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Tanja Betz: Sozialberichterstattung über Kinder

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 29.09.2008

Cover Tanja Betz: Sozialberichterstattung über Kinder ISBN 978-3-7799-1544-7

Tanja Betz: Ungleiche Kindheiten. Theoretische und empirische Analysen zur Sozialberichterstattung über Kinder. Juventa Verlag (Weinheim ) 2008. 424 Seiten. ISBN 978-3-7799-1544-7. 35,00 EUR.
Reihe Kindheiten, hrsg. von M.-S. Honig
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Thema

Sozialberichterstattung über Kinder ist eine gruppenspezifische Form der allgemeinen Sozialberichterstattung (SBE), zu der z.B. die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung oder die Datenreports des Statistischen Bundesamtes zu zählen sind. Neben diesen Berichten gibt es seit mehreren Jahren auch Berichte, die schwerpunktmäßig auf Kinder und/oder Jugendliche bezogen sind. Sie werden entweder im Regierungsauftrag von Sachverständigenkommissionen erstellt, z.B. die alle vier Jahre vorgelegten Kinder- und Jugendberichte, oder kommen auf Initiative von Nichtregierungsorganisationen oder Forschungseinrichtungen zustande, z.B. das Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts.

Dem Anspruch und der Methode nach ist die Sozialberichterstattung zwischen Forschung, Wissenschaft und Politik angesiedelt. Zweck und Funktion der SBE über Kinder liegt darin, (Fach-)Öffentlichkeit und Politik über den Zustand und die Veränderungen der Lebensbedingungen der Bevölkerungsgruppe Kinder zu informieren. Als ein empirisch-quantitatives Forschungsinstrument stellt sie statistisch repräsentative, indikatorgestützte Befunde über die Zielgruppe Kinder bereit und verbindet sie mit politischen Empfehlungen. Zugleich stellt sie als ein Instrument der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung diese Informationen über einen längeren Zeitpunkt zur Verfügung. Allerdings ist die SBE über Kinder in Deutschland nur in ihrer politischen Variante, den Kinder- und Jugendberichten, fest institutionalisiert. Kindersurveys oder Kinderpanels als Ausdruck der sozialwissenschaftlichen Variante wurden hingegen bislang nur sporadisch vorgelegt.

Trotz ihres Anspruchs, die Lebensrealität der Kinder objektiv abzubilden, vermittelt die SBE immer auch bestimmte Bilder von Kindheit. Implizit geht es darum, wie Kindheit sein soll, welche Kompetenzen Kinder benötigen, welche Bedürfnisse sie haben oder wie das Aufwachsen in privater oder öffentlicher Verantwortung gestaltet werden soll. Dies sind zugleich Auseinandersetzungen um Perspektiven, Kategorien und Klassifikationen von Kindheit. So stellt sich die Frage, ob die Gemeinsamkeiten von Kindern als Generation oder die Unterschiede zwischen verschiedenen Lebenslagen oder -milieus und die damit verbundenen Lebens- und Bildungschancen beleuchtet werden sollen. Unter dem Eindruck der neueren sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung wird auch häufiger die Frage gestellt, inwieweit und in welcher Weise in der SBE die Kinder als Akteure, die ihre Lebenswelt mitgestalten, begriffen und berücksichtigt werden. Damit steht auch der Anspruch der politikbasierten Berichtssysteme auf dem Prüfstand, in den als relevant gesetzten Inhalten den Kindern eine Stimme zu geben und damit als Sprachrohr einer ansonsten ungehörten Kindergruppe zu fungieren.   

Aufbau und Inhalt

Mit ihrem Buch, das auf einer Dissertation an der Universität Trier beruht, legt Tanja Betz einen konzeptionellen Vorschlag für eine bislang fehlende konsistente Systematik der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung von Kindern und Kindheit vor. Die Darstellung besteht aus zwei Teilen.

Im ersten Teil setzt die Autorin sich mit den theoretischen und methodologischen Grundlagen und Leerstellen der bisherigen SBE über Kinder in Deutschland auseinander und begründet, warum und in welcher Weise die künftige SBE "ungleichheitstheoretisch" fundiert und "selbstreflexiv" sein müsste.

