kristallisieren sich richtungweisende Positionierungen heraus. So greifen die frühen Protagonisten einer katholischen Volksbildung primär auf mittelalterliches Gedankengut zurück und propagieren ein auf dem Ideal einer ständischen Gliederung beruhendes Gesellschaftsbild; auch die übliche Differenzierung zwischen Führer- und Massenschulung kollidiert offen mit modernen Freiheits- und Gleichheitsprinzipien. Im Vordergrund rangiert des Weiteren der Anspruch, soziale Krisen durch gemeinschaftsstiftende „Gesinnungsreformen“ (S. 94) einzudämmen bzw. zu überwinden – sozialreformerischen Ansinnen wird hingegen in der Regel mit Ablehnung begegnet. An diese gegenaufklärerische und antimaterialistische Zuschneidung der Bildungsarbeit knüpfen derweil die Repräsentanten des nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufenen „Zentralbildungsausschusses der katholischen Verbände Deutschlands“, welcher in der Weimarer Republik den „Volksverein“ an Einfluss und Bedeutung überholt, direkt an – zu den Wortführern jenes Ausschusses gehört der an späterer Stelle in den Mittelpunkt gerückte Emil Ritter.

An diese einführenden Betrachtungen schließt sich eine detaillierte Analyse der die pädagogischen Konzepte bestimmenden „theologischen Kulisse“ ein, bei der sich der Autor auf die unter Klerikern in hohem Maße verbreitete Zeitschrift „Der Prediger und Katechet“ stützt (S. 107-237). Im Visier der in diesem Organ publizierenden katholischen Kulturkritiker steht zum einen das neuzeitliche, laut ihrem Dafürhalten von der Reformation auf den Weg gebrachte Freiheits- und Autonomieverständnis. Die pauschal als „Subjektivismus“ diffamierten liberalen Bewegungen befördern, so die Diagnose, die Abkehr von Gott und seien (deshalb) als Ursache für eine ganze Reihe von Verfallserscheinungen einzustufen. Attackiert werden zudem die neuzeitliche Trennung von Kirche und Staat sowie die aufklärerische Differenzierung zwischen Glauben und Wissen. Schließlich stuft man den Sozialismus – insbesondere, aber nicht allein in seiner bolschewistischen Gestalt – als durch und durch kirchenfeindlich ein, obwohl aufgrund der ebenfalls vorliegenden Kapitalismuskritik laut Dust „eine Partnerschaft mit dem Sozialismus [durchaus] möglich gewesen wäre“ (S. 137). Der Protest des katholischen Mainstreams gegen wirtschaftsliberale Maximen weist jedoch – spätestens auf den zweiten Blick – dilemmatische und in sich widersprüchliche Züge auf: Zunächst ist dieser gänzlich auf einer kulturalistisch-moralistischen Ebene angesiedelt und von einer reaktionären Agrarromantik durchtränkt; darüber hinaus titulieren die antisoziologisch argumentierenden Kleriker just das Privateigentum als unantastbares „göttliches Recht“ (S. 139) und betreiben auch in anderen Zusammenhängen – z.B. mit dem ins Feld geführten Theorem eines „organischen“ Gesellschaftsaufbaus à la Othmar Spann – ideologische Arbeit. Angepeilt wird letztlich eine über die Revitalisierung christlicher Normen voranzutreibende geistige Umwandlung der „unorganischen“ Klassengebilde in eine berufsständische Ordnung. Die tatsächlichen Unrechts- und Ausbeutungsstrukturen werden dabei – wenn sie in die Wahrnehmung geraten – eher religiös legitimiert als in Frage gestellt. Konstitutiv für die katholische Glaubens- und Gesellschaftslehre dieser Epoche ist fernerhin der intensive Rekurs auf die eigens von der lebensphilosophischen Kulturphilosophie und -pädagogik konstruierten und stark gemachten Kategorien „Volks„- bzw. „Deutschtum“ (S. 161). Das mit diesen unmittelbar verbandelte Gemeinschaftsideal steht in einem scharfen Widerspruch zu den „Idealen von 1789„; es ist von Grund auf irrational, tendenziell biologistisch fundiert und unvereinbar mit demokratischen Vorstellungen. Überhaupt legen Dusts Ausführungen den Schluss nahe, dass die Affinitäten zu den populären und präfaschistischen Varianten der Lebensphilosophie beträchtlich ausfallen. Die von ihren Vertretern (zu nennen sind zuvorderst Paul de Lagarde und Julius Langbehn) festgeschriebenen Oppositionspaare (organisch vs. mechanisch; wesenhaft/gewachsen vs. künstlich; Landleben/Verwurzelung vs. Großstadt/Entwurzelung; instinktive Sittlichkeit vs. blutleere Moralität; harmonische Gemeinschaft vs. „Selbstsucht„/Materialismus etc.) finden sich – allenfalls leicht variiert – in den analysierten theologischen Beiträgen wieder.

