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Andreas Reckwitz: Die Transformation der Kulturtheorien

Cover Andreas Reckwitz: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2006. 728 Seiten. ISBN 978-3-938808-20-7. 36,00 EUR.

Studienausgabe. Mit einem Nachwort zur Studienausgabe 2006.
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Thema

Von vielen Wenden ist während der vergangenen Jahrzehnte in den Sozial- und Kulturwissenschaften die Rede gewesen. Jeffrey Alexander bilanziert 1988 die Entwicklung sozialwissenschaftlicher Theorie in den zwei vorausliegenden Jahrzehnten als cultural turn.

Kultur ist bekanntlich ein weites Feld – die Kulturtheorie ebenso. Andreas Reckwitz begibt sich im Feld der Kulturtheorien des 20. Jahrhunderts auf die Suche nach einer «kulturwissenschaftlichen Theoriefamilie» und wird fündig.

Autor

Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Universität Konstanz und hat „Struktur“ (1997), „Das hybride Subjekt“ (2006), „Subjekt“ (2008) sowieUnscharfe Grenzen“ (2008) (vgl. dazu die Rezension) verfasst.

Aufbau und Inhalt

Reckwitz setzt mit einer Erörterung der kulturellen Wende in den Sozialwissenschaften ein (1), ehe er in zwei grossen Teilen zuerst ‹Kulturtheorie› begrifflich und systematisch bestimmt (2) und sodann, im weitaus umfangreichsten Teil, der Transformation der sozialwissenschaftlichen Kulturtheorien nachgeht (3).

  1. Reckwitz stellt eine «kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Sozialwissenschaften» fest. Er erkennt sie daran, dass Theorien immer mehr gemeinsame Sinnsysteme wie Wissensordnungen, symbolische Codes, Deutungsschemata, Semantiken, kulturelle Modelle usw. als notwendige Bedingungen einer jeden sozialen Praxis einschätzen und nicht mehr länger vernachlässigen. Reckwitz ruft aber auch die kultursoziologischen Klassiker in Erinnerung: Max Webers verstehende Soziologie, Durkheims Relgionssoziologie und Simmels Kultursoziologie. Die modernen Kulturtheorien knüpfen zwar an dieser postidealistischen Tradition an, mehr noch aber speisen sie sich aus anderen Quellen. Reckwitz nennt vier: die Phänomenologie und nachfolgende Hermeneutik, aus der verschiedene Varianten einer interpretativen Kulturtheorie hervorgehen; den Strukturalismus und die Semiotik, die zum kulturwissenschaftlichen Neo- und Poststrukturalismus führen; den späten Wittgenstein, an den analytische Handlungs- und Sprachphilosophie sowie postpositivistische Wissenschaftstheorien anschliessen; und schliesslich den amerikanischen Pragmatismus. Reckwitz verfolgt im Weiteren auf vier Abstraktionsebenen, wie sich die Sozialwissenschaften im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts kulturwissenschaftlichen und -theoretischen Sichtweisen zuneigen, nämlich mit Blick auf die Wissenschafts- und Erkenntnistheorie der Sozialwissenschaften, die sozialwissenschaftliche Methodologie, die empirischen Forschungsinteressen sowie die Sozialtheorie. Reckwitz gibt als sein Ziel an, den Raum der Sozialtheorien in der Nachfolge der kulturellen Wende als ein strukturiertes und sich strukturiert transformierendes Theoriefeld sichtbar zu machen und systematisch zu rekonstruieren. Dieser Absicht liegt die grundsätzliche Annahme zugrunde, die modernen Kulturtheorien in den Sozialwissenschaften bildeten tatsächlich ein theoretisches Feld. Das setzt voraus, dass sich das Feld nach aussen abgrenzen lässt und dass es nach innen eine Struktur aufweist, und zwar eine, die sich entwickelt.
  2. Sein Vorhaben verwirklicht Reckwitz vorerst, indem er ‹Kulturtheorien› ein begriffliches und systematisches Profil verleiht. So soll sich die Grenze des kulturtheoretischen Feldes gegenüber seiner Umwelt abzeichnen. Reckwitz spürt zu diesem Zweck den Auffassungen von ‹Kultur› nach und unterscheidet den normativen, totalitätsorientierten, differenzierungstheoretischen und schliesslich den bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriff. Der weiteren Profilierung dient eine kurze Darstellung der Erklären-Verstehen-Debatte, die in vier Phasen verlaufen ist. Im Kern der Kulturtheorien findet Reckwitz dabei eine besondere Weise der Handlungserklärung auf, deren Vorteile gegenüber der teleologisch-zweckorientierten und der normorientierten Handlungserklärung er betont. Ins Zentrum der favorisierten Perspektive rücken kognitive Strukturierungen, also Sinnsysteme, Wissensordnungen, Bedeutungszuschreibungen.
  3. Vor diesem Hintergrund, der die Grenzen des kulturtheoretischen Feldes hervortreten lässt, rekonstruiert Reckwitz sodann die Transformation der immanenten Struktur dieses Feldes. Der Blick geht nun also nicht mehr nach aussen, sondern nach innen. Reckwitz legt dar, wie die zunächst inkommensurabel scheinenden strukturalistischen und interpretativen Kulturtheorien in einer ‹Theorie sozialer Praktiken› konvergieren. In den Hauptrichtungen führt die erste Linie von Lévi-Strauss über Oevermann und den späten Foucault zu Bourdieu, die andere von Schütz über Goffman zu Geertz zum einen, Taylor zum anderen. Die Dichotomie von Subjektivismus und Holismus trennt nicht nur die – wie oben dargelegt als unzureichend eingestuften – zweckorientierten und normorientierten Handlungstheorien, sondern auch den strukturalistisch-semiotischen Strang vom phänomenologisch-interpretativen. Aber die beiden kulturtheoretischen Denktraditionen sind eben doch schon zu Beginn über einen «postkantianischen universalistischen Mentalismus» miteinander verbunden, der jedoch im weiteren Verlauf überwunden wird. Bei Bourdieu und Taylor findet Reckwitz die in systematischer Hinsicht am weitesten fortgeschrittenen Kulturtheorien. Allerdings wünscht er sich auch hier, dass das Verhältnis von Mentalem, körperlichem Verhalten und erzeugten kulturellen Artefakten jenseits von Mentalismus und Textualismus radikaler gefasst und dass die kulturalistische Homogenitätsvorstellung zugunsten einer Sensibilität für kulturelle Interferenzen und Dynamiken überwunden werde.

