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Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 19.06.2008

Cover Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus ISBN 978-3-520-47502-2

Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Alfred Kröner Verlag (Stuttgart) 2008. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 414 Seiten. ISBN 978-3-520-47502-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,40 sFr.
Reihe: Kröners Taschenausgabe - Band 475.

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Kolonialismus = Fremdherrschaft und Höherwertigkeitsideologie

In dem von Ernst Gerhard Jacob 1938 herausgegebenen Reclam-Bändchen, "Die deutschen Kolonien", wurde mit dem damaligen, großmachtsüchtigen, nationalistischen und rassistischen Duktus darauf hingewiesen, "das deutsche Volk gehört zu den ältesten und erfolgreichsten Kolonialvölkern der Welt. Ohne die Deutschen wäre die Erde zu einem sehr großen Teil überhaupt nicht kolonisiert und kultiviert". Die Wurzeln des deutschen Kolonialgedankens lägen dabei sowohl auf geistig-moralischem (kulturellem), auf völkisch-staatlichem (politischem), als auch auf wirtschaftlich-materiellem (ökonomischem) Gebiet. Diese Ansprüche und Begründungen lassen sich im reinsten Sinn als kolonialistisch bezeichnen. Zwar hat es Kolonisierung in der Geschichte der Menschheit, als Eroberung, Besetzung und Wanderung immer gegeben; doch der europäische Kolonialismus, beginnend im 15. Jahrhundert und faktisch endend mit der Zeit der Dekolonisierung des 19. / 20. Jahrhunderts hat als Expansions- und imperiale Machtausübung in der Geschichtsschreibung der Menschheit eine besondere Bedeutung.

Autor und Thema

Der 1937 geborene, mittlerweile emeritierte Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard hat das erstmals 1996 im Stuttgarter Alfred Kröner Verlag herausgegebene Buch 2008 in der Reihe Kröners Taschenbuchausgabe Band 475 als überarbeitete und erweiterte Ausgabe vorgelegt. Damit berücksichtigt er nicht nur die neueren Forschungsergebnisse bei der Frage, wie der europäische Kolonialismus die Entwicklung und Werdung der Menschheitsgeschichte beeinflusst hat; er setzt sich auch damit auseinander, wie in der sich immer interdependenter entwickelnden, entgrenzenden (globalisierten) Welt der "historische Blick" als eurozentrisches und hegemoniales Faktum verändernd wirkt. So wird seine "kleine Geschichte des Kolonialismus" zu einer Aufforderung, gerade bei der historischen Einschätzung und Bewertung des europäischen Kolonialismus an der "Dekolonisation des Denkens" zu arbeiten, zuvorderst die Historiker! Seine Definition von Kolonialismus, als "die Kontrolle eines Volkes über ein fremdes, unter wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Ausnutzung der Entwicklungsdifferenz zwischen beiden", ist bei einer Neubewertung des europäischen Kolonialismus hilfreich.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt elf Kapiteln und einer Schlussbilanz stellt der Autor die vielfältigen Entwicklungen des Kolonialismus dar. Dabei kommt er zu der Forschungsauffassung, "dass es eine operationalisierbare Gesamttheorie des europäischen Kolonialismus nicht gibt und wahrscheinlich gar nicht geben kann". Was nicht heißt, dass dabei jeder ideologischen Wertung Tür und Tor geöffnet sind; vielmehr bedarf es einer kritischen Untersuchung der einzelnen Entwicklungs- und historischen Phänomene im Zusammenhang von Umwelt – Wirtschaft – Politik – Gesellschaft und Kultur, um sich der Frage nach der "Hinterlassenschaft des Kolonialismus" zu nähern.