Befördert wird diese verhängnisvolle Öffnung indessen durch das ungleichzeitige „Deutungsmuster Naturrecht“ (S. 171ff.). „Naturrecht“ ist hier mitnichten von der Philosophie Rousseaus oder Kants her zu verstehen; leitend ist vielmehr eine prämoderne Ontologie. Die Subjekte werden nach dem in diesem Feld geltenden naturrechtlichen Dogma von der Vergangenheit her determiniert, „indem durch die Vorstellung einer dem Menschen vorgegebenen Seinsordnung historisch-gesellschaftlich vermittelte Ordnungen und Formen zur Natur und zum Wesen des Menschen erklärt werden“ (S. 171). Konservativen Vorurteilen über das „Wesen“ des Menschen widerfährt durch diese Naturalisierung des Sozialen eine dauerhafte Bestätigung, wobei die Deutungsmacht stets in den Händen der kirchlichen Oberhäupter liegt, angefangen vom Papst bis hinab zum weisungsabhängigen Dorfpfarrer. Im schroffen Gegensatz zum aus dem modernen Naturrecht hervorgehenden Ideal eines bürgerlichen Rechtsstaates wird einer bevormundenden Glaubensauffassung und einer autoritären Institutionenlehre das Wort geredet. „Gläubig und kindlich“ (S. 173) seien die verkündeten „Wahrheiten“ und Vorschriften anzunehmen – offener könnte die Mißachtung der menschlichen Vernunftkräfte und der individuellen Bedürfnisnatur kaum ausfallen. An die familiäre Erziehungs-Institution ergeht dementsprechend der Auftrag, jene angepassten Charaktertypen hervorzubringen, die im Sinne des Modells eines „freien Dienens“ aus vermeintlich eigener Entscheidung die ihnen auferlegten Pflichten erfüllen. Gewährleisten soll dies eine unangefochtene väterliche Autorität; diese patriarchalische Fixierung zieht sich im Übrigen wie ein roter Faden durch das gesamte kirchliche Rechtssystem.

Zum festen Bestand der „theologischen Kulisse“ gehören außerdem antisemitische und militaristische Überzeugungen, die permanente Beschwörung der wider die Weimarer Demokratie aufgebotenen Vision des „Reiches“ sowie die u.a. aus einer fehlenden politischen und religiösen Mündigkeit resultierende Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten und Obrigkeiten. So stößt man auf die rassistisch basierte Unterscheidung zwischen einer „deutschen“ Kultur und einer „jüdisch“ infiltrierten Moderne (insbesondere mit Bezug auf die begrifflich unscharf verwendeten Chiffren „Sozialismus“ und „Kapitalismus“); auch vor dem Gebrauch eines naturalistischen Vokabulars wird im Hinblick auf die „Beschreibung“ des bolschewistischen Russland und in anderen Kontexten (der Autor konstatiert einen „offenen Erbbiologismus und Rassismus“ (S. 155)) nicht zurückgeschreckt. Auffällig ist ebenfalls die Verherrlichung des kriegerischen Kampfes, welche sich u.a. in der langfristigen Zustimmung zu den sog. „Ideen von 1914“ niederschlägt. Die verkündete Reichsidee speist sich derweil aus einem „großdeutschen“ Nationalismus (als Bezugspunkt dient das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“), welcher mit organologischen Gemeinschaftsimaginationen (s.o.) aufgeladen wird.

An dem Faktum, dass sich diese Positionen voll im Fahrwasser der rechten Kritik an der Weimarer Republik befinden, kann nicht ernsthaft gezweifelt werden. Sämtliche angetippten Aspekte bieten Anlässe für Reflexionen über Schnittmengen und/oder Tuchfühlungen zum Nazismus, die sich tatsächlich – einzelner, sich hauptsächlich auf kirchliche Selbsterhaltungsinteressen konzentrierender Aversionen zum Trotz [1] – in erheblichen Ausmaßen nachweisen lassen (vergl. S. 166f.). Hinzu tritt in diesem Zusammenhang noch das „tragische Dilemma“ (S. 215) einer beinahe grenzenlosen Unterwürfigkeit gegenüber Obrigkeiten; die diagnostizierte Grundhaltung eines gleichsam automatischen Gehorsams ist mithin als Produkt der autoritär-realitätsfremden katholischen Weltanschauung und Erziehungspraxis anzusehen – selbst innere Distanzierungen vom NS schlossen, so der Autor, den äußeren Einsatz für das Regime keineswegs aus.