Im zweiten Teil belegt sie ihre Annahmen und Vorschläge empirisch mittels einer Sekundäranalyse des Kinderpanels des Deutschen Jugendinstituts, an dessen Erarbeitung sie selbst beteiligt war.  Die Autorin zeigt, dass es sich bei dem Anspruch der SBE, die Lebensverhältnisse von Kindern "neutral" abzubilden, um eine Fiktion handelt. Die in die Berichtssysteme eingelassenen Machtverhältnisse würden ebenso verkannt, wie versäumt werde zu reflektieren, wie die Auswahl "geeigneter" Daten oder Indikatoren zustande kommt oder wie durch die Stichprobenzusammensetzung und das Forschungsdesign Klassifikationen und Typisierungen produziert werden. Die Quintessenz ihrer Kritik besteht darin, dass den Ungleichheiten in den Lebensverhältnissen der Kinder zu wenig Beachtung geschenkt wird oder dass sie mit unzulänglichen Kategorien erfasst werden. Entweder würden nur Ungleichheiten zwischen Kindern und Erwachsenen thematisiert und in pauschalisierender Weise eine homogene Kindheit "konstruiert", oder es werde ein mittelschichtspezifisches, als "modern" geltendes Kindheitsmuster zum Maßstab der Beurteilung des Lebens "anderer" Kinder gemacht, denen im Umkehrschluss nur Defizite attestiert würden.

Die Autorin konzentriert ihre Analyse auf zwei ihr besonders wichtig erscheinende "Ungleichheitsachsen" im Kinderleben, die ethnische und soziale Zugehörigkeit. Als wesentlich stellt die Autorin heraus, dass diese Zugehörigkeiten so ineinander verflochten seien, dass sie nicht – wie in der bisherigen SBE über Kinder – einseitig, d.h. nur unter Berücksichtigung der sozialen Zugehörigkeit oder aber separat, d.h. getrennt voneinander bzw. nacheinander berücksichtigt werden könnten. Die SBE über Kinder müsse von komplexen Ungleichheitsmustern ausgehen, die nur im Zusammenspiel beider Ungleichheitsachsen zu explorieren seien.

Unter Rückgriff vor allem auf die von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu entwickelte Theorie der Reproduktion sozialer Ungleichheit und des hier zentralen Konzepts des "Habitus" lenkt die Autorin die Aufmerksamkeit auf die alltagskulturellen Praktiken und Orientierungen der Kinder. Im Unterschied zur bisherigen "strukturfixierten" SBE, die von einer gegebenen, nicht von einer gemachten Sozialstruktur ausgeht, fordert sie, sich damit auseinander zu setzen, welchen Anteil die Kinder als Akteure an der Herstellung ungleicher Lebensverhältnisse haben, wie also die Kinder Ungleichheitsverhältnisse selbst aktiv mit reproduzieren oder auch verändern.

Schließlich verlangt die Autorin von der SBE, dass sie "sensitiv" über ihre impliziten Voraussetzungen und dahinterliegende Interessen sowie ihre möglicherweise ungewollte "Funktionalität" für die Stabilisierung der (symbolischen) Machtverhältnisse und der bestehenden sozialen und generationalen Ordnung reflektiere. Hierzu gehöre auch, dass nicht nur rhetorisch über "Kinder als Akteure" geredet werde, sondern diese auch die Möglichkeit haben müssten, an der Erstellung von (Kinder-)Berichten mitzuwirken. Die Sozialberichterstattung müsse allen Kindern gleichermaßen die Chance bieten, ihre "Charakteristika" in die Beschreibung der Lebensverhältnisse von Kindern einfließen zu lassen.

Fazit

Die Untersuchung von Tanja Betz macht mit zahlreichen Belegen und guten Argumenten auf ideologische Muster und Schwachpunkte der bisherigen Sozialberichterstattung über Kinder aufmerksam. Verdienstvoll ist vor allem, dass sie mit der auch in der neueren Kindheitsforschung verbreiteten Vorstellung aufräumt, das unter dem Label "moderne Kindheit" gefasste Kindheitsmuster sei das Maß aller Dinge und repräsentiere die Zukunft der Kindheit überhaupt. Ihre eigenen Vorschläge könnten der Sozialberichterstattung über Kinder einen kritischen Stachel gegenüber den geltenden Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit vermitteln. Allerdings stellt sich die Frage, ob ihr Blick auf die Kinder als Akteure zu kurz greift, wenn sie nur deren Rolle bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit benennt. Wünschenswert wäre, auch der Frage nachzugehen, inwieweit und in welcher Weise Kinder dazu beitragen (können), ungleiche Lebens- und Machtverhältnisse aktiv in Frage zu stellen. Doch eine solche Frage würde wohl den Horizont einer Sozialberichterstattung überschreiten, die in erster Linie an die "Politik", nicht aber an die Kinder selbst adressiert ist.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 29.09.2008 zu: Tanja Betz: Ungleiche Kindheiten. Theoretische und empirische Analysen zur Sozialberichterstattung über Kinder. Juventa Verlag (Weinheim ) 2008. ISBN 978-3-7799-1544-7. Reihe Kindheiten, hrsg. von M.-S. Honig. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6380.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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