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Svenja Sachweh: Spurenlesen im Sprachdschungel

Cover Svenja Sachweh: Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 301 Seiten. ISBN 978-3-456-84546-3. 29,95 EUR.
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Thema

Die Kommunikation mit Demenzkranken ist ein Themenschwerpunkt, der augenblicklich von vielen Seiten teils sehr kontrovers bearbeitet wird. Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood, die Validation von Naomi Feil, das Modell Mäeutik von Cora van Kooij und Erwin Böhm mit seinem psychobiografischen Modell stehen hier als bekannte Vertreter eigener Entwürfe in Konkurrenz um die Gunst und Aufmerksamkeit der Pflegenden in der Demenzpflege. Der Vollständigkeit halber sollte hier auch der empirische Ansatz des Rezensenten Erwähnung finden.[1]

Parallel zu diesen verschiedenen Zugangswegen liegen erst wenige linguistische Untersuchungen zu diesem Gegenstandsbereich vor. Das vorliegende Praxishandbuch basiert teilweise auf solchen Erhebungen. Es erhebt den Anspruch, Empfehlungen für die Kommunikation mit Demenzkranken und schwierigen Situationen im Umgang für die Pflege und Betreuung vermitteln zu können.

Autorin

Die Autorin ist eine promovierte Linguistin, die freiberuflich als Kommunikationstrainerin vorwiegend im Bereich stationäre Altenhilfe tätig ist. Für Furore in Fachkreisen der angewandten Gerontologie sorgte ihre Feldstudie über die Kommunikation bei der Morgenpflege in einem Pflegeheim im Rahmen ihrer Dissertation, in der sie u. a. den Gebrauch der Ammensprache zur Beruhigung Demenzkranker im mittelschweren Stadium nachwies. [2]

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapiteln unterteilt.

  1. In Kapitel 1 (Veränderungen der verbalen Kommunikationsfähigkeit, Seite 19 – 83) erläutert die Autorin anhand von Beispielen aus ihrer linguistischen Forschung die Themenbereiche Wortfindungsstörungen, Verstehen, Grammatik (Wortbildung, Satzbau) und das Gesprächsverhalten Demenzkranker.
  2. Kapitel 2 (Veränderungen der nonverbalen Kommunikationsfähigkeit, Seite 85 – 132) beinhaltet verschiedene Aspekte der nonverbalen Kommunikation mit Demenzkranken (Körpersprache u. a.).
  3. In Kapitel 3 (Tipps für die Beziehungsarbeit, Seite 133 – 147) werden einige Hinweise im Umgang mit Demenzkranken beschrieben: wertschätzende Gesprächsführung, Anredeformen und das Zuhören. Des Weiteren wird die Bedeutung des Achtens auf die Gefühle der Demenzkranken, die Empfänglichkeit von Lob und Komplimenten und das Einräumen von Entscheidungen und Wahlmöglichkeiten herausgearbeitet.
  4. In Kapitel 4 (Optimieren der Gesprächsführung, Seite 149 – 169) werden einige Punkte für eine angemessene Gesprächsführung angeführt. So ist es z. B. wichtig, die richtige Themenwahl zu treffen und die Frage richtig zu stellen. Auch der Einsatz von biografischem Wissen ist bei den Gesprächen von zentraler Bedeutung, denn es erleichtert den Zugang zu den Demenzkranken. Darüber hinaus wird auf den Humor im Umgang und in den Gesprächen als ein äußerst Kontaktförderndes und Stressreduzierendes Element hingewiesen.
  5. Kapitel 5 (Die kommunikative Gestaltung von alltäglichen Pflegesituationen, Seite 171 – 179) befasst sich mit der Kommunikation bei der Pflege. Hierbei werden besonders die Aspekte Körperpflege, Essen und Trinken, Ausscheiden und Einschlafen und Aufstehen beschrieben.
  6. In Kapitel 6 (Bewältigung schwieriger Situationen, Seite 181 – 249) werden die demenzspezifischen Verhaltensauffälligkeiten und der angemessene Umgang hiermit auf der Grundlage der internationalen Fachliteratur erläutert. Folgende Verhaltensweisen werden hinsichtlich eventueller Ursachen und des angemessenen Umganges dargestellt: ständige Wiederholungen, Rufen und Schreien, Aggressionen und Konflikte, Halluzinationen und Wahnvorstellungen und das Herum- und Weglaufen.
  7. Kapitel 7 (Umgang mit der Wahrheit, Seite 251 – 277) befasst sich mit den verschiedenen Ansätzen der Demenzkommunikation hinsichtlich des Aspektes der Wahrhaftigkeit der Aussagen im Umgang mit den Demenzkranken. Hierbei geht die Autorin auf die Ansätze des Realitätsorientierungstrainings, der Validation nach Naomi Feil und Nicole Richard und der so genannten „Notlügen“ ein, die sie beschreibt und bewertet.