Jene im dritten Kapitel herausgearbeiteten Einstellungsschemata durchdringen, davon zeugt die im Folgenden geleistete Analyse der erwachsenbildnerischen Zeitschrift Volkstum und Volksbildung (S. 237-373), das eigentlich pädagogische Spektrum des dominanten katholischen Diskurses ungefiltert. Von Beginn an (seit 1912) zählen die krude Abqualifizierung einer rationalen Verstandes- und Vernunftbildung, die schlichte Abwesenheit von gesellschaftskritischen Themen sowie die Orientierung an vulgärlebensphilosophischen Topoi, welche mit dem traditional-naturrechtlichen Deutungsmuster amalgamiert werden, zu den Standards dieses bis 1928 noch unter dem Titel „Volkskunst“ firmierenden Organs. Der für die inhaltliche Ausrichtung maßgebliche Schriftleiter Emil Ritter beruft sich dann auch explizit auf den sog. „Rembrandtdeutschen“ Julius Langbehn (S. 252), dessen 1890 publizierte Schrift „Rembrandt als Erzieher“ für ihn und andere den Status einer „Inspirationsquelle“ besitzt (als weitere Referenzautoritäten werden Richard Wagner (S. 286), Paul de Lagarde (S. 288) sowie Ferdinand Tönnies (S. 287), der jedoch verkürzt rezipiert wird, genannt): ein „organisches“ Volksverständnis, in welchem es für Pluralität, rational geführte Kontroversen und die Freiheitsrechte des Individuums keinen Platz gibt, bestimmt den Kurs. Betont wird mit antiliberaler und antisozialistischer Spitze die übergeordnete, vorgängige Bedeutung des Gemeinwohls sowie die Notwendigkeit einer autoritären Führung. Als zentrale Aufgabe der katholischen Gebildeten gilt unterdessen die Hervorbringung einer „mystisch-sakramentalen Verschmelzung des Einzelnen mit dem Volk“ (S. 300). „Individualität“ denken Ritter und seine Geistesverwandten der Spätromantik vergleichbar ausschließlich als „Kollektiv„- bzw. „Volksindividualität„; dem aufklärerischen Autonomiepostulat wird dagegen ein zersetzender Charakter bescheinigt. Symptomatisch ist in diesem Kontext die Umbenennung der bis 1941 erscheinenden Zeitschrift in der Endphase der Republik. Das Paradigma der „Volk-Bildung“ wird gerade während der Republikkrise weiter forciert, nicht zuletzt deshalb, um Übereinstimmungen mit dem aufkommenden NS zu akzentuieren: „Zu Beginn des Jahres 1933 schloss man sich den politischen Vorstellungen Langbehns in der Forderung des „neuen deutschen Menschen“ mit einer „konservativen seelischen Disposition“ an. Dies würde zu einer „Bindung des Volksgeistes“ führen und schließlich eine „Abwendung vom geistigen Demokratismus […] bedeuten“ […]“ (S. 310). Hervorgehoben wird ebenso der von den katholischen Pädagogen kontinuierlich an den Tag gelegte Militarismus. Diese messen dem „Fronterlebnis“ im Gedenken an den zum nationalen Mythos stilisierten „Aufbruch von 1914“ auch „volks-bildende“ Funktionen zu. Eine kritische Reflexion des Soldatentums und der Rolle des Militärs wird nicht einmal ansatzweise praktiziert: „Mit diesem Gedankengut bereitete die katholische Erwachsenenbildung den Boden für die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Aufrüstung und den späteren Krieg.“ (S. 316) Dass, wie Dust außerdem festhält, die propagierte „Volk-Bildungs-Konzeption“ den realen Krisen und Herausforderungen in keinster Weise gerecht wird, ist zunächst deshalb nicht verwunderlich, weil das spiritualistische Plateau niemals verlassen wird, d.h. die wirklichen Zustände bleiben von vornherein ausgeblendet. Darüber hinaus sind – und dies unterstreicht die Hohlheit der rechtskatholizistischen „Kapitalismuskritik“ – ausgerechnet in der Zeit der Weltwirtschaftskrise entschiedene Parteinahmen gegen sozialkritische Positionen zu verzeichnen. Die mit der grassierenden Massenarbeitslosigkeit einhergehenden Notlagen werden derweil binnen dieser Kreise als individuelle Probleme aufgefasst. Es ist bemerkenswert, dass der mit Bezug auf moralische und spirituelle Sphären unablässig bemühte Gemeinschafts- bzw. Gemeinwohltopos die Produktionssphäre kaum tangiert (vergl. S. 143).

