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Norman Doidge: Neustart im Kopf

Cover Norman Doidge: Neustart im Kopf. Wie sich unser Gehirn selbst repariert. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 378 Seiten. ISBN 978-3-593-38534-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 39,00 sFr.

Originaltitel: The brain that changes itself.
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Thema und Zielsetzung

Der Autor behandelt in seinem Buch auf anschauliche und verständliche Art und Weise das Thema der neuronalen Plastizität. Sein Ziel ist es, dem Leser einen Teil der Geschichte der Neurowissenschaften zu vermitteln und ihm näher zu bringen, wie sich führende Dogmata in einer noch jungen Wissenschaft verändert und entwickelt haben. Somit hat der Autor sich zum Ziel gesetzt, dem Leser einen Überblick zu verschaffen, wie sich das Dogma der topographischen Determination bestimmter Fähigkeiten zur Überzeugung der neuronalen Plastizität entwickelte.

Entstehungshintergrund

Der Autor hat über Jahrzehnte Dogmata, Strömungen und ihre Veränderungen seiner Disziplin, der Neurowissenschaften, erlebt. Darüber hinaus pflegt er Kontakt zu unzähligen Protagonisten und Meinungsbildern seines Faches. Dabei hat er sich intensiv mit dem Phänomen der neuronalen Plastizität beschäftigt und in seinem Berufsleben diesbezüglich auch selbst diverse Erfahrungen gesammelt. All das gibt er nun an den Leser weiter.

Autor

Als Psychiater und Psychoanalyst arbeitet Norman Doidge keineswegs nur in der Patientenversorgung, sondern hat sich ebenso als brillanter Wissenschaftler verdient gemacht. In diesem Rahmen arbeitet er derzeit an den Universitäten von New York und Toronto, verfasst kontinuierlich zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und betätigt sich als Autor auf diversen Gebieten. Zahlreiche Veröffentlichungen wurden mehrfach ausgezeichnet und fanden breite Beachtung in der Öffentlichkeit bis hin zum Weißen Haus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich auf knapp 400 Seiten in elf Kapitel und zwei extra Kapitel im Anhang. Jedes Kapitel widmet sich mit zahlreichen Beispielen von Probanden und Patienten einem einzelnen Aspekt der neuronalen Plastizität.

  • Nach einem kurzen Vorwort widmet sich Doidge im ersten Kapitel einem Pionier der Neuroplastizität, Paul Bach-y-Rita, der einer Patientin mit einer gravierenden Störung des Gleichgewichtsorganes mithilfe einer speziell entwickelten Maschine Linderung verschafft. Dabei geht er auf verschiedene Entdeckungen bei der Entwicklung solcher Hilfsmittel ein. Anhand dieser Schilderungen macht er deutlich, wie sich das in den Neurowissenschaften allgemeingültige Dogma über die feste Lokalisation bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten (Lokalisationstheorie) im Gehirn seither verändert hat.
  • Im zweiten Kapitel unterstreicht der Autor die Abkehr von der Lokalisationstheorie durch Schilderungen einer ehemaligen Patientin mit defizitären Hirnleistungen, die durch intensives Training deutliche Leistungssteigerungen erfuhr und schließlich selbst Therapieprogramme entwirft.
  • Das dritte Kapitel handelt von Michael Merzenich, einem führende Neuroplastologen, der von der Veränderlichkeit vorgefertigter neuronaler Karten im Gehirn zu berichten weiß und zeichnet auch seinen beruflichen Werdegang im Dienste der Neuroplastizität ein Stück weit nach. Auch er entwickelte mit einigen Kollegen Trainingsprogramme, die vielen als behindert geltenden Patienten helfen. In diesem Kapitel steigt Doidge noch etwas tiefer in die neurowissenschaftliche Forschung ein und beschäftigt sich u.a. mit verschiedenen anatomischen Strukturen, Neurotransmittern und Pharmaka.
  • Während er sich im vierten Kapitel mit "Lieben und Vorlieben" beschäftigt, auch die Grenzen der neuronalen Plastizität beachtet und einen Bogen zur Psychotherapie schlägt, widmet sich der Autor im darauf folgenden Kapitel den neuroplastischen Ressourcen von Schlaganfallpatienten. In diesem Kontext behandelt er das Wirken von Edward Taub und die von ihm entwickelten Therapieverfahren.
  • Wo Doidge im sechsten Kapitel Neuroplastizität und Psychotherapie im Rahmen von Angst- und Zwangsstörungen verknüpft, handelt das siebte Kapitel von den Zusammenhängen von Neuroplastizität und Schmerz v.a. bei Patienten mit abgetrennten Gliedmaßen und "Phantomschmerzen".
  • Im achten Kapitel berichtet Doidge über verschiedene, neuere Experimente von namhaften Neurowissenschaftlern bis hin zu Möglichkeiten Gehirne bei bestimmten Ausfällen mit Computertechnik zu koppeln und zu augmentieren.
  • Schließlich ist das neunte Kapitel der Psychoanalyse und der dadurch möglichen Veränderlichkeit des Gehirns in seiner mikroanatomischen Struktur allein durch das gesprochene Wort gewidmet in dem eindrucksvoll klar wird, welch ungeheure Plastizität auch noch Gehirne von älteren Menschen aufweisen.
  • Während das zehnte Kapitel Anschluss an den aktuellen Diskurs über Stammzellen sucht und diesen im Kontext der neuronalen Plastizität behandelt, schildert das darauf folgende Kapitel beinahe eine Sensation: eine Patientin, die lediglich mit einer Gehirnhälfte zur Welt kam. Hierbei wird endgültig deutlich, welch ungeheure Flexibilität das Gehirn selbst mit deutlich vermindertem Volumen besitzt, um begrenzt normal zu funktionieren.

Zielgruppen

Als Zielgruppe dieses illustrativen, populärwissenschaftlichen Werkes dürften nicht unbedingt Wissenschaftler gelten, die sich im engeren Sinne zu den Neurowissenschaftler zählen, sondern eher interessierte Akademiker, die bereits über ein gewisses Basiswissen in den Neurowissenschaften verfügen und nun ihre Einblicke in aktuelle Themen vertiefen wollen und nach weiter führenden Informationen über die Feuilletons von namhaften Tageszeitungen hinaus suchen.

Fazit

Es handelt sich hier um ein informierendes Buch, das zunächst einen bedeutenden Teil der Geschichte der Neurowissenschaften darstellt und diesen im aktuellen Diskurs retrospektiv kritisch beleuchtet. Dabei schildert Doidge auf illustrative Weise den anstrengenden und langen Weg von der in den Neurowissenschaften generell gültigen Überzeugung der topographischen Determination bestimmter Hirnfunktionen bis hin zum Dogma der neuronalen Plastizität.


Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 24.07.2008 zu: Norman Doidge: Neustart im Kopf. Wie sich unser Gehirn selbst repariert. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-593-38534-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6403.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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