Diskussion

Es gilt vorab festzustellen, dass hier eine Publikation vorliegt, die durch die vertiefte Auswertung der Fachliteratur und durch die vielen auf Untersuchungen basierenden Empfehlungen und Hinweise sich positiv von den gängigen Büchern im Bereich der Demenzpflege unterscheidet. Auch die eigenen Sprachstudien der Autorin über das Sprachverhalten Demenzkranker tragen mit dazu bei, dass der Gegenstandsbereich Kommunikation und Verständigung mit Demenzkranken in dieser Veröffentlichung umfangreich und praxisnah vermittelt wird.

Einige kritische Punkte bedürfen jedoch der Erwähnung, da es sich hierbei um grundlegende Sachverhalte handelt:

  • Der Erklärungsansatz der Hirnhälften als alleiniger neurophysiologischer Bezugsrahmen ist im Kontext der Demenzen nicht ausreichend. Hier fehlt ein Konstrukt, das den fortschreitenden Abbauprozess erklärt. Nach dem Stand der Forschung hätten hier die Braak-Stadien und das Konzept der Retrogenese erläutert werden müssen.
  • Das von der Autorin angeführte Konzept der so genannten „Notlüge“, das sie zugleich als letzten Ausweg relativiert (Seite 271), ist in seiner Fundierung nicht stimmig. Im mittelschweren Stadium der Demenz vom Alzheimer-Typ gibt es für die Betroffenen keinen Realbezug in der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge mehr, denn die hierfür erforderlichen Hirnareale (Stirnhirnbereich der Neokortex) sind bereits abgebaut. Also kann in diesem Stadium gar nicht mehr „gelogen“ werden, sondern es wird situationsspezifisch beruhigt und abgelenkt. Diese intuitiv angewendeten Beruhigungsstrategien sind in der Praxis sehr wirksam und zugleich auch effizient. Sie als „Notlügen“ mit zweitklassiger Wertigkeit zu bezeichnen, könnte zur Verunsicherung und damit zugleich Einschränkung der Handlungssicherheit bei den Pflegenden führen.
  • Die Autorin hat sich von den grundlegenden Erkenntnissen ihrer bisherigen Forschung in Gestalt des teils unbewussten und intuitiven Umganges mit Demenzkranken (u. a. Ammensprache zur Beruhigung) abgewandt, denn sie werden in diesem Buch nicht einmal mehr erwähnt, geschweige denn vertieft und erweitert. Stattdessen orientiert sie sich u. a. an Tom Kitwood, dessen statisch-normativen Gedankenkonstrukte bezüglich des Umganges mit Demenzkranken im Alltag der Pflege keine realen Korrelate besitzen. Hierdurch entsteht die Gefahr einer ideologischen und dogmatischen Sichtweise, die einen empirischen Zugang zu den Demenzkranken nicht mehr zulässt. Es bleibt zu hoffen, dass sich Svenja Sachweh in naher Zukunft wieder ihres wissenschaftlichen Ansatzes aus der Zeit ihrer umfassenden Feldstudien besinnt.

Fazit

Das Buch, wahrlich ein Praxishandbuch, kann trotz der ideologischen Verirrungen der Autorin allen interessierten Pflegenden zur Lektüre empfohlen werden, denn es enthält viele neue Erkenntnisse der internationalen Pflegeforschung, die Anregungen zur Verbesserung und Erleichterung der Demenzpflege in sich bergen.


[1] Sven Lind: Pflege und Betreuung Demenzkranker. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse. In: Pflege Impuls, 6 (2004), 1/2, 35 – 42.

[2] Svenja Sachweh: „Schätzle hinsitze!“ Kommunikation in der Altenpflege. Peter Lang Verlag, Frankfurt 2000.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 26.03.2009 zu: Svenja Sachweh: Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. ISBN 978-3-456-84546-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6389.php, Datum des Zugriffs 28.10.2020.


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