Die Übergänge zum fünften Kapitel, in dem schließlich Emil Ritter als Repräsentant der katholischen Erwachsenbildung dieser Epoche in den Fokus genommen wird (S. 373-548), verlaufen fließend. Ritter, dessen programmatisches Wirken sich durch vier politische Systeme hindurch verfolgen lässt, ergreift durchweg für einen „ausgeprägten Irrationalismus“ (S. 441) Partei und spielt im Rahmen seiner pädagogischen Ausführungen in lebensphilosophischer Manier ein auf Paradigmen wie „Gemüt“, „Instinkt“, „Intuition“ und „Wille“ aufruhendes Bildungsverständnis gegen rationalistische und/oder materialistische Bildungskonzepte aus. Als politisches Hauptfeindbild führt er zuvorderst „den“ Liberalismus an, dem sämtliche – aus Ritters Sicht – negativen Entwicklungen angelastet werden. „Den“ Sozialismus bzw. Bolschewismus stuft er indes, unter stetem Verweis auf das innerhalb des zeitgenössischen Katholizismus weitverbreitete (Volks-)Gemeinschaftsverständnis, als „dem“ Liberalismus verwandt ein. Gegen die verhasste Weimarer „Formaldemokratie“ (S. 446) setzt Ritter mit Nachdruck auf das Führer-Gefolgschafts-Prinzip sowie ein antidemokratisches soziales Schichtungsideal. Dabei wird ihm seit den späten zwanziger Jahren der vom Papsttum und der italienischen Kirche mitgetragene italienische Faschismus zum Vorbild für eine Neuordnung Deutschlands. Ritter lädt, Mussolini als Beispiel heranziehend, den Führergedanken nunmehr messianisch auf und appelliert an die „Autorität, das Vertrauen zur berufenen Führung“ sowie die „gesunde Kraft, zu glauben und zu folgen“ (S. 470). Positiv bewertet wird vor allem der faschistische „Ordnungswille“ (S. 473), welcher den aufklärerischen Rationalismus endgültig beseitigt habe. Im Einklang mit den italienischen Faschisten und in Anknüpfung an die eigenen Grundhaltungen wirbt er für die die Forderungen der französischen Revolution durchkreuzende Trias „Autorität, Hierarchie und Disziplin“ (S. 474). Von dieser Basis aus plädiert Ritter schon zu Beginn der dreißiger Jahre für eine Annäherung zwischen Katholizismus und der NSDAP und wird als Initiator des „Bundes katholischer Deutscher „Kreuz und Adler„“ tätig, dessen Mitglieder das „Dritte Reich“ des Nazismus als legitimen Erben des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ anerkennen. Fernab von opportunistischen Wendemanövern wird, wenngleich Mussolini Ritters Ideal eines charismatischen Führers weit eher entspricht als Hitler, die nazistische Machtübernahme emphatisch bejaht: „(…) (im Nazismus) sah er – mit einigen kleinen Einschränkungen – seine katholischen Vorstellungen im Aufbau von Staat und Gesellschaft verwirklicht“ (S. 485). Auch die NS-Rassenlehre befürwortet Ritter, der in dieser Phase über den „herkömmlichen“ katholischen Antijudaismus (s.o.) hinausgeht, in hohem Maße (vergl. S. 490f.). Zudem erhofft er sich von der nazistischen „Überwindung“ des Liberalismus und der Demokratie, d.h. konkret von der „„Vernichtung“ der Gegner“ und der „Befreiung der „geführten und verführten Arbeiter„“ (S. 490), entscheidende Impulse für einen Abbau der konfessionellen Spaltungen. Diese Ansichten sind indes keineswegs kurzlebig; Ritter erhält sie noch etliche Jahre nach der Machtübernahme – bis 1941 – aufrecht. – Abgerundet wird dieses Kapitel durch einen Vergleich des Ritterschen Wirkens mit demjenigen anderer katholischer Erwachsenenbildner (August Pieper, Anton Heinen sowie Robert Grosche), welche eine ähnliche Gesinnung aufweisen und die z.T. in denselben institutionellen Kontexten aktiv waren. Jener Vergleich zeigt vornehmlich und erneut, dass Ritters pädagogisch-politische Parteinahmen keinen Einzelfall darstellen, sondern vielmehr die in diesem Milieu vorherrschende „Normalität“ zum Ausdruck bringen.