Wolfgang Reinhard beginnt, als gelernter Historiograph, seine Fragestellung mit der Betrachtung des geographischen und historischen Raums des "europäischen Atlantik". Aus den Entdeckungs- wurden bald Eroberungsfahrten und schließlich koloniale Besitzungen der damaligen europäischen Mächte und Seefahrernationen in Afrika und Amerika. Das Eindringen der Europäer in den Indischen Ozean verlief erst einmal anders als die Eroberungszüge im atlantischen Raum. Sowohl der "portugiesische Kronkapitalismus", der "niederländische Kaufmannskapitalismus", der "englische Handelskapitalismus", als auch die Aktivitäten der christlichen Missionierung bereiteten den Boden für die "Europäisierung Asiens". Die Eroberungs- und Herrschaftssysteme der Spanier und Portugiesen ermöglichten den Schritt hin zum "iberischen Atlantik" und der Besitznahme der Kolonien in Lateinamerika. Mit der Kennzeichnung "Plantagenamerika und der afrikanische Atlantik" benennt Reinhard die weitere Entwicklung als "In-Wert-Setzung von Kolonien". Die Erzeugung von hochwertigen Agrarprodukten, wie etwa Rohrzucker, auf der Grundlage von Kapital, Boden und Arbeitskraft, läutete die eigentliche europäische Kolonisierung mit dem Dreieckshandel ein: Europäische Schiffe brachten Waren nach Afrika, Sklaven von Afrika nach Amerika und Zucker von Amerika nach Europa. Menschen wurden zur Ware, eine wahrhaft kapitalistische Entwicklung. Die Siedlungs- und Einwanderungsbestrebungen der Europäer im nordatlantischen Raum in die amerikanischen Kolonien in "Neu-Frankreich", Neu-Niederlande" und "Britisch-Nordamerika" führten, verbunden mit den neuen Vorstellungen von Selbstbestimmung und Menschenrechtsforderungen aus den "Mutterländern", zu der Entwicklung, die der Autor die "erste weiße Dekolonisation" nennt, und schließlich zur Unabhängigkeitserklärung der USA. Die "zweite Dekolonisation" auf der Südhalbkugel, in Südafrika, Australien, Neuseeland und im British Commonwealth, als Merkmal für die "weiße" Siedlungskolonisierung, bereitete die Entwicklung der Phase der Kolonisierung vor, die der Autor "Kontinentalimperialismus" bezeichnet. Denn die Besiedlung des australischen Kontinents durch die Weißen, die Verdrängung der Indios aus der argentinischen Pampa, die Aneignung des amerikanischen Westens durch die USA, Sibiriens durch Russland und die Expansion der Han-Chinesen, der Japaner, ist die "Reaktion auf europäische Aktion, imitiert zum Teil europäisches Verhalten und findet unter Nutzung europäischer ’Errungenschaften’ statt". Der "Überseeimperialismus", wie er sich in Britisch-Indien, Niederländ-Indien, in China und Japan etablierte, beruhte auf der durchaus neuen Erkenntnis, dass "Herrschaft Gewinn abzuwerfen vermag". Daraus entwickelte sich der "Freihandelsimperialismus", der bis dahin die Leit- und Ideologielinien des kolonialen Denkens bestimmte, zum "Hochimperialismus", mit den kanonendrohenden Machtgebärden und einer "Schacher"–Politik.

Es ist durchaus konsequent, die Periode des "Imperialismus in Afrika" in einem gesonderten Kapitel zu analysieren. Es war der "ökonomische Expansionismus", der aus den europäischen Nachfragern nach Sklaven Anbieter von europäischen Produkten machte; auch hier wieder differenziert auf die in den afrikanischen Regionen vorherrschenden politischen Herrschaftssysteme und religiösen Strukturen reagierend. Die europäischen Rivalitäten und Raumerweiterungspläne entwickelten sich spätestens zum "Scramble for Africa", zur "Balgerei um Afrika", als die neuen europäischen Mächte, wie Deutschland und Italien, ihre Raumerweiterungspläne umzusetzen begannen. Die imperiale Aufteilung der meisten Gebiete in Afrika  vollzog sich bei der in Berlin vom 15. 11. 1884 bis zum 26. Februar 1885 stattfindenden Kongokonferenz. Die 14 teilnehmenden europäischen Staaten regelten dabei in 38 Artikeln ihre kolonialen Einfluss- und Machtbereiche in Afrika. In der so genannten "Kongoakte" werden die Kolonien in Afrika vertraglich unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. In diesem Zusammenhang sei auch verwiesen auf die im Berliner Ch. Links Verlag herausgegebenen Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" (siehe dazu auch - u.a. - die Rezension.

Im elften Kapitel schließlich geht es um "Spätimperialismus und große Dekolonisation". Vor allem (erst) im 20. Jahrhundert entstanden und etablierten sich die Kolonialbestrebungen der europäischen Mächte England, Frankreich, Portugal, Deutschland, Italien, aber auch von Japan und Russland. Die Auseinandersetzungen um die zerfallende "Halbkolonie Osmanisches Reich" und die Balfour-Declaration vom  2. 11. 1917, in der die Kolonialmacht Großbritannien sich bereit erklärte, in Palästina eine "nationale Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, jedoch mit dem Hinweis, dass die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben sollten, führten zu der bis heute ungelösten "Orientalischen Frage". Die Dekolonisation in den Kolonialgebieten vollzog sich in zweifacher Hinsicht, die mit dem Goetheschen Vers in seinem Gedicht "Der Fischer" ausdrücken lässt: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin, Und ward nicht mehr gesehn". Gezogen und gedrängt durch die Menschenrechtsauffassungen, wie sie von den Vereinten Nationen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) grundgelegt wurden, aufgegeben und resigniert durch die durchaus von den Eliten in den Kolonialländern massiv und zum Teil militant vertretenen Freiheits- und Unabhängigkeitsforderungen. Dabei vollzogen sich die weltweiten Dekolonisationsentwicklungen durchaus in unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit: Während "die Kolonialmächte in Asien mehr oder weniger schnell resignierten", versuchten sie, ihre afrikanischen Kolonialgebiete nicht nur zu behaupten, sondern "sogar, ihre afrikanischen Besitzungen zum wirtschaftlichen Ersatz für die verlorengehenden asiatischen auszubauen". Doch schließlich mussten die europäischen Kolonialmächte auch hier ihren Widerstand und ihre Machtansprüche aufgeben. Den internationalen Diskurs über die Möglichkeiten und Chancen einer nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, die Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte und die Eigenverantwortlichkeit der formal unabhängigen Länder bestimmte seitdem die vom ghanaischen Präsidenten Nkrumah 1965 in die Auseinandersetzung gebrachte Formel vom "Neo-Colonialism", als die, im Leninschen Sinne, letzte Bastion des Imperialismus.

Diskussion

Ob die Einschätzung des Autors tatsächlich richtig ist, dass man "trotz aller Restprobleme… aber doch vom weltweit eingetretenen Ende des real existierenden Kolonialismus sprechen" kann, ist wohl mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Bei der Einschätzung und Bewertung des Kolonialismus, durchaus im Sinne der Reinhardschen Definition, wird zu fragen sein, ob sich gewisse imperialistische und kolonialistische Formen nicht in heutigen hegemonialen und globalisierten Entwicklungen wieder finden und geradezu "Kontrolle und Fremdherrschaft" hervor rufen, auch bei Berücksichtigung der ungerechten Weltmarkt- und Menschenrechtsbedingungen. Doch dieser Einwand gehört zu dem notwendigen, internationalen Diskurs über die Ursachen und  (Aus)Wirkungen des Kolonialismus. So ist Reinhards Aufforderung zu begrüßen, in der historischen wie der politischen Forschung eine "kritische Untersuchung der Hinterlassenschaft des Kolonialismus" weiter zu betreiben.

Fazit

Die "kleine Geschichte des Kolonialismus" ist deshalb, zusammen mit der ausgewählten Bibliographie und den Quellenhinweisen, sowie den sorgfältig erstellten Kartenskizzen, eine Denkschule" für Studierende, Amtierende und Interessierte an der Frage, "wie wir geworden sind, was wir sind" – und: "Wohin wir wollen", in unserer Einen Welt.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.06.2008 zu: Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Alfred Kröner Verlag (Stuttgart) 2008. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-520-47502-2. Reihe: Kröners Taschenausgabe - Band 475. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6390.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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