Endet die Originalausgabe mit einem Rück- und Ausblick, so die sechs Jahre später erschienene Studienausgabe mit einem über 20-seitigen Nachwort zu aktuellen Tendenzen der Kulturtheorien. Hier äussert sich Reckwitz zu den Themen Performativität/Performanz, Materialität/Artefakte, Poststrukturalismus und Dekonstruktion sowie Kulturtheorien der Moderne.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich, das macht nur schon der Umfang deutlich, an eine wissenschaftliche Leserschaft. Die Argumentation ist indes gerade dadurch, dass die erläuterten Autoren sehr ausführlich besprochen werden, auch für jene nachvollziehbar (und sehr informativ), die sich bis anhin noch nicht so ausgiebig mit Kulturtheorien auseinandergesetzt haben.

Fazit

Reckwitz hat mit seiner Dissertation ein materiell wie material schwergewichtiges Buch vorgelegt. Wohl kann man dem Text vorhalten, einige wichtige kulturtheoretische Autoren nicht gebührend zu berücksichtigen, die berücksichtigten dafür allzu ausführlich zu erörtern – ein solcher Einwand ist allerdings angesichts der Weite des thematisierten Feldes leicht vorzubringen. Insgesamt besticht Reckwitzs Darlegung der Entwicklung eines kulturtheoretischen Programms durch einen souveränen und genauen Umgang mit dem analysierten theoretischen Material.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 28.02.2009 zu: Andreas Reckwitz: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2006. ISBN 978-3-938808-20-7. Studienausgabe. Mit einem Nachwort zur Studienausgabe 2006. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6392.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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