Das am Ende der Studie gezogene Fazit bietet eine bündige Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse. Noch einmal wird akzentuiert, dass die starken Affinitäten zum NS nicht etwa plötzlich aufgetreten sind – diejenigen dezidiert antidemokratischen Konzepte, auf welche Ritter u.a. um 1933 abheben, entstehen in den Anfangsjahren der Republik, wobei die aufklärungsfeindlichen Grundlinien der dominanten katholischen Denkströmungen noch erheblich weiter zurückreichen. Somit brauchten Dust zufolge die ideologischen Rekurse auf völkisch-nationale Reichs- und Gemeinschaftsvisionen in der Endphase der Republik nicht erst eingeleitet werden: Das Weiterspinnen von Kontinuitäten ebnete, so der abschließende Befund, in diesem Spektrum einer (begeisterten) Zustimmung zur nazistischen „Machteroberung“ den Weg.

Fazit

Dem Autor ist summa summarum eine eindrucksvolle Analyse gelungen, welcher – dies wird schon noch wenigen Seiten der Lektüre deutlich – mehr als ausschließlich historische Relevanz zukommt. Die ausführliche Bearbeitung des erziehungswissenschaftlichen Forschungsdesiderates erfolgt in fundierter und prägnanter Weise; sicherlich ist diese materialgesättigte Insichtnahme bzw. Aufdeckung von unbequemen und wenig thematisierten Zusammenhängen nicht allein für Leser, die der pädagogischen Profession entstammen, von gesteigertem Interesse. Gleichwohl sind vor dem Hintergrund dieser Gesamteinschätzung einige kleinere Kritikpunkte zu benennen.

Zu einen vermisst man eine Einbeziehung des marginalisierten linkskatholizistischen Spektrums – ist doch zu vermuten, dass eine Fokussierung der/dieser innerkatholische(n) Kontroverse(n) zu einer Erweiterung der Perspektiven (eigens im Hinblick auf den Umgang mit sozialistischen Ideen sowie das Verhältnis zwischen Katholizismus und NS) beigetragen hätte. Sodann liefern u.a. die offensichtlichen strukturellen Analogien, welche zwischen den diskutierten erwachsenenbildnerischen Modellen und Ansätzen aus dem Dunstkreis der politisch reaktionären Reformpädagogik bestehen, Anstöße für eine intensivere Beleuchtung des Einflusses der ab ca. 1880 im bildungsbürgerlichen Milieu modisch werdenden Lebensphilosophie auf das religiöse Denken. Womöglich wäre es fruchtbar gewesen, diesen nachzugehen, denn während der Lektüre baut sich der starke und zu prüfende Verdacht auf, dass die Empfänglichkeit der katholischen Pädagogen für die NS-Ideologie maßgeblich einer Adaption von lebensphilosophischen Prämissen geschuldet ist. Und es drängt sich die Frage auf, ob die von Ritter et al. getroffene Charakterisierung der Weimarer Republik als „Formaldemokratie“ nicht auch von einer sozialkritisch-emanzipativen Warte aus ihre partielle Berechtigung hat. Denn die rechtskatholizistische Gemeinschaftsideologie scheint durchaus schwerwiegende Mängel des Weimarer Systems zu treffen – wahrscheinlich kann sie deshalb überhaupt erst für die Subalternen attraktiv sein. Dieser spannungsgeladene, zu weiterführenden Reflexionen auffordernde Konnex bleibt leider ausgeklammert.


[1] Vergl.: „Um so bemerkenswerter ist es, wie die Prediger ihre Sympathie gegenüber dem italienischen Faschismus zum Ausdruck brachten. […] Wurde Mussolini für seine freundliche Haltung zur katholischen Kirche gelobt, so konnte man sich ohne weiteres die Vision eines in gleicher Weise geläuterten, mit der Kirche ausgesöhnten Hitler vorstellen.“ (S. 167)

Rezension von
Dr. phil. Sven Kluge
Dipl.-Päd., Dipl.- Soz. Päd.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen
Mailformular

Es gibt 6 Rezensionen von Sven Kluge.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sven Kluge. Rezension vom 17.10.2008 zu: Martin Dust: "Unser Ja zum neuen Deutschland". Katholische Erwachsenenbildung von der Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2007. ISBN 978-3-631-55693-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6365.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht